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Die Lessing-Legende

Franz Mehring: Die Lessing-Legende - Kapitel 2
Quellenangabe
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authorFranz Mehring
titleDie Lessing-Legende
publisherVerlag Das neue Wort
year1953
firstpub
translator
correctorJosef Muehlgassner
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[Vorworte]

[zur ersten Auflage von 1893]

Die Aufsätze über die Lessing-Legende, die ich vom Januar bis Juni vorigen Jahres im Feuilleton der »Neuen Zeit« veröffentlicht habe, sind für diese neue Ausgabe sorgfältig durchgesehen, in vielen Einzelheiten ergänzt und vervollständigt, in manchen Abschnitten, so im sechsten, siebenten, neunten Kapitel des ersten, dann auch in den drei letzten Kapiteln des zweiten Teils beträchtlich vermehrt worden. Alle diese Erweiterungen bezwecken, die grundsätzliche Scheidung zwischen dem aufgeklärten Despotismus und der klassischen Literatur im Deutschland des achtzehnten Jahrhunderts noch schärfer durchzuführen, den eigentlichen Nebelkern der Lessing-Legende, namentlich soweit er die Probleme der deutschen Gegenwart verschleiert, noch gründlicher aufzurollen, als in den Blättern einer wissenschaftlichen Wochenschrift aus technischen Gründen möglich war.

Diesem Zwecke soll besonders auch die ausführlichere Schilderung des friderizianischen Staats dienen. Denn je klarer sich dieser Staat als das geschichtliche Erzeugnis eines Klassenkampfes zwischen ostelbischem Fürsten- und Junkertum herausstellt, um so schärfer tritt unsere klassische Literatur als der Emanzipationskampf des deutschen Bürgertums hervor. Sollte ich trotzdem in den betreffenden Abschnitten ausführlicher geworden sein, als sich mit meiner eigentlichen Aufgabe vertrug, so werde ich mich damit trösten, daß heutzutage die friderizianische Legende niemals ganz am unrechten Orte beleuchtet werden kann.

Der Anhang über den historischen Materialismus verdankt seinen Ursprung mancherlei Fragen und Zweifeln, die in freundlichen Zuschriften aus dem Leserkreise der »Neuen Zeit« an mich gelangten. Kundige werden die kleine Arbeit nachsichtig beurteilen; ich habe sie jedenfalls mit lebhafter Freude an der Sache geschrieben. In der Kritik der Lessing-Legende war mir nur selten einmal eine Gelegenheit gegeben, die Schriften von Marx und Engels anzuziehen; gleichwohl, wenn ich diesen oder jenen neuen Gesichtspunkt für das Verständnis der deutschen Geschichte eröffnet haben sollte, so beschränkt sich mein Verdienst auf die rückhaltlose Anwendung der materialistischen Forschungsmethode, die Marx und Engels in so einleuchtender, so klarer, so unwiderleglicher und deshalb so epochemachender Weise entwickelt haben. Es konnte mir nicht anders als sehr willkommen sein, in einer sachlichen Erörterung des historischen Materialismus zugleich eine Schuld persönlichen Dankes abzutragen.

Berlin, im Juni 1893

F. M.

 

Vorrede zur zweiten Auflage

Vor vierzehn Jahren, vom Januar bis Juni 1892, veröffentlichte ich im Feuilleton der »Neuen Zeit« eine Reihe von Aufsätzen über Lessing. Seit meiner frühen Jugend zählte er zu meinen Lieblingsschriftstellern, doch gehörte es nie zu den Träumen meines Ehrgeizes, über ihn zu schreiben, so eifrig ich alles verfolgte, was über ihn geschrieben wurde.

Ein kaum weniger tiefes Interesse fesselte mich von früher Jugend an den alten Fritz, obschon es weniger freier Wahl als dem Zwange der Umstände entsprang. Aufgewachsen in dem engen geistigen Bannkreise hinterpommerscher Kleinstädte, mußte ich mich allzulange von der lauteren Milch preußischer Vaterlandsliebe nähren, und noch in meinem Abiturientenaufsatz habe ich das famose Thema »Preußens Verdienste um Deutschland« so gläubig behandelt, daß ich die erste Note erhielt.

Darüber vergingen die Jahre und die Jahrzehnte. Ich hatte meinen Lessing anders lesen lernen, wie ich ihn als Knabe las, und ich hatte auch meinen angestammten Friedrich anders schätzen lernen wie auf den Bänken der Schule. Immer aber dachte ich noch nicht daran, weder über den einen zu schreiben noch über den anderen. Ich war endlich als leitender Redakteur der »Berliner Volkszeitung« ganz in die Tagespolitik verschlagen worden, bis ich dann im Jahre 1890 aus dieser Stellung geworfen wurde, weil ich einen Akt sozialer Unterdrückung bekämpft hatte, den ein damaliger Literatursultan an einer wehrlosen Schauspielerin verübte.

In diesen Kämpfen war ich auf Gegner gestoßen, in denen ich eher Bundesgenossen vermutet hätte, auf Anhänger des modernen Naturalismus, wie er sich damals nannte, auf Ästhetiker und Kritiker, die vom rein literarischen Standpunkt aus jenem Literatursultan aufsässig gewesen waren; auf Schüler Scherers, der ja gewissermaßen als wiedergeborener Lessing die falschen Götzen der Literatur entthront und neuen Göttern den Weg gebahnt haben sollte. Inzwischen hatte ich aus Marx gelernt, den Zusammenhang der Dinge tiefer als auf der Oberfläche zu suchen; ich schob deshalb nicht einer verwerflichen Kameraderie in die Schuhe, was am Ende mehr auf dem Gebiete des Intellekts als der Moral liegen konnte, und so benützte ich meine unfreiwillige Muße, diese Dinge eingehender zu studieren, als ich es vermocht hatte, solange ich das zur Zeit des Sozialistengesetzes schärfste Oppositionsblatt leitete.

Über die Resultate, zu denen ich bei diesem Studium nach und nach gelangte, habe ich mich inzwischen oft genug an anderen Orten ausgelassen, namentlich in der »Neuen Zeit«. Ich kann sie hier natürlich nur mit wenigen Worten zusammenfassen. In den siebziger Jähren des vorigen Jahrhunderts schien der große Krach mit der ökonomischen auch die geistige Kraft der deutschen Bourgeoisie gebrochen zu haben; als ein Mann wie Lindau die Literatur der deutschen Reichshauptstadt beherrschte und auf den Berliner Bühnen nur noch der Geschundene Raubritter in den verschiedensten, aber immer gleich barbarisch-geschmacklosen Fassungen aufgeführt wurde, da schien der bürgerlichen Literatur ihr letztes Stündlein geschlagen zu haben. Jedoch eine große Weltperiode stirbt niemals so schnell ab, wie ihre Erben zu hoffen pflegen und vielleicht auch, um sie mit dem gehörigen Nachdruck berennen zu können, hoffen müssen; gerade die Heftigkeit des Angriffs rafft noch einmal alle Kräfte des Widerstands zusammen; als Schiller seine Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts schrieb, ahnte er auch nicht, daß der absolutistisch-feudale »Naturstaat«, dem er das Horoskop des nahen Untergangs stellte, eine fröhliche Urständ feiern würde. So auch geht es mit dem Kapitalismus nicht so reißend bergab, wie der trotzige Kampfesmut des Proletariats in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und noch lange nachher glaubte. Diese Tatsache ist an und für sich nicht zu bestreiten, so töricht es sein mag, aus ihr zu folgern, daß die langsamere Auflösung überhaupt keine Auflösung mehr sei.

