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Die Lessing-Legende

Franz Mehring: Die Lessing-Legende - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
authorFranz Mehring
titleDie Lessing-Legende
publisherVerlag Das neue Wort
year1953
firstpub
translator
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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III. Heine, Gervinus, Danzel über Lessing

Seit dem Erscheinen von »Dichtung und Wahrheit« (im Jahre 1815) ist kaum eine Arbeit über Lessing veröffentlicht worden, in welche die »berühmte Stelle« nicht mehr oder weniger ihre verdüsternden Schatten geworfen hätte. Mit einer allerdings glänzenden Ausnahme: Heinrich Heine bedurfte dieses verzerrenden Spiegels nicht, um zu erkennen, wer Lessing war und was sein Wirken für das deutsche Volk bedeutete. Ebendeshalb gehört das, was er über Lessing zu sagen hatte, eigentlich nicht in die Geschichte der Lessing-Legende. Gleichwohl muß es an dieser Stelle berührt werden. Denn soweit ab sich die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker von Heines richtiger Spur entfernt haben, sowenig verschmähen sie es, einzelne Prachtworte von Heine über Lessing sich anzueignen und als Fettaugen in ihre mageren Brühen zu verpflanzen. So das Wort von Lessings Witz, der kein kleines französisches Windhündchen sei, das seinem eigenen Schatten nachlaufe, sondern vielmehr ein großer deutscher Kater, der mit der Maus spiele, ehe er sie würge; so den noch berühmteren Vergleich von den winzigen Schriftstellerlein, die Lessing mit dem geistreichsten Spotte, mit dem köstlichsten Humor gleichsam umsponnen habe und in seinen Werken nun für ewige Zeiten erhalte wie Insekten, die sich in einem Stück Bernstein verfangen.

Nicht aber in diesen einzelnen Worten, so blendend und so wahr sie namentlich auch sind, liegt die Bedeutung dessen, was Heine über Lessing zu sagen hat. Und wenn sie aus dem Zusammenhange gerissen werden, so daß der Schein entsteht, als habe Heine nur über die literarische Kunst Lessings ein paar vortreffliche Beobachtungen gemacht, so ist das freilich auch ein Stück Lessing-Legende. Herrn Erich Schmidts kahle und schiefe Bemerkung: »Selbst ein Spötter wie Heine wird pathetisch, wenn er Luther und Lessing nennt, unsern Stolz und unsere Wonne«, macht gleichmäßig aus Heine wie aus Lessing einen »toten Hund«. Die Aufsätze »Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland« sind vielmehr eine geschichtsphilosophische Leistung voll so genialer Rück- und Vorblicke, wie ihrer im Jahre 1834 eben nur Heinrich Heine fähig war. Heine erkennt in unserer klassischen Literatur den beginnenden Emanzipationskampf der bürgerlichen Klassen in Deutschland, der sich wegen der »bleiern deutschesten Schlafsucht« oder mit andern Worten: der ökonomischen und politischen Rückständigkeit dieser Klassen, wegen der »brutalen Ruhe in ganz Germanien« erst durch ihre geistig vorgeschrittensten Elemente in den Ätherhöhen der Idee vollziehen konnte. »Der einsamste Autor, der in irgendeinem abgelegenen Winkelchen Deutschlands lebte, nahm Teil an dieser Bewegung; fast sympathetisch, ohne von den politischen Vorgängen genau unterrichtet zu sein, fühlte er ihre soziale Bedeutung und sprach sie aus in seinen Schriften. Dieses Phänomen mahnt mich an die großen Seemuscheln, welche wir zuweilen als Zierat auf unsere Kamine stellen und die, wenn sie auch noch so weit vom Meer entfernt sind, dennoch plötzlich zu rauschen beginnen, sobald dort die Flutzeit eintritt und die Wellen gegen die Küsten heranwogen.