Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Mehring >

Die Lessing-Legende

Franz Mehring: Die Lessing-Legende - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
authorFranz Mehring
titleDie Lessing-Legende
publisherVerlag Das neue Wort
year1953
firstpub
translator
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130909
projectid5322cf3c
wgs
Schließen

Navigation:

Erster Teil. Kritische Geschichte der Lessing-Legende

I. Lessing und die Bourgeoisie

Unter den großen Denkern und Dichtern des deutschen Bürgertums hat keiner im Leben tatsächlich ein schwereres, nach seinem Tode anscheinend ein glücklicheres Los gezogen als Lessing. Sein Andenken wird von den bürgerlichen Klassen gepflegt wie eine seltenste Blume im Treibhause. Es gibt zwei wissenschaftliche Ausgaben seiner Werke von hohem Werte; die bahnbrechende von Lachmann erscheint eben in dritter Auflage; die spätere, welche Groß, Redlich, Schöne und andere für den Verlag von Hempel besorgt haben, enthält neben einem sorgfältig geprüften und vermehrten Text eine Fülle erläuternden Stoffs für die Briefe und einen großen Teil der Schriften. Die Zahl populärer Ausgaben ist fast schon nicht mehr zu übersehen.

Dazu kommt eine kleine Bibliothek von Biographien, darunter neben manchem Schunde zwei große, wissenschaftliche Werke, ferner eine populärwissenschaftliche Darstellung, die in neun Auflagen verbreitet ist, endlich zwei englische Biographien, deren jede einen Übersetzer ins Deutsche gefunden hat. Der Schriften aber, die sich teilweise mit Lessing beschäftigen oder einzelne Seiten seines Geistes und Wirkens beleuchten, ist wiederum Legion. Wie sehr Lessing der Held der bürgerlichen Presse ist, braucht nun gar erst nicht hervorgehoben zu werden. Hier darf man wirklich sagen: Lessing und kein Ende! Kurz, vom altkatholischen Bischof Reinkens bis zu den Gelehrten des »Berliner Tageblatts« ist alles ein Herz und eine Seele über »seinen« oder »unsern« Lessing.

Es fehlt freilich auch nicht an abweichenden Stimmen, aber sie fallen nicht sonderlich schwer ins Gewicht. Das Lessing-Pamphlet von Dühring ist ein nur für den Verfasser bedauerliches Machwerk; es steht noch unter Paul Albrechts auf zehn Bände angelegtem Werke »Lessings Plagiate«, das Lessings Lebensarbeit als einen großen Diebstahl nachweisen will, aber in der Lösung dieser erhebenden Aufgabe wenigstens für den Kleinkram der Lessing-Forschung manchen nützlichen Fingerzeig beibringt. Daneben ist Lessing auch – und mit Recht! – einer gewissen Abart von »Naturalisten« ein Dorn im Auge, jener Abart nämlich, die sich mit Vorliebe in den unsauberen Abfall der kapitalistischen Wirtschaft vergräbt und im Haushalte der heutigen Bourgeoisie die Rolle jener Sklaven spielt, die den Schlemmern des versinkenden Römerreichs nach jedem Gange ein Vomitiv zu reichen hatten, um ihnen für den nächsten Gang einen künstlichen Appetit zu erzeugen. Aber alle diese Anfeindungen Lessings sind einzelne Späne, die den großen Strom des Lessing-Kultus nicht dämmen, sondern von ihm nur fortgeschwemmt werden.

