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Die Lessing-Legende

Franz Mehring: Die Lessing-Legende - Kapitel 19
Quellenangabe
typetractate
authorFranz Mehring
titleDie Lessing-Legende
publisherVerlag Das neue Wort
year1953
firstpub
translator
correctorJosef Muehlgassner
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VII. Breslauer Meisterwerke

In Breslau hat Lessing bis zum Ende des Siebenjährigen Krieges und noch ein paar Jahre länger gelebt. Es ist die Zeit seines Lebens, über die wir am spärlichsten, durch ein paar Briefe an ihn und von ihm, durch die dürftigen Mitteilungen dieses oder jenes Breslauer Freundes unterrichtet sind. Auch hat er in fünf Jahren nichts veröffentlicht; er wollte sich »eine Zeitlang als ein häßlicher Wurm einspinnen, um wieder als ein glänzender Vogel ans Licht kommen zu können«. So seltsam es erscheint, daß dieser durch und durch bürgerlich gesinnte Mensch sich mitten in das friderizianische Heer stürzte, so begreiflich wird es durch die Unnatur der deutschen Zustände. Simson hatte keinen anderen Zufluchtsort mehr vor den Philistern. In dem ersten Briefe, den Lessing aus Breslau an Ramler richtete, sagt er zur Rechtfertigung seines polnischen Abschieds – er hatte nicht einmal seiner Wirtin gekündigt, geschweige sonst einer Menschenseele seine Absicht verraten – in Form eines Monologs: »Freilich ist es wahr, daß dich eigentlich nichts aus Berlin trieb, daß du die Freunde hier nicht findest, die du da verlassen; daß du weniger Zeit haben wirst, zu studieren. Aber war nicht alles dein freier Wille? Warst du nicht Berlins satt? Glaubtest du nicht, daß deine Freunde deiner satt sein möchten? Daß es bald wieder einmal Zeit sei, mehr unter Menschen als unter Büchern zu leben? Daß man nicht nur den Kopf, sondern nach dem dreißigsten Jahre auch den Beutel zu füllen bedacht sein müsse?« Mit diesem haushälterischen Beweggrunde war es wohl am wenigsten weit her. Lessing war sein Lebtag kein Spartopf, obschon die Pietät gegen seine Eltern, die den Lebensberuf ihres Ältesten darin sahen, daß alle nachgeborenen Söhne des Kamenzer Pfarrhauses, gut ein halbes Dutzend, aus seiner Tasche zu ehrsamen Pastoren und Rektoren erzogen würden, ihn auf den elenden Gelderwerb ein gewisses Augenmerk zu richten zwang. »Ich bin kein Wirt. Die Wahrheit zu sagen, mag ich auch keiner sein«, schreibt er bald nachher an Ramler. Aber er war Berlins satt, und wenn er höflicherweise nur sagt, daß seine dortigen Freunde auch seiner satt sein müßten, so war er ihrer um so satter. Mit ihnen unter Büchern zu hausen und über diese Bücher die kritische Geißel von – Nicolai zu schwingen, das war nach Fichtes derbem, aber wahrem Ausdrucke ein schlechtes, nicht in der besten Gesellschaft betriebenes Geschäft, und deshalb zog Lessing sich zurück.

Je weniger sichere Zeugnisse über Lessings Breslauer Zeit nun aber vorliegen, um so mehr hat sich der Klatsch daran geheftet, der in Goethes »zerstreutem Welt- und Wirtshausleben« noch nachklingt. Es ist vollkommen glaublich, daß Lessing das eine Mal, da es ihm so gut werden sollte, nicht in der erstickenden Luft der Philister zu atmen, das Leben wacker durchgekostet hat. Auch seine Lust am Spiele, über die Moses und Genossen am meisten zeterten, erklärt sich aus seinem überquellenden Lebensdrange. »Wenn ich kaltblütig spielte, würde ich gar nicht spielen«, soll er nach seinem brüderlichen Biographen in der Breslauer Zeit gesagt haben; »ich spiele aber aus Grunde so leidenschaftlich. Die heftige Bewegung setzt meine stockende Maschine in Tätigkeit und bringt die Säfte in Umlauf; sie befreit mich von einer körperlichen Angst, die ich zuweilen leide.« Und hiermit steht Lessings spätere Äußerung nicht in Widerspruch, sondern in vollkommenem Einklänge: »Ich werde nicht eher spielen, als bis ich niemanden finden kann, der mir umsonst Gesellschaft leistet. Das Spiel soll den Mangel der Unterredung ersetzen. Es kann daher nur denen erlaubt sein, die Karten beständig in Händen zu haben, die nichts als das Wetter in ihrem Munde haben.« Lessing spielte nicht um des Gewinnes willen, sondern das drückende Gefühl der geistigen Vereinsamung, das Bedürfnis nach Anregung und Spannung des Geistes trieb ihn an den Spieltisch. Aber deshalb war die Breslauer Zeit Lessings nicht minder nach Fichtes Wort »die eigentliche Epoche der Bestimmung und Befestigung seines Geistes«, nach seinem eigenen Ausdrucke der Anfang »der ernstlichen Epoche seines Lebens«. Seine »durchaus heterogenen Amtsgeschäfte glitten bei ihm nur auf der Oberfläche dahin«. Auch von ihnen wissen wir wenig; die paar erhaltenen Briefe, die Lessing als Gouvernementssekretär verfaßt hat, handeln von Tauentziens Tafelgeldern, von Auswechselung der Kriegsgefangenen und dergleichen mehr. Unglaubwürdig ist Nicolais zu Ehren Friedrichs aufgestellte Behauptung, daß Lessing die Schließung der Münzkontrakte mit dem Wucherer Ephraim zu besorgen hatte. Freimütige Anmerkungen, 2, 134. Vergleiche auch die Anmerkung Nicolais zu Lessings Brief an Moses vom 15 August 1765. Lessings Werke, 20, 1, 197. Tauentzien hatte zwar seit dem Jahre 1760 die Münzangelegenheiten unter sich, aber die Münzverschlechterung war zu sehr die hauptsächlichste Hilfsquelle des Königs, als daß er nicht selbst alles darüber verfügt hätte. Indessen auch wenn Tauentzien noch etwas mitzureden gehabt haben sollte, so wäre das gleiche sicherlich einem Beamten von der Stellung eines Gouvernementssekretärs unmöglich gewesen, ganz abgesehen davon, daß Lessing bei seiner kindlichen Unbeholfenheit in allen kapitalistischen Dingen von dem geriebenen Münzjuden nach allen Regeln der Kunst übers Ohr gehauen worden wäre. Feststeht, daß er bei diesen traurigen Händeln, in denen er schlimmstenfalls nur äußerliche Beihilfe geleistet haben kann, nicht den geringsten unsauberen Gewinn gesucht oder gefunden hat.

Anfangs hat Lessing wohl einmal geklagt, daß »unbedeutende Beschäftigungen mehr ermüden als das anstrengendste Studieren«, aber er hat dann auch wieder die heitersten Briefe aus Breslau geschrieben und sich selbst bezeugt, er sei dort in einem Train zu arbeiten gewesen wie selten. Und gegen gelegentliche Äußerungen des Unmuts legen die großen Werke der Breslauer Periode das schlagendste Zeugnis ab: Der Lessing des Laokoon und der Minna, ist ein anderer Mann als der Lessing der Fabeln und der Literaturbriefe. Zwar ist Laokoon erst 1766, Minna von Barnhelm gar erst 1767 veröffentlicht, aber beide Werke sind in Breslau empfangen worden. In beiden herrscht eine sonnige Stimmung, die wir so weder vor- noch nachher bei Lessing treffen, in beiden entfaltet sich eine Klarheit und Kraft des Gedankens, eine dialektische Meisterschaft der Sprache, die Deutschland bis dahin auch nicht entfernt gekannt hatte und die Lessing selbst wohl noch oft erreichen, aber niemals mehr übertreffen sollte.

