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Die Lessing-Legende

Franz Mehring: Die Lessing-Legende - Kapitel 21
Quellenangabe
typetractate
authorFranz Mehring
titleDie Lessing-Legende
publisherVerlag Das neue Wort
year1953
firstpub
translator
correctorJosef Muehlgassner
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IX. Die Leidensjahre in Wolfenbüttel

Lessing zählte bereits über vierzig Jahre, als er in die Dienste des Herzogs von Braunschweig trat. Über zwanzig Jahre hatte er dem deutschen Jammer eine unabhängige Stellung abzuringen gesucht, ehe er den stolzen Nacken unter ein fürstliches Joch beugte. Aber obgleich es mehr geschah, um einer geliebten und unglücklichen, an Charakter und Geist ihm ebenbürtigen Frau als um sich selbst ein Stückchen häuslichen Glücks zu retten, so lag doch darin, daß dieser geborene Kämpfer sich einmal nach der beschaulichen Ruhe des deutschen Philisters sehnte, die tragische Verkettung seines Lebens. Der »alte Sperling auf dem Dache« wurde ein Vogel im Käfige; zuckend in wilder Qual mußte er fürstlicher Tücke stillehalten, und das ersehnte Glück streifte ihn in grausamer Ironie nur »wie ein Sonnenstrahl, der den Fittich eines vorüberfliegenden Vogels vergoldet«. Lessing litt für seine Größe, wie Heine sagt, und Lessing selbst hat in der düstersten Stunde seines Lebens seine Schuld wie sein Schicksal in die bitteren Worte gekleidet: »Ich wollte es auch einmal so gut haben wie andere Menschen. Aber es ist mir schlecht bekommen.« Sein Leben in Wolfenbüttel war ein langsames Sterben, ein Todeskampf von elf Jahren; es ist jammervoll zu sehen, wie diese unverwüstliche Kraft von dem Elend der deutschen Zustände allmählich zerrieben wird, und es ist auch wieder erhebend zu sehen, wie glorreich sie den hoffnungslosen Kampf bis zum letzten Ende kämpft.

Wolfenbüttel war eine Kleinstadt von ein paar Tausend Einwohnern, mit einigen melancholischen Überresten ehemaliger Hofherrlichkeit, ungesund gelegen, ohne alle geistigen Anregungen bis auf die altberühmte Bibliothek selbst. Die paar Bürokraten und Geistlichen, die sich in die Bevölkerung von kleinen Ackerhauern und Handwerkern mischten, waren kaum zu rechnen. Zum mindesten nicht für Lessing, dessen Ansprüche an Menschen- und Weltverkehr selbst in Städten wie Breslau, Berlin, Hamburg nicht befriedigt worden waren und nun in Wolfenbüttel die grausamste Enttäuschung erfuhren. Im Laokoon hatte er es einen »großen, vortrefflichen Sinn« genannt, wenn dem Philoktet des Sophokles die Gesellschaft von Bösewichtern lieber gewesen wäre als gar keine; nun schreibt er an Gleim: »Besser ist, unter noch so bösen Menschen leben als fern von allen Menschen. Besser ist, sich vom Sturm in den ersten besten Hafen werfen lassen, als in einer Meerstille mitten auf der See verschmachten.« Seine Briefe an Eva König und seinen Bruder Karl quellen über von ähnlichen wilden Ausbrüchen einer Verzweiflung, deren schärfster Stachel dann freilich von der Hand eines bösen Menschen gespitzt worden war.

Denn das war der Erbprinz Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig. Er vornehmlich hatte Lessings Übersiedlung nach Wolfenbüttel betriebenem das braunschweigische Ländchen mit dem Namen des ersten deutschen Schriftstellers zu schmücken. Gerade gebildet genug, um zu verstehen, wer Lessing war, empfand er um so stärker den despotischen Kitzel, den freiesten Geist von Deutschland zu martern. Er war ein Neffe Friedrichs II. und wollte gar gerne nach dessen Muster den aufgeklärten Despoten spielen. Aber Neffe und Oheim glichen sich doch nur wie Jena und Roßbach. So in der jämmerlichsten Französelei ertrunken war Friedrich lange nicht, um sich wie der Erbprinz an seiner eigenen Tafel sagen zu lassen: »Seltsam, gnädiger Herr, Sie sind der einzige Fremde unter uns.« Und vor allem einer Infamie wie des massenhaften Verkaufs von Landeskindern war Friedrich völlig unfähig; gegenüber solchen Schurkereien des deutschen Duodezdespotismus stand der preußische König allerdings in einer Reihe mit den Großen unserer klassischen Literatur. Und kein ärgerer Fleck haftet auf der höfischen Geschichtsschreibung, wie sie heute an den deutschen Bibliotheken und Universitäten ihr unholdes Wesen treibt, als daß sie selbst diesen niederträchtigsten Fürstenfrevel, von dem die Weltgeschichte zu erzählen weiß, zu beschönigen sucht.