Gälte dieser Kultus dem wahren Lessing, er wäre ein hohes Ehrenzeugnis des heutigen Bürgertums. Denn Lessings Werke bieten nichts, was einen Modegeschmack anziehen könnte; sie bieten selbst nur wenig, was sich die landläufige Bildung einfach anzueignen brauchte, um damit prunken zu können. Lessings Ästhetik und Kunstkritik, seine Philosophie und Theologie sind heute überholt. Überholt, weil er selbst die Bahn brach, worauf andere um so schneller zum Ziele gelangen konnten, aber deshalb nicht weniger überholt. Selbst mit Nathan und Tellheim empfinden wir nicht mehr so wie mit Faust und Tell. Was Goethe von Winckelmann sagt: »Wenn bei sehr vielen Menschen, besonders aber bei Gelehrten, dasjenige, was sie leisten, als die Hauptsache erscheint und der Charakter sich dabei wenig äußert, so tritt im Gegenteil bei Winckelmann der Fall ein, das alles dasjenige, was er hervorbringt, hauptsächlich deswegen merkwürdig und schätzenswert ist, weil sein Charakter sich immer dabei offenbart«, das gilt in noch höherem Grade von Lessing. Unter den geistigen Vorkämpfern des deutschen Bürgertums war Lessing nicht der genialste, aber der freieste und wahrhaftigste und vor allem der bürgerlichste; was immer wieder an seine Schriften fesselt, auch an die totgeborenen oder längst abgestorbenen, ist der Charakter dessen, der sie schrieb. Ehrlichkeit und Mannhaftigkeit, eine unersättliche Begierde des Wissens, die Lust mehr noch am Trachten nach der Wahrheit als an der Wahrheit selbst, die unermüdliche Dialektik, die jede Frage kehrte und wandte, bis ihre geheimsten Falten offenlagen, die Gleichgültigkeit gegen die eigene Leistung, sobald sie einmal vollbracht war, die großartige Verachtung aller weltlichen Güter, der Haß gegen alle Unterdrücker und die Liebe zu allen Unterdrückten, die unüberwindliche Abneigung gegen die Großen der Welt, die stete Kampfbereitschaft gegen das Unrechte, die immer bescheidene und immer stolze Haltung in dem verzehrenden Kampfe mit dem Elend der politischen und sozialen Zustände – alles das und wie manches andere Erhebende und Erquickende noch! spiegelt sich in Lessings Briefen und Schriften.

Aber man braucht diese Eigenschaften nur aufzuzählen, um zu erkennen, daß Lessings Charakter im schroffsten Gegensatze steht zu dem Charakter der deutschen Bourgeoisie von heute. Zaghaftigkeit und Zweizüngigkeit, eine unersättliche Begierde nach Gewinn, die Lust am Jagen nach Profit und mehr noch am Profite selbst, die geistige Selbstgenügsamkeit, die sich an ein paar Schlagworten als an der irdischen Weisheit letztem Schlusse genügen läßt, der Humbug eines unendlich verzweigten Cliquen- und Reklamewesens, die unglaublichste Überschätzung alles irdischen Tandes, das Ducken nach Oben und das Drücken nach Unten, ein unausrottbarer Byzantinismus, das stete Totschweigen auch des schreiendsten Unrechts, die immer prahlerische und immer schwächliche Haltung in den politischen und sozialen Kämpfen der Gegenwart – das sind ihre kennzeichnenden Eigenschaften. Und so scharf und stechend ist dieser Gegensatz, daß immer noch, wenn der Lessing-Kultus der Bourgeoisie sich in schäumendem Überschwange brechen wollte, bürgerliche Schriftsteller, die ihren Lessing kannten und liebten, in einen Schrei der Entrüstung ausbrachen. So fragte Xanthippus-Sandvoß, als 1886 bei der Eröffnung der sogenannten Jubiläums-Kunstausstellung in Berlin die »National-Zeitung« den schnöden Byzantinismus von sich gegeben hatte, »Goethe und Lessing« wüßten »von dem gewaltigen und grundlegenden Einflüsse Friedrichs des Großen auf die deutsche Literatur« zu erzählen: »Müssen wir nicht tagtäglich erleben, wie der Name Lessings im Parteihader unnützlich geführt wird? Fühlt man sich nicht hundertmal aufgelegt, im Interesse der Manen des großen Entschlafenen gegen solchen Mißbrauch Protest einzulegen? Ist es nicht widerlich zu sehen ..., wie Leute, die keine Ahnung von dem hohen deutschen Wahrheitssinne des Mannes, die nur Verständnis für die ordinärste Reklame, das verlogenste Selbstlob und für das haben, was Lessingen selber zu allen Zeiten das gleichgültigste von der Welt war, das eigene Fortkommen, wie solche von ihm reden, als sei er von ihren Leuten einer?« Xanthippus, Berlin und Lessing, Friedrich der Große und die deutsche Literatur. Das treffliche Schriftchen ist natürlich von der bürgerlichen Presse totgeschwiegen worden. Eine ausführliche Besprechung in der »Neuen Zeit«, 6, 320 ff. Und als im Oktober 1890 das Lessing-Denkmal in Berlin enthüllt wurde durch eine bombastische Festrede des Professors Schmidt und unter dem tönenden Posaunenschalle der Bourgeoispresse, da schrieb die »Kreuz-Zeitung« fast noch beißender: »Wenn der Oberpastor Goeze heute auferstände, wir würden ihm zur Seite stehen. Das wäre unser Recht und unsere Pflicht ... Lessings Aufrichtigkeit fechten wir darum nicht an. Sie erhebt ihn turmhoch über die meisten von denen, die sich in seinem Ruhme spiegeln. Professor Schmidt hätte das bedenken sollen, als er gerade jetzt – die Welt weiß, was gemeint ist – von Lessing rühmte, daß er dem deutschen Schriftstellerstande den Nacken gesteift. Was er erreicht, davon hat der Fall Lindau ein erbauliches Beispiel gegeben! ... Lessing hat auf Erden nie das gesehen, was man Glück zu nennen gewohnt ist, aber nach seinem Tode ist es ihm beschieden: Er brauchte den Tag nicht zu erleben, da man ihm ein Denkmal errichtet hat. Wenn er heute in Berlin wirkte, er würde von denselben Leuten wie Luft behandelt werden, die ihm jetzt, da er in Marmor gekleidet auf uns herniederblickt, nicht Weihrauch genug zu streuen wissen.« Es sei genug an diesen bürgerlichen Zeugnissen für die Tatsache, daß der Lessing-Kultus der Bourgeoisie nicht aus der Gleichheit des Charakters erwächst. Wenden wir uns nunmehr der Frage zu, worin er denn sonst wurzelt?