In den achtziger Jahren erholte sich die bürgerliche Gesellschaft bis zu einem gewissen Grade ökonomisch und demgemäß auch geistig. Auf den verschiedensten Gebieten der wissenschaftlichen Literatur erwachte neues Leben; in der ökonomischen Literatur erschien eine Reihe von Schriften, die mit verhältnismäßig scharfem und tiefem Blick in das Gefüge der modernen Gesellschaft drangen; in der schönen Literatur erschien der Naturalismus. Sicherlich war er ein kräftiger Aufstieg aus dem Sumpfe; die Hauptmann und Holz waren aus ganz anderem Holze geschnitzt als die Lindau und Blumenthal; ebenso waren einst die Schlegel und Tieck von ganz anderem Schlage als die Kotzebue und Nicolai. Eine unaufhaltsam absterbende Gesellschaft sammelte ihre ganze Kraft, um sich am Leben zu erhalten, und es war gewiß die stärkste Kraft, die sie überhaupt noch aufzubieten hatte: eine ungleich stärkere Kraft, als sie im Taumel ihres noch unbedrohten Übermuts aufzubieten für nötig hielt, aber eine lange nicht mehr so starke Kraft, um noch abzuwenden, was nach den ehernen Gesetzen der Geschichte nicht mehr abgewandt werden kann. Hierin wurzelt die innere Verwandtschaft des modernen Naturalismus und der feudalen Romantik, die in dem Auflösungsprozeß der feudalen Gesellschaft eine ähnliche Stellung einnahm; hierin liegt der Grund, weshalb diese beiden Literaturperioden des historischen Verfalls bei aller äußeren Unähnlichkeit doch den gleichen Charakter aufweisen, der je länger je mehr sich auch in den Gesichtszügen abspiegelt, wie neben vielem anderen in letzter Zeit das Überwuchern der Märchendramen und sonst allerhand mystischen Zeuges gezeigt hat und zeigt.

Vom Standpunkt dieser historischen Auffassung wird man wie den Stärken, so auch den Schwächen des modernen Naturalismus durchaus gerecht. Man versteht dann, weshalb er einen so unglaublich engen Gesichtskreis hatte oder hat – je nachdem man ihn noch als lebend betrachten will oder nicht –, denn seinem Schifflein fehlte Kompaß und Segel und Steuer, um das hohe Meer der Geschichte zu befahren. Man versteht dann, weshalb er sich an die sklavische Nachahmung der Natur klammerte, denn er mußte ratlos vor jedem gesellschaftlichen Problem stehen. Man mag dann auch seine Freude an den gräßlichen und häßlichen, niedrigen und widrigen Abfällen der kapitalistischen Gesellschaft als einen Protest anerkennen, den er in seinem dunklen Drange dem öden Geldprotzentum, dem Todfeinde jeder echten Kunst, ins Gesicht warf. Alles das kann man historisch vollkommen würdigen. Jedoch mußte und muß der Protest einsetzen, wenn die verkümmerten Lebensbedingungen, unter denen die Kunst in einer absterbenden Gesellschaft überhaupt nur bestehen kann, als die Lebensmöglichkeiten einer noch nie dagewesenen Kunst angepriesen, wenn die Abwendung von den großen Fragen des historischen Kulturfortschritts als die unerläßliche Voraussetzung der »reinen Kunst« gefeiert, wenn die platte Nachahmung der Natur, die noch jeder schöpferische Künstler verschmäht hat, als weltumwälzendes Kunstprinzip verkündet, wenn die modernen Proletarier der ästhetischen Roheit geziehen werden, weil sie in der Kunst nicht Schmutz und Staub, sondern nach einem treffenden Worte »festlichen Kerzenglanz« sehen wollen, gemäß der natürlichen, das heißt historisch gegebenen Stimmung einer Klasse, die ihres Sieges sicher und ihrer Zukunft froh ist.

Nun wird ja freilich dem modernen Naturalismus ein sozialistischer Zug nachgerühmt, allein was an dieser Behauptung wahr ist, bestätigt eben auch nur seine innere Verwandtschaft mit der Romantik. Den ideologischen Literaturhistorikern hat es schon manches Kopfzerbrechen verursacht, daß die Romantiker mittelalterlich-reaktionär und doch bis zu einem Grade modern-freisinnig waren; vom historisch-materialistischen Standpunkt ergibt es sich sozusagen von selbst, daß eine feudal-romantische Dichterschule in den ersten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts nicht ohne einen tüchtigen Zuschuß bürgerlicher Kultur bestehen konnte. Das war schon deshalb eine unbedingte Notwendigkeit, weil die feudale Welt unter dem Angriffe des Bürgertums sich gegen den überlegenen Feind mit den Waffen verteidigen mußte, die sie von ihm entlehnte; ungefähr so, wie sich die Rothäute mit Feuergewehren gegen die Weißen wehrten, was ihr hoffnungsloses Absterben verzögerte, aber nicht aufhielt. Man braucht das Verhältnis zwischen der feudalen Romantik und dem bürgerlichen Emanzipationskampf nur auf die heutigen Zustände zu übertragen, um sofort zu erkennen, was es mit dem sozialistischen Zuge des modernen Naturalismus auf sich hat. Die bürgerlichen Naturalisten sind sozialistisch gesinnt, wie die feudalen Romantiker bürgerlich gesinnt waren, nicht mehr und nicht weniger; hei ihren zahllosen Experimenten halten sie sich mit heiliger Scheu jeder künstlerischen Darstellung fern, die sich auch nur von weitem mit dem proletarischen Emanzipationskampf berühren könnte. Lieber versteigen sie sich in alle mystischen und symbolischen Nebel.

Was von den Dichtern des modernen Naturalismus gilt, das gilt auch von seinen Ästhetikern und Kritikern. Weder großer Fleiß noch auch mancherlei Verdienst läßt sich der Schule Scherers absprechen. Sie hat viel in ästhetisch-philologischer Kleinarbeit geleistet und versteht sich trefflich auf die kritische Analyse von Dichtwerken, soweit es sich um ästhetisch-philologische Gesichtspunkte handelt. Sie hat in siegreicher und gewiß auch dankenswerter Weise wenigstens den intelligenteren Schichten der deutschen Bourgeoisie beizubringen verstanden, daß Anzengruber, Ibsen, Hauptmann Poeten von ganz anderem Wurfe sind als Blumenthal oder Lindau. Insofern haben ihre Arbeiten die bürgerliche Ästhetik und Kritik ungemein erfrischt, die ebenso verkommen war wie die bürgerliche Poesie. Aber ihr Verständnis schwindet, wie mit dem Messer abgeschnitten, wo sich die literarische mit der ökonomischen und politischen, mit der allgemeinen historischen Entwicklung berührt: Will sie Literaturgeschichte schreiben, so fehlt ihrer Darstellung die historische Perspektive und ihren Gestalten das historische Relief. Sie verfällt dann in ein leeres Phrasenwesen, das durch einen peinlichen Stich ins Loyal-Untertänige nichts weniger als verschönert wird.

Die Auffassung, die ich hier in wenigen Sätzen zusammenfasse, hat sich mir im Laufe der Jahre gebildet, und ich habe sie, wie ich schon sagte, in der »Neuen Zeit« nach den verschiedensten Seiten hin ausgeführt. Besonders darf ich auf die Ästhetischen Streifzüge verweisen, die ich im Siebzehnten Jahrgang, Erster Band, der »Neuen Zeit« veröffentlicht habe. Zu den ersten Werken aber, an denen sie sich entwickelte, gehörte die Biographie Lessings von Erich Schmidt, deren letzter Band im Jahre 1891 erschien, wo ich das ganze Werk zum ersten Male las. Ich war hier auf einem mir völlig bekannten Boden, gegenüber einem Stoffe, den ich seit Jahren und Jahrzehnten nicht nur erworben, sondern in gewissem Sinne erlebt hatte. So begann ich mit einer Kritik dieses Buches, die sich mir dann unterderhand, da es sich um Fragen handelte, die oft und oft Gegenstände meines Nachdenkens gewesen waren, weit über den Rahmen einer bloßen Rezension ausdehnte, mit der ich anfangs in drei oder vier Nummern der »Neuen Zeit« fertig zu werden hoffte. Und im Niederschreiben der Arbeit tauchten dann immer neue Gesichtspunkte auf, neue oder je nachdem auch alte Gesichtspunkte, das will sagen Gesichtspunkte, über die ich für mich längst ins reine gekommen war, aber von denen ich glaubte annehmen zu dürfen, daß ihre Klärung für manchen Leser von Interesse sein würde. In der Tat fand die Arbeit von Anfang an lebhaften Beifall; ich wurde von keiner Seite gedrängt, sie abzubrechen, von vielen Seiten aber, sie fortzusetzen. So wurden aus den drei oder vier Aufsätzen etwa zwanzig, und dabei war noch manches unter den Tisch gefallen, was ich einmal in diesem Zusammenhange zu sagen für nötig und nützlich hielt. Das schaltete ich dann noch ein, als aus dem Leserkreise der »Neuen Zeit« das Verlangen nach einer Buchausgabe der Aufsätze laut wurde und Freund Dietz diesem Verlangen in einer starken Auflage nachkam.