« Und was noch weit mehr ist: Obgleich gerade, als diese Zeilen geschrieben wurden, das deutsche Bürgertum seine Lenden zu gürten schien, um auf politischem Gebiete nachzuholen, was seine großen Denker und Dichter auf geistigem Gebiete längst vollbracht hatten, so blickte Heine ihm doch schon in Herz und Nieren. Und da sah er, daß der »Freiheitssinn« im Gegensatze zu der klassischen Epoche »unter den Gelehrten, Dichtern und sonstigen Literaten viel minder« als »in der großen, aktiven Masse, unter Handwerkern und Gewerbsleuten sich ausspricht« oder, wie er es in einem zehn Jahre später geschriebenen Nachtrage zu diesen Aufsätzen ausdrückt, daß »der Kommunismus sich durch ganz Deutschland verbreitet« und daß »die Proletarier in ihrem Ankampfe gegen das Bestehende die fortgeschrittensten Geister, die großen Philosophen, als Führer besitzen«. So Heine 1834 und 1844! Noch ärger als der Schüler Schmidt versündigt sich der Meister Treitschke, Deutsche Geschichte, 4, 421, an Heines »leichten Plaudereien«, wenn er nach einer Reihe von Liebenswürdigkeiten, wie »Dilettantenbrauch«, »unter seinen Händen wird jetzt alles unrein«, »oberflächlich, leer, öde, langweilig« usw. sich dahin zusammenfaßt: »Die moderne Lehre der Verklärung des Fleisches verhöhnte alles, was Menschen menschlich aneinander bindet, und schließlich blieb ihr nichts mehr übrig als der souveräne Einzelmensch, der sich nach Belieben im Genusse ungezählter Grisetten und Trüffelpasteten ergehen konnte.« Die einzelnen Klitterungen, durch die Treitschke zu diesem »Schlusse« kommt, hat Paul Nerrlich, Herr v. Treitschke und das junge Deutschland, ebenso scharf wie treffend nachgewiesen. Herr Nerrlich ist ein verlorener Spätling der Junghegelianer, der als solcher zwar die unsägliche Verflachung der deutschen Bourgeoisie zu erkennen, aber ihre letzte Ursache, die schon von Heine verkündete Auflösung des bürgerlichen Idealismus in den proletarischen Sozialismus, nicht zu entdecken weiß. Siehe namentlich auch seine Einleitung zu Arnold Ruges Briefwechsel und Tagebüchern, wo er die oben besprochenen Aufsätze Heines »ein gar wunderbares, einzig dastehendes Büchlein«, ein »Programm der neuesten Zeit« nennt, aber dann von Heine und Feuerbach nicht etwa zu Marx und Engels, sondern zu Ruge und – Bismarck abschwenkt. »Freilich – so manches gehört weniger zu seiner (Bismarcks) welthistorischen Mission. Es ist überhaupt für jemanden, der von unseren Philosophen und von Heine, Feuerbach und dem Ruge der vierziger Jahre herkommt, dieses sich vor Bismarck Beugen eine nicht so ohne weiteres zu lösende Aufgabe.« Aber, so tröstet sich Herr Nerrlich, »ebenso fest wie das Firmament« steht der Satz, daß nach Bismarck, vielleicht früher, vielleicht später, ein neues, gewaltigeres, universaleres Genie auftritt, welches die Ideale von Heine, Feuerbach und Ruge »voll und ganz« nicht bloß für Deutschland, sondern für Europa verwirklicht. An solchen Spinnewebenfäden hängt die Philosophie von heute, soweit sie überhaupt noch den Mut hat, sich der »schlechthinnigen« Abschlachtung des bürgerlichen Idealismus zugunsten der Bourgeoisinteressen zu widersetzen!

