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Die Lessing-Legende

Franz Mehring: Die Lessing-Legende - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
authorFranz Mehring
titleDie Lessing-Legende
publisherVerlag Das neue Wort
year1953
firstpub
translator
correctorJosef Muehlgassner
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IV. Das Lessing-Buch von Stahr

Bücher haben ihre Schicksale – und es trifft sich wohl, daß sie bedeutender werden durch die von ihnen erlebte, als durch die von ihnen erzählte Geschichte. Dies gilt namentlich von der Lessing-Biographie, die Adolf Stahr im Herbste des Jahres 1858 veröffentlichte. Als literarische Leistung hat sie keinen besonderen Wert; sie steht mit beiden Füßen auf dem Boden der Forschungen von Danzel und Guhrauer, und es ist schwer abzusehen, womit Stahr die »nahezu« zwanzig Jahre ausgefüllt hat, die er an die »Vorarbeiten« gewandt haben will. Aber während das Werk von Danzel-Guhrauer ein Menschenalter brauchte, um eine zweite Auflage zu erleben, die beiläufig jetzt nach weiteren zehn Jahren nur noch im Ramsch vertrieben wird, hat das Buch von Stahr nicht weniger als neun Auflagen erlebt. Auf seiner Darstellung beruht vornehmlich das Lessing-Bild, das dem »gebildeten« Deutschen vorschwebt. Vor allem aber hat es drei sehr fürnehme Paten, keine geringeren als Johann Jacoby, Ferdinand Lassalle und Franz Ziegler. Jacoby hat aus seiner Feder ein ganzes Kapitel beigesteuert (Lessing als Philosoph); Lassalle hat das Buch von Stahr in einem umfangreichen Aufsatze sehr anerkennend besprochen, und wenn Ziegler sich unseres Wissens öffentlich nicht darüber ausgelassen hat, so ergibt sich doch aus seinen Reden und Schriften, namentlich aber auch aus seinem Briefwechsel, daß er gewissermaßen das geistige Verbindungsglied zwischen dem Lessing-Buche von Stahr und dem Lessing-Aufsatze von Lassalle darstellt.

Es ist sehr leicht, über das Buch von Stahr von oben herab abzusprechen, wie es den neueren Lessing-Forschern (Groß, Boxberger, v. Maltzahn, Erich Schmidt usw.) durchweg beliebt. Ein wenig schwieriger ist es, seinen historischen Ort zu bestimmen. Mag man immerhin die neun Auflagen seiner geschickten »Dünnflüssigkeit« zuschreiben, wie Herr Erich Schmidt tut – und er kennt ja den Magen seiner Bourgeoisie –, so ist damit doch noch gar nichts gesagt über das unzweifelhaft hohe Interesse, das Männer wie Jacoby, Lassalle und Ziegler der Arbeit Stahrs geschenkt haben. Und nun gar über Lassalles Lessing-Aufsatz als über eine »Tirade« wegzugleiten, die »nur wegen des Verfassers genannt« sei, ist einfach eine Hochnäsigkeit des Herrn Schmidt, die hoffentlich nicht einmal seinen Studenten imponiert. Gerade wenn man die Lessing-Legende kritisch auflösen will, muß man sich mit den Schwächen des Lessing-Buchs von Stahr und auch des Lessing-Aufsatzes von Lassalle viel gründlicher und viel schärfer auseinandersetzen, als die Schmidt und Genossen tun, aber für diese Auseinandersetzung ist es unerläßlich, zunächst die relative Bedeutung des Buches von Stahr klarzustellen. Freilich ist das Verfahren der neueren Lessing-Forscher gar sehr begreiflich, denn eben jene Schwächen wollen sie erhalten und steigern, während ihnen diese relative Bedeutung ein Dorn im Auge ist.