So ist dies Buch als eine Improvisation entstanden. Nicht im Sinne einer eilig für Augenblickszwecke zusammengerafften Darstellung; soweit diese Beschuldigung erhoben worden ist, freilich mehr durch heimlichen Literatenklatsch als durch die öffentliche Kritik, die mir zumeist, auch wo sie meiner Methode und meinen Resultaten ablehnend gegenüberstand, die Beherrschung eines umfassenden Stoffes zugestanden hat, darf ich sie mit gutem Gewissen zurückweisen. Was ich in dieser Schrift entwickle, hat die Horazische Quarantäne der neun Jahre dreimal oder noch länger überstanden. Aber sie besitzt in hohem Grade die formellen Mängel einer Improvisation; sie ist eben nicht als Buch entworfen, nicht nach einem systematischen Plane ausgearbeitet worden; sie ist, um ein Lessingisches Wort anzuwenden, ein wenig »Mischmasch«, und ich bin nicht unbescheiden genug, auf das Wort eines bürgerlichen Kritikers zu pochen, der von meiner Arbeit sagte, sie gerate zwar vom Hundertsten ins Tausendste, aber sie habe auch im Hundertsten und im Tausendsten noch etwas zu sagen.

Die neue Auflage, die sich nunmehr notwendig gemacht hat, bot mir die Möglichkeit, die Mängel der Form zu beseitigen. Aber als ich daraufhin das Buch nach mehr als zehn Jahren wieder durchnahm, kam ich sofort zur Einsicht, daß der etwas wild gewachsene Baum entweder so bleiben müsse, wie er ist, oder daß ich einen ganz neuen Baum pflanzen müsse. Mit der Schere ließe er sich nur zu einem kahlen Stumpfe zurechtstutzen, denn das, was auch wohlwollenden Kritikern, die an die herkömmliche Art der Literaturgeschichtschreibung gewöhnt waren, als das »Hundertste und Tausendste« erschien, ist in meinen Augen und nach der historischen Methode, die ich für richtig halte, gerade die Hauptsache. Systematischer ließe es sich freilich entwickeln, aber dann müßte ich das Buch von A bis Z umschreiben, auf die Gefahr hin, es viel umfangreicher, aber deshalb keineswegs inhaltreicher zu machen. Dazu könnte ich mich nur entschließen, wenn ich meine Ausführungen sachlich zu revidieren hätte, allein nach abermaliger sorgfältiger Prüfung des Textes habe ich sachlich nichts daran zu ändern, und um der bloßen Form willen mag ich ein Buch nicht zerstören, das gerade auch in dieser Form nicht nur für mich ein Stück Leben darstellt, sondern auch, wie ich aus zahlreichen Zeugnissen weiß, vielen Lesern lebendig und lieb geworden ist.

Deshalb lasse ich den Text selbst ganz unverändert und beschränke mich darauf, in dieser Vorrede das wenige zu sagen, was ich zu dem gegenwärtigen Stande der Fragen zu sagen habe, die ich in dem Buche behandle.

Zunächst ein kurzes Wort über die öffentliche Kritik, die das Buch erfahren hat. In charakteristischer Weise tritt dabei hervor, was ich oben über die Schule Scherers gesagt habe.

Die »Historische Zeitschrift«, die von Sybel begründet worden ist und unter ihm die friderizianische Legende in erster Reihe gepflegt hat, leitete ihre Anzeige meiner Schrift zwar mit den landesüblichen Scherzen über »sozialdemokratische Wissenschaft« ein – anders als mit einer Spekulation auf die blöden Vorurteile des Philisters bekämpfen die gelehrten Männer der Bourgeoisie nun einmal nicht den historischen Materialismus –, aber sie erkannte dann an, daß meine Schilderung des friderizianischen Staates in allem Tatsächlichen auf gründlichem Studium der besten Hilfsmittel beruhe und auch von den bürgerlichen Historikern mit Nutzen gelesen werden könne. Sie schloß ihre Besprechung mit den Worten: »Unseren entgegengesetzten Standpunkt sowohl bezüglich der Methode wie der Auffassung wollen wir hier nicht begründen; wir wollen vielmehr darauf hinweisen, daß es falsch wäre, dergleichen Bücher einfach zu ignorieren, und daß die historische Wissenschaft aus der unbefangenen Würdigung einer so grundsätzlich verschiedenen Anschauung vom Staate und von den Mächten des geschichtlichen Lebens keinen geringeren Vorteil ziehen wird, als es in ihrer Weise die Nationalökonomie getan hat.« Das ist immerhin eine Kritik, die, ohne dem eigenen Standpunkt etwas zu vergeben, doch dem Gegner gerecht zu werden versucht.

Ganz anders die Schererschen. Zwar wenn Herr Erich Schmidt mich kurzerhand als »Rabulisten« abfertigte, so will ich deshalb nicht mit ihm rechten. Ich habe ihn scharf kritisiert, und es wäre töricht, wenn ich mich darnach über ein scharfes Wort beklagen wollte, das er gegen mich richtet. Genug, daß er mir meine »Rabulisterei« nicht nachgewiesen hat und auch nicht nachweisen kann! Ich habe nichts von dem zurückzunehmen, was ich gegen ihn gesagt habe, aber ich erkenne bereitwillig an, daß sein Werk über Lessing nicht minder alle Vorzüge der Schererschen Schule zeigt als alle ihre Schwächen.

Dagegen sein Famulus Sauer, der ihm bei der Korrektur des ersten Bandes geholfen hat, ein Prager Professor, vermöbelte mich in der »Deutschen Literaturzeitung« zum Gotterbarmen. Ich schenke ihm natürlich die »drollige Weise« und die »einseitige Verbohrtheit«, die er in meinem »breimäuligen und schwatzschweifigen« Buche gefunden haben will; auch daß ich keine Ahnung von der »treibenden Kraft religiöser Ideen« und von der »selbständigen Macht der Poesie« haben soll, nehme ich gern als vernichtendes Donnerwort an. Aber bei den tatsächlichen und speziell literarhistorischen Einwänden, die Herr Sauer gegen meine Darstellung erhebt, will ich ein wenig verweilen, um zu zeigen, daß die Schule Scherers, sobald ihre sterbliche Seite berührt wird, sich genau ebenso als eine mit den traurigsten Waffen kämpfende Literatenclique entpuppt, wie es nur je der »blutige Oskar« und Konsorten getan haben. Herr Sauer schreibt also von mir:

»Er nimmt aus den eifrig durchforschten Quellen nur das heraus, was seine von vornherein feststehende Meinung zu bestätigen vermag, läßt zum Beispiel im Kleistischen Briefwechsel alle Stellen beiseite,, in denen von dem König mit Begeisterung geredet wird, und verschweigt Friedrichs Unterredung mit dem ›Preußen‹ Gottsched, wenn er behauptet, Gleim sei der einzige preußische Dichter, den der König wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen habe. An den Stellen aber, wo Mehring seine Dynamitpatronen triumphierend einsetzt, ist das Gestein ohne Schuld der modernen Lessingforscher seit jeher brüchig und bröcklig gewesen (Verhältnis zu Voltaire, Berufung an die Berliner Bibliothek), und wo er alte Prozesse wiederaufgenommen wissen will, wie den über Simon Lemnius, da spielt ihm seine Verachtung der Büchergelehrsamkeit einen Possen: Er weiß nichts von der neuerlichen Publikation der ›Schutzschrift‹ durch Höfler. (Böhmische Gesellschaft der Wissenschaften, 1892.)«

Um zunächst diesen letzten Punkt zu erledigen, so erfindet Herr Sauer, daß ich den Prozeß über Simon Lemnius wiederaufgenommen wissen wolle. Ich sage im Gegenteil – siehe Seite 315-316 –, dieser Prozeß sei durch Lessing längst entschieden worden, und beklage nur, daß die von Lessing vernichtete Geschichtslüge von der lutherischen Geschichtschreibung, wofür ich Ranke, Köstlin und Heidemann zitiere, wieder an unseren hohen Schulen kolportiert werde. Was haben damit nun die »Böhmische Gesellschaft der Wissenschaften« und die Publikation der »Schutzschrift« des Lemnius durch Höfler zu tun? Mit demselben Rechte könnte ich Herrn Sauer für einen Ignoranten erklären, weil er nicht wisse, daß die »Schutzschrift« des Lemnius längst in Hansens Pragmatischer Geschichte der Protestanten in Deutschland neu gedruckt worden ist. Das eine wäre eine sinnlose Verdächtigung wie das andere.