Dreimal hat der Erbprinz und spätere Herzog Karl Wilhelm Ferdinand seinen Menschenschacher getrieben. Im Jahre 1776 verkaufte er 4300 Mann an England für den Krieg mit den amerikanischen Kolonien, im Jahre 1788 3000 Mann an die niederländischen Generalstaaten, im Jahre 1795 wieder an England 1900 Mann. Verweilen wir ein wenig ausführlicher nur bei den ersten und berüchtigtsten dieser, wie Herr Erich Schmidt sagt, »Finanzreformen«! Am 9. Januar 1776 schloß der englische Oberst William Faucit mit dem braunschweigischen Minister Feronce den Vertrag ab, wonach der Herzog von Braunschweig sich verbindlich machte, ein Korps von insgesamt 4300 Mann Infanterie und leichter Kavallerie zur Verfügung der englischen Regierung zu stellen, wogegen sich diese zu einer Subsidie verpflichtete, die vom Tage der Unterzeichnung des Vertrages beginnen und einfach sein, das heißt auf 64 500 deutsche Taler jährlich steigen sollte, solange die Truppen den englischen Sold genossen. Von der Zeit an, wo die Truppen aufhörten, den Sold zu beziehen, sollte die Subsidie verdoppelt werden und also auf 129 000 Taler steigen, und diese doppelte Subsidie sollte zwei Jahre nach der Rückkehr der Truppen nach Deutschland fortdauern. Ferner erhielt der Herzog für jeden Mann ein jährliches Werbegeld von 30 Talern und als Entschädigung, für jeden Getöteten 40 Taler, endlich ebensoviel für je drei Verwundete. Siehe den Artikel: Feronce v. Rothenkreuz in der Allgemeinen deutschen Biographie, 6, 767 ff.

Die verkauften Truppen kämpften über sieben Jahre in Amerika. Sie erhielten aus Braunschweig jährlich Nachschub an Ersatzmannschaften, und zwar stellt sich die Rechnung so:

Braunschweig verkaufte im Jahre 1776 4300 Mann
Ersatzmannschaften im März 1777 224  
" " April 1778 475  
" " April 1779 286  
" " Mai 1780 266  
" " April 1782 172  
      _________  
      5723 Mann
Davon kehrten im Herbste 1783 zurück 2708 Mann
Also Verlust 3015 Mann

Indessen würde man Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig allzu hoch taxieren, wenn man annehmen wollte, daß diese 3015 von ihm gemordeten Landeskinder alle auf dem Schlachtfelde geblieben seien. Der elende Bube befahl vielmehr, die Krüppel und Verwundeten hilflos in Amerika zurückzulassen. Er schlug also für seine Wollüste einen dreifachen Profit aus diesen unglücklichen Menschen: Erst verkaufte er ihren gesunden Leib, dann ließ er sich für ihren verletzten Leib entschädigen, und endlich sparte er Invalidensold, indem er die Erwerbsunfähigen in der Fremde verkommen ließ. Was Wunder, daß er bei dieser glorreichen »Finanzreform« über fünf Millionen Taler Bargewinn einstrich. Schlözer, Staatsanzeigen, 6, 421. Vergleiche ferner den Artikel: Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig in der Allgemeinen deutschen Biographie, 15, 272 ff. Schlözer gibt nach urkundlichen Quellen den Gesamtprofit des Herzogs auf 780 000 Pfund Sterling an.

Und alle diese Scheußlichkeiten, zu deren gebührender Kennzeichnung nicht einmal der unparlamentarische Sprachschatz ausreicht, werden heutzutage von willigen Federn einer sogenannten »Wissenschaft« beschönigt! Fast noch eifriger als von dem Lessing-Biographen Erich Schmidt beschönigt von Lessings Nachfolger an der Bibliothek von Wolfenbüttel, von Herrn O. v. Heinemann. »Solche Subsidienverträge«, schreibt dieser kundige Thebaner, »waren damals nichts Ungewöhnliches und erregten keineswegs den Abscheu, den man ihnen später hat zuschreiben wollen.« Heinemann, Geschichte von Braunschweig und Hannover, 3, 296. Nichts Ungewöhnliches, freilich nicht, denn der Menschenschacher war ja die ökonomische Grundlage des deutschen Duodezdespotismus, aber was den Abscheu anbetrifft? Kennt der Bibliothekar von Wolfenbüttel denn wirklich nicht König Friedrichs Schriften? Oder kennt er nicht Schillers »Kabale und Liebe«? Oder kennt er nicht Schubarts herrliches Lied: Auf, auf, ihr Brüder, und seid stark? Oder kennt er nicht Herders wuchtige Verse:

»Sie sind in ihrer Herren Dienst
So hündisch treu, sie lassen willig sich
Zum Mississippi und Ohiostrom,
Nach Kanada und nach dem Mohrenfel
Verkaufen. Stirbt der Sklave, streicht der Herr
Den Sold ein, doch die Witwe darbt,
Die Waisen ziehn den Pflug und hungern. Nun,
Das schadet nicht, der Fürst braucht einen Schatz.«

