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Die Lessing-Legende

Franz Mehring: Die Lessing-Legende - Kapitel 23
Quellenangabe
typetractate
authorFranz Mehring
titleDie Lessing-Legende
publisherVerlag Das neue Wort
year1953
firstpub
translator
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130909
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XI. Lessing und das Proletariat

Um Lessings Todesjahr bewegen sich in scharf ab- und aufsteigendem Gegensatze drei literarische Erscheinungen.

Das Pamphlet des Königs Friedrich über die deutsche Literatur zog aller Welt erkennbar die unüberschreitbare Grenzscheide zwischen deutschem Geistesleben und preußischem Despotismus. Man darf sich darüber nicht täuschen lassen durch die dreisten Byzantinismen, womit die heutigen Literarhistoriker das öde Machwerk in ein besseres Licht zu stellen suchen: »unbeschreiblich rührend« nennt es Scherer, und Suphan macht den höfischen Knicks: »Gegen den Eigensinn des großen Königs war nichts zu machen, er gehörte eben mit zu seiner Größe.« Suphan, Friedrichs des Großen Schrift über die deutsche Literatur, 19. Vergleiche auch die treffliche Kritik Suphans durch Xanthippus-Sandvoß in der »Zeitschrift für vergleichende Literaturgeschichte«, Neue Folge, 2, 482 ff. Freilich die trostlose Geistesleere, die dem Leser aus jeder Seite des Pamphlets entgegenstarrt, mag mit zur »Größe« des Despotismus gehören. Aber wenn dem so sein sollte, dann können die Höflinge der bürgerlichen Geschichtsschreibung doch nicht leugnen, daß zwischen dem aufgeklärten Despotismus und unserer klassischen Literatur ein unversöhnlicher Widerspruch bestanden hat und bestehen mußte, daß Friedrichs Schrift ein Pranger ist für den Humbug der Lessing-Legende. Man muß doch schon mehr Idiot als Patriot sein, um sich von dem sentimentalen Gerede, worin sich Friedrich schließlich über eine künftige Blüte der deutschen Literatur ergeht, zu Tränen rühren zu lassen.

Friedrich ist bis zu einem gewissen Grade durch seine Unwissenheit entschuldigt; er hatte keine blasse Ahnung von der geistigen Entwicklung der bürgerlichen Klassen; dies Armutszeugnis seines alles vorausschauenden Despotismus soll ihm keineswegs vorenthalten werden. Aber unbestreitbar ist auch, daß er einem Kitzel despotischen Größenwahns nachgab, daß er der deutschen Literatur einen blutigen Schimpf zuzufügen beabsichtigte. Der Minister Hertzberg wies ihn in aller schuldigen Devotion, aber immerhin mit hinlänglicher Offenheit auf die größten Böcke der Schrift hin. Allein der König antwortete »ungnädig« genug: »Ich kann an diesen Bagatellen nichts mehr ändern.« So empfanden die Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen das Pamphlet als einen Schlag ins Gesicht. Herder sprach verächtlich von einem Gespenste, das am lichten Tage umgehe, und in zornglühenden Oden kehrte sich Klopstock gegen den Despoten, von dem er vergebens gehofft hatte, er würde »durch den schöneren Lorbeer decken des anderen Blut«. Goethes Antwort auf die Schmähungen des Königs ist denn freilich leider schon an höfischen Rücksichten um die Ecke gegangen; Herder fand »einzelne schöne Gedanken« darin, aber sie tat ihm nicht genug. Von Lessing besitzen wir kein ausgesprochenes Urteil über die Schrift; wir wissen nur, daß er wenige Tage vor seinem Tode die höfisch-schale Gegenschrift des Abtes Jerusalem gelesen hat. Ihm konnte der König, dessen Despotismus er längst bis auf den letzten Grund erkannt hatte, nichts Neues sagen; ihm war es gerade recht, daß die deutsche Muse, wie später Schiller sang, von Friedrichs Thron schutzlos und ungeehrt ging; ihm war es vor allem zu danken, daß sie sich selbst den Wert erschuf. Vergebens aber sucht man aus der etwas apokryphen Äußerung, die Friedrich fünf Jahre später zu Mirabeau getan haben soll, die loyale Folgerung zu ziehen, daß der König auf einem ähnlichen Standpunkt wie Lessing gestanden, daß er die deutsche Literatur sich selbst überlassen habe, weil sie sich so am kräftigsten entwickeln konnte. Gerade der »unbeschreiblich rührende« Schluß seines Pamphlets läuft darauf hinaus, daß die Literatur nur durch die fürstlichen Höfe auf einen grünen Zweig gebracht werden könne. »Lassen Sie uns Mediceer haben, und wir werden Genies erblühen sehen. Die Auguste werden Virgile erzeugen.« Und anders konnte ein Despot wie Friedrich auch gar nicht denken.