Es ist richtig: Der Nebel ideologischer Auffassung liegt auch noch über Heines Darstellung, wie es für seine Zeit ja auch gar nicht anders sein konnte, aber er wird überall von dichterischen Seherblicken wie von leuchtenden Sonnenstrahlen zerteilt. Und so feiert Heine in Lessing nicht sowohl den Dichter, den Gelehrten, den Kritiker, als den Charakter, den Mann, den Bahnbrecher und den Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen. Die Kunst war für Lessing eine Tribüne, worauf er zum Volke sprach. Seine Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit, die große Art seines Seins stießen unversöhnlich zusammen mit der Philisterhaftigkeit, mit der lächelnden Schlechtigkeit und der prunkenden Gemeinheit seiner Umgebung; er stand in schauriger Einsamkeit unter seinen Zeitgenossen, von denen ihn einige liebten, aber keiner verstand; sein Ekel an der Wirklichkeit der deutschen Dinge trieb ihn ins Schauspielhaus oder gar ins Spielhaus. Sein ganzes Leben war Kampf, und alle seine Schriften haben eine soziale Bedeutung. In solchen Sätzen schimmert die Bedeutung von Lessings Lebenswerke nicht als einer ästhetischen oder künstlerischen, einer philosophischen oder theologischen, sondern einer sozialen Tat hervor, und eben dies erklärt die echte Wärme des Tones, womit Heine vor allen andern Trägern unserer klassischen Literatur gerade von Lessing spricht.

Einer oberflächlichen Betrachtung mag diese Wärme freilich als »pathetisch« erscheinen. Es ist ja keine Frage: Als Dichter steht Lessing hinter Goethe und Schiller, als Kunstforscher hinter Winckelmann, als Philosoph hinter Kant, als Psycholog hinter Herder, als Philolog hinter Reiske oder Ruhnken zurück. Auch bezeichnet es mehr das Schwert als den Mann, mehr die Form als das Wesen seines Geistes, wenn Macaulay ihn den »ersten Kritiker Europas« nennt. Denn die Kritik war nur das Werkzeug, womit Lessing in den weitesten Bereichen des deutschen Geisteslebens aufräumte. Was er zur tatsächlichen Geltung bringen wollte, das war jenes bürgerliche Selbstbewußtsein, welches er in ungleich höherem Grade besaß als seine Mitlebenden und namentlich auch seine Mitstrebenden, ja in weit höherem Grade, als es die bürgerlichen Klassen nach ihm in hundert Jahren irgend zu erreichen gewußt haben. Er hat als ein einzelner den trägen Widerstand der ökonomisch und politisch gebundenen Masse nicht überwunden, nicht überwinden können; von seinen Jünglingsjahren an warf er sich ruhelos umher, bald hinter den Kulissen, bald als »Zeitungsschreiber bei einem Buchführer«, bald im Kriegslager, bald im Buchladen und dann wieder hinter den Kulissen, ohne sich eine bürgerlich unabhängige Stellung gründen zu können. Bis ihn dann endlich, als er eben den deutschen Staub von seinen Füßen zu schütteln und als ein hungernder Derwisch in die Ferne zu schweifen gedachte, das Unglück einer geliebten Frau in den hölzernen Käfig trieb, den ihm ein ehrgeiziger Duodezdespot in seiner Bibliothek geöffnet hatte. Und das Martyrium seines letzten Lebensjahrzehnts – wie sticht es, erhebend zugleich und erschütternd, von der dämmernden Behaglichkeit ab, in der an einem anderen Duodezhöflein Herder vergrämelte und Goethe verphilisterte! Lessing hatte den deutschen Philister ganz und gar ausgezogen; das gibt ihm die einzige Stellung in unserer klassischen Literatur, und insofern war er der verwegenste Revolutionär, den die bürgerliche Welt in Deutschland hervorgebracht hat bis auf die Börne und Heine, die Marx und Engels, die auch erst im Auslande das werden konnten, was sie geworden sind.