Oder kennt der Bibliothekar von Wolfenbüttel nicht die Verhandlungen des englischen Parlaments über den von ihm beschönigten Menschenschacher? Führen wir nur zwei Stimmen daraus an! Der Herzog von Richmond erklärte 1776 im Oberhause, daß, wenn der Vertrag mit den deutschen Fürsten von gegenseitiger Hilfeleistung und Bundesgenossenschaft spreche, dies lediglich Redensarten seien. Seinem Wesen nach sei der Vertrag nichts anderes als ein schändlicher Handel um Mietsknechte, die gleich soundso viel Stück Vieh auf die Schlachtbank geführt werden sollten. Kein anderes Interesse verbinde die beiden abschließenden Teile als die bare Zahlung von Geld. Und im Unterhause setzte Lord Irnham auseinander, die deutschen Fürsten seien nicht befugt, solche Verträge abzuschließen. Sie seien dem Kaiser Gehorsam schuldig und hätten keineswegs das Recht, ihr Land einer Sache zuliebe zu entvölkern, die mit dem Reiche nicht das geringste zu tun habe, dagegen das Reich in den Augen der Menschen verächtlich machen müsse als eine Pflanzschule von Menschen, die zur Aufrechterhaltung der Willkür vermietet würden. Weiß der heutige Bibliothekar von Wolfenbüttel wirklich gar nichts von allen diesen Kundgebungen?

Oder kennt er nur allein aus der ganzen zeitgenössischen Literatur die einsame Stimme des charakterlosen Speichelleckers Johannes v. Müller, der, als er 1781 Professor in Kassel geworden war, in seiner Antrittsrede den Menschenhandel seines nunmehrigen Landesvaters zu verteidigen die dreiste Stirne besaß? Aber dann sollte der Bibliothekar von Wolfenbüttel doch auch wissen, daß Müller schon in den »Dornenstücken«, einer der Entgegnungen auf Goethes und Schillers »Xenien«, also keineswegs aus den höchsten Schichten der damaligen Literatur, die grobe und treffende Abfertigung erhielt:

»Wer kann es sehn und hören, wie noch stets
Der Dienst- und Menschenhandel bei uns gilt,
Und selbst ein Schweizer diese Schandtat frech
Mit Redefloskeln zu bedecken sucht!«

Nein, wie tief gesunken das deutsche Bürgertum in seiner Masse vor hundert Jahren auch noch immer war: In den bodenlosen Abgrund der Speichelleckerei, worin seine heutige »Wissenschaft« sich wälzt, war es noch lange, lange nicht gefallen.

Der heutige Bibliothekar von Wolfenbüttel sagt nun aber weiter, die verkauften Truppen hätten nicht aus Landeskindern bestanden, sondern aus allerlei fremdem Gesindel, denen die Gefühle und Gesinnungen, die man ihnen heute zuschreibe, ganz fremd gewesen seien. Natürlich! Als die von dem hohenzollernschen Markgrafen von Ansbach verkauften Truppen bei ihrer Verschleppung in Ochsenfurt meuterten und ihr Kriegsherr höchst eigenhändig die Büchse auf sie anlegte, da waren Vater und Kinder gegenseitig von den zärtlichsten »Gefühlen und Gesinnungen« gegeneinander beseelt. Und nun gar der Herzog von Braunschweig ließ die Truppen, die er an England vermietete, erst in den entlegensten Ecken und Enden der Welt anwerben; lieber ließ er seinen Blutprofit in den Rauchfang gehen, ehe er einem braunschweigischen Landeskinde ein Haar krümmte; nächstens wird der Bibliothekar von Wolfenbüttel wohl auch noch das prächtige Invalidenhotel entdecken, das der Herzog den auf seinen Befehl in Amerika zurückgelassenen Krüppeln und Lahmen in New York erbauen ließ. Stellen wir einem solchen Gesalbader der bürgerlichen »Wissenschaft« einfach die klare Schilderung eines ehrlichen Soldaten gegenüber! Jahns schreibt über diesen Menschenschacher:

»Die Haustruppen stellten die eigentliche Waffenmacht der deutschen Stände dar; ihr Reichskontingent aber setzten diese seltener aus jenen regulären Abteilungen zusammen als vielmehr aus der ›Miliz‹, dem ungeübten, bürgerwehrartigen Aufgebote. Was aber noch schlimmer und schändlicher erscheint, das ist der Umstand, daß die stehenden Truppenkörper, anstatt vaterländischen Interessen dienstbar zu werden, nur allzubald von Fürsten und Landständen als Gegenstand der Geldspekulation betrachtet wurden. Während das Reich sich mit den jämmerlichen Kontingenten behelfen mußte, seine Armee zum Spott Europas ward, wurden die guten stehenden Truppen fremden Interessen dienstbar gemacht: Der Soldatenhandel nahm gerade in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts seinen höchsten Aufschwung.