In Lessings Todesjahr fällt ferner das Erscheinen von Schillers »Räubern«. Mit seinem genialen Erstlinge nahm Schiller noch einmal Lessings Lebensarbeit gegen die Tyrannen auf. In raschen Schlägen folgte »Fiesko«, folgte »Kabale und Liebe«; sie alle erfüllt von Lessings Geiste und getragen von den Schwingen eines ungleich mächtigeren Dichtertalents. Aber die bürgerlichen Klassen hatten kein Ohr für diesen Mund, der so große Dinge tönte; nach einem glänzenden, doch kurzen Laufe mußte Schiller »des Bürgerlebens engen Kreis« mit einem »höheren Schauplatz« vertauschen, der in Wahrheit ein sehr viel niedrigerer war. Die Versöhnung mit dem deutschen Spießbürgertum pflanzte den Todeskeim in die deutsche Literatur. Langsam, aber unaufhaltsam wandelte sie bergab. Als das Schwert eines fremden Eroberers vollbrachte, was die bürgerlichen Klassen nicht zu vollbringen vermocht hatten, als die napoleonische Fremdherrschaft den ärgsten Schutt vom deutschen Boden räumte, um nun selbst mit unerträglicher Wucht auf allen Klassen der Nation zu lasten, da spiegelte die romantische Dichtung die seltsam zwiespältige Lage der Dinge wider. Die nationalen und die sozialen Interessen des deutschen Bürgertums traten in einen unversöhnlichen Gegensatz; diese Klasse konnte das ausländische Joch nicht abschütteln, ohne sich das einheimische Joch um so tiefer in den Nacken zu drücken. Vergebens suchten sich die Wortführer der Romantik über den klaffenden Abgrund mit angequälter Genialität und der berühmten »Ironie« fortzuschwindeln; vergebens haschten sie in den Literaturen aller Völker und Zeiten nach dem Boden, auf dem sie fußen konnten. Die romantische Dichtung mußte diesen Boden in der »mondbeglänzten Zaubernacht« des Mittelalters suchen; für Deutschland ließen sich nur hier nationale Ideale finden. Aber das Mittelalter war die ausgeprägteste Klassenherrschaft der Junker und der Pfaffen; aus diesem Zwiespalte der nationalen und der sozialen Interessen gab es kein Entrinnen. Der genialste Dichter der Romantik, Heinrich v. Kleist, ging unter in Irrsinn und Selbstmord; ihr volkstümlichster Sänger, Ludwig Uhland, feierte zuerst die minniglichen Königstöchterlein und zuletzt das alte, gute Recht in Schwaben, das in Wirklichkeit ein ganz verfaultes Recht war, wie sehr auch dieser edle Dichter und steifnackige Mann mit der wachsenden Drangsal seiner Klasse über die Romantik hinauswuchs.

Es kam dann so, wie es kommen mußte. Dank dem unentwickelten Zustande der bürgerlichen Klassen im östlichen Europa siegte die feudale Legitimität in dem Kampfe gegen die neue Zeit, die seit 1789 über unseren Erdteil heraufgedämmert war. Byrons glühender Haß gegen die Sieger von Waterloo, Heines schwärmerischer Napoleon-Kultus, Platens bissige Frage:

»Freiheitskriege fürwahr! Stand einst Miltiades etwa
Mit Baschkiren im Bund, als er die Perser bezwang?«

– alles das hatte seine guten Gründe. Ebenso wie es seinen guten Grund hatte, daß die preußischen Reaktionäre den Herrn v. Bismarck-Schönhausen jubelnd auf den Schild hoben, weil er 1847 in seiner verbohrten Weise auf dem Vereinigten Landtage erklärt hatte, die preußischen Landwehrmänner seien 1813 zur Rettung des feudal-legitimen Vaterlandes in den Krieg gezogen.