Vornehmlich in zwei Ursachen. Erstens in Lessings Stellung zur Judenfrage seiner Zeit. Zwar war die damalige Judenfrage eine ganz andere, als die heutige Judenfrage ist, und Lessings Judenfreundschaft hat mit dem heutigen Philosemitismus nicht mehr zu schaffen als die Menschenfreundschaft, jene Lieblingsvorstellung unseres humanitären Zeitalters, mit dem Kapitalismus der Gegenwart. Lessing schützte die Juden, wie er allen Unterdrückten und Verfolgten, mochten sie sonst sein, wie sie wollten – und er hat die Schattenseiten des jüdischen Charakters nie verkannt –, nicht bloß mit Redensarten, sondern auch mit Taten beisprang. In dem letzten Briefe, den er, selbst schon todkrank, an Moses Mendelssohn schrieb, empfahl er diesem seinem würdigsten jüdischen Freunde einen andern jüdischen Freund, der sich in unrühmlichster Weise bekanntgemacht hat, als einen »Unglücklichen« mit den Worten: »Es ist nicht wahr, daß der Unglückliche ganz unschuldig ist. An Klugheit hat er es wohl immer fehlen lassen. Eigentlich heißt er Alexander Daveson, dieser Emigrant; und daß ihm. unsere Leute auf Verhetzung der Ihrigen sehr häßlich mitgespielt haben, das kann ich ihm bezeugen. Er will von Ihnen nichts, lieber Moses, als daß Sie ihm den kürzesten und sichersten Weg nach dem europäischen Lande vorschlagen, wo es weder Christen noch Juden gibt. Ich verliere ihn ungern; aber sobald er glücklich da angelangt ist, bin ich der erste, der ihm folgt.« Eine solche Gesinnung ist durch eine Welt unterschieden von dem heutigen Philosemitismus. Aber je länger die Leporellolisten wurden, worauf die Antisemiten die »Aussprüche aller großen deutschen Männer von Luther bis auf Bismarck« gegen die Juden ins Feld führten, um so heftiger warfen sich die kapitalistischen Philosemiten der deutschen Bourgeoisie auf den einen Lessing, der darin größer war als alle großen Männer, daß er über dem Unglück und dem Unrecht stets die Schuld vergaß.