Um es kurz zu sagen: Das Buch von Stahr erschien zugleich mit dem Beginne der Neuen Ära und wurde ein Banner für die zu neuem Kampfe sich rüstenden bürgerlichen Klassen. War es wirklich ein Zufall, daß Stahr just damals mit seinen »Vorarbeiten« am Rande war, so hat er jedenfalls doch auch mit einem gar nicht unebenen Instinkte begriffen, was die Glocke in jenem Augenblicke geschlagen hatte. Sein Buch ist durchweg in einem agitatorischen und deklamatorischen Tone geschrieben, der etwas gar zu viel von dem hohen Pathos des sittlich entrüsteten Spießbürgers an sich hat, aber der nach dem dumpfen Schweigen einer zehnjährigen Reaktionszeit doch immer wie das Schmettern einer sei es auch etwas heiseren Trompete klingen mochte. Stahr gab einer schon verbreiteten Stimmung einen in seiner Weise beredten Ausdruck. Die erwachende Kampflust der bürgerlichen Klassen lenkte ihre Blicke unwillkürlich zurück auf ihren ersten und kühnsten Vorkämpfer; ein gar nicht bedeutender Literat fand dazumal das gute Wort: Auf Lessing zurückgehen heißt fortschreiten. Man darf vor allem den Unterschied zwischen dem damaligen und dem heutigen Bürgertum nicht übersehen. Der Volkswirtschaftliche Kongreß mit seiner weder Haut noch Fleisch noch Knochen verschonenden Manchesterei hatte sich eben erst aufgetan. Noch war der bürgerliche Idealismus nicht erloschen, noch gab es eine philosophische Bildung, noch war der Gegensatz zu den arbeitenden Klassen mehr verschleiert. Waldeck, Ziegler, Jacoby, Rodbertus, v. Kirchmann, ja damals auch noch Schulze-Delitzsch hatten ein größeres oder geringeres Verständnis für soziale Fragen; sie haßten den Militär- und Polizeistaat unbedingt und nicht bloß mit dem zärtlichen Schmollen des heutigen Freisinns, das sofort in weitherzige Nachsicht übergeht, sobald dieser Staat seine Krallen ausschließlich gegen die arbeitenden Klassen kehrt. Unter dem nachwirkenden Einflusse der klassischen Philosophie hatten jene Männer einen überaus hohen Begriff vom Staat, aber es war einzig der demokratische Staat, von dem sie die Lösung umfassender Kulturaufgaben erwarteten. Sie erkannten oder empfanden wenigstens, daß die Bewegung von 1848 an der schwächlichen Haltung der bürgerlichen Klassen gescheitert war, aber sie hofften, daß diesen Klassen durch die zehnjährige Pferdekur der Manteuffelei das Rückgrat genügend gesteift worden sei für einen zweiten Gang mit dem Absolutismus und dem Feudalismus.

Wir wissen heute, daß der zweite Gang noch kläglicher ausfallen sollte, als der erste Gang ausgefallen war. Wir wissen heute, wie bald jene Männer durch die persönlich tief unter ihnen stehenden und in der Tat überaus mittelmäßigen Größen des Volkswirtschaftlichen Kongresses überrannt wurden, einfach weil hinter diesen die Wucht der kapitalistischen Interessen stand, hinter jenen aber nur ein schwacher Hauch, die Abendröte der bürgerlichen Bildung. Indessen wie wenig diese Schattierung für den großen Gang der Dinge bedeuten mochte, sosehr gehört sie wie beiläufig in eine Biographie Lassalles, so namentlich in die Geschichte der Lessing-Legende. Ein Blick auf den Mann, in dem sie sich am eigentümlichsten und kräftigsten ausprägt, erklärt leicht den Grund dieses Zusammenhanges.

Franz Ziegler war ein ausgezeichneter Organisator, vielleicht das größte Verwaltungstalent, das der preußische Staat zu seiner Zeit besaß. Dabei ein Mann von tiefer und vielseitiger Bildung, ein gewiegter Kenner der klassischen Literatur, auch selbst ein Dichter, dessen Novellen nur deshalb einer frühzeitigen Vergessenheit verfallen sind, weil zu ihrem Genuß und Verständnis eine der »gebildeten« Bourgeoisie längst abhanden gekommene literarische Feinschmeckerei gehört. Lassalle sagte seinem Freunde eine Alkibiadesnatur nach, die ihn gehindert habe, sich selbst auszunützen, und ähnlich urteilte Guido Weiß, daß Ziegler das Leben in Süß und Sauer durchzukosten verstanden habe. Aristokrat nicht von Geburt – denn er war als das dreizehnte Kind eines märkischen Hungerpastors geboren –, aber seiner Bildung und seinen Neigungen nach, ein Liebling Friedrich Wilhelms IV., ein stets begehrter und hochwillkommener Gast in den Offizierkasinos der Garde und auf den Landsitzen des brandenburgischen Adels, wurde Ziegler zum Demokraten durch die soziale Frage.