Ferner: Allerdings ist es die Schuld der modernen Lessing-Forscher, daß sie das Gestein über Lessings Verhältnis zu Voltaire und Lessings Berufung an die Berliner Bibliothek »brüchig und bröcklig« gelassen haben. Besäßen sie vor dem Manne Lessing eine Spur jener Achtung und vor dem Schriftsteller Lessing eine Spur jener »philologischen Akribie«, womit sie bis zum Überdruß einherprunken, so hätten sie es nicht meinem »breimäuligen und schwatzschweifigen« Buche überlassen dürfen, sondern es wäre ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit gewesen, die handgreiflichen Flunkereien K. G. Lessings und Nicolais aus dem Wege zu räumen.

Weiter Gleim und Gottsched! Gegen einen modernen Literaturhistoriker, der sich darüber aufhält, daß Goethe an Lessing, Ramler und Gleim den Einfluß Friedrichs auf die deutsche Literatur entdeckt habe, führe ich Seite 58 f. aus, an diesen dreien sei er menschenmöglicherweise überhaupt nur nachzuweisen, und in diesem Zusammenhange sage ich: »Auch ist Gleim der einzige preußische Dichter, der den König Friedrich wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen hat.« Dann schildere ich Seite 234 f. Friedrichs Unterhaltung mit Gottsched, den Friedrich als »sächsischen. Schwan« ansang, und erwähne auch Seite 318, daß Gottsched ein geborener Preuße gewesen sei. Aus alledem fabelt Herr Sauer zusammen, ich hätte Friedrichs Unterhaltung mit Gottsched verschwiegen, um dem König nachreden zu können, er habe nur mit einem preußischen Dichter gesprochen.

Endlich soll ich in tendenziöser Weise aus dem Kleistischen Briefwechsel alle Stellen verschwiegen haben, in denen von dem König mit Begeisterung geredet werde. Ein Vorwurf, der nur dann etwa einen Sinn haben würde, wenn ich wenigstens eine von den Stellen zitiert hätte, in denen Kleist mit dem Gegenteil von Begeisterung von Friedrich redet. Aber es ist mir nicht eingefallen, auch nur eine dieser Stellen zu zitieren, weil sie für meine Darstellung ohne jeden Belang waren. Ich ziehe Kleists Briefwechsel auf Seite 341 nur an, um Lessings Freundschaft für Kleist zu erklären. Ich sage da, im Felde, wo Lessing ihn kennenlernte, habe sich Kleist als menschenfreundlicher, milder und tapferer Mann bewährt, während er vordem in seiner Potsdamer Friedensgarnison immerhin als ein seltsamer Heiliger erschienen sei: Ich zitiere eine Äußerung Kleists, wonach ihm der »pure Gedanke«, noch zwanzig oder dreißig Jahre in Potsdam zu leben, als eine »Hölle« vorkomme, und füge hinzu: Diese Stimmung sei unter dem eisernen Drucke Friedrichs wohl verständlich gewesen. Ist das nun aber nicht wahr? Ein bürgerlicher Literarhistoriker schreibt: »Es war kein idealer Ort, in dem Kleist die besten Jahre seines Lebens verbringen mußte. Von dem Lärm der nahen Hauptstadt abgeschlossen, hatte Potsdam das Aussehen einer großen Kaserne; hier unter den Augen des Königs wurde der Dienst strenge, pedantisch, rücksichtslos gehandhabt ... Solange Friedrich selbst an Ort und Stelle war, konnte an einen noch so kurzen Urlaub nicht gedacht werden. Wie viele Reisepläne Kleists gingen in die Brüche, wie selten riß er sich auf wenige Tage oder Stunden aus dem Gefängnis los! Denn als Gefängnis, gestehen wir es uns offen, hat er Potsdam gefühlt. Seine Briefe sind voll der tiefsten Seufzer und der lautesten Flüche über diese Existenz, sind von der Sehnsucht nach Freiheit getränkt. Ein langweiliges, geisttötendes Garnisonleben« usw. Der so schreibt, ist aber niemand anders als Herr Sauer in der Einleitung zu seiner Ausgabe von Kleists Werken. Freilich läßt er in dieser Einleitung aus feurigem Patriotismus auch ein allgemeines Avancement unter den Hohenzollern eintreten, indem er einen Markgrafen der Nebenlinie Brandenburg-Schwedt zu des »Königs Bruder« und des Königs wirklichen Bruder, den Prinzen von Preußen, zum »Kronprinzen«, zu Friedrichs Sohn ernennt. Aber dieser revolutionäre Umsturz der Genealogie fällt ganz auf Herrn Sauers Kappe; Kleist ist daran völlig unschuldig, und Herr Sauer muß es meiner »einseitigen Verbohrtheit« zugute halten, wenn ich mich zu diesem fanatischen Hohenzollernkultus nicht aufzuschwingen vermag.

Doch nunmehr genug von Herrn Sauers Kritik! Ich würde bei dem Quark um seiner selbst willen nicht einen Augenblick verweilt haben, aber ich mußte in die Einzelheiten eingehen, um dem Leser einmal handgreiflich zu zeigen, welche halb kindischen, halb tückischen »Rabulistereien« die Scherersche Schule allein gegen meine Kritik des Byzantinismus aufzubieten weiß, womit sie die deutsche Literaturgeschichte verseucht.

Ungleich kürzer fasse ich mich mit einem anderen österreichischen Gelehrten, einem sichern Herrn J. E. Wackernell, der sich im »Österreichischen Literaturblatt« als »Universitätsprofessor in Innsbruck« vorführt, um mich abzuschlachten. Es genügt mir, festzustellen, daß dieser scherzhafte Genius das Banner der »Wahrheit« gegen mich entfaltet, erstens weil ich Lessing »zu einem sozialdemokratischen Revolutionär und Materialisten« gemacht, und zweitens weil Marx »bekanntlich« den historischen Materialismus »von den Engländern abgeschrieben« haben soll.

Eine dritte professorale Größe, Herr Werner Sombart in Breslau, orakelt also: »Mehrings historische Mission liegt wesentlich in der Ad-absurdum-Führung (beiläufig reizendes Deutsch) leitender Sätze des marxistischen Systems. Wie die materialistische Geschichtsauffassung nicht verstanden sein will, zeigt seine Lessing-Legende.« Dagegen schrieb mir Engels, der neben Marx den historischen Materialismus begründet hat, als ich ihm mein Buch übersandte: »Ich kann von dem Buch nur wiederholen, was ich schon von den Artikeln, als sie in der ›Neuen Zeit‹ erschienen, wiederholt gesagt habe: Es ist bei weitem die beste Darstellung der Genesis des preußischen Staats, die existiert, ja, ich kann wohl sagen, die einzig gute, in den meisten Dingen bis in die Einzelheiten hinein richtig die Zusammenhänge entwickelnd.« Es versteht sich, daß ich mit der Berufung auf Engels auch nicht einen Satz meines Buches vor einer sachlich einschneidenden Kritik sichern will, aber gegenüber einem Fanfaron, dessen sogenannter »Marxismus« darin besteht, daß er die von Marx und Engels endlich ins reine gebrachten Theorien wieder in die plattesten Gemeinplätze der Vulgärökonomie verschleimen will, genügt mir die Berufung auf Engels.