Das war ihnen nun freilich nicht einmal im Traum eingefallen. Sie glaubten für andere Ziele zu kämpfen als für die Heilige Allianz,

»Die irdische Trinität, Gott nachgeschaffen,
So wie der Mensch sich wiederholt im Affen.«

Aber ihre Illusionen zerstoben an ihrer Ohnmacht, zugleich die fremde und die einheimische Zwingherrschaft abzuschütteln. Die ungeheuersten Opfer waren für nichts gebracht worden; weder die politische Freiheit noch auch nur die nationale Einheit ergab sich als der Preis der furchtbarsten Kämpfe; eine dumpfe, geistlose, kleinliche Reaktion, die am liebsten hinter jeden Gedanken einen Polizeischergen gestellt hätte, lastete mit bleierner Wucht auf den Geistern. Die Romantik verlief in die vollendete Narrheit der Schicksalstragödie, in die läppisch-liederliche Vielschreiberei der Clauren und Genossen. Im Kampfe mit dieser unsäglichen Nichtigkeit lernte Platen seine glänzenden Waffen führen; im »Romantischen Ödipus« verhöhnte er »jahrzehntelangen Gequieks romantischen letzten Schrei«. Heine aber sang das »letzte freie Waldlied der Romantik« in der »grillenhaften Traumweise jener romantischen Schule, wo ich meine angenehmsten Jugendjahre verlebt und zuletzt den Schulmeister geprügelt habe«. Es begann wieder lebendig zu werden in der deutschen Literatur, weil die bürgerlichen Klassen nach Heilung ihrer schwersten Wunden sich wieder zu regen begannen. Aber wie unklar sie noch hin und her tappten, zeigte der häßliche Hader zwischen Heine und Platen, von denen keiner den andern verstand, geschweige denn, daß der eine oder der andere von der Masse der bürgerlichen Philister verstanden wurde. Heine schläft in Paris und Platen in Syrakus; das Exil wurde die wahre Heimat der stattlichen Talente, die ihnen in den dreißiger und vierziger Jahren folgten. Der deutsche Philister war am Ende doch unverbesserlich, und so verlor er denn auch sein Spiel im Jahre 1848.

Darnach gedachte er nicht mehr mit dem Gedanken oder dem Liede oder dem Schwerte, sondern nur noch mit den geflügelten Englein der preußischen Kassenscheine seinen Klassenaufschwung zu fördern. Er zog sich ganz auf die Pflege seiner materiellen Interessen zurück. Die bürgerliche Literatur hörte auf, die geistige Führerin der Nation zu sein; sie wurde dafür eine gefällige Dienerin der Bourgeoisie. Ihr »anerkannter Primas«, ihr »gesalbter König«, Herr Julian Schmidt, tat mit salzlosem Spotte die Gutzkow und Genossen ab, die sich aus der vormärzlichen Zeit noch einen Rest bürgerlicher Ideale gerettet hatten. Dafür gab er das tönende Schlagwort aus, die deutsche Dichtung solle das deutsche Volk bei seiner »Arbeit« aufsuchen. Gustav Freytag setzte dies Motto seinem gelesensten Romane vor; er stellte die satte und zahlungsfähige Moral des deutschen Spießbürgers in prunkenden Gegensatz zu bankerotten Polenjunkern und gewissenlosen Wucherjuden. Der ehrsame Jüngling, der auf dem Schreibbocke des Kontors in stiller Unterwürfigkeit eine ungezählte Reihe von Jahren hindurch Briefe und Frachtzettel schreibt, bis er nicht etwa die Tochter des Prinzipals heiratet – wie käme er zu solcher Vermessenheit! –, sondern von dieser alternden Jungfer selbst geheiratet wird, wurde die Idealgestalt des deutschen »Arbeiters«. Verhallt waren die feurigen Polenlieder Platens, Lenaus, Herweghs bis auf das letzte Echo; die bürgerliche Dichtung zählte an den Fingern ab, wieviel Warenballen in den unnützen Ruhestörungen der polnischen Aufstände verlorengehen können; in Freytags Roman zeigt Herr Anton Wohlfart, wohlbestallter Kommis des Hauses T. O. Schröter, wie der Deutsche als Arbeiter, Held und Patriot inmitten der verzweifelten Todeszuckungen eines gewaltsam zerrissenen Volkes keine höhere Aufgabe kenne, als unsichere Außenstände bis auf den letzten Heller einzutreiben. Und wie im Romane, so im Drama. Otto Ludwigs Erbförster geht tragisch unter, weil er als »Arbeitnehmer« nicht kapiert, daß er von seinem »Arbeitgeber« in jedem Augenblicke aufs Pflaster geworfen werden kann; schmutzige Strolche aber, die den Gedankeninhalt der bürgerlichen Revolution in die Worte kleiden: »Das wissen die Menschen jetzt, daß die in den Zuchthäusern verehrungswürdige Dulder sind, und die Vornehmen sind Spitzbuben, und wenn sie noch so ehrlich wären. Und die Fleißigen sind Spitzbuben, denn die sind schuld, daß die braven Leute, die nicht arbeiten mögen, arm sind«, dienen als tragische Hebel in der Tragikomödie des bürgerlichen Arbeiterkontraktes.