In noch jungen Jahren war er zum Oberbürgermeister der alten Kur- und Hauptstadt Brandenburg gewählt worden, deren durch Cliquen- und Nepotenwirtschaft völlig zerrüttete Verhältnisse es wiederherzustellen galt. Es war immerhin eine große Verwaltung; zur Stadt gehörten sieben Rittergüter, neun Kämmereidörfer, sechzehntausend Morgen Forst, ein Grundbesitz, dessen Wert damals bereits in die Millionen stieg. Ziegler beseitigte mit durchgreifender Energie die vorhandenen Mißbräuche, und zuerst dadurch erregte er den Haß der eng versippten Geschlechter, die das städtische Vermögen auszubeuten gewohnt waren. Aber dieser Haß wurde unversöhnlich, als Ziegler seine Fürsorge dem städtischen Proletariat zuwandte. Wie das so kam, hat er selbst einmal einem Arbeiterverein erzählt. Nach einem guten Diner ging er im städtischen Forste spazieren, als er eine Frau beim Holzdiebstahle traf. Längst erbittert über die liederliche Forstverwaltung, verhaftete er die Diebin, um sie dem nächsten Förster zu übergeben. Die Frau bat sehr, sie gehen zu lassen; Ziegler schlug es ab. Sie bat dann, wenigstens ihren Jungen aus dem nahen Graben holen zu dürfen. Auch das schlug Ziegler ab; der Junge könne allein nach der Stadt finden; er sähe ja ihre Türme. Ach, sagte die Frau, das ist es ja eben, er sieht nicht. Nun wurde der blinde Knabe herbeigeholt, und von Mitleid ergriffen, geleitete Ziegler die Frau mit dem Jungen und dem gestohlenen Holzbündel durch die Tore der Stadt in ihre Wohnung. Hier fand er, daß die Frau noch einen Sohn hatte, der im sechzehnten Jahre stand und Tuchschererlehrling war. Als solcher verdiente er wöchentlich 25 Silbergroschen (2,50 Mark), und von diesem Lohne lebte die ganze Familie. Kartoffelsuppe mit Lorbeerblättern, die der Frau geschenkt wurden, und etwas ranzige Butter bildeten die gewöhnliche Nahrung. Ein Freisinniger von heute würde sich mit der wohlwollenden Mahnung entfernt haben, daß der Tuchschererlehrling ein »Kapitälchen sparen« müsse; Ziegler aber fragte sich: »Was hast denn du getan für die Menschheit gegenüber dieser am Hungertuche nagenden Familie?« Nach seiner praktischen Art griff er sofort zu, um der Not des städtischen Proletariats zu steuern, baute ein Kranken-, ein Waisenhaus, erhöhte die Fonds der Armenkasse um das Dreifache. Aber er war viel zu einsichtig, um in einer verbesserten Armenpflege mehr als ein dürftiges Palliativmittel zu sehen; er führte als einzige Gemeindesteuer die progressive Einkommensteuer ein, ließ alle Einkommen unter hundert Talern frei, von da begann die Steuer mit 1 Prozent vom Einkommen und stieg progressiv bis zum Satze von 4 Prozent. Und hätte es in seiner Macht gelegen, so würde er auch das allgemeine Stimmrecht als Gemeindewahlsystem eingeführt haben; er vertrat es schon in den vierziger Jahren gerade um seines proletarischen Charakters willen; war ihm doch die Demokratie nur »eine Magd im Dienste der sozialen Frage«. Es kennzeichnet den Mann, daß er, kurz vor Toresschluß noch in die Nationalversammlung von 1848 gewählt, seinen Platz neben Jacoby und Waldeck nahm, obgleich der Staatsstreich kaum eine Frage von wenigen Tagen war. Die darnach hereinbrechende Reaktion bot dann der Bourgeoisie der Stadt Brandenburg die längst ersehnte Gelegenheit, ihren wütenden Haß an Ziegler zu kühlen. Er hatte einige Drucksachen der. Nationalversammlung über die Steuerverweigerungsfrage an seine Wahlmänner geschickt und| sollte dadurch Hochverrat begangen haben. In einem Gerichtsverfahren, das ein wahrer Hohn auf die klarsten Vorschriften des Gesetzes war, wurde er durch sorgsam ausgewählte, nicht sowohl von politischem als sozialem Haß erfüllte Geschworene für schuldig erkannt und vom Gerichtshofe »wegen intendierten Aufruhrs zu sechs Monaten Festung, Verlust der Nationalkokarde und Entsetzung vom Amte des Oberbürgermeisters« verurteilt. Der Verlust der preußischen Kokarde, der heute einen fast spaßhaften Klang hat, war damals eine schimpfliche Ehrenstrafe und hinderte den Verurteilten lange Jahre, sich wieder eine bürgerliche Existenz zu gründen. F. F. Weichsel, Der Zieglersche Prozeß, gibt eine urkundliche Darstellung des schändlichen Verfahrens.