Namentlich die Komödie wurzelt ganz und gar in Lessings Breslauer Leben. Aus ihm heraus wird sie überhaupt erst verständlich. Wir überlassen es den philologischen Kleinkrämern der bürgerlichen Literaturgeschichte, im einzelnen nachzuweisen, wo Lessing, für diesen dramatischen Bau nach einem seiner eigenen Vergleiche den Kalk gelöscht und die Steine gebrochen habe; er war nun einmal kein schöpferischer Dichter, und wer auf die Jagd nach seinen »Plagiaten« gehen will, weil er aus mancherlei Metall die Schwerter zu schmieden pflegte, mit denen er seine Schlachten schlug, der soll in diesem harmlosen Vergnügen nicht weiter gestört werden. Näher führt es schon zum Ziele, wenn man den Fortschritt der Minna über die Sara festzustellen sucht. Früher als irgendein Franzose hatte Lessing das bürgerliche Trauerspiel der Engländer sozusagen entdeckt, aber er war auch noch ganz in den Banden seiner unmittelbaren Nachahmung hängengeblieben. Inzwischen hatte Diderot diese dramatische Richtung sowohl nationalisiert als auch weitergebildet; er wies zuerst darauf hin, daß die ernsten wenn auch nicht tragischen Konflikte ehrenhafter Charaktere in den Verhältnissen des bürgerlichen Lebens eine neue und reiche Fundgrube dramatischer Stoffe seien. Lessing wurde nun wieder durch die Praxis wie durch die Theorie Diderots lebhaft angeregt; schon 1760 hatte er das »Theater des Herrn Diderot«, den Natürlichen Sohn und den Hausvater nebst der Abhandlung über die dramatische Dichtkunst in zwei Bänden übersetzt. So lehnt sich die Minna ästhetisch an ein französisches Muster, während sie ihre »Plagiate« vielfach englischen Lustspielen entlehnt oder entlehnen soll. Gleichwohl ist die Minna ein durch und durch deutsches Stück. Denn was kann deutscher sein, als daß die klassische Komödie unseres bürgerlichen Lebens ein – Soldatenstück ist?

Dieser Gesichtspunkt ist nach einem Worte Lessings nicht bloß satirisch, sondern treffend. Er trifft das innerste Wesen der Minna. Nur darf man ihn sich von den bürgerlichen Literarhistorikern nicht dahin verpopanzen lassen, daß die Minna den König Friedrich oder den Siebenjährigen Krieg verherrlichen soll. Wir haben gesehen, daß Goethe in einer schwachen Stunde auf diese wunderliche Vorstellung verfallen ist, aber derselbe Goethe hat doch auch wieder an Lessing beklagt, »daß dieser außerordentliche Mensch in einer so erbärmlichen Zeit leben mußte, die ihm keine besseren Stoffe gab, als in seinen Stücken verarbeitet sind, daß er in seiner Minna von Barnhelm an den Händeln der Sachsen und Preußen teilnehmen mußte, weil er nichts Besseres fand« Eckermann, Gespräche mit Goethe, 1, 340.. Aber damit fährt Lessing abermals zu schlecht; etwas ungleich Besseres als die Händel der Sachsen und Preußen oder gar die Verherrlichung Friedrichs wußte er in seiner Minna denn doch zu finden. Zwang ihn die Erbärmlichkeit der deutschen Zustände, ins soldatische Leben zu greifen, wenn er ernste Konflikte ehrenhafter Charaktere schildern wollte, so wußte er diesem Leben trotzdem die soziale Seite abzugewinnen und auch hier den Kampf gegen soziale Unterdrückung aufzunehmen. Lessings Lustspiel ist so wenig eine Verherrlichung Friedrichs, daß es seinen Despotismus vielmehr da geißelt, wo er am sterblichsten war.

Es liegt im Wesen des Despotismus überhaupt, für jeden unüberwindlichen Widerstand seiner Willkürherrschaft sich durch boshafte Quälereien an den einzelnen Trägern dieses Widerstandes zu rächen. Ins Friderizianische übersetzt heißt das: Je weniger der König an den ökonomischen Grundlagen des preußischen Heeres rütteln konnte, je höher er die adlige Offizierskaste stellen und je sorgfältiger er sie schonen mußte, um so mehr peinigte und quälte er die einzelnen Offiziere. Seine Leistungsfähigkeit in dieser Beziehung erscheint nahezu unglaublich, wenn man seine militärischen Kabinettsordern mustert; um nur eins anzuführen: Wenn er einem Offizier den am liebsten immer verweigerten Urlaub wegen schwerer Krankheit schlechterdings bewilligen mußte, so befriedigte er seine despotische Laune wenigstens dadurch, daß er ihm eine andere Kur verordnete oder ein anderes Bad vorschrieb, als der Arzt getan hatte. So mußte der Oberstleutnant v. Gartropp, dem Aachen verordnet war, nach Teplitz, und der Major v. Knoblauch, dem Teplitz verordnet war, nach Aachen gehen. Der dem Archive entnommene Wortlaut der betreffenden Kabinettsordern bei Stadelmann, Aus der Regierungszeit Friedrichs des Großen, 155. Oder er jagte ihn einfach aus dem Dienste, wie denn bei jedem geringsten Anlasse, ja bei jeder üblen Stimmung des Königs, namentlich aber bei jeder Revue der einzelne Offizier niemals vor der sofortigen Kassation sicher war. Und wer einmal kasiert war, kam so gut wie niemals wieder ins Heer; es gehörte zu den unverbrüchlichsten Grundsätzen des friderizianischen Despotismus, daß der König nie irren könne, und an der praktischen Betätigung dieses Grundsatzes hat Friedrich auch in den nicht ganz seltenen Fällen festgehalten, in denen er selbst sein Unrecht nachträglich, erkannte. »Meine Armee ist kein Bordell«, war seine stehende Antwort auf alle Gesuche kassierter Offiziere um Wiedereintritt ins Heer, und seine Abweisungen pflegten in demselben Mäße höhnischer zu werden, in welchem, wie bei der Verabschiedung von Blücher und Yorck, das persönliche Ehr- und Rechtsgefühl der einzelnen Offiziere die Ursache ihrer Kassation gewesen war.

Niemals aber hat der König die preußischen Offiziere raffinierter gequält als vor und nach dem Frieden von Hubertusburg, also gerade als Lessing in dem Heere lebte. Der König hielt im Winter von 1761 auf 1762 sein Winterquartier in Breslau, in mönchischer Einsamkeit, in düsterer Verzweiflung, denn der letzte Hoffnungsschimmer schien erloschen. Da brachte der Tod der Zarin Elisabeth im Januar 1762 die Erlösung. Aber das Gefühl der Erleichterung paarte sich in dem Könige mit einem Gefühl der Beschämung darüber, daß nicht seine Kraft, sondern der Zufall, der einem – Narren auf den russischen Thron geholfen hatte, sein Retter geworden war. In psychologisch leicht verständlicher Rückwirkung kehrte er, soweit seine Macht reichte, den Despoten und Eroberer um so rauher heraus. Er verdarb den abgehetzten Truppen die Erholung der Winterquartiere durch die überflüssigsten Paradekünste; er entzog den Offizieren die sogenannten Douceurgelder, die tatsächlich kein Geschenk, sondern eine meist unentbehrliche Hilfe waren, sich für den neuen Feldzug zu equipieren; er legte der schon bis auf den letzten Groschen ausgepumpten Stadt Leipzig so ungeheuerliche Kontributionen auf, daß der mit ihrer Eintreibung beauftragte Major und Flügeladjutant v. Dyherrn sich zu ernsten Gegenvorstellungen verpflichtet fühlte und, als diese nichts halfen, nur den Frieden abwartete, um dem Könige seinen Degen vor die Füße zu werfen. Als aber im Februar 1763 der Friede geschlossen war, verhängte der König ein anderes Gericht über das Heer. Er jagte alle Truppenteile auseinander, die er im Frieden nicht mehr brauchen konnte, und er warf alle bürgerlichen Offiziere, wie sehr er gerade ihrem Mute und ihrer Treue die Erhaltung seiner Krone verdankte, unbarmherzig aufs Pflaster, um an ihre Stelle ausländische Abenteurer von Adel zu setzen, mochte dieser Adel auch so zweifelhaft sein wie der Adel – Riccauts de la Marliniere. Über die Quälereien der Truppen in den Winterquartieren von 1761 auf 1762 berichtet als Augenzeuge Archenholtz, Geschichte des Siebenjährigen Krieges, 177 ff. Die Kabinettsordern des Königs an Dyherrn in Sachen der sächsischen Kontribution bei Preuß, Urkundenbuch, 2, 117 ff. Vergleiche auch Eberty, Geschichte des preußischen Staats, 4, 332 ff.