Dieser naive »Realismus« der Bourgeoisie überlebte freilich kaum die fünfziger Jahre. Lassalle begann seine Erhebung gegen den Mob, indem er wie ein Wetterstrahl über Julian und Julians Myrmidonen hereinbrach. Aber wir haben schon gesehen, daß und weshalb dies Gewitter die bürgerliche Literatur nicht klären und reinigen konnte. Nur so weit wirkte der Schrecken, daß der bürgerliche Roman seine schlotternden Glieder in das Löwenfell des »sozialen Romans« zu schlagen versuchte. Er war pfiffig genug, den ersten Tanz in dieser Maskerade auf dem Grabe dessen aufzuführen, der ihm den Stoß ins Herz gegeben hatte. Spielhagens »In Reih und Glied« wurde der erste »soziale Roman«. Hier wird der geniale Abenteurer Leo Gutmann durch die milde Weisheit des Doktor Paulus geistig und sittlich überwunden. Leo Gutmann ist Lassalle, Doktor Paulus aber jener Löwe-Kalbe, der – in der Tat ein sozialer Typus der deutschen Bourgeoisie – vom ehemaligen Präsidenten des Stuttgarter Rumpfparlaments sich entwickelte zum nationalliberalen Schutzzöllner und zur parlamentarischen Hand der vom »Zentralverbande deutscher Industrieller« betriebenen Interessenpolitik. Mit dem Helden wanderte der Sänger abwärts. Wenn Spielhagens »In Reih und Glied« die sozialen Gegensätze noch mit einer Art dämmernder Deutlichkeit erkennen ließ, so ist in seinem vor einigen Jahren erschienenen Roman: Was will das werden? die eine Seite der Sache spurlos verschwunden. Man hört und sieht nichts mehr von dem Leben der arbeitenden Klassen, wenn man nicht diese oder jene nach offiziösen Vorlagen durchgepinselte Demagogenfratze dahin rechnen will. Dafür unterhält sich eine Handvoll »wohlsituierter« Individuen drei dicke Bände hindurch über die Lösung der sozialen Frage, und ihrer Weisheit letzten Schluß spricht ein – Oberst vom preußischen Generalstabe dahin aus, freilich müsse die soziale Frage gelöst werden, aber sie könne und werde nur gelöst werden durch die höhere Einsicht der besitzenden Klassen.