Nicht im Gegensatze zu den sozialen Anschauungen Zieglers, sondern im Einklange mit ihnen stand sein Begriff vom Staate. Der Staat war ihm, wie Lassalle sich einmal ausdrückte, das »Vestafeuer der Zivilisation«; nur daß für Ziegler der Staat immer ein bestimmter Staat war, der Staat der Intelligenz, der Staat Friedrichs, der historische preußische Staat. In diesem Punkte teilte er die Ansicht seines Alters- und Studiengenossen Ruge, bekannte auch er: »Absolute Monarchie und absoluter Staat sollte man nie verwechseln; letzterer ist vielmehr die Wahrheit und das Ziel der ersteren«, und: »Preußen ist gegenwärtig der Staat, auf den alles ankommt.« Ruge, Sämtliche Werke, 2, 20 und 50. Nicht sowohl aus der Französischen Revolution, die der Bourgeoisie zur Herrschaft verholfen hatte, als aus dem aufgeklärten Despotismus Friedrichs leitete Ziegler seine Ideale her. Stein und Hardenberg waren seine Muster, ja selbst das Allgemeine Landrecht war ihm eine Art geistiger Amme, nicht zwar in seinen feudalen Elementen, die Ziegler vielmehr mit grimmiger Energie bekämpft hat, aber doch in seinen absolutistisch-zentralistischen Tendenzen, in denen auch Tocqueville eine Annäherung an den Sozialismus entdecken wollte. Tocqueville, L'ancien régime et la révolution, 341. Und weil ohne das Heer ein »wahrhaft souveräner und welthistorischer Staat« nicht denkbar war, so ist Ziegler in entscheidenden Augenblicken stets für das Heer eingetreten. So bekämpfte er in der Nationalversammlung von 1848 den Antrag, das Heer vom Eide an den König zu entbinden, mit dem geflügelten Worte: »Die Disziplin ist die Mutter der Siege«; so rief er im Frühling von 1866 seinen Wählern in Breslau das noch bekanntere Wort zu: »Das Herz der Demokratie ist da, wo die Fahnen des Landes wehen.« Aber deshalb war Ziegler weder ein Militärfanatiker noch auch in der konstitutionellen Militärfrage zu irgendwelchen Zugeständnissen geneigt. Im Gegenteil! Er bekämpfte 1866 tapfer die Bildung der Nationalliberalen Partei, die sich gar zu gern auf seine Breslauer Rede als auf ihren Eierstock berufen hätte, und er bekämpfte auch schon 1861 die Bildung der Fortschrittspartei als ein die Reinheit der demokratischen Grundsätze trübendes Kompromiß. Er verweigerte lange seine Unterschrift unter das fortschrittliche Programm, hielt auch Waldeck davon zurück, und wenn beide schließlich durch die Logik der Tatsachen in die Reihen der nach Lage der damaligen ökonomischen Verhältnisse einzig möglichen bürgerlichen Oppositionspartei gedrängt wurden, so hat wenigstens Ziegler bis an sein Lebensende niemals aufgehört, über die »Höllenerfindung Fortschrittspartei«, diese »Olla potrida aller Prinzipien« zu schelten. Das Heer sollte eben nicht der »Monarchie«, sondern des »Staates« sein, und sein Ideal des Staates war das demokratische.