Und so erklärt es sich leicht, daß ein wenigstens in den allgemeinsten Zügen zutreffendes Bild seines Wesens in den einzigen großen Versuch fiel, den die bürgerliche Wissenschaft gemacht hat, um den ideellen Gehalt der klassischen Literatur in die politischen Kämpfe ihrer Klasse aufzunehmen: in die »Geschichte der deutschen Dichtung« von Gervinus, deren erster Band ein Jahr nach jenen Aufsätzen von Heine erschien. Gervinus wollte den Zusammenhang der klassischen Dichtung mit dem gesellschaftlichen und staatlichen Leben nachweisen; er suchte zu schildern, wie unsere großen Dichterwerke »aus der Zeit, aus deren Ideen, Bestrebungen und Schicksalen« entstanden seien, und er beabsichtigte damit, »den übungsbedürftigen und schafflustigen Geist des Volkes aus den Regionen der Ideen und Ideale auf das praktische, politische Gebiet überzuführen«. Und wenn ihm oft – es muß hier dahingestellt bleiben, ob mit Recht oder Unrecht – der Vorwurf gemacht worden ist, daß er den Lorbeerkranz Goethes und Schillers allzu einseitig zerzaust habe, so ist er in richtigem Instinkte seinem Lessing mit geringerem Verständnisse, aber kaum mit geringerer Liebe zugetan als Heine. Lessing ist ihm »der eigentliche Beschwörer des jungen Geistes, der Deutschland erneute«; Lessing stellt »in allen Teilen« den revolutionären Charakter der klassischen Literatur dar, und wie treffend wird der Kampf seines Lebens noch von Gervinus geschildert in den Worten: »Wenn man seinem unsteten Leben folgt, so schlösse man leicht auf einen unruhigen Menschen, dem es nirgends wohl war als auf der Straße, aber sieht man näher zu, so war das Ganze seiner menschlichen Charakterbildung notwendig in dieser Eigenheit bedingt, und durch alle seine Kreuz- und Querzüge schlingt sich ein roter Faden hindurch. Es ist die ewige Widersetzlichkeit gegen den faulen Schlendrian der deutschen Kleinmeisterei und die Armseligkeit des deutschen Gelehrtenlebens, das fortwährende Ringen eines freien Geistes gegen die vielfachen Hemmnisse der herkömmlichen Verhältnisse und Bildung.« Es sei gestattet, gleich danebenzustellen, was Herr Erich Schmidt über das gleiche Problem zu sagen hat. Zunächst orakelt er von Lessings »dämonischer(!) Rastlosigkeit«. Dann behauptet er, Lessing sei durch das »Elend« des »innerlich heruntergekommenen« Vaters der »seinem Leben und Wirken eigentümlichen Hast in die Arme« geworfen, »welche in keiner Lage, an keinem Orte, bei keiner Beschäftigung ruhig und geduldig verweilen mag«. Endlich wird als Ursache dafür, daß Lessing »nie bei der Stange« blieb, angegeben seine »Unfähigkeit, eine umfassende Arbeit reinlich abzuschließen«. Ja, für die sauberen Herren, die mit ihren dicken Folianten voll Loyalität und Patriotismus niemals den richtigen Ab- und Anschluß verfehlen, war Lessing ein ganz unreinlicher Trödelhans. Erich Schmidt, Lessing, 1, 4, 10, 377. Herrn Schmidts Urteil über Lessings Vater ist um so ungerechter, als der Pastor primarius von Kamenz das einzige Mitglied der Familie ist, das eine gewisse Ähnlichkeit mit Gotthold Ephraim zeigt. Dagegen stellen die beschränkte Mutter, die verkümmerte Schwester und namentlich auch die Brüder, der trockene Schulfuchs Theophilus, der versauerte Bürokrat Gottlob Samuel und der unerträgliche Schwätzer Karl Gotthelf lauter Prachttypen des deutschen Philistertums dar. Ihre Briefe zeigen denn auch klärlich, daß die Familie für Lessing im kleinen dasselbe Kreuz war wie die Nation im großen.