Ungleich anständiger, ehrlicher und sachlicher hat eine Reihe literarischer Wochenschriften und politischer Tagesblätter, die nicht das Glück haben, von Professoren redigiert zu werden, über mein Buch geurteilt. Doch will ich darauf nicht näher eingehen und nur noch kurz erwähnen, daß von sozialistischer Seite zwei schroff ablehnende Kritiken erschienen sind, von Paul Ernst in der »Neuen Zeit« und von Jaurès in seiner Geschichte der Französischen Revolution. Ich habe mich mit beiden schon in der »Neuen Zeit« auseinandergesetzt. Paul Ernst, Mehrings Lessing-Legende und die materialistische Geschichtsauffassung, »Neue Zeit«, XII, 2, S. 7 ff. Mehring, Zur historisch-materialistischen Methode, »Neue Zeit«, XII, 2, S. 142 ff. Mehring, Pour le roi de Prusse, »Neue Zeit«, XXI, 1, S. 517 ff. Aber wenn dem auch nicht so wäre, würde ich heute nicht mehr mit ihnen streiten. Paul Ernst hat dem Sozialismus längst den Rücken gekehrt, und Jaurès vertritt in den Fragen, um die es sich hier handelt, den Standpunkt Sybels und Treitschkes, einen Standpunkt, den die bürgerlichen Historiker in Deutschland, soweit sie überhaupt wissenschaftlich arbeiten, längst als gänzlich unhaltbar aufgegeben haben. Sosehr sie sonst unter sich uneinig sind, worauf ich gleich in einem entscheidenden Punkte zurückkomme, so lehnen sie doch einmütig ab, in Friedrich einen »Helden der nationalen Wiedergeburt« zu sehen, der, wie Sybel einmal sagt, die furchtbaren Gefahren des Siebenjährigen Krieges auf sich genommen habe, damit Belgien und infolgedessen das linke Rheinufer nicht französisch werde.

Jaurès würde sicherlich auch die Diskussion mit einem deutschen Parteigenossen ablehnen, der die Auffassung, die Jaurès von der französischen Geschichte hat, kritisieren würde, vom Standpunkt der napoleonischen Legende aus, wie sie einst der brave Thiers vertrat.

 

Was nun die allgemeine Entwicklung der historischen Probleme anbetrifft, um die es sich in meinem Buche handelt, so kann davon, soweit es auf Lessing ankommt, überhaupt nicht gesprochen werden. Es ist allerdings noch eine neue Biographie Lessings erschienen, von Karl Borinski, aber sie bildet einen gewaltigen Absturz gegen das Werk Erich Schmidts und entzieht sich jeder fruchtbaren Kritik. Mit Lessings Namen wird freilich noch immer der alte Unfug getrieben, aber es steckt immer weniger dahinter, und das bourgeoise Zerrbild Lessings verwittert in einer Weise, die nicht anders als freudig begrüßt werden kann.

Ebenso hat die Auflösung der friderizianischen Legende seit dem Jahre 1892 erfreuliche Fortschritte gemacht. Der patriotische Trödel Sybels, Treitschkes und ähnlicher Historiker ist völlig aufgegeben worden, auch in der großen Biographie Friedrichs, die Reinhold Koser, der Direktor der preußischen Staatsarchive, veröffentlicht hat. Von ihr lag, als ich mein Buch herausgab, nur der Anfang vor, die erste Hälfte des ersten Bandes, und ich habe gelegentlich – siehe Seite 204/205 f. – gegen Koser polemisiert. An ähnlichen Verstößen, wie ich hier gerügt habe, fehlt es auch in den späteren Bänden nicht; selbst das schon von Nicolai beseitigte Histörchen vom »Niedrigerhängen« der Pamphlete, die an den Berliner Straßenecken gegen den König angeschlagen worden sein sollen, wärmt Koser wieder auf, wie denn seine ganze Darstellung in den beschränkten Voraussetzungen preußischer Staatsgesinnung befangen und von diplomatischer Behutsamkeit keineswegs frei ist. Aber sosehr seine historische Auffassung von der meinen abweicht, so hindert mich das natürlich nicht, sondern gebietet mir vielmehr anzuerkennen, daß Köser von seinem Standpunkt aus den Dingen mit subjektiver Wahrhaftigkeit gerecht zu werden sucht und eine Menge patriotischer Märchen, die sich bei Sybel, Treitschke, Freytag, Bernhardi und ähnlichen Historikern finden, rücksichtslos über Bord geworfen hat, so den geweihten Hut und Degen, womit der Papst den österreichischen Feldmarschall Daun für den Überfall bei Hochkirch ausgezeichnet haben soll, so den Briefwechsel zwischen der Kaiserin Maria Theresia und der Marquise Pompadour, so noch manches andere, was der alte Fritz unter richtiger Spekulation auf den beschränkten Untertanenverstand seiner Borussen erfunden hat, um seine Feinde lächerlich zu machen. Für einen geborenen Preußen ist es immer sehr schwer, diesen ganzen Wust loszuwerden, und ich gestehe, daß ich auch noch der friderizianischen Legende allzu große Zugeständnisse gemacht habe, so in dem, was ich über Friedrichs Abscheu vor dem Menschenhandel der deutschen Kleinfürsten gesagt habe. Es ist richtig, daß Friedrich im Herbst 1777 den von England gekauften Landeskindern bei Minden die Weserfahrt sperrte, aber seine Beweggründe beurteilt Koser nüchterner und richtiger als ich, wenn er meint, daß Friedrich die deutschen Werbeplätze, die er selbst brauchte, habe schonen und übrigens den Engländern einen kleinen Schabernack spielen wollen, wie er denn auch den Flußpaß bald wieder freigab, als er politische Rücksichten auf England nehmen mußte.

Am meisten hätte ich gegen Kosers Darstellung der friderizianischen Finanzwirtschaft einzuwenden, die offenbar von dem immerhin unbewußten Wunsche beeinflußt ist, dem Märchen von Friedrichs »sozialem Königtum« nicht gar zu hart vor den Kopf zu stoßen. Hier hat der Historiker allerdings mit »brüchigem und bröckligem« Material zu kämpfen, da es keine erschöpfenden und zuverlässigen Quellen gibt, aus den Gründen, die ich Seite 171 angegeben habe. Man kann hier nur mit »ungewissen Ziffern« rechnen, und ich selbst habe meine Aufstellung unter allem Vorbehalt aufgemacht. Kosers und meine Rechnung stimmen darin überein, daß die jährlichen Staatseinnahmen in Friedrichs Spätzeit etwa 22 Millionen betragen haben. Die Höhe des Kriegsschatzes, den Friedrich nach dem Siebenjährigen Kriege gesammelt hat, gibt Koser auf 51 302 010 Taler an, wodurch meine Vermutung bestätigt wird, daß ich ihn mit 40 Millionen zu niedrig geschätzt habe. Dagegen setzt Koser die jährlichen laufenden Ausgaben für das Kriegswesen, die ich nach Boyen und anderen auf 13 Millionen angenommen hatte, auf etwas über 12¼ Millionen herab und ebenso die Kosten des Bayerischen Erbfolgekriegs, die ich nach Preuß auf 29 Millionen beziffert hatte, auf 17 Millionen. Es ist aber nicht ersichtlich, ob er dafür zuverlässigere Belege hat als eine gelegentliche briefliche Äußerung des Königs, der gegenüber Preuß seine Annahme ausdrücklich aufrechterhält. Die Angabe Retzows, daß der Bau des Neuen Palais alles in allem 22 Millionen gekostet haben soll, habe ich »arg übertrieben« genannt; Koser nennt sie »vielleicht um das Zehnfache« zu hoch, was er jedoch auch nur aus unvollständigen Baurechnungen vermuten kann. Schlimmer ist, daß er überhaupt keine Übersicht über die vielen Millionen zu geben versucht, die Friedrich durch seine despotische Baulust verschwendet hat. Nach einer gelegentlichen Andeutung scheint er sie samt und sonders unter die Ausgaben für Landeskultur zu rechnen, was mindestens für die Pracht- und Prunkbauten in Berlin und Potsdam, wie eben das Neue Palais, in keiner Weise zutrifft. So meint denn Koser, daß der Minister Hertzberg die Gesamtsumme dessen, was der König seit dem Siebenjährigen Kriege an außerordentlichen Unterstützungen aufgewandt habe, auf mehr als 40 Millionen »annahm«, während Preuß, dem ich darin gefolgt bin, aus der »detaillierten Berechnung« desselben Hertzbergs noch nicht 25 Millionen für diesen Zweck herausrechnet.