Diese Klassen und vor allem das deutsche Bürgertum hatten inzwischen 1866 und 1870 völlig in die preußischen Bajonette abgedankt. Von allen Ecken und Enden des Reiches erhob sich ein Singen und Sagen, dem politischen Aufschwunge werde ein literarischer Aufschwung ohnegleichen folgen. Als ob eine Klasse, die mit Stolz als Rückgrat denselben Korporalstock trug, auf den unsere klassische Literatur mit so unüberwindlichem Abscheu geblickt hatte, überhaupt noch Denker und Dichter aus sich hätte erzeugen können! Statt der erwarteten Kolosse kam ein so nichtiger Mob, wie er die Literatur eines anderen großen Volkes sonst noch nie entehrt und entnervt hat. Es genügt zu sagen, daß Paul Lindau der Literatursultan der deutschen Reichshauptstadt wurde. Kapitalistischer Geschäftsbetrieb riß alle Zweige der Literatur an sich, nicht zuletzt das Theater. Die Tribüne der Lessing und Voltaire wurde eine spekulative Geldanlage, wenn sie nicht gar zu einem öffentlichen Hause herabsank. Und am schamlosesten wirken an der Prostitution der Bühne diejenigen, die in erster Reihe berufen wären, ihre Ehre zu schützen. In ganzen Vereinen haben sich die Lessinge der Bourgeoisie zusammengetan, um das Theater zu brandschatzen, seine Mitglieder auszubeuten und zu unterdrücken. Sie gründen eigene »Ehrengerichte«, die durch klassische Sprüche etwa bockbeinigen Theaterleuten, Männlein wie Weiblein, die Notwendigkeit beweisen, sich willenlos preiszugeben. So ein »Ehrengericht« weiß kein Arg darin zu finden, wenn ein Literatursultan einer armseligen Proletarierin der Bühne, die ihm nicht mehr fronen will, die seidene Schnur in Gestalt eines Ausweisungsbefehls zusendet oder wenn ein Pascha dieses Sultans allein von zwei Theatern in zwei Jahren 1106 Freibillets erpreßt.

Erst der Widerschein der immer mächtiger auflodernden Arbeiterbewegung hat einiges Licht in die bürgerliche Literatur geworfen. Was in ihr noch ein wenig Talent besaß, begann sich gegen ihre unsägliche Feilheit und Verlogenheit aufzubäumen. Man drängte zur Natur und zur Wahrheit zurück, aber da in der bürgerlichen Gesellschaft nichts als Unnatur zu finden war, so verfiel die neue naturalistische Richtung einem trostlosen Pessimismus. Nicht im Rausche, sondern im Katzenjammer dichtet sie. Überall schnüffelt sie nach Dekadenz, Fäulnis, Verfall; mit Recht hat ein jüngerer, der naturalistischen Richtung nicht fernstehender Schriftsteller über die »Dekadenzjünger, Verfallsschnüffler, Fäulnispiraten« gespottet, »die sich, um ihre Mannheit zu bekunden, mit der Syphilis brüsten« Kurt Eisner, Psychopathia spiritualis, 31.. Ganz abgesehen von den findigen Handwerkern der Feder, die den Naturalismus als kitzelnde und prickelnde Modesache betreiben, so verstehen auch die paar besseren und kräftigeren Vertreter der naturalistischen Richtung nur erst das zu schildern, was vergeht, nicht aber auch schon das, was entsteht. Für ihre Zukunft wird entscheidend sein, ob sie den breiten Graben zu überschreiten wissen, der die proletarische von der kapitalistischen Welt trennt. Die bürgerliche Gesellschaft kann und wird keine neue Blüte der Literatur mehr erzeugen.