Nach den Arbeiten von Marx und Engels ist es leicht, den Grundfehler in dieser Geschichtsauffassung zu entdecken. Er liegt in der idealistischen, auf Hegel zurückführenden Auffassung des Staats als der maßgebenden Urform der menschlichen Entwicklung. Aber wenngleich Marx schon 1844 in den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern« in Anknüpfung an Hegels Rechtsphilosophie nachgewiesen hatte, daß nicht der von Hegel als »Krönung des Gebäudes« dargestellte Staat, sondern die von ihm so stiefmütterlich behandelte »bürgerliche Gesellschaft« den Schlüssel zum Verständnis des geschichtlichen Entwicklungsprozesses enthalte, und wenngleich im »Kommunistischen Manifest« schon die Grundlinien der materialistischen Geschichtsauffassung gezogen worden waren, so beherrschte 1858 doch noch die ideologisch-hegelianische Auffassung des Staats die besten Köpfe des Bürgertums. Huldigte ihr doch auch Lassalle, obschon in viel freierer und tieferer Weise als selbst Ziegler. Und so war es eine sehr natürliche und ganz unvermeidliche Schlußfolgerung, daß, wenn die zu neuem Kampfe sich rüstenden bürgerlichen Klassen einerseits auf Lessing als ihren ersten Vorkämpfer zurückgriffen, sie andererseits ihm einen Vertreter des »absoluten Staats« zur Seite stellten und diesen Vertreter im Könige Friedrich fanden, der zuerst die dynastische Eigensucht unter das Staatsinteresse gebeugt haben sollte (der Fürst ist der erste Diener des Staats) und dessen diplomatisch-kriegerischen Erfolge sowie freigeistige Richtung obendrein einen blendenden Gegensatz zu der überall in Europa blamierten und dazu vermuckerten Reaktion der fünfziger Jahre bildeten. Damit trat die Lessing-Legende in eine neue Gestalt. Aus der etwas kindlichen Anschauung, als ob Lessing an der Verachtung Friedrichs gleichsam zum Denker und Dichter erwachsen sei, entwickelte sie sich zu der Auffassung, daß, wie Stahr sagt, der König Friedrich als »Mitstreiter und Mitarbeiter seines großen Zeitgenossen« dastehe oder daß der König und Lessing, wie Lassalle meint, die deutschen »Revolutionäre« des achtzehnten Jahrhunderts gewesen seien.

Man darf an den Aufsatz Lassalles keinen zu strengen Maßstab anlegen. Der Verfasser selbst hat ihn ein paar Jahre im Pulte behalten und ihn, obgleich er schon im November 1858 geschrieben war, doch erst im Jahrgange 1861 der »Demokratischen Studien« veröffentlicht. Ein Mann wie Lassalle konnte sich über die Schwächen von Stahrs Arbeit unmöglich täuschen; was ihn aber offenbar daran erfreut hat und auch erfreuen mußte, weil es ein wesentliches Verdienst darstellte, das war die politische Spitze, die Stahr seinem Stoffe gegeben hatte. In der Tat dreht sich hierum der ganze Aufsatz Lassalles. Er findet, daß Stahrs Buch »dreimal zur Zeit« kommt; »die dramatische Situation von heute sei der von damals wieder äußerst ähnlich geworden«; Lessings Wirken sei »nichts als Politik« gewesen; mit Recht sieht er auch eine »unendliche Überlegenheit« von Stahrs Arbeit über das Werk von Danzel-Guhrauer darin, daß Stahr das »kämpfende Heldenleben« Lessings namentlich in der Wolfenbütteler Zeit wieder zu Ehren gebracht habe, nachdem zwar nicht Danzel, aber allerdings Guhrauer allerlei vertuschende Schleier darüber zu breiten versucht hatte. Sehen wir zunächst von dem »Revolutionär« Friedrich ab, auf den wir eingehend zurückkommen müssen, so läßt sich ein wirklicher Tadel gegen Lassalles Lessing-Aufsatz nur insofern aussprechen, als er gar zu reichliches Lob über Stahr ergießt. Indessen auch darüber wird man milder urteilen, wenn man eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Lessings und Lassalles Berliner Leben erwägt. Beide lebten in einer ihnen geistig nicht gerade ebenbürtigen Umgebung, aber so, wie die Dinge einmal lagen, war es immerhin die beste Gesellschaft, welche sie finden konnten. Und wenn es nicht recht lassallisch war, daß Lassalle die Schrift von Stahr allzusehr lobte, so war es auch nicht gerade lessingisch, wenn Lessing hundert Jahre früher einen »Elenden« abstrafen wollte, »der sich unterstanden hatte, unserem lieben Ramler eine kleine Nachlässigkeit aufzumutzen«. Das ist eine gutmütige Lässigkeit, wie sie auch den Größten mal mit unterläuft, und nun gar in der Berliner Luft. Es kommt auf die Dauer und das Wesen der Dinge an, und da gilt von Lassalle, was Fichte von Lessing schreibt: »Unser Held (Nicolai) hatte, mit jenen, Mendelssohn und Lessing, vereinigt, einen kritischen Feldzug getan, entscheidend gegen einige schlechte Reimer, in andern Fächern, zum Beispiel dem der Philosophie, nicht ganz so glorreich. Sein großer Mitkämpfer wurde allmählich inne, daß dies ein schlechtes Geschäft sei und daß er es nicht in der besten Gesellschaft betreibe. Er zog sich zurück.« Fichte, Friedrich Nicolais Leben und sonderbaren Meinungen, 15. Und wenn Lassalle auch sicherlich dabei nicht an Lessing dachte, so trat jene Ähnlichkeit der Situation doch um so schärfer hervor, als er an Feuerbach schrieb: »Die Fortschrittler sind politische Rationalisten der seichtesten Sorte.« L. Feuerbachs Briefwechsel und Nachlaß, 2, 162.