Die teils freiwillig geworbenen, teils in empörender Weise gepreßten, teils aus ›kantonpflichtigen‹ Landeskindern zusammengesetzten Regimenter wurden von Sachsen, von Hessen-Kassel, von Braunschweig, von Ansbach und Bayreuth, von Anhalt, von Hanau, von Waldeck, von Württemberg für sogenannte ›Subsidien‹ an Venedig, Dänemark, England oder Holland vermietet, um in Morea oder Schottland, in Kanada, am Kap der Guten Hoffnung oder in Indien zu fechten und zu sterben. Es ist Spiegelfechterei, wenn man zugunsten dieses Verhallens vorgibt: Hessen-Kassel habe in Amerika für die Ruhe des protestantischen Europa gekämpft, die durch den Abfall der Neu-Engländer bedroht gewesen sei. Für welches Ideal fochten dann die von Venedig geworbenen Sachsen im Peloponnes oder die den Holländern vermieteten Schwaben ›im heißen Afrika‹? Man überlasse doch solche Beschönigungen den Franzosen, die ja bekanntlich stets combattent pour une idée.«

Das ist ganz wacker gesprochen, und nur den Hieb gegen die Franzosen hätte sich Jahns sparen können; die Zeiten, da wir Deutsche hochmütig auf französische Geschichtsklitterungen herabsehen durften, sind längst vorbei, wenn sie überhaupt jemals waren. Jähns, 3, 2208.

Endlich hat der heutige Bibliothekar von Wolfenbüttel noch einen Trost. Er behauptet, die englischen Subsidien seien in Braunschweig »einzig und allein« zur Abzahlung der »erdrückenden Landesschuld« von fast zwölf Millionen Taler verwandt worden; nichts davon sei, »soviel man wisse«, in die herzoglichen Kassen geflossen. Nun war die »erdrückende Landesschuld« durch die wahnsinnige Wirtschaft des Hofes entstanden, und es wäre an sich schon ein mäßiges Verdienst, sie durch die Verschacherung der Bevölkerung wieder zu tilgen. Aber davon abgesehen – es ist doch merkwürdig, daß ein Geschichtsschreiber, dem die braunschweigischen Archive offenstanden, in demselben Atemzuge erst mit »einzig und allein« bekräftigt und dann vorsichtigerweise mit »soviel man wisse« abschwächt. Die Lösung dieses Rätsels findet man in einem andern bürgerlichen Schriftsteller, in Sybels »Geschichte der Revolutionszeit«. Sybel hat gleichfalls Zutritt zu den braunschweigischen Archiven gehabt und stellt aus den Akten namentlich der Kammerkasse fest, daß die knauserige Finanzkunst des Herzogs durch Unterlassung auch der nötigen Ausgaben der Zukunft des Landes geschadet habe; er fügt hinzu: »Sparsamkeit war sein einziges Mittel; die amerikanischen Subsidien spielten eine geringe Rolle bei der Schuldentilgung.« Sybel, 1, 469. Und doch wäre mit den mehr als fünf Millionen Talern Subsidien etwa die Hälfte der »erdrückenden Landesschuld« zu tilgen gewesen. Man kann übrigens an diesem Beispiele sehen, was es mit der Zuverlässigkeit der vielgefeierten »archivalischen« Geschichtsschreibung auf sich hat. Heinemann erwähnt den Subsidienvertrag, aber dafür geht er über die Akten der Kammerkasse mit einer »Spiegelfechterei« hinweg; Sybel erwähnt die Akten der Kammerkasse, aber dafür geht er über den Subsidienvertrag mit einer »Spiegelfechterei« hinweg. Denn wie soll man es anders nennen, wenn er preisend hervorhebt, daß der Herzog von Braunschweig »trotz allen Feldherrnruhms fast keinen Soldaten« gehalten habe? Das war doch abermals ein recht mäßiges Verdienst, denn abgesehen davon, daß ein braunschweigisches Regiment in preußischen Diensten stand, woher sollte der Herzog noch Soldaten für den eigenen Hausbedarf nehmen, wenn er die braunschweigischen Kantonisten bis zu dem ungeheuerlichen Satze von drei bis vier Prozent der Bevölkerung an England und Holland verkaufte? Oder gehört es auch schon zu den unsterblichen Verdiensten dieses Fürsten, daß er Lessing nicht zum Grenadier preßte und vor den Türen seiner Mätressen schildern ließ?