Eine zuverlässige Übersicht läßt sich heute nicht mehr entwerfen, zumal da auch das unvollständige Material, wonach Hertzberg seinerzeit gearbeitet hat, nicht mehr erhalten ist. Im allgemeinen und unter den kritischen Vorbehalten, die ich in meinem Buche selbst gemacht habe, bin ich der Ansicht, daß die 25 Millionen der historischen Wahrheit näherkommen als die 40 Millionen. Ich habe die abweichenden Ziffern Kosers nicht verschweigen wollen, allein von einer gewissen Tendenz ist seine Darstellung der friderizianischen Finanzwirtschaft unmöglich freizusprechen. Immer aber, auch wenn sie vollkommen zutreffend wäre, so würde sie an dem, worauf es mir ankommt, nicht das mindeste ändern. Hätte Friedrich wirklich bei 22 Millionen Jahreseinnahmen im jährlichen Durchschnitt 16 Millionen für Militärzwecke (Heeresetat, Kriegsschatz, Bayerischer Erbfolgekrieg, Subsidien für die russischen Türkenkriege) und lange noch nicht 2 – hauptsächlich in die Taschen der Junker fließende – Millionen für das »Retablissement« des grauenhaft verwüsteten Landes verwandt, so würde das offiziell gepflegte Gerede von seiner »sozialistischen Staatsfürsorge« und seinem »sozialen Königtum« nicht minder ein trostloser Humbug sein.

Wenn es nun ein unzweifelhaftes Verdienst der neueren preußischen Historiker ist, in dem alten patriotischen Gerumpel einigermaßen aufgeräumt zu haben, so sind sie deshalb freilich nicht die preußische Befangenheit los und sehen in dem Aufstieg Preußens die Rettung Deutschlands. Dabei geht es ihnen ganz ähnlich wie seinerzeit den bürgerlichen Aufklärern, die Lessing so bitter verspottet oder im günstigsten Falle auch bemitleidet hat als »ehrliche Leute, die den Umsturz des abscheulichsten Gebäudes von Unsinn nicht anders als unter dem Vorwand, es neu zu unterbauen, befördern können«. Indem sie die friderizianische Legende zwar von den größten Albernheiten säubern, aber im Kern doch nicht preisgeben wollen, übersehen sie, daß sich dies »abscheuliche Gebäude von Unsinn« nicht neu unterbauen läßt, ohne daß es ihnen über dem Kopfe zusammenbricht. Dadurch, daß die neueren preußischen Historiker einmütig die Mär der Sybel und Treitschke zurückweisen, wonach Friedrich den Siebenjährigen Krieg aus deutschnationalen Gründen begonnen haben soll, sind sie in einen sachlich und noch weit mehr symptomatisch interessanten Streit darüber geraten, weshalb er ihn denn nun eigentlich begonnen habe.

Die einen halten an dem fest, was Friedrich selbst stets behauptet hat: Er habe sich gegen eine übermächtige Koalition wehren müssen, die sich ohne seine Schuld gegen ihn zusammengerottet habe. Zu diesen Historikern gehört Koser. Aber dem widersprechen die diplomatischen Vorspiele des Krieges, über die nunmehr die eingehendsten Aufklärungen vorliegen. Gefährlich wurde die Angriffslust des Wiener und Petersburger Hofes erst dadurch für Friedrich, daß diese Höfe den Pariser Hof für sich gewannen, und Friedrich stieß den Pariser Hof, mit dem er seit sechzehn Jahren verbündet war, gewissermaßen mit Gewalt auf die Seite seiner Gegner, indem er mit England am 16. Januar 1756 die Westminsterkonvention abschloß. Koser begnügt sich damit, diese Konvention eine »falsche Rechnung« zu nennen; Bailleu, ein anderer preußischer Archivbeamter, geht rücksichtsloser ins Zeug und schreibt über die Haltung Friedrichs in den diplomatischen Vorspielen des Siebenjährigen Krieges: »Was die Zeitgenossen an der Veränderlichkeit und Unzuverlässigkeit der friderizianischen Politik zu tadeln wußten, scheint mir nur zu wohlbegründet ... Sie war argwöhnisch und leichtgläubig, kurzsichtig und überstürzend ... Wo zwei fremde Staatsmänner die Köpfe zusammensteckten, vermutete Friedrich das Werden einer Koalition; wo man von Truppenmärschen hörte, argwöhnte er einen Angriff auf Preußen.« Und ähnlich läßt sich auch Naudé aus, ebenfalls ein preußischer Archivbeamter, der sich eingehend mit der friderizianischen Geschichte beschäftigt hat.

Gegen dies vernichtende Urteil über die friderizianische Diplomatie haben sich nun andere preußische Historiker erhoben, in erster Reihe Max Lehmann und Hans Delbrück. Sie sind dabei vollkommen vor dem Verdacht irgendeiner liebedienerischen Beflissenheit geschützt. Lehmann hat sich durch seine ehrlichen und gründlichen Biographien Scharnhorsts und Steins, Delbrück aber durch seine bedeutende Geschichte der Kriegskunst wirkliche Verdienste um die historische Wissenschaft erworben. Lehmann hat den preußischen König Friedrich Wilhelm III., aus dem Treitschke eine Art von nationalem Heros gemacht hatte, in seiner bodenlosen Nichtigkeit enthüllt, und Delbrück hat einen jahrelangen und schließlich siegreichen Feldzug gegen die selbst von Offizieren des Großen Generalstabs verteidigte Legende geführt, wonach der alte Fritz schon die napoleonische Strategie und Taktik angewandt haben soll. Auch Lehmanns Schrift über den Ursprung des Siebenjährigen Krieges, die im Jahre 1894, bald nach Erscheinen meines Buches, veröffentlicht wurde, richtete sich zunächst gegen die friderizianische Legende der Ranke, Treitschke, Sybel. Lehmann wies nach, daß Friedrich in keiner Weise von deutschnationalen Gesichtspunkten geleitet gewesen sei, als er den Siebenjährigen Krieg begann. Er schrieb: »Während des Krieges wurde Deutschland von Österreich, aber auch von Preußen verleugnet. War es eine Schädigung Deutschlands, daß die Kaiserin, um Schlesien zu bekommen, Ostpreußen den Russen, ansehnliche Stücke der westlichen Marken den Franzosen opfern wollte, so werden wir auch Friedrich nicht loben dürfen, daß er der Annexion Sachsens den Vorzug gab vor der Befestigung seiner Grenzlande im Osten und im Westen.« Die Annexion Sachsens war der Grund, der nach Lehmanns Auffassung den König in den Krieg trieb. Lehmann gibt zu, daß Friedrich bedroht gewesen sei, aber doch nicht so, daß er schon das Schwert hätte ziehen müssen; vielmehr seien »zwei Offensiven aufeinandergestoßen«; Friedrich habe, um Sachsen zu erobern, den Krieg ebenso gewollt wie seine Gegner, um ihm Schlesien abzunehmen; erst durch sein aggressives Vorgehen habe er die europäische Koalition zusammengeschweißt.

Diesen Gedanken hat dann Delbrück aufgenommen, um die »fürchterliche Deklassierung des großen Königs« durch Bailleu, Naudé usw. zu bekämpfen. Er macht ihnen das gefährliche Zugeständnis, daß ihr Urteil »eher zu milde als zu streng« sei, daß der König wie »ein kompletter Narr« gehandelt haben würde, wenn es ihm nur um defensive Zwecke zu tun gewesen sei, und er sucht dann an der Hand der Lehmannschen Hypothese aus dem »unklaren, schwächlichen Sanguiniker« ein »Bild von überwältigend furchtbarer Größe« zu machen: »den Staatsmann, der mit der gesetzlosen Verwogenheit des Genius die Welt, die sich ihm widersetzen will, in Trümmer schlagend, selber willens, eine neue Welt zu schaffen, auf Wegen tiefster Verborgenheit doch gerade auf sein Ziel zuschreitet«, »den großen König in seiner ganzen Majestät und Tragik: wie er, das große Ziel in seiner Notwendigkeit erkannt, mit der ganzen Kraft seiner gewaltigen Persönlichkeit darum gerungen und endlich doch ermattet davon hat ablassen müssen, weil der ausgemergelte, aus tausend Wunden blutende Körper seines Volkes gänzlich zusammenzubrechen drohte«. Dazu stimmt es dann freilich nicht recht, daß Friedrich selbst in seinen Schriften über den Krieg immer behauptet hat, er habe nur einen Angriff abwehren wollen; das würde doch gar sehr, um auch ein Bild zu gebrauchen, an den Fuchs erinnern, der einen Sprung nach dem Taubenschlage macht und, wenn er dabei eine gewaltige Tracht Prügel bezieht, nichts getan haben will.