Mag nun aber auch gegenüber den heutigen Literarhistorikern Gervinus wie ein Riese dastehen, so ist seine Würdigung Lessings doch schon ein beträchtlicher Rückschritt hinter die Auffassung Heines. In Gervinus steckte ein gutes Stück Philister; er überhäufte Börne und Heine mit gehässigen Schmähungen, um sich selbst auf den Atta Troll der Gesinnung und Sittlichkeit hinauszuspielen. Gervinus, Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts, 8, 180 ff. So trägt er in Lessing manches hinein, wovon dessen freie Seele nichts gewußt hat; der kriegerische Ton der Literaturbriefe, ihr eroberndes Ungestüm soll von den Einwirkungen des Siebenjährigen Krieges »nicht frei« sein! In diesem Zusammenhange wird denn auch Goethes »berühmte Stelle« angezogen und die »schlagartige Wirkung« jenes Krieges auf das geistige Leben in Deutschland gepriesen. Ja, in einem umfangreichen Kapitel schildert Gervinus »Preußens Teilnahme an der poetischen Literatur«, wobei Gleim und Ramler als Chorführer mit einem höchst seltsamen Gefolge fragwürdiger Gestalten aufmarschieren. Gleichwohl ist das bürgerliche Bewußtsein in Gervinus doch noch trotz aller philisterhaften und professoralen Verschnörkelung viel zu lebendig, als daß er nicht gelegentlich wieder mit den Geständnissen herausplatzen sollte, in Wahrheit habe Ramler von den Gaben der Muse nichts besessen, Gleim sei ein guter Mann gewesen, aber auch nicht mehr, und es sei ein Spott, zu sehen, wie der »ruhmreiche Schlesische Krieg« nichts Wichtigeres hervorgerufen habe als die sogenannte Bardendichtung, die Gervinus mit Recht bedeutungslos und hohl nennt. An diesem Zwiespalte, der schon durch seine Literaturgeschichte geht und ihn die Gestalt Lessings schließlich doch nur wie in einem Zwielicht erkennen läßt, ist Gervinus selbst untergegangen. Er hatte zuviel bürgerlichen Idealismus, um nach der großen Enttäuschung von 1848 wie sein Freund Mathy im Bank- und Börsenspiele sich zu trösten, und zuviel bürgerliches Selbstbewußtsein, um wie sein Freund Dahlmann auf die Manteuffelei das geflügelte Wort der »rettenden Tat« zu prägen; er sagte vielmehr der Monarchie um ihrer gehäuften Sünden willen ab und hoffte offen auf den »Medeenkessel der Revolution«, worin allein sich die Glieder Europas verjüngen könnten. So trafen ihn die Kriege von 1866 und 1870 allerdings mit »schlagartiger Wirkung«, und seine ohnmächtigen Proteste, wunderliche Mischungen von bürgerlicher Beschränktheit und Ehrbarkeit, machten ihn zum Spotte der Bismärckischen Troßbuben, die an dem sterbenden Manne eine mehr als grausame Rache für das nahmen, womit er sich an Börne und Heine vergangen hatte. Selbst ein so gebildeter Schriftsteller der Bourgeoisie wie Karl Hillebrand konnte nicht umhin, auf das frische Grab von Gervinus eine Ladung von Schmähungen abzufeuern: »Ein Schriftsteller ohne Stil, ein Gelehrter ohne Methode, ein Denker ohne Tiefe, ein Politiker ohne Voraussicht, ein Mensch ohne Zauber oder Macht der Persönlichkeit«, und so achtzig Seiten lang. Siehe Karl Hillebrand, Zeiten, Völker und Menschen, 2, 205 ff. Bezeichnend genug läßt Hillebrand diesem literarischen Schlachtfest einige Lobgesänge auf Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche in seinem Sammelwerke folgen. Um der Philosophie der spießbürgerlichen Rente und der Philosophie des ausbeuterischen Kapitalismus freie Bahn zu schaffen, mußte der letzte Rest des bürgerlichen Idealismus mit Knütteln totgeschlagen werden. – Wegele, Geschichte der deutschen Historiographie, 1069, spricht von einem »wunderlichen Motiv«, aus dem die Literaturgeschichte von Gervinus entstanden sei, Ranke, »Historische Zeitschrift«, 27, 13, in demselben Zusammenhange von einer »außerordentlichen Behauptung«. Den Satz von Gervinus, daß »der Geschichte im großen ein gesetzlicher Lauf geordnet« sei, nennt Ranke eine »trostlose Ansicht der menschlichen Dinge, durch die sich der Historiker in seinen Studien gelähmt und tief herabgedrückt fühlen« müsse. Natürlich! Nach Ranke und seiner Schule »machen« die Könige, die Diplomaten und die Generale die »Geschichte«. Das begeistert den Historiker und hebt ihn hoch. In jenem Gegensatze zwischen Gervinus und Ranke spiegelt sich ein wahrhaft »trostloser« Verfall der bürgerlichen Geschichtsschreibung.