Wir haben die eine Seite in der glorreichen Tätigkeit dieses deutschen Fürsten etwas ausführlicher geschildert, sowohl weil sie im Grunde schon den ganzen Menschen erschöpfend kennzeichnet als auch weil sie symptomatisch für die damaligen Zustände der fürstlichen Klasse ist und von der heutigen Geschichtsschreibung möglichst aus der Welt zu fälschen gesucht wird. Begreiflich genug, daß ein Winkeldespot dieses Schlages sich ohne wirkliches Interesse und Verständnis auf den Beschützer von Kunst und Wissenschaft hinausspielte. In dieser Mäzenatenschaft, in seiner geschlechtlichen Genußsucht, in der sentimentalen Klage, daß Fürsten keine Freunde haben könnten, in der unter gleisnerischen Formen verborgenen Bosheit und Tücke des Charakters war der Erbprinz das freilich sehr vergröberte Ebenbild von Hettore Gonzaga. Und wahrhaftig! man muß es ihm noch als einzige Entschuldigung für seine an Lessing verübten Bubenstreiche anrechnen, daß er sich durch das in Emilia Galotti gezeichnete Despotenbild getroffen fühlte. In Lessings Briefwechsel mit Eva König sind alle seine Nücken und Tücken verzeichnet, und wer angesichts dieser erschütternden Klagen von einer unzeitigen Empfindlichkeit Lessings sprechen kann, der muß allerdings felsenfest von der Überzeugung durchdrungen sein, daß Fußtritte von Despoten immer noch eine Ehre für die Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen sind. So schreibt Lessing am 8. April 1774 an seine Braut: »Bei allem, was heilig ist! wenn ich die ganzen langen vier Monate, in denen ich nicht an Sie geschrieben, einen einzigen vergnügten oder nur ruhigen Tag gehabt hätte, so könnte mir selbst mein Stillschweigen nicht anders als sehr schurkisch vorkommen.« Und dann schreibt er erst wieder am 10. Januar 1775 an sie: »Jawohl, meine Liebe, würde ich selbst nicht begreifen, wie es möglich gewesen, daß ich in so langer Zeit nicht an Sie schreiben können, wenn ich nicht von einem Tage zum andern mich gar wohl zurückerinnern könnte, wie es unterblieben. Vorigen ganzen Sommer habe ich mich mit dem Fieber geschleppt, aber doch hatte das Fieber nur wenig Schuld. Hätte ich Ihnen eine einzige kleine, eben nicht angenehme, nur nicht eben sehr unangenehme Nachricht von mir geben können, so würde ich gerade während dem Fieber die beste Zeit gehabt haben, es zu tun.« Diese und wie viele ähnliche Äußerungen Lessings sollen nun eine Komödie sein, mit der er sich und seine Braut genarrt hat, einzig um den wohlwollenden Absichten des Erbprinzen eins auszuwischen. So hat es Erich Schmidt befohlen, und soweit die Grenzen des deutschen Byzantinismus reichen, wird ihm geglaubt.

Nahe an fünf Jahre hatte Lessing sein Höllendasein in Wolfenbüttel ertragen, er hatte eben seinem Bruder Karl geschrieben, daß er seinen Untergang vor Augen sehe und sich endlich darein ergebe, als er sich im Anfange des Jahres 1775, im Begriff, »im Schlamm zu ersticken«, mit einer letzten Kraftanstrengung losriß. Er ließ sich einige Quartale seines kärglichen Gehalts als Vorschuß zahlen und begab sich auf die Reise namentlich nach Wien, wo seine Braut nach dreijährigem Aufenthalte die verwickelten, ihr aus erster Ehe überkommenen Geschäfte so weit geordnet hatte, daß einer Verbindung der Liebenden wenigstens von ihrer Seite kein wesentliches Hindernis mehr entgegenstand. Eben wollten beide gemeinsam die Rückreise antreten, als sich irgendein braunschweigischer Prinz nach Wien verirrte, den armen Lessing sofort für gute Beute erklärte und als Cicerone mit nach Italien schleppte. Lessing fügte sich darein, da es sich anfangs nur um einen Ausflug nach Oberitalien handeln sollte, aber aus den geplanten acht Wochen wurden es ebenso viele Monate, noch dazu Monate eines plan- und ziellosen Hin- und Herwanderns, und Lessing hat von dieser Erfüllung eines lang ersehnten Wunsches wenig gehabt. Aber wenigstens die Aufnahme, die er in Wien gefunden hatte, konnte ihn einigermaßen für die Leidensjahre in Wolfenbüttel entschädigen; »nie noch ist ein deutscher Gelehrter hier mit solcher Distinktion aufgenommen worden«, schrieb der Staatsrat Gebler. Dem Dichter zu Ehren wurde im kaiserlichen Theater Emilia Galotti aufgeführt, und Lessing, der, nicht ohne eine gewisse Gehässigkeit gegen Voltaire, in der Dramaturgie den Hervorruf der Dichter verspottet hatte, mußte es sich nun gefallen lassen, bei seinem Erscheinen im Theater mit einem brausenden Hoch empfangen zu werden. Maria Theresia und Josef II. wußten besser als Friedrich II., was sich einem Lessing gegenüber schickte; sie empfingen ihn sofort, und ebenso Fürst Kaunitz, der sich lebhaft für Lessing interessierte und ihn noch auf der Rückreise aus Italien zu gewinnen suchte; Lessing selbst schnitt diesen Versuch in etwas brüsker Weise ab. Maria Theresia sprach mit ihm über den Stand von Bildung und Geschmack in den österreichischen Landen; Lessing, der gegenüber liebenswürdigen Damen immer ein galanter Mann war, entschuldigte sich mit seiner Unkenntnis der Zustände, aber die Kaiserin verstand ihn und sagte bekümmert: »Ich weiß wohl, daß es mit dem guten Geschmacke bei uns nicht recht fort will. Ich habe alles getan, was meine Einsichten und Kräfte erlauben, aber oft denke ich, ich sei nur ein Frauenzimmer, und eine Frau kann in solchen Dingen nicht viel ausrichten.« Eine Probe dieses Geschmackes hatte Josef II. bei der ersten Aufführung der Emilia gegeben; er lobte sie sehr mit der Begründung, daß er noch in keinem Trauerspiel so gelacht habe; freilich fehlte dem guten Kaiser jener Schlüssel des Verständnisses für Lessings Trauerspiel, den der Erbprinz von Braunschweig und ähnliche Gesellen in ihrer eigenen Nichtsnutzigkeit besaßen.