Es stellte sich allzubald heraus, daß jene bürgerliche Garde von 1848, jene ideologisch-hegelianischen Bekenner des Staates und seiner sittlichen Zwecke nichts als eine Handvoll Führer ohne Heer waren. Die ökonomische Entwicklung war schon so weit gediehen, daß die große Masse der bürgerlichen Klassen unter dem frei entfalteten, höchstens noch mit einigen ideologischen Bändern geschmückten Banner des Kapitalismus, die manchesterlichen Heiligenbilder voran, marschieren wollte. Die Gründung der Fortschrittspartei war von Ziegler ganz richtig beurteilt worden. Nichts verkehrter als die Behauptung der Bourgeoisie, daß Lassalle erst mit ihr gegangen und ihr dann, in seinem persönlichen Ehrgeiz verletzt, in den Rücken gefallen sei und so ihren Sieg verhindert habe. Sie hat gar kein Recht, Vorwürfe an Lassalle zu richten, dessen Haltung ihr gegenüber prinzipiell und taktisch gleich richtig war. Seine freundlich zuwartende Haltung rechtfertigte sich, solange die arbeitenden Klassen noch in politischem Schlummer lagen und die bürgerliche Opposition ihm in Männern wie Ziegler gegenübertrat, die grundsätzlich ein demokratisches Programm verfochten, entschlossene Vorkämpfer des allgemeinen Stimmrechts waren und für die Bedürfnisse der arbeitenden Klassen einen immerhin weiten Blick hatten. Aber als der Einfluß dieser Männer auf die bürgerlichen Klassen durch das überwuchernde Manchestertum mehr oder minder geschwächt wurde, als die ersten Zeichen einer proletarischen Bewegung hervortraten, da brauchte Lassalle mit dem Losschlagen um so weniger zu zögern, als der Sieg der Bourgeoisie über den Absolutismus und den Feudalismus längst unmöglich geworden war. Beredte Zeugnisse dafür gibt der vertraute Briefwechsel Zieglers mit seinem Jugendfreund Ritter, mit Arnold Ruge und namentlich mit Frau Fanny Lewald-Stahr, der Gattin des Lessing-Biographen.

Lassalle und Ziegler standen sich außerordentlich nahe. Lassalle blickte zu dem um mehr als zwanzig Jahre älteren Manne mit einem gewissen, bei ihm sehr seltenen Gefühle von Pietät empor; er bewunderte seine praktischen Organisationstalente und empfahl ihn seinen Breslauer Landsleuten in fast überschwenglichen Worten zur Wahl ins Abgeordnetenhaus; er warb förmlich um seine Freundschaft in den Versen:

»Einen aber gebraucht auch der Stärkste, ihn zu verstehen,
Und du fandest in mir den, der dich liebt und begreift.«

Ziegler aber erwiderte diese Freundschaft in vollstem Maße. Er zitterte um den Freund, als Lassalle seine Agitation begann, denn er wußte aus seinem zerbrochenen Leben, was der Haß einer in ihren materiellen Interessen verletzten Bourgeoisie bedeutete. Aber er dachte viel zu groß von ihm, um ihn durch weibische Klagen zurückzuhalten; er hat bekanntlich das Statut des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins entworfen, und einige Wochen, nachdem Lassalle das »Offene Antwortschreiben« erlassen hatte, sandte er ihm zum Geburtstage einen Pokal mit einem Sonette, das also schloß:

»Nimm diesen Kelch, und siehst du, daß dein Mühen
Vergeblich ist, und will dein Herz verbluten,
Setz ihn zum letzten Trunke an die Lippe.
Gedenke mein – Statt langsam zu verglühen,
Trink prometheisch trotzend Lebensgluten,
Und wirf mit ihm ins Meer dich von der Klippe.«

Ein prophetisch Wort für Lassalle, ein prophetisch Wort auch für Ziegler! Denn sein Los war das »langsame Verglühen«, und wie traurig ist die einst so hell lodernde Flamme erloschen!