Endlich aber erschien in Lessings Todesjahre Kants epochemachendes Hauptwerk, die »Kritik der reinen Vernunft«. Mit ihm »beginnt eine geistige Revolution in Deutschland, die mit der materiellen Revolution in Frankreich die sonderbarsten Analogien bietet und dem tieferen Denker ebenso wichtig dünken muß wie jene. Sie entwickelt sich mit denselben Phasen, und zwischen beiden herrscht der merkwürdigste Parallelismus« (Heine). Und seltsam: Alle ihre großen Träger, Kant, Fichte, Hegel, haben in demselben preußischen Staate gewirkt, auf den die klassischen Dichter des deutschen Bürgertums mit so unüberwindlichem Abscheu blickten. In einer weltgeschichtlichen Komödie trieb der preußische Korporalstock die deutsche Philosophie in immer höhere Höhen, bis er, was eine gewitterschwangere Wolke war, für ein harmloses Kamel oder Wiesel ansah. Er verfolgte Kant »wegen Entstellung und Herabwürdigung einiger Haupt- und Grundlehren der Heiligen Schrift und des Christentums«, er »gebot ihm strenge, dergleichen Schriften und Lehren nicht mehr von sich ausgehen zu lassen«, und er ließ sich wohlgefallen die weise Antwort des Weisen: »Widerruf und Verleugnung seiner inneren Überzeugung ist niederträchtig, aber Schweigen in einem Falle wie der gegenwärtige ist Untertanenpflicht. Und wenn alles, was man sagt, wahr sein muß, so ist darum nicht auch Pflicht, alle Wahrheit öffentlich zu sagen.« Die klassische Philosophie sagte nicht alle Wahrheit öffentlich, nicht so öffentlich, daß der Korporalstock sie verstand. Und als sie ihren Höhepunkt in Hegel erreicht hatte, da wurde sie gar preußische Staatsreligion, in der die Kandidaten des höheren Lehramts sattelfest sein mußten, im Unterschiede von allen sonstigen »seichten Philosophemen«, vor denen sie durch das Unterrichtsministerium ausdrücklich gewarnt wurden. Was wirklich war, das war vernünftig, und da der preußische Staat mit seinen Festungen und Zuchthäusern wirklich war, so war er auch vernünftig; wer daran zweifelte, wurde auf dem Wege der Demagogenjagd zur wirklichen Vernunft bekehrt.

Aber was Hegel von der Französischen Revolution sagte, das galt auch von seiner Philosophie: Sie stellte die Dinge auf den Kopf. Sie mußte umgestülpt werden, um ihren revolutionär-vernünftigen Kern in ihrer reaktionär-wirklichen Hülle zu offenbaren. Aus der preußischen Staatsphilosophie entpuppte sich der revolutionäre Sozialismus. Marx schloß die klassische Philosophie mit dem hoffnungsfrohen Kampfe für die arbeitende Klasse, wie Lessing sie eingeleitet hatte nach dem hoffnungslosen Kampfe für die bürgerliche Klasse. Mit Recht sagt Engels, daß die deutsche Arbeiterbewegung die Erbin der deutschen klassischen Philosophie sei. Seit dem Erscheinen des Kommunistischen Manifests im Jahre 1848 war es mit der bürgerlichen Philosophie in Deutschland vorbei. Ihre patentierten Vertreter an den Hochschulen kochten allerlei eklektische Bettelsuppen, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt abgestandener wurden. Für die philosophischen Bedürfnisse der Bourgeoisie aber sorgte eine Reihe von Modephilosophen, von denen einer den anderen ablöste, je nach der wechselnden Entwicklung des Kapitalismus. Von Anfang der fünfziger Jahre bis etwa in die Mitte der sechziger war Schopenhauer der Mann des Tages, der Philosoph des geängstigten Spießbürgertums, der wütende Hasser Hegels, der Leugner jeder historischen Entwicklung, ein Schriftsteller nicht ohne paradoxen Witz, nicht ohne ein reiches, wenn auch mehr weitläufiges als eindringendes und umfassendes Wissen, nicht ohne einen Abglanz der klassischen Literatur, die er zum Teile noch unter Goethes sonnenhaften Augen miterlebt hatte, aber in seiner duckmäuserischen, eigensüchtigen und lästernden Weise doch recht das geistige Abbild des Bürgertums, das, erschreckt durch den Lärm der Waffen, sich zitternd wie Espenlaub auf seine Rente zurückzog und die Ideale seiner größten Zeit wie die Pest verschwor.