Man sieht jedoch: Wer heute ein »Pamphlet« gegen den König Friedrich schreiben will, wie mir die Sauer und Konsorten nachreden, der hat höchstens die Qual der Wahl. Er kann mit einem Teile der preußischen Historiker den König für einen »kompletten Narren«, oder er kann ihn mit dem anderen Teile für einen ruchlosen Eroberer erklären, der Europa an allen vier Ecken angezündet hat, um Pläne auszuführen, zu deren Ausführung ihm die Macht fehlte. Wäre das eine richtig oder auch das andere, so würde die Auffassung, die dies Buch von Friedrich entwickelt, allerdings grundfalsch sein. Allein ich halte sie vollkommen aufrecht, auch in dem, was ich über den Ursprung des Siebenjährigen Krieges sage, und will sie hier nur etwas ausführlicher begründen, um zugleich die Ursache aufzudecken, woraus der Streit entstanden ist, der nun schon manches Jahr im Lager der preußischen Historiker tobt.

Um es mit einem Worte vorwegzunehmen, so wurzelt dieser Streit in der Unmöglichkeit, in der sich jeder preußische Historiker befindet, anzuerkennen oder vielmehr – da bei den preußischen Historikern, um die es sich hier handelt, nur von einer objektiven Befangenheit gesprochen werden darf – überhaupt zu erkennen, daß die preußische Macht und Herrlichkeit als Werk der Fremdherrschaft entstanden ist. Friedrich hätte Schlesien nie erobert ohne die französische Hilfe, wie Max Lehmann wiederholt mit Recht hervorgehoben hat, aber die französische Hilfe wurde ihm nicht um seiner schönen Augen willen gewährt, sondern weil ihn die Franzosen als Pfahl im österreichischen Fleische haben, weil sie durch den habsburgisch-hohenzollernschen Dualismus ihre eigene Herrschaft über Deutschland stärken wollten. Sie behandelten den preußischen König als ihren Vasallen, als einen »Filigrankönig«, der von ihren Gnaden existiere, und als sie im Jahre 1756 in einen großen Kolonialkrieg mit England gerieten, verlangten sie von Friedrich, daß er nun als Gegendienst für die Eroberung Schlesiens in ihrem Interesse Hannover besetzen solle, den einzigen Punkt, wo England auf dem Kontinent verwundet werden konnte.

Hierauf konnte und wollte sich Friedrich nicht einlassen. Er hatte zwar nichts dagegen, daß die Franzosen selbst sich Hannovers bemächtigten, und hat sie sogar dazu ermuntert, aber er wußte auch, daß er nicht nur die Engländer, sondern auch die Österreicher und Russen auf dem Halse haben würde, wenn er dem französischen Wunsche nachgab. Er war längst darüber unterrichtet, daß der österreichische Hof die Rückeroberung Schlesiens plane und an dem russischen Hofe einen Bundesgenossen gewonnen hatte. Beide waren einstweilen lahmgelegt, namentlich durch Mangel an Geld, aber wenn Friedrich durch einen Angriff auf Hannover die englischen Subsidien für sie lockermachte, dann hatte er sie unfehlbar auf dem Halse, und mit welchem Gleichmut ihm dann die Franzosen die ganze Last des kontinentalen Krieges auf dem Nacken gelassen hätten, das konnte er sich nach den fatalen Erinnerungen des Zweiten Schlesischen Krieges von selbst sagen. An der von seinem Standpunkt aus durchaus berechtigten Weigerung, im französischen Interesse sich Hannovers zu bemächtigen, scheiterte die Erneuerung seines im Jahre 1756 ablaufenden Bündnisses mit Frankreich.

Nun aber drohte die Gefahr, die er vermeiden wollte, von einer anderen Seite. Um Hannover vor allen Angriffen zu sichern, hatte England russische Truppenhilfe gewonnen. Kamen aber die Russen nach Deutschland, so war Friedrich mit gutem Grunde eines Angriffs von ihnen gewärtig, und er hatte dann wieder die englisch-österreichisch-russische Koalition gegen sich. Unter diesen Umständen schloß er die Westminsterkonvention, worin sich England und Preußen gegenseitig verpflichteten, jede bewaffnete nichtdeutsche Macht, die deutschen Boden betrete, mit Gewalt zu vertreiben. Es ist klar, daß Friedrich sie im Interesse des europäischen Friedens geschlossen hat, wodurch im Grunde schon die Hypothese Lehmanns widerlegt ist, insofern als es dem König in dieser europäischen Verwicklung in der Tat nur auf Frieden angekommen ist. Aber auch die andere Ansicht ist falsch, daß Friedrich bei Abschluß dieser Konvention seine diplomatische Unfähigkeit bewiesen haben soll. Freilich hat die Konvention das Gegenteil des Zweckes erreicht, den sie erreichen sollte, und Friedrich hat sich auch in ihr nicht, sowenig wie sonst irgendwo, als ein übermenschlicher Genius bewährt. Allein als er sie schloß, zeigte er sich als das, was er wirklich gewesen ist: als ein Despot des achtzehnten Jahrhunderts, in seiner Gescheitheit ebenso wie in seiner Beschränktheit.

Er war vollkommen berechtigt anzunehmen, daß Frankreich ihm die Konvention nicht übelnehmen würde. Sie versperrte den Franzosen allerdings Hannover, aber sie hielt ihnen auch die Russen fern. In der Tat fühlten sich die Franzosen zunächst mehr dadurch verletzt, daß der preußische König, den sie als ihren Vasallen zu betrachten gewohnt waren, die Konvention abgeschlossen hatte, ohne sich mit ihnen vorher zu verständigen, als durch die Konvention selbst. Ihr Kampf mit England ging um die Herrschaft über die Meere, und sie selbst hatten Friedrichs Aufmunterung, Hannover zu besetzen, solange es Zeit war, unbeachtet gelassen. Am allerwenigsten aber konnte Friedrich voraussehen, daß sich Frankreich durch den Ärger über die Westminsterkonvention in ein Bündnis mit seinem alten Feinde Österreich drängen lassen würde. Dies Bündnis widersprach allen Überlieferungen der französischen Politik, und wirklich ist es nur mühsam gegen den zähen Widerstand einer starken Partei am Pariser Hofe abgeschlossen worden. Österreichs Angebot, das damals in seinem Besitz befindliche Belgien an Frankreich abzutreten, hat schließlich entschieden.

Gleichwohl wäre das Bündnis unmöglich gewesen, wenn sich das französische Königtum nicht schon auf einer Stufe des Niederganges befunden hätte, worauf es seine wirklichen Interessen nicht mehr zu erkennen vermochte. Das österreichische Bündnis hat ihm seine völlige Niederlage im Kriege mit England eingetragen; es hat ihm seine amerikanischen Besitzungen gekostet und seine Flotten vernichtet; es hat seine Finanzen völlig zerrüttet und ebenso sein europäisches Ansehen durch die schmählich verlorenen Feldzüge in Deutschland zerstört; es ist ein wesentliches Ferment der Französischen Revolution gewesen, deren Vertreter es als ein nationales Verbrechen gebrandmarkt haben. Wenn sich also Frankreich durch die Westminsterkonvention in das österreichische Bündnis drängen ließ, so ist Ludwig XV. der »komplette Narr« gewesen, nicht aber Friedrich, der die französischen Interessen viel richtiger würdigte als der Pariser Hof, wenn er diese Folge der Westminsterkonvention nicht voraussah.

Friedrichs wirkliche Beschränktheit lag darin, daß er annahm, den russischen Bären durch England fesseln zu können. Das hätte England freilich vermocht, wenn es eine Kriegsflotte in die Ostsee gesandt hätte, aber dazu ist es nicht zu bewegen gewesen, auch nicht, als es sich nach ausgebrochenem Kriege dazu verpflichtet hatte. Die süßen Interessen des Handels standen ihm hoch über den Interessen seines preußischen Verbündeten. Wie ehedem Frankreich, so sah England jetzt auch in Friedrich seinen Vasallen, den es benützte, um nach dem bekannten Worte Pitts Amerika in Deutschland zu erobern, und den es, noch ehe das Kriegswetter ganz ausgetobt hatte, wie eine ausgepreßte Zitrone beiseite warf, so daß Friedrich nach dem Frieden seine europäische Stellung nur noch als Vasall Rußlands, nur dadurch behaupten konnte, daß er dem zarischen Raubgelüste die polnischen und türkischen Kastanien aus dem Feuer holte, daß er die europäische Hegemonie Väterchens anbahnen half, die bis zum heutigen Tage auf dem Nacken des preußischen Staates lastet.