Im Anfang September 1864 schrieb Ziegler an Ritter: »Der größte philosophische Kopf und unbestritten einer der größten Gelehrten, Lassalle, suchte bei mir Ruhe vor sich selbst ... Ich schreibe unter dem erschütternden Eindruck von seinem Tode. Ha! diese Mittelmäßigen jubeln, diese Juliane, die er gegeißelt; die Myrmidonen tanzen auf dem Grabe des Achilles ... Es ist aus, er ist tot, er war mir Bibliothek, Anreger, Tröster, es ist aus. Mich hat kein Mensch so geliebt wie dieser. Er war ein bildschöner, feuriger, genialer Mensch mit tausend Fehlern, ja Lastern, aber er war ein ganzer Mensch.« Und gleichzeitig schrieb Ziegler an Ruge: »Das allerschlimmste ist, daß in Deutschland das unseligste Manchestertum aufgeschossen ist. Jeder zurückgekommene Kaufmann, jeder verrottete Schiffbrüchige, jeder Kommis usw. schafft sich ein sogenanntes nationalökonomisches Kompendium an, lernt daraus einige Stichwörter, tritt in den nationalökonomischen Verein, macht die Wanderreisen mit, sucht eine Stellung bei irgendeiner Versicherungsanstalt, Bank, Eisenbahn zu erhaschen, nennt sich nun Volkswirt und präsentiert sich als solcher zur Kandidatur, wobei er predigt, daß in heutiger Zeit alle Politik dummes Zeug sei, daß mit der Pflege der materiellen Interessen die Freiheit von selbst käme, daß der Staat eine Schimäre wäre, daß es nur ein Handelsgebiet gäbe, das die Menschen realiter zusammenbände usw. Und so tritt er in die Kammer, wo eine freie Fraktion aus allen Parteien besteht, die oft den Ausschlag gibt und alle Parteidisziplin aufgelöst hat. Warum nicht? Soll es nicht eine volkswirtschaftliche Partei geben so gut wie eine katholische? Allem diesem Unwesen hat die Bildung der Progressistenpartei das Siegel aufgedrückt ... Nun sind alle Prinzipien so tief vergraben, es ist solche Verwirrung der Geister eingetreten, daß eine Entwirrung fürs erste unmöglich ist. Alles jagt nach materieller Gewalt, das heißt nach Reichtum. Zu kolossaler Höhe stapelt er sich auf, mit Leichtigkeit wird er errungen, und der Erfolg ist ein Amnestiedekret gegen jede Untersuchung.« Und so noch eine ganze Strecke weiter.