Von der Mitte der sechziger bis etwa zum Beginne der achtziger Jahre löste ihn Hartmann ab, der Philosoph des Unbewußten, der, wie ihm der treffliche Albert Lange mit bitterem Spotte vorwarf, die bürgerliche Bildung auf den Standpunkt der Australneger zurückzuführen versuchte, der alles, was er in Geschichte und Natur nicht begriff, und dessen war unendlich viel, ebenso auf das Unbewußte schob, wie der Australneger im Teufel den »phantastischen Reflex der eigenen Unwissenheit« erblickt. Aber welch treffliche Philosophie für die deutsche Bourgeoisie, die nach der Schlacht bei Königgrätz so »unbewußt« an die »Spitze der europäischen Kulturwelt« gelangt war und sich darüber, wie sie denn eigentlich die Treppe hinaufgeflogen war, wirklich nicht klarwerden durfte, wenn sie anders ihren großmäuligen Kriegstanz mit der Seelenruhe der – Australneger vollführen wollte. Hartmann hat ihr denn auch alles bewiesen, was ihr Herz nur wünschen mochte. Er bewies, daß die liberalen Ideen ein oberflächlicher Hautausschlag des neunzehnten Jahrhunderts seien; er entdeckte den preiswürdigen Tiefsinn, daß die Gründungen der Schwindeljahre eine höhere Form des wirtschaftlichen Verkehrs anbahnten und auch einen annähernden Schritt zur Lösung der sozialen Frage bedeuteten; er feierte das Sozialistengesetz als ein treffliches Erziehungsmittel der arbeitenden Klassen, und schließlich erklärte er mit gewaltigem Tamtamschlage, daß er und seine Australneger »den Bahnen derjenigen drei Philosophen folgten, an deren Größe das Preußentum sich zu seiner weltgeschichtlichen Mission emporgeläutert und vertieft hat: Kants, Fichtes und Hegels«. Hartmann, Zwei Jahrzehnte deutscher Politik, an verschiedenen Stellen.

Im Anfange der achtziger Jahre aber wurde Hartmann durch Nietzsche abgelöst, durch den Philosophen des Großkapitals. Die »weltgeschichtliche Mission des Preußentums« hatte ihre Schuldigkeit getan. Seinem inneren Wesen nach enthielt dies bürgerliche Schlagwort die Befriedigung der deutschen Bourgeoisie über die Beseitigung der Schranken, die in den deutschen Kleinstaaten und ihren verzopften Einrichtungen der Ausbreitung des Kapitalismus entgegengestanden hatten. Aber im Laufe einer mit beispielloser Macht und Schnelligkeit um sich greifenden Entwicklung wurde der »nationale Gedanke« selbst eine Schranke, woran die Expansionskraft des Kapitals ungeduldig rüttelte; in dem Zeitalter der Kartelle und der Trusts einer-, der internationalen Arbeiterbewegung andrerseits verblichen die Farben an den Grenzpfählen der einzelnen Länder; das Kapital züchtete eine neue über Europa regierende Kaste heran, und diese Kaste ist wesensgleich, in der Tat eine und dieselbe vom Scheitel bis zur Sohle, in London wie in Rom, in Madrid wie in Moskau. Ihr deutscher Philosoph aber wurde Nietzsche. Er sah in der »weltgeschichtlichen Mission des Preußentums« nur »Zwischenaktspolitik«; er spottete über die angebliche »Größe« der Staatsmänner, die den Geist eines Volkes eng und seinen Geschmack »national« machten; er verhöhnte »die Politiker des kurzen Blicks und der raschen Hand«, die den »Nationalitätswahnsinn zwischen die Völker« legten. Aber nicht um die Völker war es ihm zu tun, nicht um die »Herdenmenschen in Europa«, die sich das Ansehen geben, als seien sie »die einzig erlaubte Art Mensch«, die ihre Eigenschaften »Gemeinsinn, Wohlwollen, Rücksicht, Fleiß, Mäßigkeit, Bescheidenheit, Nachsicht« als die eigentlich menschlichen Tugenden verherrlichen. Er pries vielmehr die Alleinflieger, die Übermenschen, die freien Geister, die vornehmen Seelen, zu denen der »ausbeuterische Charakter« gehöre wie die organischen Funktionen zum Leben. Sie leben »jenseits von Gut und Böse«, sie empfinden es als »die Gerechtigkeit selbst«, wenn andere Wesen sich ihnen zu opfern haben. Korruption ist da, wo eine Aristokratie ihre Privilegien einer Ausschweifung ihres moralischen Gefühls zum Opfer bringt; das »Wesentliche an einer guten und gesunden Aristokratie ist, daß sie mit gutem Gewissen das Opfer einer Unzahl Menschen hinnimmt, welche um ihretwillen zu unvollständigen Menschen, zu Sklaven, zu Werkzeugen herabgedrückt und vermindert werden müssen«. Und so weiter. Nietzsche war nicht nur der Herold, sondern auch das Opfer des Großkapitals. Ein fein und reich angelegter Geist, empfand er mit Abscheu und Grauen das grenzenlose Elend, das der Kapitalismus schafft, aber erblich belastet, im Schoße des Reichtums aufgewachsen, von Frauenhänden gehätschelt und verzärtelt, vermochte er nicht in dem Elend von heute die Hoffnung auf morgen zu entdecken, und so suchte er krampfhaft die Vernunft des Großkapitals, worüber er denn freilich seine eigene Vernunft verlieren mußte und leider auch im traurigsten Sinne des Worts verloren hat. Aber die irren Reden dieses armen Kranken werden als der irdischen Weisheit letzter Schluß von den Soldschreibern desselben Bürgertums gefeiert, das einst einen Lessing seinen ersten Vorkämpfer nennen durfte ...