Mitten in diesen Verhältnissen lebte Lessing, und aus ihnen heraus schrieb er seine Minna von Barnhelm. Es ist recht in der wortklaubenden Kleinmeisterei der bürgerlichen Literaturgeschichte, wenn Herr Erich Schmidt ganz ins Blaue hinein andeutet, daß ein Major Marschall v. Biberstein, der wegen seiner Fertigkeit im Pistolenschießen den Namen Tell von seinen Kameraden erhalten und den niederlausitzischen Ständen eine ihnen auferlegte Kontribution aus seiner Tasche vorgestreckt haben soll, zum Tellheim gesessen habe. Friedrichs Kontributionen waren auch gerade so bescheiden bemessen, daß irgendein armer Teufel von Major nur in die Tasche zu greifen brauchte, um sie bar auf den Tisch zu zahlen. Eher schon läßt es sich hören, daß manche Züge von Kleist auf Tellheim übergegangen sind. Aber man braucht nur die drei Dutzend Kabinettsordern Friedrichs an Dyherrn wegen der Leipziger Kontribution zu lesen, um das Bild Tellheims vor sich zu sehen. Nicht als ob wir damit in den gleichen Fehler wie die bürgerlichen Historiker verfallen und etwa sagen wollten, gerade dieser Fall habe Lessings dramatischen Trieb angeregt. Nein, die Dyherrn und Kleist waren keineswegs weiße Raben unter den preußischen Offizieren des Siebenjährigen Krieges; mehr als einer, ein Marwitz, ein Saldern, hat sich lieber kassieren lassen, als einen königlichen Befehl ausgeführt, der ihm wider Ehre und Reputation ging. Wenn Lessing durch das Elend der deutschen Zustände dazu verdammt war, seine bürgerliche Komödie als Soldatenstück zu schreiben, so hat er doch nicht irgendeinen sagenhaften »Tell« verherrlicht, sondern jenen gar nicht militärischen, sondern sehr bürgerlichen Geist, der auch dem fürstlichen Despotismus in die Zähne hinein unbeugsam an seinem Rechtsbewußtsein festhält.

In diesem Geiste denkt und handelt Tellheim. Ihm sind »die Großen sehr entbehrlich«; »die Dienste der Großen sind gefährlich und lohnen der Mühe, des Zwanges, der Erniedrigung nicht, die sie kosten«; er tut »für die Großen aus Neigung wenig, aus Pflicht nicht viel mehr, sondern alles der eigenen Ehre wegen«. Er kann es höchstens nicht »bereuen, Soldat geworden zu sein«; »ich ward Soldat aus Parteilichkeit, ich weiß selbst nicht, für welche politischen Grundsätze, und aus der Grille, daß es für jeden, tüchtigen Mann gut sei, sich in diesem Stande eine Zeitlang zu versuchen, um sich mit allem, was Gefahr heißt, vertraut zu machen und Kälte und Entschlossenheit zu lernen. Nur die äußerste Not hätte mich zwingen können, aus diesem Versuche eine Bestimmung, aus dieser gelegentlichen Beschäftigung ein Handwerk zu machen.« Soldat sein um des Soldatentums willen, das ist »wie ein Fleischerknecht reisen, weiter nichts«. Gewiß: In Tellheim ist der friderizianische Offizier, ist selbst ein Kleist sehr idealisiert; ein gutes Stück Lessing steckt mit darin. Aber er ist eine fertige und geschlossene Gestalt, wie sie noch kein Deutscher auf die Bretter zu stellen gewußt hatte, und was ist das da groß, wenn Lessing in der Fabel seines Lustspiels auch diesen oder jenen kleinen Zug fremden Mustern entlehnt hat?

Und haben denn die bürgerlichen Literarhistoriker die Fabel der Minna überhaupt verstanden? Auf schattenhafte Analogien hin suchen sie ihren Ursprung in Shakespeare, in den spanischen Mantel- und Degenstücken, ja im Plautus, und doch – das Gute lag für diese Patrioten so nahe! Die Fabel der Minna ist nämlich nichts anderes als eine schneidende Satire auf das friderizianische Regiment. Tellheim ist als Major nach dem Friedensschluß abgedankt und obendrein in eine peinliche Untersuchung gezogen worden. Er hatte von einigen thüringischen Ämtern eine Kontribution mit äußerster Strenge bar einzutreiben und, da sie nicht zahlen konnten, die Summe aus eigener Tasche gegen einen Wechsel vorgestreckt. Bei Zeichnung des Friedens wollte er den Wechsel »unter die zu ratihabierenden Schulden eintragen lassen«, aber »man« erklärte das Papier für ein Geschenk der Stände, weil Tellheim sich mit ihnen auf die niedrigste, eben noch vom Könige gestattete Summe der Kontribution vereinbart hatte. Indessen »man«, nämlich Friedrich, erfährt durch seinen Bruder, daß Tellheim »mehr als unschuldig« ist; er benachrichtigt ihn, daß die Hofstaatskasse Order hat, den bewußten Wechsel auszuliefern und die getanen Vorschüsse zu bezahlen; er fordert ihn auf, wieder Dienste zu nehmen. Lessing konnte die wirklichen Praktiken des friderizianischen Regiments nicht grimmiger verspotten als durch eine so harmlose Idylle. Die »zu ratihabierenden Schulden«, nachdem Friedrich, wie er selbst viel zu niedrig berechnet, während der sieben Jahre fünfzig Millionen Taler aus Sachsen gepreßt hatte, von denen natürlich nicht ein Pfennig »ratihabiert« wurde; die Bezahlung der »getanen Vorschüsse« aus der Hofstaatskasse, derweil Friedrich jedes Gesuch um Ersatz von Kriegsschäden mit der stereotypen, landbekannten Redensart abzulehnen pflegte, nächstens würde der Petent wohl auch seinen Schaden von der Sintflut her ersetzt haben wollen; endlich die freiwillige Aufforderung des Königs an einen abgedankten Offizier, wieder ins Heer zu treten! »Schlichte Beredsamkeit, gegen die alle Ramlerschen Rodomontaden leerer Schall sind«, findet Herr Erich Schmidt zu Ehren Friedrichs in der Minna. Ja, sehr schlicht, aber auch sehr beredt!

Friedrich Schlegel hat bereits darauf hingewiesen, wie sehr die Charaktere in der Minna »lessingisieren«. Das Wort gilt nicht minder von der Emilia und vom Nathan; Lessing war als Dramatiker höchster Verstand; ihm fehlte die dichterische Phantasie, aus der sich Gestalt auf Gestalt löst und unabhängig von ihrem Schöpfer lebt. Wie der Held, so ist auch die Heldin seines Lustspiels mit seinem Geiste getauft, und die, wie Goethe sagt, »Subalternen« plaudern ganz mit dem Witze ihres Dichters. Aber es ist ein gutes Wort, daß der Zorn den Dichter macht, und wie Lessing in der Emilia einen Winkeldespoten und dessen Höfling, im Nathan einen orthodoxen Eiferer ohne ein Äderchen seines eigenen Geistes zu klassischen Gestalten schuf, so hat er auch in der Minna zwei verächtliche Typen des friderizianischen Despotismus unsterblich gemacht: den windigen Abenteurer von ausländischem Adeligen, um dessentwillen bürgerliches Blut vom deutschen Landesvater gemißhandelt wurde, und ferner den Spion von Wirt. Denn die Wirte, Traiteurs und Eigentümer der Gasthäuser in den großen Städten waren Friedrichs Spitzel, denen er den ganzen oder halben Mietzins zahlte, wofür sie täglich von allen Gesprächen und Zusammenkünften in ihren Räumen und von verdächtigen Persönlichkeiten möglichst auch »einen verläßlichen Protokollauszug« der »bey sich habenden Briefschaften« der Polizei einzureichen hatten. Unsere braven »Naturalisten« werden uns hoffentlich bald die Ihring-Mahlow und Naporra auf die Bühne bringen; mit bloßen Großmäuligkeiten über Lessing als »pseudopoetischen Kompilator« und »plagiatsüchtigen Literaturheros« ist am Ende doch auch noch kein neues Weltalter der deutschen Dichtung eröffnet.