Am häufigsten schüttete Ziegler sein Herz in den Briefen an Frau Lewald-Stahr aus, doch müssen hier wenige Proben genügen. Über die Matadore des Volkswirtschaftlichen Kongresses schreibt er ähnlich wie an Ruge: »Seit zehn Jahren warnen Waldeck und ich vor diesen sogenannten ›Volkswirten‹, die sich aus verlaufenen Kaufleuten, verunglückten Literaten, gewissenlosen Gründern von Aktiengesellschaften und schopenhauerschen Philosophen hauptsächlich rekrutieren. Sie sind die Pioniere der raubsüchtigen Bourgeoisie.« Dann im Januar 1865 über eine gerichtliche Verurteilung Jacobys: »Armer, idealer Jacoby! ... Glauben Sie mir, daß, müßte ich sechs Monate sitzen, die Freude unter meinen Freunden allgemein wäre, und ich fürchte, so bescheiden anschließend sich auch Jacoby benommen, auch nicht viel Trauer um ihn ist.« Und im Januar 1866 über den Obertribunalsbeschluß in Sachen der parlamentarischen Redefreiheit: »Sie sind der einzige Depositar meiner Schmerzen. Gestern abend war Parteiversammlung; ich laufe dahin, weil ich denke, die Versammlung erfüllt, erregt zu finden von dem Tribunalsbeschluß. Entweder diese Leute sind alte Römer, von einem Gleichmut, an den Roms Senat nicht heranreicht, oder sie sind Gott weiß was. Man verhandelte ruhig über die Interpellation Wachsmuth, über die Interpellation Bonin usw. und rettete, bei brennendem Hause, nicht die Bilder der Laren, sondern ein paar alte schmutzige Unterhosen.« Und im August 1866 nach der Adreßdebatte: »Als Jacoby heute alle Ehren und Siege als nichtig darstellte, weil sie nicht im Geiste der Freiheit gewonnen, rief mir N., der hinter mir sitzt, zu: Welch maßlose Eitelkeit! Und K., der vor mir saß, drehte sich zu mir mit den Worten: Er ruiniert sich für immer! Wie dieser kleine, gebrechliche Mann weitersprach, immer ruhig, gemessen und im Tone, als diktiere er sein Testament, lief es mir über die Haut. Denn er kam mir vor wie der Prophet auf den Trümmern von Jerusalem, der alles zusammengestürzt und nichtig sieht, nur nicht den ewigen Gott, den er Wahrheit und Freiheit nennt ... Wie heute die kurze Adreßdebatte schon andeutet, wird Geldbewilligung, Indemnität und alles andere kopfüber vorwärtsgehen, und die loyalen Purzelbäume will ich nicht mitmachen. Die königliche Gnade, vereint mit dem momentanen Beifall des Volkes, werden die Segel schwellen, bis das Schifflein wieder auf der Klippe der Reaktion sitzt.« Und an dieser scheiterte denn auch der »einzige Depositar seiner Schmerzen«. Am 3. November 1870 schreibt Ziegler an Fanny Stahr: »Ich kann es nicht zum Haß auf das französische Volk bringen. Es ist ja mitten in der Revolutionsarbeit, die es für uns alle vollbringt. Heruntergebracht durch eine Reihe nichtswürdiger Könige, jetzt zwanzig Jahre gedrückt durch einen Zuchthäusler, der sich mit einer Räuberbande verbunden, die man Militär nennt, verraten, verlassen von allen, kämpft das Volk noch mit unendlicher Bravour durch seine bewaffneten Bürger. Und das Volk nennen Sie verlumpt? Fänden Sie wohl in Deutschland hunderttausend solcher Lumpen, die sich, ohne höhere Order, auf eigene Hand schlagen?« In demselben Monat sollte Ziegler durch die Eugen Richter und Genossen zu einer Felonie an Jacoby verlockt werden; man wollte diesen bei den Landtagswahlen von 1870 für seine sozialpolitischen Ketzereien strafen und Ziegler in dem Berliner Wahlkreise wählen, den Jacoby bis dahin vertreten hatte. Allein in stolz-verächtlichen Worten lehnte Ziegler ab, an eine Stelle zu treten, wo »dieser große Bürger« nicht mehr genehm sei; ein freisinniger und protestantenvereinlicher Prediger übernahm dann die traurige Rolle. Ziegler aber wurde mehr und mehr ein stiller Mann; er hat nicht, wie Jacoby, seinen ausdrücklichen Übertritt zur sozialdemokratischen Partei vollzogen; er fühlte sich abgehetzt, alt, matt, müde bis in den Tod. Aber daß er nur noch in den arbeitenden Klassen die Rettung der Nation sah, wissen alle, die ihn in seinen letzten Lebensjahren gekannt haben, wissen namentlich auch die sozialdemokratischen Abgeordneten, die mit ihm im Reichstage saßen.

Doch was hat dies mit der Lessing-Legende zu tun? Nicht weniger als alles. Denn es enthält ein gutes Stück ihrer Geschichte. Während die drei Männer, die das Lessing-Buch von Stahr aus der Taufe hoben, weil sie in den bürgerlichen Klassen noch lessingischen Geist erwecken zu können hofften, nach Erkenntnis ihres Irrtums sich den arbeitenden Klassen zuwandten, blieb das Buch selbst in den Händen der Bourgeoisie. Und wie hat sie damit gewüstet! Stahr selbst zwar, der ursprünglich ein Junghegelianer und eifriger Mitarbeiter der Hallischen Jahrbücher war, aber der gleich Ruge den Sozialismus haßte und diesen abgeschmackten Haß auch in Lessings freie Seele hineindichtete, wahrte wenigstens noch leidlich den äußeren Anstand, wie tief er auch persönlich in dem literarischen Koteriewesen der Bourgeoisie versank. Er ließ es dabei bewenden, daß er sich in der ersten Auflage Jacobys Mitarbeiterschaft gerühmt und zum Danke dafür Jacobys Namen auf das Widmungsblatt gesetzt hatte. Seine Witwe aber wütete mit loyaler Feder in dem Buche, und auf dem ersten Blatte lesen wir heute zum schnöden Gedächtnis des literarischen Byzantinismus: Seiner Durchlaucht dem Fürsten Bismarck gewidmet. Das Buch, das einst den Schatten Lessings beschwor, um die bürgerlichen Klassen zum politischen Kampf zu spornen, ist heute gut genug als geistige Stallfütterung für eine träge verkommende und jeden lessingischen Luftzug des Gedankens scheuende Bourgeoisie.

Ehe wir indessen diese Entwicklung weiterverfolgen, ist es notwendig, jene zweite Gestalt der Lessing-Legende auf ihren sachlichen Gehalt zu prüfen.

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