Noch bedeutsamer wurde eine andere Quelle des Lessing-Kultus. Die deutsche Bourgeoisie ahnte schon vor 1848 und erkannte vollends nach 1848, daß sie als ein Spätling in die Weltgeschichte getreten sei und aus eigener Kraft niemals die Herrschaft erobern könne. In dem Gothaertum und dem Nationalverein erklärte sie sich bereit, mit den Bajonetten des preußischen Staats zu teilen. Dagegen ahnte der preußische Staat schon vor 1848 und erkannte vollends nach 1848, daß er seine ostelbische Waldursprünglichkeit ein wenig modernisieren müsse, wenn er das westliche und südliche Deutschland wirklich verspeisen wolle. So entstand nach den freundnachbarlichen Mißverständnissen der Konfliktsjahre das Kompromiß von 1866, aus dem das neue Deutsche Reich hervorging. Aber nun galt es für die deutsche Bourgeoisie, ihre reelle Gegenwart mit ihrer ideellen Vergangenheit auszusöhnen, aus dem Zeitalter unserer klassischen Bildung ein Zeitalter Friedrichs des Großen zu machen. Die Aufgabe war verteufelt schwer. Denn gerade die geborenen Preußen unter den großen Denkern und Dichtern des deutschen Bürgertums, der Altmärker Winckelmann, der Ostpreuße Herder hatten mit einem Fluch und einem Steinwurf ihre Heimat verlassen; Herders »Reich des Pyrrhus« und gar Winckelmanns »Schinder der Völker« spotteten jeder Mohrenwäsche. Der einzige Sündenbock, der diesem ideologischen Bedürfnisse der Bourgeoisie geschlachtet werden konnte, war Lessing. Er, der geborene Sachse, hatte einen großen, wenn nicht den größten Teil seiner schaffenden Zeit freiwillig in Preußen verlebt; ein halbes Jahrzehnt lang war er der Sekretär eines preußischen Generals gewesen, noch dazu im Siebenjährigen Kriege; er hatte ein preußisches Soldatenstück geschrieben; die Berliner Aufklärer waren seine ältesten Freunde. König Friedrich hatte sich um Lessing zwar nicht gekümmert, oder er hatte ihn gar mißhandelt, allein in der Nacht jener glücklichen Unwissenheit, worin alle Katzen grau sind, waren die »geistesbefreienden« Tendenzen beider Männer doch die gleichen; ja, wenn Lessing wirklich von Friedrich mißhandelt worden war, so gab er dadurch, daß er der »Gerechtigkeit« des Königs in dem »schönsten deutschen Lustspiel« ein »ewiges Denkmal« setzte, nur ein um so leuchtenderes Muster deutscher Untertanentreue.