Als Gervinus über Lessing schrieb, gab es noch keine Lessing-Forschung im engeren Sinne des Worts. Karl Gotthelf Lessing war als Biograph ebenso liederlich und zerfahren wie als Herausgeber, und sein Schalten mit dem Erbe Gotthold Ephraims erschien bereits den Zeitgenossen so abstoßend, daß die »Xenien« ihre Geißel über den »lieblosen Bruder« schwangen. Die Biographie ist neuerdings in der Universalbibliothek von Reclam Nr. 2408 f. wieder von Otto F. Lachmann herausgegeben worden. Mit dankenswerten, aber leider nicht ausreichenden Kürzungen. Die Betrachtungen Karl Gotthelfs sind das hohlste Gerede von der Welt; und seine tatsächlichen Mitteilungen, die sich als eiserner Bestand aus einer Biographie in die andere zu schleppen pflegen, bedürfen nachgerade auch sehr einer kritischen Prüfung. An einem besonders wichtigen Punkte werden wir weiterhin noch seine Unzuverlässigkeit aufzeigen. Erst in den Jahren 1838 bis 1840 besorgte Lachmann seine wissenschaftliche Ausgabe von Lessings Werken, die auch oder vielmehr gerade von denen, welche sie in Einzelheiten zu verbessern und zu vermehren verstanden haben, stets als ein Meister- und Musterwerk gefeiert worden ist. Auf diesem Grunde erwuchs dann die erste wissenschaftliche Lessing-Biographie, deren erster Band mit einer Widmung an Lachmann 1850 von Danzel herausgegeben wurde. Sie steht in einem gewollten Gegensatze zu der historischen Auffassung von Gervinus. Danzel war ein deutscher Gelehrter der alten guten Art, anspruchslos, bescheiden, formlos, so arm, daß er sich als Privatdozent in Leipzig den Lebensunterhalt durch das Übersetzen französischer Schmöker erwerben mußte, und dabei von einem so eisernen Fleiße, daß er bei seinem im dreiunddreißigsten Lebensjahre an der Schwindsucht erfolgten Tode außer einer Reihe kleinerer Schriften zwei große literargeschichtliche Werke hinterließ, eins über »Gottsched und seine Zeit« und dann die Lessing-Biographie, deren zweiten Band auszuarbeiten ihm leider nicht mehr vergönnt war. Herr Erich Schmidt hat die Güte, aus seinen »glücklicheren Tagen« auf das »entbehrungsreiche Streben« Danzels »mit Wehmut« zurückzuschauen, und wir würden diese edelmütige Regung zu schätzen wissen, wenn wir anders sicher wären, daß Literarhistoriker, die in einer Lessing-Biographie, wie Danzel es getan hat, den Siebenjährigen Krieg bei seinem richtigen Namen eine dynastische Rauferei um eine Provinz nennen, heute »glücklichere Tage« im Sinne des Herrn Schmidt sehen würden. Doch dies nebenbei.