Die Zeitgenossen verstanden natürlich das Lustspiel anders, als die bürgerlichen Literarhistoriker es heute auslegen möchten. Nicolai beklagte als »preußischer Untertan« die »vielen Stiche gegen die preußische Regierung«, aber als Döbbelin 1768 die Minna in Berlin auf die Bühne brachte, wurde sie zehnmal hintereinander unter lautem Jubel gespielt. In Hamburg widersetzte sich der preußische Resident Hecht anfangs der Aufführung, und Herr Erich Schmidt schilt ihn deshalb einen »beschränkten Mann«. Ein Glück wenigstens, daß König Friedrich noch viel beschränkter war! Denn hätte er die Minna gelesen oder hätte er gar verstanden, was damit erreicht war, so hätte er ihr dieselbe »schlichte Beredsamkeit« gewidmet wie dem Akakia Voltaires: Er hätte sie auf dem Gendarmenmarkte durch Henkershand verbrennen lassen.

Wie Minna von Barnhelm, so darf auch Laokoon als eine Frucht von Lessings Breslauer Leben betrachtet werden. Er ist Bruchstück geblieben wie die meisten Prosaschriften Lessings, denn diesem beweglichen und ruhelosen Geiste war es versagt, in selbstzufriedener Genügsamkeit sich in sich selbst zu bespiegeln, wenn die ihn umgebende Welt sich seinem Rufe versagte. Lieber ließ er seine Waffen verrosten, als daß er nur mit ihnen spielte. Er hatte allen Grund, zu klagen, daß niemand entdecke, wohinaus er mit dem Laokoon wolle, auch der einzige nicht, um den es ihn der Mühe lohne, mit seinem Krame ganz an den Tag zu kommen.

Dieser einzige war Herder, und es trifft sich, daß der Herder-Biograph kürzer und treffender als alle Lessing-Biographen über den Laokoon urteilt, wenn er sagt, Lessings praktischer Hauptzweck bei der Festsetzung seines Kanons: Handlung ist das eigentliche Wesen der Poesie, sei dahin gegangen, der toten Schilderungssucht der mehr beschreibenden als schildernden, mehr schildernden und bildernden als wirklich lebendig machenden und eindringlich bildgebenden Poesie, der die Zeitgenossen sich überließen, den Todesstreich zu versetzen. Haym, Herder nach seinem Leben und seinen Werken, 1, 1, 243. In diesem anscheinend rein ästhetischen und kunstkritischen Werke kämpfte Lessing wie überall für die sozialen Interessen der bürgerlichen Klassen. Konnten diese Klassen ihre Ansprüche zunächst nur auf literarischem Gebiete erheben, so war es nachgerade die höchste Zeit, daß sie endlich kräftigere und männlichere Töne anschlugen, als bis dahin selbst von verhältnismäßig noch so kräftigen und männlichen Dichtern wie Haller und Kleist angeschlagen worden waren. Mit dem Ansingen der farbigen Alpenkräuter und der heiligen Waldesschatten wurde der bürgerliche Schlendrian erst recht eingelullt. Es kam hinzu, daß die Theorie der Schweizer die malende Naturbeschreibung recht eigentlich als das Hauptziel der Dichtung hingestellt hatte und daß auch die seherische Begeisterung, womit Winckelmann die bildende Kunst des Altertums wiederentdeckte und feierte, das deutsche Bürgertum auf einen Irrweg zu locken drohte. Denn was war damit groß anzufangen, solange es diesseits der Alpen antike Originale fast gar nicht und Gipse nicht viel mehr gab?

Vor allen diesen Irrlichtern warnte Lessing in seiner Abhandlung »Über die Grenzen der Malerei und Poesie«, in seinem Laokoon. Goethe sagt, man müsse Jüngling sein, um sich zu vergegenwärtigen, welche Wirkung diese meisterhafte Schrift ausübte, indem sie »uns aus der Region eines kümmerlichen Anschauens in die freien Gefilde des Gedankens hinriß«. »Die Herrlichkeit solcher Haupt- und Grundbegriffe erscheint nur dem Gemüt, auf welches sie ihre unendliche Wirksamkeit ausüben, erscheint nur der Zeit, in welcher sie ersehnt im rechten Augenblick hervortreten.« Aber wenn wir unter dem eben entwickelten sozialen Gesichtspunkte den Laokoon lesen, so spüren wir doch noch etwas von seiner »Herrlichkeit«. Es liegt wie Morgensonnenschein auf diesen Blättern; so beredt und so beschwingt entwickeln sich die Gedanken, bekämpfen und widerlegen, ergänzen und unterstützen sie sich untereinander. Nirgends ein toter Punkt, überall rasches und volles Leben. Und wie der Inhalt, so die Form. Lessings Stil hat im Laokoon an Geschmeidigkeit und Kraft noch gewonnen, dagegen an Hagerkeit viel verloren; der Gedanke reift und sättigt ihn, und die durchsichtige Klarheit dieser Sprache zeigt ohne Hülle die unverstümmelte Hoheit des Gedankens.

So der Laokoon als soziale Tat. Als kunstkritischer Kanon erheischt er ein anderes Urteil. Was ihn dort erhebt, muß ihn hier erniedrigen. Es lag schon in der ganzen Tendenz des Torsos, daß er die bildende Kunst gegenüber der Dichtkunst etwas in den Schatten stellen mußte. Aber Lessings Verhältnis zur bildenden Kunst war überhaupt ein ziemlich frostiges. Wenn Winckelmann bei der ersten Lesung des Laokoon sagte: »Lessing schreibt, wie man geschrieben zu haben wünschen möchte«, aber sich später dahin ausließ: »Dieser Mensch hat so wenig Kenntnis, daß ihn keine Antwort bedeuten würde, und es würde leichter sein, einen gesunden Verstand aus der Uckermark zu überführen als einen Universitätswitz, der mit Paradoxen sich hervortun will«, so ist die grobe Äußerung von kleinlichem Neide zwar stark gefärbt, aber doch nicht schlechthin erfunden. Lessing selbst war sich, wie schon der Kunsthistoriker Rumohr bemerkt hat, wohl bewußt, »daß seine Kunstschriften überall nur aus Aufwallungen der Mißbilligung oder des Widerwillens gegen bestimmte Einseitigkeiten oder Verkehrtheiten seiner Zeitgenossen, durchaus nicht aus einem positiven Berufe zur Kunst entstanden waren«. Und zutreffend sagt Justi: »Viele Tatsachen in seinem Leben führen auf die Annahme, daß die Betrachtung von Werken bildender Kunst weder zu seinen Bedürfnissen gehörte noch ihm besonderen Genuß gewährte, ja ihn nur ästhetisch beschäftigt hat.« Und es wird sich auch nicht viel dagegen einwenden lassen, wenn Justi meint, Lessing wäre in Italien, wohin er wiederholt strebte, »vielleicht vor Langerweile gestorben«. Wenigstens kann der Leser des Tagebuchs, das Lessing über seine spätere italienische Reise geführt hat, vor Langerweile sterben. Es ist wahr: Er trat sie äußerlich unter sehr ungünstigen Umständen an, aber bei einem irgend ursprünglichen Interesse an der bildenden Kunst wäre er doch nicht so ganz schweigsam an ihren italienischen Schätzen vorübergegangen, hätte er wenigstens mit einer Silbe verraten, daß er im Vatikan vor jenem antiken Bildwerke gestanden habe, das seiner berühmtesten Kunstschrift den Namen gegeben hat.