Sobald sich zeigte, daß die Westminsterkonvention die entgegengesetzte Wirkung hatte, als sie nach Friedrichs Absicht haben sollte, daß sie ihm den Krieg bescherte und nicht den Frieden, hat er sich ganz nach seiner sonstigen Art entschlossen, wie er selbst sagte, seinen Feinden lieber zuvorzukommen, als sich von ihnen zuvorkommen zu lassen. Es ist ganz richtig, daß ihm das Feuer im Sommer 1756 noch nicht auf den Nägeln brannte. Zwischen Österreich und Frankreich bestand erst ein Defensivbündnis, und Österreich selbst hatte Rußland aufgefordert, bis zum Frühjahr des nächsten Jahres zu warten, um besser gerüstet und namentlich mit Frankreich enger verbunden zu sein. Allein die russischen Truppen waren im Mai 1756 bereits auf dem Marsche gewesen, und auch Lehmann erkennt an, daß dieser russische Vorstoß die nächste Veranlassung zu den kriegerischen Verwicklungen gewesen ist. Der König stand vor der Wahl, durch diplomatische Verhandlungen den Winter hindurch an der Zerstörung der feindlichen Koalition zu arbeiten, auf die Gefahr bin, damit seinen einzigen wesentlichen Vorteil vor den Gegnern preiszugeben, seine bessere Kriegsrüstung und seine schnellere Kriegsbereitschaft, oder aber diesen Vorzug auszunützen und sofort loszuschlagen, auf die Gefahr hin, dadurch die gegnerische Koalition desto enger zusammenzuschweißen. Wenn er sich für diesen Weg entschied, so hat er von seinem Interessenstandpunkt aus entschieden das klügere Teil erwählt, denn er durfte nicht daran denken, die Feindseligkeit der beiden Kaiserhöfe zu entwaffnen, und ebensowenig war eine vernünftige Aussicht darauf vorhanden, daß er Frankreich wieder von dem österreichischen Bündnis losreißen würde, nachdem es einmal den ersten wenn auch verhältnismäßig noch zaghaften Schritt auf dieser Bahn getan hatte. Friedrich mag ein schlechter Diplomat gewesen sein, aber er war es doch wesentlich nur aus dem Grunde, weil er die Diplomatie für ein schlechtes Geschäft hielt; »Unterhandlungen ohne Waffen sind wie Noten ohne Instrument«, pflegte er zu sagen, und es war gar nicht uneben gedacht, wenn er annahm, daß er nach der Entwaffnung Sachsens und einem tüchtigen Stoße gegen Osterreich den Frieden besser werde erhalten können, als wenn er stillesaß und den sorgsam vorbereiteten Angriff der feindlichen Koalition abwartete.

Kann man ihm also nicht vorwerfen, daß er aus Furcht vor eingebildeten Gefahren voreilig losgebrochen sei, so läßt sich ihm auch nicht nachrühmen – wenn es anders ein Ruhm wäre –, daß er den Krieg begonnen habe, um durch die Eroberung Sachsens aus seinem Staate eine wirkliche Großmacht zu machen. Die Besetzung Sachsens war für ihn eine finanzielle und strategische Notwendigkeit, wenn er den Verteidigungskrieg mit einiger Aussicht auf Erfolg führen wollte; daß er das Land im Glücksfall gern behalten hätte, als er es einmal hatte, daß er bereit war, um diesen Preis Ostpreußen den Russen und seine rheinischen Besitzungen den Franzosen zu überlassen, ist richtig, beweist aber nicht das geringste dafür, daß er je daran gedacht hat, Sachsen durch einen europäischen Krieg zu erobern. Ebensowenig lassen sich in diesem Sinne die Tatsachen verwerten, daß er all sein Lebtag begehrlich nach Sachsen geschielt hat, im Sinne einer »politischen Träumerei«, wie er in seinem politischen Testament von 1752 sagt, oder daß er, nachdem er sich einmal zum Schlagen entschlossen hatte, die ihm augenblicklich drohenden Gefahren übertrieb, wegen des Eindrucks auf die Welt und namentlich wegen des Eindrucks auf den englischen Bundesgenossen, und was sonst Lehmann und Delbrück in diesem Zusammenhange für ihre Hypothese vorgebracht haben. Sie haben aus allen Briefen, Depeschen und Schriften des Königs auch nicht eine Spur von Beweis für ihre Ansicht beizubringen verstanden, und wenn sie sich darauf berufen, daß Friedrich seine Pläne in tiefstes Geheimnis zu hüllen geliebt habe, so gibt es doch keine Handlung Friedrichs, die sich nicht vollkommen erschöpfend aus seiner stets wiederholten Versicherung erklären ließe, er habe den Krieg begonnen, um sich zu verteidigen.

Friedrich war sich über die historischen Bedingungen seiner Existenz viel klarer als die preußischen Historiker von heute. Er hat den Stachel seiner französischen, seiner englischen und – namentlich – seiner russischen Vasallenschaft wohl empfunden, mit einer persönlichen Reizbarkeit, von der nur zu wünschen wäre, daß er sie auf die Bismarck und Bülow vererbt hätte. Aber da er ohne eine Spur nationaler Gesinnung war, so hat er die Schmach der Fremdherrschaft als solche nie empfunden. Die friderizianische Legende, wie sie von Sybel und Treitschke vertreten wurde, machte es sich bequem, indem sie den König einfach als »Helden der nationalen Wiedergeburt« anpinselte; nachdem diese so geschmacklose wie grobe Tünche verwittert ist, haben es die preußischen Historiker schwieriger, solange sie preußische Historiker sind, das heißt solange sie das Borussentum als eine historische Erfrischung und Erneuerung der deutschen Nation betrachten.

In dem Kampfe zwischen einer ehrlichen Forschung und einer unheilbaren Illusion wird ihnen Friedrich bald zum kompletten Narren, bald zum majestätisch tragischen Phantom, während er tatsächlich nichts war als ein dynastischer Despot des achtzehnten Jahrhunderts, in all seiner Gescheitheit und in all seiner Beschränktheit.

 

Der ersten Auflage meines Buches hatte ich eine kleine Abhandlung über den historischen Materialismus angehängt, die ich mich nach reiflicher Überlegung nicht entschließen kann nochmals zu veröffentlichen. Nicht als ob ich ihren Inhalt nicht mehr vertreten könnte, sondern im Gegenteil: weil dieser Inhalt inzwischen Gemeingut derer geworden ist, die überhaupt die Kraft und den Willen haben, sich ernsthaft mit dem historischen Materialismus zu beschäftigen. Speziell die Polemik gegen eine längst vergessene Schrift des Herrn Paul Barth, die einen nicht unbeträchtlichen Teil jener Abhandlung füllt, ist heute veraltet; ihr wiederholter Abdruck würde den Eindruck machen, als freute ich mich des Kampfes mit Gespenstern.

Aber auch insoweit ich durch die kleine Arbeit mich als Schüler von Marx und Engels bekennen wollte, habe ich diese Schuld des Dankes, die ich heute so lebhaft empfinde wie vor dreizehn Jahren, inzwischen durch meine Ausgabe aus ihrem und Lassalles literarischem Nachlaß und durch meine »Geschichte der deutschen Sozialdemokratie« in viel gründlicherer und umfassenderer Weise entrichten können. Aus dem literarischen Nachlaß von Karl Marx, Friedrich Engels und Ferdinand Lassalle; herausgegeben von Franz Mehring, Stuttgart 1902, J. H. W. Dietz Nachf. – F. Mehring, Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, dritte Auflage, ebenda 1906. In diesen Werken findet der Leser ein ungleich reichhaltigeres Material zur Geschichte und zur Kritik des historischen Materialismus, als ich in jener Abhandlung niederlegen konnte, die ich nicht nochmals veröffentlichen will.

Und so kann ich mit dem Wunsche schließen, daß dies Buch in seinem dritten Drucke eine ebenso erfolgreiche Pionierarbeit leisten möge wie in seinen beiden ersten Drucken.

Steglitz-Berlin, im April 1906

F. Mehring

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