Man verzeihe, daß wir uns bei diesen Dingen etwas länger aufgehalten haben. Wir legen ihnen deshalb keinen höheren Wert bei, als sie verdienen und als Lessing selbst ihnen beigelegt hat. Allen Versuchen, ihn nach Wien zu ziehen, hat er widerstanden, nicht zum wenigsten auf Wunsch von Frau Eva, die ihren Lessing und ihr Wien kannte und aus guten Gründen eine dauernde Verbindung zwischen beiden für unmöglich hielt, wenigstens so lange, als »zwei große Augen offenstanden«, so lange, als Maria Theresia lebte, die bei alledem eine bigotte Katholikin war. Aber gegenüber den Bemühungen der preußischen Mythologen von Nicolai bis auf Erich Schmidt, das Kapitel Lessing und Wien ebenso in höhnischer Entstellung zu schreiben wie das Kapitel Lessing und Berlin in schimpflichem Byzantinismus, müssen die Dinge vom Kopfe, auf dem sie stehen, einmal wieder auf die Füße gestellt werden. Demgemäß ist einfach zu sagen, daß Wien sich ebensooft um Lessing bemüht hat, als ihn Berlin von sich zu stoßen für gut befand, daß die Habsburger gegen Lessing mindestens die äußeren Formen der Schicklichkeit ebensogut zu beobachten verstanden, wie die Hohenzollern sie zu vernachlässigen wußten. Auch in Dresden wurde Lessing auf der Rückreise nach Wolfenbüttel vom Hofe und Ministerium mit gebührender Achtung begrüßt. Indessen war dafür gesorgt, daß er deshalb nicht günstiger als bisher von den »Großen« zu denken brauchte. In Wolfenbüttel empfingen ihn neue Schikanen des Erbprinzen, und von Mannheim aus, dem Hofe des Kurfürsten von der Pfalz, wurde mit ihm ein unwürdiges Spiel angezettelt, das, mit lockenden Aussichten auf eine glänzende Berufung anhebend, seinen Namen für den pfälzischen Lokalpatriotismus zu mißbrauchen gedachte, bis Lessing dem Minister Hompesch in einem schneidend groben Briefe den verdienten Fußtritt versetzte. Lessings Erfahrungen mit den deutschen Fürstengeschlechtern stellen sich darnach so: Die Habsburger und daneben auch die Wettiner haben seine Bedeutung so oder so verstanden und geehrt. Die Welfen und die Wittelsbacher haben sie auch verstanden, aber trotzdem oder auch ebendeshalb ist Lessing von ihnen mißhandelt worden. Die Hohenzollern aber haben sie überhaupt nicht verstanden, und es ist ein ganz ausgesuchtes Pech der preußischen Mythologen, daß sie, um Friedrichs »durchdringenden Adlerblick« wenigstens scheinbar auf Lessing lenken zu können, dem Könige eine Mißhandlung andichten müssen, woran er vermutlich sehr unschuldig gewesen ist. Wenigstens im Vorbeigehen mag noch erwähnt werden, daß die Lobsprüche, welche die preußischen Mythologen auf den Hohenzollern Friedrich häufen, tatsächlich dem Habsburger Josef gebühren. Josef II. wollte nicht nur »erster Verwalter« des Staats sein, sondern war auch daneben »Verehrer der Menschheit«, er versuchte nach seinen freigeistigen, persönlichen Ansichten zu regieren. Friedrich nannte das den zweiten Schritt tun, ehe der erste getan war, was politisch den Nagel auf den Kopf traf und ebenso die Erfolge Friedrichs wie die Mißerfolge Josefs erklärt. Aber vom Standpunkte des persönlichen Fürstenkultus verdient nur Josef die auf Friedrich gehäuften Lorbeeren, namentlich auch was die geistige Entwicklung in Deutschland anbetrifft; sogar der nationalliberale Historiker Biedermann muß anerkennen, daß Josef während seiner kaum zehnjährigen Regierung mehr für die Preßfreiheit getan hat als Friedrich während einer fünfmal so langen Zeit.