Wird somit der Laokoon als kunstkritischer Kanon den bildenden Künsten nicht gerecht, verkümmern seine Kunstprinzipien der Geschichts-, der Landschafts-, der Bildnismalerei gar sehr das Leben, so tun sie doch auch der Poesie zuviel und entvölkern in bedenklicher Weise den Parnaß. Wenn Handlung das Wesen der Poesie sein soll, so ist die ganze Lyrik zur Tür hinausgewiesen. Als Anwalt der Dichtkunst trat der junge Herder in seinem Kritischen Wäldchen über den Laokoon mit dem kecken Schlachtrufe auf: »Ich leugne Herrn Lessing viel und in seinem Grunde alles!« Zwar bekannte Herder, auch er hasse nichts so sehr als tote, stillstehende Schilderungssucht, aber als das eigentliche Wesen der Poesie erklärte er nicht Handlung, sondern Kraft. »Kraft, die zwar durch das Ohr geht, aber unmittelbar auf die Seele wirkt; Kraft, die dem Innern der Worte anklebt, die Zauberkraft, die auf meine Seele durch die Phantasie und Erinnerung wirkt.« Er verwarf die einseitige Bezugnahme Lessings auf Homer und die einseitige Auslegung Homers durch Lessing. Er tadelte den übertriebenen Gräzismus Lessings wie auch Winckelmanns. Lessings Behauptung, nur die Griechen hätten jenes schöne Gleichgewicht von Empfindung und Tapferkeit gekannt, das die homerischen Helden auszeichne, beseitigte er durch die schlagende Bemerkung, jenes Gleichgewicht eigne nicht einer einzelnen Nation, sondern jeder Nation auf gleicher Kulturstufe. Und wenn Winckelmann freilich schon eine historische Entwicklung des griechischen Schönheitsideals versucht hatte, so warf ihm Herder ein, daß er sich gar zu sehr auf klimatische, auf »Einflüsse des .Himmels« beschränkt und die bei dem allmählichen Werden des Ideals mitwirkenden politischen und religiösen Faktoren übersehen habe. Aber im allgemeinen hielt sich Herder viel näher an Winckelmann als an Lessing; wohinaus dieser wollte, hatte er eben nicht verstanden, und so vielfach treffend seine Kritik des Laokoon war, so sah sie wirklich den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Um den Laokoon gruppieren sich zuerst Gegensätze, die auf lange Jahrzehnte hinaus das deutsche Geistesleben beherrschen sollten. Lessing hätte nicht Winckelmanns Kunstgeschichte und noch weniger Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit schreiben können, aber weder Herder noch Winckelmann hatten eine Ahnung von dem edlen und stolzen Klassenbewußtsein, das in Lessings Schriften und namentlich auch im Laokoon lebte. Als Klient eines römischen Kardinals höhnte Winckelmann in gar unwürdiger Weise über Lessing als einen angeblichen »jungen Bärenführer«, und wenn Herder in seinem ersten Kritischen Wäldchen nicht unebenbürtig neben Lessing trat, so führte er in seinem zweiten und dritten einen unwahrhaftigen und zweideutigen Krieg gegen einen elenden Gegner, denselben Kabalenmacher Klotz, den Lessing mit ein paar schnellen und sicheren Streichen erlegte. Es ist der Gegensatz zwischen der historischen und der politischen Weltanschauung, der sich hier ankündigt, ein Gegensatz vielleicht weniger als ein Übergewicht, das die Historie über die Politik davontragen sollte. Herder, nicht Lessing, gewann den entscheidenden Einfluß auf den jungen Goethe, und wieder Goethe riß Schiller, dessen revolutionäre Jugenddramen sich stark an Lessing anlehnten, in seine Bahnen. Nicht zwar, als ob diese Entwicklung von einzelnen Personen abhängig gewesen wäre: Sie wurde vielmehr dadurch verschuldet, daß sich die bürgerlichen Klassen nicht auf die Höhe ihres Vorkämpfers Lessing zu schwingen verstanden, daß Lessing zu jener »schaurigen Einsamkeit« emporgewachsen war, worin er von nun an unter seinen Zeitgenossen leben sollte, daß der Nachwuchs des Bürgertums, soweit er nach geistiger Nahrung lechzte, in der Vergangenheit suchen mußte, was ihm die Gegenwart ein für allemal versagte. Und gewiß hat Lessing wenig oder nichts von dem psychologischen Scharfblick besessen, mit dem Herder in den Stimmen der Völker ihre Seelen zu erkennen verstand. Und wenn heute dumm-pfiffige Streber von dem »ostpreußischen Kolumbus« Herder im Gegensatze zu der »schulmäßigen und unhistorischen Kritik« des »gelehrten Philologen« Lessing schwatzen, so mag doch erinnert werden nicht nur daran, daß Herder selbst immer in ehrlicher Selbsterkenntnis zu dem Manne Lessing emporsah, sondern auch daran, daß nach Herder nicht nur Goethe und wenigstens der weimarische Schiller, sondern auch die ganze Romantik und jene »historische Schule« kamen, von der Karl Marx sagt: »Eine Schule, welche die Niederträchtigkeit von heute durch die Niederträchtigkeit von gestern legitimiert, eine Schule, die jeden Schrei des Leibeigenen gegen die Knute für rebellisch erklärt, sobald die Knute eine bejahrte, eine angestammte, eine historische Knute ist, eine Schule, der die Geschichte, wie der Gott Israels seinem Diener Moses, nur ihr a posteriori zeigt, die historische Rechtsschule, sie hätte daher die deutsche Geschichte erfunden, wäre sie nicht eine Erfindung der deutschen Geschichte.« Und erst in dem wissenschaftlichen Sozialismus hat jener bei Lessings Laokoon zuerst aufbrechende Gegensatz seine Versöhnung gefunden, ist die Historie zur Politik, die Politik zur Historie geworden.

Doch wir dürfen nicht vergessen, daß wir es weniger mit Lessing als mit der Lessing-Legende zu tun haben, und schon pocht Herr Erich Schmidt ungeduldig an unsere Türe, heischend die Erledigung seines geistvollen und tiefsinnigen Orakelspruchs: »Laokoon blieb Torso. Vielleicht wären gar bloße Materialien aus dem Nachlasse auf uns gekommen, wenn Lessing nicht durch eine gewichtige kunstwissenschaftliche Leistung den deutschen Höfen hätte sagen wollen: Hier bin ich.« Alle guten Geister loben Gott den Herrn! Also nicht bloß die »schlichte Beredsamkeit« der Minna, sondern auch die »kunstwissenschaftliche Leistung« des Laokoon ist diesen akademischen Meistern der Ästhetik und der Literaturgeschichte eine Wurst, geworfen nach der Speckseite eines höfischen Pöstchens. Aber gehen wir mit einigen Worten auf den Nicolaitischen Humbug ein, der dahintersteckt!

Nach dem Frieden von Hubertusburg konnte Lessing nicht lange mehr in Breslau bleiben. Mit dem Kriegsgetümmel war auch das freiere und vollere Leben erloschen, das ihn an die Stadt gefesselt hatte; bei aller Anhänglichkeit an Tauentzien durfte es ihm nicht einfallen, sein Leben lang den subalternen Schreiber eines preußischen Generals zu spielen. Schon im November von 1763 bereitete er seine Eltern darauf vor, daß er auf sein »fixiertes Glück« verzichten und zu seiner »alten Lebensart« zurückkehren werde. Auf ihre Klagen hebt er im Juni 1764 abermals nachdrücklich hervor, daß er seinen alten Plan zu leben nicht aufgegeben habe und mehr als jemals entschlossen sei, »von aller Bedienung, die nicht vollkommen nach meinem Sinn ist, zu abstrahieren. Ich bin über die Hälfte meines Lebens, und ich wüßte nicht, was mich nötigen könnte, mich auf den kürzeren Rest desselben noch zum Sklaven zu machen.« Nicht ohne Grund schlug Lessing diesen bestimmten Ton an. Stets bereit, seinen Eltern alles und noch mehr zu geben, als er selbst besaß, hatte er doch auch immer abgelehnt, der »Sklave eines Amts« zu werden, nur damit seine unfähigen Brüder studieren könnten, und schon vor seiner Übersiedlung nach Breslau hatte er das äußerste Maß seines Entgegenkommens also ausgedrückt: »Trägt man mir ein Amt an, so will ich es annehmen, aber den geringsten Schritt nach einem zu tun, dazu bin ich wo nicht eben zu gewissenhaft, doch viel zu kommode und nachlässig.« Aus seinem Leben in Breslau berichtet dann sein Freund, der Rektor Klose: »Nach dem Hubertusburger Frieden dachte Lessing nun Breslau zu verlassen, ob ihn gleich der General ersuchte, noch länger zu bleiben, auch ihm eine vorteilhafte Bedienung anbot, die er aber von sich wies, weil nach seiner Versicherung der König von Preußen keinen, ohne abhängig zu sein und zu arbeiten, bezahle. Aus eben dem Grunde hatte er die Professur in Königsberg, die ihm vor einigen Jahren angeboten wurde, ausgeschlagen; besonders weil der Professor der Beredsamkeit alle Jahre einen Panegyrikus zu halten verpflichtet wäre.« Vergebens sucht Herr Erich Schmidt, dem es auf einen höfischen Panegyrikus mehr oder weniger nicht ankommt, dies glaubwürdige Zeugnis eines glaubwürdigen Mannes zu bemängeln.