Was Gervinus über Danzels »Mangel an historischem Sinn« sagt, hat eine gewisse Berechtigung. Sicherlich ist ein bestimmtes Geisteswerk bis auf seinen letzten Grund nur zu erklären aus den politischen und sozialen Zuständen, in denen sein Verfasser lebte. Vorausgesetzt, daß man die Fähigkeit und den Willen hat, diesen Zuständen auf den Grund zu gehen. Fehlt diese Voraussetzung oder ist sie in zu beschränktem Maße vorhanden, so wird aus der literarischen Geschichte mehr oder weniger eine literarische Legende, und dieser »historischen« Methode ist denn allerdings die philosophische Methode Danzels vorzuziehen, der ursprünglich Hegelianer war und auf metaphysisch-spekulativem Wege das Leben und Wirken Lessings als einen Teil der deutschen Geistesgeschichte zu verstehen suchte. Er gibt zwar nur bedingte Wahrheit, aber immer doch Wahrheit. Wenn er beispielsweise ausführt, daß Lessing einen eigenen Standpunkt mit Hilfe der englischen Literatur gewonnen habe, aber hinzufügt, es heiße die Sache auf den Kopf stellen, wenn man dabei »gemeiniglich vor allen Dingen« an Shakespeare denke, Shakespeare komme darin gerade zuallerletzt an die Reihe, so ist die Bemerkung unzweifelhaft richtig, und sie trägt unendlich viel mehr zur Erkenntnis von Lessings Geiste bei als das landläufige »nationale« Schlagwort, daß Lessing die französische Fremdherrschaft über den deutschen Geist vernichtet und an dem »stammverwandten« Genius Shakespeares die deutsche Literatur genährt habe. Aber erklären kann Danzel den Grund der von ihm erkannten Tatsache nicht, und so räsoniert er eine ziemliche Ecke ins Feld hinein über »normannische Ritterlichkeit und sächsische Kernhaftigkeit« sowie darüber, daß auch von der antiken Literatur erst die jüngeren und dann die älteren Schriftsteller als Muster betrachtet worden seien, was alles dem »gebildeten« Leser von heute freilich viel abstruser vorkommen mag als ein »runder Paragraph« aus der eleganten und nationalen Feder des Herrn Erich Schmidt.

In dem Lichte der wissenschaftlichen Erkenntnis, das der materialistischen Geschichtsauffassung von Marx und Engels entfließt, ist nun sofort zu erkennen, weshalb Lessing als der erste bürgerliche Schriftsteller in Deutschland sich einen selbständigen Standpunkt durch die Hilfe der englischen, und zwar der zeitgenössischen englischen Literatur erworben hat. Denn die bürgerlichen Klassen in Deutschland besaßen noch kein Leben, worauf eine literarische Darstellung fußen konnte, was Lessing, wenn er es bei reiferem Alter nicht schon von selbst erkannte, jedenfalls bei einem Blick in seine eigene Jugendpoesie erkennen mußte. Er mußte sich also an ausländische Muster anlehnen, und da bot sich ihm in verhältnismäßig reichster Entwicklung das Leben und die Literatur der bürgerlichen Klassen in England. Er schöpfte demgemäß für sein erstes selbständiges Dichtwerk, die Miß Sara Sampson, die Motive halb aus einem bürgerlichen Roman von Richardson und halb aus einem bürgerlichen Drama von Lillo; an Shakespeare kam er aber gerade zuallerletzt, nicht aus einer ästhetischen Geschmacksverirrung, sondern weil Shakespeare – aus Gründen, die sich wiederum erklären aus dessen sozialer Stellung als Schauspieler und Schauspieldichter in einer Zeit, wo das Theater von den bürgerlichen Klassen heftig verfolgt wurde – mit den Vertretern dieser Klassen verzweifelt wenig Federlesens macht. Ein soziales Moment also erklärt Lessings Anlehnung an bestimmte englische Muster, und eben dieses Moment erklärt auch seine Stellung zur französischen Literatur. Es ist fast unbegreiflich, wie Lessing immer wieder zum Typus eines Franzosenhassers gemacht werden kann gegenüber der Tatsache, daß er selbst dem Franzosen Diderot den stärksten Einfluß auf die Bildung seines Geschmacks eingeräumt hat. Er haßte und vernichtete kritisch das Muster der französischen Poesie, aber nicht weil es französisch war, sondern insoweit er darin ein falsches, höfisches, entartetes und den Geschmack des deutschen Bürgertums verseuchendes Muster sah; der bürgerlichen Literatur der Franzosen, die ihm darin allein eine Quelle zweiter Hand war, daß sie sich auch erst aus dem englischen Einfluß ableitete, stand er deshalb nicht weniger wahlverwandt gegenüber. Am klarsten tritt dies Verhältnis hervor, wo sich in einer Person das vereinte, was Lessing an der französischen Literatur bekämpfte und liebte. So scharf er die höfische Dichtung Voltaires zerfleischte und sosehr er geneigt war, der Person Voltaires eher zuviel als zuwenig zu tun, so willig ist er diesem großen Schriftsteller überall da gefolgt, wo Voltaire den bürgerlichen Klassen vorankämpfte.