Im Anfange des Jahres 1776 war Lessing nach Wolfenbüttel zurückgekehrt. Durch ein energisches, an den Erbprinzen gerichtetes Ultimatum schlug er endlich die kümmerliche Gehaltsaufbesserung (von 600 auf 800 Taler) heraus, die ihm die Begründung eines eigenen Hausstandes ermöglichte. Am 8. Oktober desselben Jahres führte er endlich seine Eva heim. Aber schon nach fünfviertel Jahren häuslichen Glücks entriß sie ihm der Tod. Diesen Schlag hat Lessing nicht mehr verwunden; nach drei Jahren des Siechtums, in denen er »das eine Jahr, das er mit einer vernünftigen Frau gelebt hatte, teuer bezahlen« mußte, folgte er der Unvergessenen ins Grab. Aber gerade in den Tagen des höchsten Leids flammte sein Genius noch einmal hell auf. Das Trauerjahr um seine Frau war das klassische Jahr seiner theologischen Kämpfe, das einzige Jahr des Wolfenbütteler Jahrzehnts, in dem Lessing noch einmal er selbst war.

Lessings Aufenthalt in Hamburg hatte ihm die entscheidenden Proben von der Selbstentmannung der bürgerlichen Klassen gegeben. Trug die niederschlagende Erkenntnis dazu bei, ihn nach Wolfenbüttel zu treiben, so machte ihn das Leben in Wolfenbüttel vollends unfähig zu allen Arbeiten, die »eine besondere Heiterkeit des Geistes, eine besondere Anstrengung erforderten«, selbst wenn er zu solchen Arbeiten geneigt gewesen wäre. Aber er war nicht einmal dazu geneigt; das Theater war ihm völlig verleidet, und er dachte nur gelegentlich an seine »antityrannische Tragödie« Spartakus. Seine Abkehr von der schönen Literatur ist vielfach mißverstanden worden. Schien diese Literatur doch gerade in diesem Jahrzehnt einen neuen Aufschwung zu nehmen! Herder und der junge Goethe; die Stürmer und Dränger Klinger, Lenz, Wagner; Bürger und der Hainbund; die unzähligen Fausttragödien, die Shakespearomanie und was sonst in diesen literarhistorischen Zusammenhang gehört. Man ist sogar so weit gegangen, Lessings Stellung zu dem »jungen Deutschland« auf die grämliche Verstimmung des Alters, ja unglaublicherweise auf persönlichen Neid gegen Goethe zurückzuführen. Nun können in der Tat Lessings gelegentliche Urteile über Goethes Erstlinge auf den ersten Blick befremden; es kann auffallen, daß er einen Dichter wie Bürger weder in seinen Briefen noch in seinen Schriften erwähnt, daß er von den jungen Dichtern eigentlich nur für den ihm persönlich nahestehenden und augenscheinlich seinem Vorbilde nacheifernden Leisewitz warme Worte hat. Allein der Schlüssel dieser anscheinenden Rätsel ist einfach wieder in der nun schon so oft hervorgehobenen Tatsache zu suchen, daß Lessing in seinem Tun und Lassen, bewußt oder unbewußt, immer von seinem bürgerlichen Klassenbewußtsein bestimmt wurde, und von diesem Standpunkte aus mußte er den Sturm und Drang der siebziger Jahre als eine bedenkliche Abirrung von dem Wege betrachten, auf dem die bürgerlichen Klassen allein vorwärtskommen konnten.