Im Frühling von 1765 verließ Lessing dann Breslau, nachdem er sein Amt schon ein paar Monate vorher niedergelegt hatte. Er ging nach Berlin, wie er seinem Vater schrieb, nicht sowohl um auf lange Zeit daselbst zu bleiben, als vielmehr bloß, »um meine zerstreuten Sachen allda zusammenzubringen und doch einigermaßen einen locum unde nennen zu können«. Am 4. Juli 1765 schreibt er seinem Vater, daß er vor sechs Wochen in Berlin angelangt sei, und zufällig genau von demselben Tage ist das letzte Blatt der Literaturbriefe datiert, worin Lessing die »ebenso scharfsinnige wie wahre Anmerkung« Meinhards zu der Tatsache hervorhebt, daß die Anzahl der guten Dichter in den vielgepriesenen Mäzenatentagen der Mediceer und Ludwigs XIV. gar so gering gewesen sei, und seinerseits hinzufügt: »Da sie auf den äußerlichen Zustand der deutschen Literatur gewissermaßen angewendet werden kann, so wünschte ich sehr, daß sie diejenigen einmal zum Schweigen bringen möchte, die über den Mangel an Unterstützung so häufige und bittere Klagen führen und in dem Ton wahrer Schmeichler den Einfluß der Großen auf die Künste so übertreiben, daß man ihre eigennützigen Absichten nur allzu deutlich merkt.« Diese Reihe von Daten und Tatsachen dürfte zur Genüge zeigen, daß Lessing seinen vierten und letzten Aufenthalt in Berlin nicht genommen hat, um eine Anstellung von Friedrich II. zu ergattern, sondern aus den von ihm selbst angegebenen Gründen, wobei unter dem »Zusammenbringen seiner zerstreuten Sachen« wohl die Vollendung des Laokoon und der Minna sowie eine Revision seiner älteren Komödien zu verstehen ist; Laokoon erschien zur Ostermesse 1766, die Minna zur Ostermesse 1767, sowohl in einer besonderen Ausgabe als in einer zweibändigen Sammlung aller Lustspiele, und darnach siedelte Lessing von Berlin nach Hamburg über.

In diesem Jahren spielte sich nun die widrige Posse ab, deren passive Helden König Friedrich, Winckelmann und in gewissem Sinne anscheinend, auch Lessing waren, während ihre aktiven Helden in dem Obersten Quintus Icilius, Ehren-Nicolai und etwa auch in Sulzer zu suchen sind. Herr Erich Schmidt nennt den Obersten »wacker«, und es versteht sich darnach, daß er ein ganz schlechter. Kerl war. Er hieß eigentlich Guichard und war mit dem antiken Namen von Friedrich in einer »gnädigen« Laune getauft worden; aus Magdeburg gebürtig, Sohn einer bürgerlichen Hugenottenfamilie, Kommilitone Winckelmanns in Halle, dann militärischer Abenteurer und Schriftsteller, war er im Siebenjährigen Kriege zum Kommandeur eines Freibataillons avanciert, nach dem Frieden aber nicht nur nicht kassiert worden, sondern sogar zur Stelle eines Hofnarren bei Friedrich aufgerückt. Er war das Gegenteil eines Tellheim und rechtfertigte für seine Person das Vorurteil Friedrichs, wonach bürgerliche Offiziere keine Ehre im Leibe haben sollten; er hatte im Jahre 1761 das sächsische Jagdschloß Hubertusburg geplündert, nachdem adlige Offiziere, ein Marwitz und ein Saldern, aus dem Heere geschieden waren, weil sie den zuerst an sie gerichteten Befehl des Königs, eine so ehrlose Handlung zu vollziehen, nicht ausführen wollten. Quintus hatte bei dieser Dieberei ein sehr gutes Geschäft gemacht, und er hat auch später, sogar nach dem Zeugnisse seines Freundes Nicolai, aus den Lotterie- und Regiegeschäften des Königs allerlei eigennützige Gewinste gezogen. Dieser Ehrenmann spielte sich nun aber gleichzeitig als Wortführer der deutschen Literatur bei Friedrich auf, und er will, als der französische Vorsteher der königlichen Bibliothek 1765 gestorben war, erst Lessing und dann Winckelmann und dann wiederum Lessing dem Könige als Ersatzmann vorgeschlagen haben. Wohlgemerkt aber nur nach seinen eigenen Angaben, die dadurch, daß sie uns Nicolais Sprachrohr überliefert hat, weder anmutiger noch glaubwürdiger geworden sind. Indessen insoweit könnte die Sache ganz auf sich beruhen bleiben, wenn nur nicht die bürgerlichen Literarhistoriker behaupteten, daß Lessing durch die Herausgabe des Laokoon die Bemühungen des freibeuterischen Obersten habe unterstützen und durch die Kritik Winckelmanns seine Überlegenheit über diesen Nebenbuhler in der königlichen Gunst habe zeigen wollen, wie sie denn auch aus Friedrichs Ablehnung Lessings Haß gegen das friderizianische System zu erklären versuchen, einen Haß, der, je älter und reifer Lessing wurde, um so schwerer selbst durch die gröbsten Fälscherkunststücke zu verdecken ist. Um der Gerechtigkeit willen muß allerdings erwähnt werden, daß der gröbste Fälscher dieser Episode kein bürgerlicher Literarhistoriker, sondern – Herr Eugen Dühring ist. Er sagt, Friedrich habe Lessing als Bibliothekar nicht haben wollen, »mit so vielen Judendurchstechereien und Judenaufdringlichkeiten Lessing sich auch offerieren ließ«. »Der Mehrer des Reichs, der auch Mehrer der Einsichten war und selbst als politisch reformatorischer Geist in Gesetzgebung und Verwaltung gelten muß, Friedrich, hat sich in der Schätzung Lessings als wahrer Vertreter der Nation erwiesen.« Siehe Dühring, Die Überschätzung Lessings und dessen Anwaltschaft für die Juden, 88. Der preußische Staat war wirklich schlecht beraten, als er Herrn Eugen Dühring nicht zum Professor avancieren ließ.