Überhaupt ist Lessings ganzer nationaler Standpunkt nur aus seiner sozialen Stellung zu verstehen. Wenn Treitschke erklärt, daß Lessing auf einem Gebiete »jene ärmeren Geister« – nämlich: die beiden berühmten Männer Gleim und Ramler – »um ihren Reichtum beneiden konnte: sie waren reicher um die große Empfindung der Vaterlandsliebe«, so ist das falsch. Denn Lessing hat, so namentlich in der Hamburgischen Dramaturgie, über die deutsche Zerrissenheit mit einer Tiefe und Wärme der Empfindung gesprochen, welche Gleim und Ramler, die in dem Anreimen ihres angestammten Teilfürsten ihre höchste Beseligung fanden, nicht einmal zu ahnen vermochten. Und wenn Herr Erich Schmidt »das Heil der deutschen Dichtung und des gesamten geistigen Lebens an die Fahne des aufsteigenden preußischen Staats geheftet« sein und demgemäß Lessing von Sachsen nach Preußen übersiedeln läßt, so ist das wiederum falsch. Denn von einer derartigen »Liebe des Vaterlandes« hatte Lessing, der weder Sachse noch Preuße sein wollte, »keinen Begriff«, und sie schien ihm »aufs höchste eine heroische Schwachheit«, die er recht gern entbehrte. Mit einem Worte: Lessing empfand auch in dieser Frage als der rechte Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen, deren elende Zustände sich mit der deutschen Zerrissenheit gegenseitig bedingten und denen erst die nationale Einheit eine große Zukunft verhieß.

Um nun aber, auf die Lessing-Biographie von Danzel zurückzukommen, so wird die Erläuterung dieses einen Gesichtspunktes schon zur Genüge zeigen, was es mit ihrem »Mangel an historischem Sinn« auf sich hat. Er ist gewiß vorhanden, doch fragt es sich, ob er bei der besonderen Ausbildung des »historischen Sinnes« in der seitherigen Lessing-Forschung nicht in einen Vorzug umgeschlagen ist. Bei der Erläuterung der urkundlichen Tatsachen gerät Danzel oft auf spekulative Irrwege, aber die Tatsachen selbst hat er sorgfältig gesammelt und gesichtet, und er teilt sie so unbefangen und voraussetzungslos, so ohne allen preußischen oder sächsischen oder lippe-detmoldischer Patriotismus mit, daß sein Buch als wissenschaftliches Quellwerk in der Lessing-Literatur noch nicht wieder erreicht, geschweige denn übertroffen worden ist. An Goethes »berühmter Stelle« wagt Danzel zwar nicht schweigend vorüberzugehen, aber er fertigt sie doch mit einer halb ironischen Verbeugung ab und huldigt sonst von sich aus in keiner Weise der »historischen« Auffassung, daß die deutsche Kultur und Literatur ohne den Siebenjährigen Krieg noch bei Gottsched und Bodmer stünde. Sehr zu bedauern ist nur, daß der zweite Band, den Guhrauer nach den Vorarbeiten Danzels abgefaßt hat, nicht auf der Höhe des ersten steht. Er ist nicht allein viel flüchtiger zusammengestellt, was sich vielleicht daraus erklärt, daß Guhrauer gleichfalls über der Arbeit starb, sondern er macht auch der Lessing-Legende manches bedenkliche Zugeständnis.

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