Es ist schon darauf hingewiesen worden, daß Lessing in der Dramaturgie die Shakespearomanie so wenig begünstigte, daß er vielmehr vor ihr warnte. Was sollte ihm nun Goethes Götz? Er verkannte das Genie des Dichters durchaus nicht und schrieb seinem Bruder, wenn Ramler das Drama mit französischem Maßstabe messe, so geschehe ihm schon recht, wenn der König Ramlers Oden mit französischen Augen anschaue. Aber Goethe verherrlichte im Götz einen gemeinen Strauchdieb, dessen Name zumeist durch einen bübischen, an den Bauern im Bauernkriege begangenen Verrat in die Jahrbücher der Geschichte gelangt ist, als »einen der edelsten Deutschen«; er wollte das »Andenken eines braven Mannes retten« und verhöhnte um dieses spitzbübischen Ritters willen die Städte und die Bauern; sollte Lessing, der mit gutem Fug verlangt hatte, daß dem Dramatiker die historischen Charaktere heilig sein sollten, und der selbst stets für die Interessen der bürgerlichen Klassen eingetreten war, darüber etwa jubeln? Und ganz ähnlich lag die Sache bei Werthers Leiden. Lessing erkannte den dichterischen Wert des Romans vollkommen an, aber solche »klein-großen, verächtlich-schätzbaren Originale« wie Werther, in dem die bürgerlichen Klassen unter unendlichem Tränengewinsel das Ideal eines Mannes beweinten, konnten ihm ganz und gar nicht imponieren, und er beeilte sich, seinen jungen Freund Jerusalem, den die Mitwelt als das Urbild des Werther betrachtete, durch ein schönes Ehrendenkmal von dem Verdachte einer Wesenseinheit mit dem Geschöpfe des Dichters zu befreien. Nicht mit Neid, aber mit sympathischem Bedauern sah Lessing den begabten Nachwuchs der bürgerlichen Klassen sich von dem richtigen Wege verirren, den er selbst eingeschlagen hatte. Er unterschied sehr wohl zwischen den bürgerlichen Dramen von Lenz und Wagner und den romantischen Ritterstücken Klingers, und wenn Nicolai die Volksdichtung Bürgers durch einen Almanach skurriler Schlemperlieder verhöhnen wollte, so bemerkte Lessing dem Berliner Aufklärer verächtlich, sein ganzer Spaß laufe auf die Vermengung des Pöbels mit dem Volke hinaus. Am nächsten scheint Lessing dem jungen Geschlechte der siebziger Jahre noch in der dramatischen Behandlung der Faustsage zu stehen, mit der auch er sich lange Jahre hindurch beschäftigt hat, allein gerade hier tut sich der feinste sowohl wie tiefste Unterschied zwischen ihm und ihnen auf. Was wir von Lessings dramatischen Faustplänen wissen, läuft auf einen »bürgerlichen« Faust, läuft darauf hinaus, daß Faust von »einem unauslöschlichen Durst nach Wissenschaft und Kenntnis« beseelt ist und daß »der oberste der Teufel« ihn deshalb »sicherer« zu haben glaubt als »bei jeder anderen Leidenschaft«. Allein ein Engel versenkt den wirklichen Faust in einen tiefen Schlummer und schafft an seine Stelle ein Phantom, mit dem die Teufel ihr Spiel treiben. Als sie endlich gewonnen zu haben glauben, ruft ihnen der Engel zu: »Triumphiert nicht, ihr habt nicht über Menschheit und Wissenschaft gesiegt; die Gottheit hat dem Menschen nicht den edelsten der Triebe gegeben, um ihn ewig unglücklich zu machen; was ihr sahet und jetzt zu besitzen glaubt, war nichts als ein Phantom.« Das wäre denn freilich Faust nicht als Tragödie, sondern als Komödie, als anmutige und tiefsinnige Komödie, aber doch immer als Komödie. Allein anders konnte ein so entschlossener und klarer Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen wie Lessing die Legende des Reformationszeitalters gar nicht dramatisch behandeln. Denn daß die Faustsage ebenso im sechzehnten Jahrhundert die Weltlegende wie im achtzehnten Jahrhundert die Welttragödie des deutschen Bürgertums werden konnte, hieß nichts anderes, als daß diese Klasse in dem einen wie in dem anderen Falle ihr Spiel verloren hatte. Wer noch weiß, was er in dieser Welt zu tun hat, verschreibt sich nimmermehr dem Teufel.

Und so war Lessing denn abermals von dem sichersten Klassenbewußtsein geleitet, als er im November 1774 an seinen Bruder schrieb, das Theater habe längst aufgehört, ihn zu interessieren, und dann hinzufügte: »Recht gut, sonst liefe ich wirklich Gefahr, über das theatralische Unwesen (denn wahrlich fängt es nun an, in dieses auszuarten) ärgerlich zu werden und mit Goethe, trotz seinem Genie, worauf er so sehr pocht, anzubinden. Aber davor bewahre mich ja der Himmel! Lieber wollte ich mir mit den Theologen eine kleine Komödie machen, wenn ich Komödie brauchte.« Es liegt eine tiefe Logik in der letzten großen Wendung, die Lessings Lebenskampf dadurch nahm, daß der Bahnbrecher der Goethe und Schiller zum Bahnbrecher der Fichte und Hegel wurde. Die bürgerliche Literaturgeschichte sucht über das, was sie nicht versteht, mit der kindlichen Redensart hinwegzuhüpfen, Lessing habe den Kampf gegen die Orthodoxie aus Pietät gegen seinen orthodoxen Vater bis zu dessen Tode verschoben, der etwa mit Lessings Übersiedlung nach Wolfenbüttel zusammenfiel, dann aber sei er um so schärfer ins Zeug gegangen. Allein ohne uns sonst bei der wunderlichen Unterstellung aufhalten zu wollen, so ist ihre Haltlosigkeit schon dadurch bewiesen, daß Lessing gerade bei Lebzeiten seines Vaters oft genug gegen die Orthodoxie ausgeritten ist und daß er gerade nach dem Tode seines Vaters nicht sowohl mit der Orthodoxie als mit jener traurigen Sorte von »Aufklärung« angebunden hat, die den bürgerlichen Klassen für immer das geistige Rückgrat zu brechen drohte.

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