Wahr ist, daß der königliche Bibliothekar, Geheimer Rat de la Croze, im Februar 1765 gestorben war und daß der König am 25. Juli dieses Jahres den Minister von Dorville beauftragt hatte, einen zur Aufsicht und Unterhaltung einer öffentlichen Bibliothek recht sehr kapablen und in den Wissenschaften geübten Mann allenfalls in Holland aufzusuchen. Es widerspricht nun aber der ganzen Art Friedrichs, daß er neben diesem offiziellen Geschäftsgange noch eine sozusagen offiziöse Unterhandlung durch einen seiner Hofnarren angeknüpft haben soll. Vom ersten Tage seiner Regierung an machte er jedem persönlichen Gesellschafter zur strengsten Bedingung, sich nie in die Geschäfte zu mischen, und was er Jugendfreunden wie Jordan und Kayserlingk, was er Männern wie Maupertuis und Voltaire in seinem frischen Mannesalter bei Strafe seiner sofortigen Ungnade versagt hatte, das soll der argwöhnische und griesgrämige Greis dem von ihm innerlich verachteten und wegen der Hubertusburger Räuberei stets verhöhnten Quintus gewährt haben! Möglich erscheint höchstens, daß der Name Winckelmanns dem Könige nicht ganz unbekannt geblieben ist, denn Winckelmann hatte das von Friedrich angekaufte Gemmenkabinett des Barons Stosch geordnet und katalogisiert. Aber diese Möglichkeit ist erstens entfernt keine Gewißheit; Winckelmann selbst vermutete, daß der König ihn mit einem zeitweise in Rom lebenden ehemaligen Auditeur Ewald aus dem Regimente des Prinzen Heinrich verwechselt habe. Zweitens aber hat sie für den vorliegenden Fall nichts zu bedeuten, da der König schon am Tage vor seiner Kabinettsorder an Dorville das Kabinett der Altertümer und Medaillen von der Bibliothek getrennt und dem Hofrat Stosch unterstellt hatte. Sehr bezeichnend ist nun, daß Quintus, obgleich er vom Könige den für einen Menschen seines Schlags sehr ehrenvollen Auftrag erhalten haben wollte, mit Winckelmann zu unterhandeln, nicht selbst an den alten Universitätsfreund schrieb, sondern durch Nicolai an ihn schreiben ließ. Der Prahler und Wichtigtuer war offenbar auch ein Sicherheitskommissarius und wollte seine Handschrift nicht von sich geben. Nicolai schrieb also im August 1765 an Winckelmann, der König wolle ihn zu seinem Bibliothekar machen. Er, Winckelmann, könne die beträchtlichsten Bedingungen stellen, weil der König ihn hochschätze und längst zu tun gewünscht habe, was er jetzt tue. Quintus gebe ihm zu verstehen, daß der König 1500 bis 2000 Taler zu bewilligen entschlossen sei. Nun geschah das ganz Unerwartete: Winckelmann nahm sofort an und verlangte 2000 Taler; er scheint im ersten Augenblicke den gar absonderlichen, aber durch Nicolais Schreiben erklärlichen Eindruck gehabt zu haben, der König wolle ihm alle Bitternisse seiner Jugend versüßen; er schreibt etwas naiv: »Ich empfinde jetzt mit einem Male, wie mächtig die Liebe des Vaterlandes ist, in welches ich mit den größten Ehren zurückgerufen werde ... Es lässet sich jetzo zum ersten Male die Stimme des Vaterlandes hören, die mir vorher unbekannt war.« Aber der hinkende Bote kam nach, so schnell wie es der damalige Postenlauf gestattete; Nicolai meldete zurück, der König stoße sich an den 2000 Talern; für einen Deutschen seien 1000 Taler genug. Es ist bekannt, wie beschämt und erbittert Winckelmann durch diese Abweisung wurde, aber es ist noch gar nicht bekannt, daß der König seine schäbige und Winckelmann seine lächerliche Rolle nur gespielt hat, weil die Humbugs Quintus und Nicolai und als Dritter im Bunde anscheinend auch Sulzer es so wollten.

Zum Glücke für die Wahrheit pflegen Aufschneider sich im Laufe der Zeit zu verplappern, und wie es sonst immer mit Friedrichs Absichten auf Winckelmann gestanden haben mag: So viel hat Nicolai selbst verraten, daß er in seinem ersten wie in seinem zweiten Briefe an Winckelmann auf Unkosten des Königs geflunkert hat. Nach seinen späteren Mitteilungen, an Daßdorf, den Herausgeber von Winckelmann-Briefen, hatte der König von Anfang an 1000 Taler aus den Fonds der Akademie für Winckelmann ausgeworfen. Dies Gehalt wäre für die damalige Zeit ein ganz anständiges gewesen; es überstieg Winckelmanns römische Einkünfte, und der bisherige französische Bibliothekar hatte nur 600 Taler bezogen. Der König wollte dem Deutschen also nicht weniger, sondern um ein sehr Beträchtliches mehr geben als dem Franzosen. Aber der edle Quintus wünschte – immer nach Nicolai – auch jene 600 Taler seinem Winckelmann noch zuzuwenden und ließ ihm deshalb raten, er möge 2000 Taler fordern, damit er, Quintus, »seinen ihm so wohlwollenden Monarchen« dabei an die 600 Taler bisheriges und durch den Tod de la Crozes erledigtes Bibliothekargehalt erinnern könne. Allein als Winckelmann den Rat befolgte und der König von Quintus erinnert wurde, erklärte Friedrich, über das Gehalt de la Crozes sei schon anderweitig verfügt, und es müsse bei den 1000 Talern aus den Fonds der Akademie sein Bewenden haben. So Nicolai an Daßdorf. Wahrscheinlich hat auch diese Darstellung nichts hinter sich; aber jedenfalls: Wenn Nicolai sie für richtig hielt, so hat er das Angebot des Königs in fälschender Übertreibung an Winckelmann gemeldet, um sich und seinem Freunde Quintus ein Air zu geben, und so hat er die Ablehnung Friedrichs mit einer den König bloßstellenden und Winckelmann schwer verletzenden Erfindung aus freier Faust versehen, um seinen und seines Freundes Quintus Rückzug zu decken. Winckelmanns Briefe an seine Freunde, herausgegeben von Daßdorf, 2, 164. Freimütige Anmerkungen, 1, 354. In dieser Schrift bestätigt Nicolai die Darstellung Daßdorfs noch ausdrücklich als richtig.

Wie windig nun aber auch diese Winckelmann-Geschichte sein mag, so ist sie noch ein sehr greifbares Ding, verglichen mit der parallellaufenden Lessing-Geschichte. Nach Nicolai hat Quintus zuerst Lessing als Bibliothekar vorgeschlagen, aber der König soll ihn wegen des »unangenehmen Vorfalls«, den Lessing 1752 mit Voltaire gehabt hatte, abgelehnt haben. Darauf die Verhandlungen mit Winckelmann, nach deren Scheitern Quintus abermals auf Lessing zurückgekommen sein soll. Und zwar nach Nicolais Darstellung mit »Heftigkeit«, in einem »starken Wortwechsel« und indem er schließlich den König, der nicht Lessing, sondern einen Franzosen haben wollte, »ausgelacht« habe. Man verzeihe den Ausdruck, aber einen anderen, der zuträfe, gibt es nicht: Es ist zu dumm. Friedrich ließ sich gerade von seinen Hofnarren mit »Heftigkeit«, mit »starken Wortwechseln«, mit »Auslachen« bedienen. Aber noch mehr! Herr Erich Schmidt bereichert die Literatur dieser Episode mit einem handschriftlichen Zettel des Quintus an Ramler vom 20. April 1765, worin es heißt: »Sie erfreuen mich mit der Aussicht, unseren Herrn Lessingk in Berlin zu besitzen. Ich habe große Absichten auf ihm, die die Ehre unserer Schaubühne betreffen. Vielleicht finden wir ihn geneigt dazu. Seine Majestät kennen ihn und werden ihn unterstützen.« Herr Erich Schmidt teilt dies Fündlein mit ungeheurer Wichtigkeit, aber »ohne Kommentar« mit. Ein Sicherheitskommissarius auch er! Denn der einzige »Kommentar« zu dieser archivalischen Entdeckung kann doch kein anderer sein, als daß Quintus ein Humbug war. Man beachte nur die Daten! Im April 1765, beiläufig zwei Jahre vor der Minna und zehn Jahre nach der Sara, will der König aus edelmütigem Antriebe durch den ihm bekannten »Herrn Lessingk« die Ehre der deutschen Schaubühne retten lassen, die Friedrich bekanntlich aus tiefster Seele verachtete, und höchstens vier Monate später – im August 1765 schreibt Nicolai schon an Winckelmann – will der König von Lessing als Bibliothekar wegen des »unangenehmen Vorfalls mit Voltaire« nichts wissen, »da er ein sehr gutes Gedächtnis hatte und einen einmal gefaßten Eindruck lange behielt«. Herrn Erich Schmidts »philologische Akribie« muß doch einsehen, daß Quintus mindestens einmal gelogen hat, entweder in dem Zettel an Ramler vom April oder in der Mitteilung an Nicolai vom August 1765. Aber wir erlauben uns die Konjektur, daß der Plünderer von Hubertusburg beide Male geschwindelt hat, um sich vor Ramler und Nicolai, den Matadoren der Berliner Literaturclique, als den einflußreichen Ratgeber des Königs in literarischen Fragen aufzuspielen. Folgende eigenhändigen Randschriften Friedrichs werden den Humbug noch näher beleuchten. Als Quintus im Jahre 1764 um Vergütigung des für seine Kompaniechefs bar ausgelegten Geldes ansuchte, antwortete der König: »Seine Offiziers haben wie die Raben gestollen Sie krigen nichts.« Und ferner: Als derselbe Quintus im Jahre 1770 um eine Pension bei der Akademie bat, verfügte der König: »Die academie nimt nicht Leute an deren Bücher So schändlich wie Seine Seindt Critisiret worden.« Es ist wirklich eine zwerchfellerschütternde Vorstellung, daß ein Höfling, der sich schurigeln lassen muß wie Quintus in diesen königlichen Bescheiden, in »einem starken Wortwechsel« den König wegen Mißachtung der deutschen Literatur »ausgelacht« haben soll. Endlich noch folgende urkundlichen Stücke aus Friedrichs Kabinett: »Einer Namens Doehbelin, von der Schuchschen Comödianten Bande zeiget allerunterthänigst an, daß das teutsche Theater zu Berlin unter der üblen und unerfahrenen Direktion des Schuchs ganz in Verfall gerathen und bittet, ihm gegen Erlegung von 100 Spezies Dukaten anstatt der 100 Thaler, so der Schuch jährlich zur Chargenkasse erlegen müsse, das Privilegium, in sämtlichen Königlichen Landen Comödien aufführen zu dürfen, allergnädigst zu ertheilen.« Worauf der König verfügt: »Ob 2 Banden im Landt bestehen können, und ob das Publicum diesen Menschen lieber als Schuch haben will? So bin ich damit zufrieden.« So geschehen im Jahre 1767, also zwei Jahre, nachdem der König angeblich durch »unsern Herrn Lessingk« für die »Ehre unserer Schaubühne« sorgen lassen wollte!