Lessings Lebensarbeit gehört nicht der Bourgeoisie, sondern dem Proletariat. In der bürgerlichen Klasse, deren Interessen er verfocht, waren beide noch eins, und es wäre töricht, ihm eine bestimmte Stellung zu historischen Gegensätzen anzudichten, die sich erst lange nach seinem Tode entwickelt haben. Aber Wesen und Ziel seines Kampfes ist von der Bourgeoisie preisgegeben, von dem Proletariat aufgenommen worden; den bürgerlichen Klassenkampf, den Lessing in die Philosophie rettete, löste Marx aus der Philosophie als proletarischen Klassenkampf. Es ist nicht das ausgleichende Gebot einer himmlischen Gerechtigkeit, daß Deutschlands politischer Ruf durch seine arbeitenden Klassen ebenso gerettet wird, wie seine bürgerlichen Klassen ihn verscherzt haben. Vielmehr – weil die bürgerlichen Klassen die Geistesarbeit ihrer Vorkämpfer verschmähten, mußte dies kostbare Erbe nach allen Gesetzen der geschichtlichen Entwicklung das Arsenal werden, aus dem die arbeitenden Klassen ihre ersten, glänzenden und scharfen Waffen nahmen. So sinnlos ist dies irdische Jammertal doch nicht eingerichtet, daß die Lessinge nur zum Spaße des Philisters kämpfen und leiden. Lessing gehört zu den geistigen Ahnen des Proletariats, wie Gleim, Ramler, Nicolai zu den geistigen Ahnen der Bourgeoisie gehören mögen. Lessings Leben und Wirken ist übergegangen in Fleisch und Blut der kämpfenden und leidenden Arbeiter, wie wenig sie – dank unserem herrlichen Volksschulwesen! – auch von Lessings Werken noch wissen mögen.

Aber auch das wird anders werden, und kommen wird der Tag, wo die Lessing-Legende zerstoben sein wird bis auf die letzte Spur. Als Gervinus noch einmal die bürgerlichen Klassen zu politischem Selbstbewußtsein aufrütteln wollte, schloß er sein Werk: »Der Wettkampf der Kunst ist vollendet; jetzt sollten wir uns das andere Ziel stecken, das noch kein Schütze bei uns getroffen hat, ob auch da Apollon den Ruhm gewährt, den er dort nicht versagte.« Das Ziel, das Gervinus meinte, hat noch immer kein Schütze getroffen, und der Ruhm, den Apollon »dort« gewährte, ist auch längst verblichen. Aber andere Schützen haben ein anderes Ziel getroffen, und sie brauchen keinen Gott zu versuchen, ob er ihnen auch im Wettkampfe der Kunst gleichen Ruhm gewähren will. Denn sie haben das Ding am richtigen Ende angegriffen, und auf eine klassische Politik wird immer eine klassische Literatur folgen. In den rauhen und schweren Tagen des Kampfes schweigen die Musen, aber ihre Kränze bleiben deshalb den arbeitenden Klassen nicht versagt. Sie werden die Morgengabe ihres Weltentags sein, und dann mag auch an Lessing gesühnt werden, was die Mit- und Nachwelt an diesem edeln Vorkämpfer freier Menschheit gefrevelt hat.

 

[Anhang, Vorwort des Verlages, sowie Fußnoten des Verlages aus Urheberrechtsgründen gelöscht. Re.]

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