So entstand der Lessing-Kultus der Bourgeoisie, und aus ihm die Lessing-Legende. Nicht als ob damit gesagt sein sollte, daß diese Legende auf einer absichtlichen und planmäßigen Fälschung beruhte. So entstehen historische Legenden niemals; wenigstens soweit sie eine gewisse Kraft und Zähigkeit entwickeln, sind sie immer nur der ideologische Überbau einer ökonomisch-politischen Entwicklung. Vor einer flachen und rohen Auffassung der Lessing-Legende schützt schon die Tatsache, daß kein Geringerer als Goethe ihren ersten Keim gepflanzt hat, daß revolutionäre Köpfe wie Lassalle ihrem Einfluß bis zu einem gewissen Grade unterlegen sind. Wir sind weit entfernt, den Lessing-Biographen und Lessing-Forschern den Vorwurf der bewußten Fälschung zu machen. Das wäre eine ganz sinnlose Verdächtigung nicht nur gegenüber den Lebenden, sondern namentlich auch gegenüber den Toten, die, wie ein Danzel und ein Lachmann, von dem echtesten und ehrenwertesten Gelehrtenfleiße beseelt gewesen sind. Ja, wir sprechen nicht einmal den armen Schluckern vom »Berliner Tageblatt« und von der »National-Zeitung« den guten Glauben ab, wenn sie sich für Lessinge halten oder sich einbilden, daß Gotthold Ephraim, wie Sandvoß es ausdrückt, »einer von ihren Leuten« gewesen sei. Auch ihnen kommt Lessings schönes Wort zugute, es sei nicht wahr, aus keinem geringeren Grunde, als weil es nicht möglich sei, daß jemals ein Mensch wissentlich und vorsätzlich sich selbst verblendet habe. Aber so scharf immer die subjektive Fälschung ausgeschlossen sein mag, so völlig unbestreitbar ist es, daß die objektive Fälschung der Lessing-Legende das Bild dieses edlen und tapferen Mannes immer mehr zu einer häßlichen Fratze verunstaltet. Ein Revolutionsgenie sei Lessing, so schrieb Gervinus in den dreißiger Jahren. Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung, 4, 292, vierte Auflage. Und in den sechziger Jahren schrieb Treitschke: ein Reformator, wie der maßvollen Natur des Künstlers geziemt, nicht ein Revolutionär. Treitschke, Historische und politische Aufsätze, 1, 62, vierte Auflage. Und in den neunziger Jahren schreibt Erich Schmidt: kein Reformator, sondern ein Reformer, ein Liberaler, ein »schneidiger, aggressiver Berliner« (Reserveleutnant?). Erich Schmidt, Lessing. Geschichte seines Lebens und seiner Schriften, an verschiedenen Stellen. Und sollte nach dreißig Jahren die kapitalistische Gesellschaft noch auf ihren Füßen stehen, so wird der alsdann »aktuellste« Lessing-Forscher wohl erklären: kein Reformer, sondern ein Nichts-als-Freihändler! Das ist so wenig übertrieben, daß der negative Beweis für diese Behauptung sogar schon geliefert und Lessing als Sozialistentöter enthüllt worden ist. Stahr, G. E. Lessing. Sein Leben und seine Werke, 2, 326, neunte Auflage. »Unwiderlegliche Zurückweisung des Kommunismus«, nämlich in den Gesprächen von Ernst und Falk über die Freimaurerei.

Eine kritische Zergliederung der Lessing-Legende ist der Zweck der vorliegenden Arbeit. Gewiß, es wäre die gründlichste Rettung Lessings aus den Philisternetzen der Bourgeoisie, wenn die strahlende Hoheit seines Lebens und seines Lebenswerks in einer positiven Darstellung widergespiegelt würde. Allein eine solche Darstellung ist erst möglich, wenn das achtzehnte Jahrhundert aus dem ideologischen Fabeln- und Märchenwuste herausgeschält und auf seine ökonomischen Füße gestellt sein wird. Dann wird eine Geschichte unserer klassischen Literatur, die in ihren bürgerlichen Formen nichts als ein verworrenes Durcheinander von mehr oder minder geistreichen Ansichten, Meinungen und Mutmaßungen ist, überhaupt erst möglich sein. Einstweilen muß eine Rettung Lessings in jenem bescheidenen Sinne genügen, den er selbst mit den Worten verband: »Ich kann mir keine angenehmere Beschäftigung machen, als die Namen berühmter Männer zu mustern, ihr Recht auf die Ewigkeit zu untersuchen, unverdiente Flecken ihnen abzuwischen, die falschen Verkleisterungen ihrer Schwächen aufzulösen, kurz, alles das im moralischen Verstande zu tun, was derjenige, dem die Aufsicht über einen Bildersaal anvertrauet ist, physisch verrichtet.« Immerhin: Da eine Rettung Lessings auch in diesem beschränkten Sinne nicht möglich ist ohne eine Reihe von Abschweifungen in das literarische und soziale, militärische und politische Leben des achtzehnten Jahrhunderts, so gelingt es vielleicht doch, in der kritischen Auflösung des bourgeoisen Lessing-Zerrbildes die allgemeinen Grundzüge des wahren Lessing-Bildes wenigstens durchscheinen zu lassen.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.