Unerquicklich, wie es sein mag, sich mit diesem verjährten Klatsche noch zu befassen, so unerläßlich ist es leider. Denn an diesem Punkte kämpft die Lessing-Legende um ihr Haupt und ihr Leben. Es ist vollkommen glaublich, daß wie Winckelmann so auch Lessing von den Gaukeleien der Quintus und Nicolai behelligt worden sein mag; es ist nicht minder glaublich, daß die Art, in der Friedrich abgelehnt haben soll, ihm ein – unerbetenes – Amt anzuvertrauen, ihn erbittert hat. Gerade weil er bei dem Zusammenstoße mit Voltaire nicht ohne Schuld war, mag ihn die zwecklose Aufwärmung eines vergessenen Jugendstreichs mit neuer Abneigung gegen Friedrich und Voltaire erfüllt haben, wie unschuldig daran dieser gewiß und jener so gut wie gewiß war. Solche psychologischen Rückwirkungen sind gerade bei einem starken und tüchtigen Charakter sehr erklärlich. Aber es ist unwahr, daß ein Mann wie Lessing ein Werk wie den Laokoon geschrieben haben soll, um dem preußischen Hofe zu sagen: Hier bin ich, und es ist ebenso unwahr, daß sein mißfälliges Urteil über das friderizianische Preußen aus der Enttäuschung über eine persönliche Hoffnung entsprungen und gar nicht so schlimm gemeint, ja nur ein »Tropfen Galle« in der Bewunderung gewesen sein soll, die er sonst »schlicht und groß« diesem Musterstaate widmete.

Gegenüber den angeführten Äußerungen Lessings, worin er seine Abneigung gegen jedes Amt kundgab und das fürstliche Mäzenatentum öffentlich verspottete, just als er angeblich durch Quintus bei Friedrich antichambrierte, gibt es nur zwei Zeilen aus seiner Feder, die eine entgegengesetzte Deutung zulassen. Im Dezember 1767, fast ein Jahr, nachdem er Berlin für immer verlassen hatte, schreibt er seinem Vater: »Ich bin von Berlin weggegangen, nachdem mir das einzige, worauf ich so lange gehofft und worauf man mich so lange vertröstet, fehlgeschlagen.« Aber dieser Brief war ein Glückwunschbrief zu des Vaters fünfzigjährigem Amtsjubiläum; Lessing muß in ihm das bittere Geständnis ablegen, daß seine »alte Lebensart« wieder einmal mit einem Krache geendet habe, und so ist ihm die Erinnerung an den Kram der Quintus und Nicolai gerade gut genug, den alten Herrn an seinem Ehrentage darüber zu beruhigen, daß er ein »fixiertes Glück« in Berlin etwa verscherzt habe. Aber Lessing muß nun doch einmal mit dem Laokoon vor Friedrich gedienert haben. Als er nach dem Krach in Hamburg vor dem deutschen Jammer ins Ausland zu fliehen gedachte, kam ihm der Einfall, den Laokoon französisch fortzusetzen, und er machte mit der Übersetzung der Vorrede einen in seinem Nachlaß aufgefundenen Anfang; »wäre es nicht möglich«, fragt nun Herr Erich Schmidt mit seiner tiefsinnigsten Miene, daß dieser Einfall auf einen »älteren Berliner Plan« zurückginge und die »etwas dreiste Versicherung, dem Verfasser sei in derlei Materien das Französische ebenso geläufig als das Deutsche«, für Friedrich berechnet gewesen sei? Oder Lessing bezieht sich im Laokoon auf den Rat des Aristoteles, die Taten Alexanders zu malen, und erläutert, um ja jedes Mißverständnis auszuschließen, diesen Rat als »eine Ermunterung, die bildenden Künstler aus den alten Zeiten zurückzurufen und sie mit Begebenheiten aus der itzigen Zeit zu beschäftigen«: Das bedeutet aber nach Erich Schmidt »nichts anderes«, als daß der dritte Teil des Laokoon »mit einem Mahnruf zur künstlerischen Verherrlichung des Siebenjährigen Krieges und seines Hauptheros schließen« sollte. Ach, Lessing hat seinen Erich Schmidt wirklich geahnt, als er schrieb: »Und daß sie bei dem Geier wären, die verdammten Ausleger! Bald wird man vor diesem Geschmeiße keinen Einfall mehr haben dürfen!«

Über die Auffassung, die Lessing im Kampfe seines Lebens von dem preußischen Staate gewonnen hat, brauchen wir uns nach unserer bisherigen Darstellung nicht weiter zu äußern. Gerade das Gegenteil von dem »Tropfen Galle« ist richtig: In seiner großdenkenden Weise hat Lessing wohl einmal den persönlichen Eigenschaften Friedrichs einen Tropfen Honig gespendet, aber das preußische System hat er um so tiefer gehaßt, je näher er es kennenlernte. Mit jedem Aufenthalte scheidet er verstimmter aus Berlin, und mit diesem letzten am verstimmtesten. »Was hatt' ich auf der verzweifelten Galeere zu suchen?« schreibt er im Februar 1767 an Gleim und im November 1768 an Ramler: »Wie kann man auch in Berlin gesund sein? Alles was man da sieht, muß einem ja die Galle ins Geblüt jagen.« Und an Nicolai im August 1769 – wir wollen die Stelle doch lieber vollständig hierhersetzen, da sie Herr Erich Schmidt in seinen zwei dicken, mit Lessing-Zitaten vollgestopften Bänden so fein zu vertuschen weiß:

»Sagen Sie mir von Ihrer Berlinischen Freiheit zu denken und zu schreiben ja nichts. Sie reduziert sich einzig und allein auf die Freiheit, gegen die Religion so viel Sottisen zu Markte zu bringen, als man will. Und dieser Freiheit muß sich der rechtliche Mann nun bald zu bedienen schämen. Lassen Sie es aber doch einmal einen in Berlin versuchen, über andere Dinge so frei zu schreiben, als Sonnenfels in Wien geschrieben hat; lassen Sie es ihn versuchen, dem vornehmen Hofpöbel so die Wahrheit zu sagen, als dieser sie ihm gesagt hat; lassen Sie einen in Berlin auftreten, der für die Rechte der Untertanen, der gegen Aussaugung und Despotismus seine Stimme erheben wollte, wie es itzt sogar in Frankreich und Dänemark geschieht, und Sie werden bald die Erfahrung haben, welches Land bis auf den heutigen Tag das sklavischste Land von Europa ist.«

Wie Herder und Winckelmann, so schied Lessing mit einem Fluch und einem Steinwurf aus den preußischen Landen. Nur daß, was jene Jünglinge in heißem Lebensdrange instinktiv empfanden, in diesem Manne zur klaren Erkenntnis gereift war: zu der Erkenntnis nämlich, daß alle Lebensinteressen der bürgerlichen Klassen in Deutschland keinen gefährlicheren und grundsätzlicheren Feind besaßen als den preußischen Staat.

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