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Die Lessing-Legende

Franz Mehring: Die Lessing-Legende - Kapitel 16
Quellenangabe
typetractate
authorFranz Mehring
titleDie Lessing-Legende
publisherVerlag Das neue Wort
year1953
firstpub
translator
correctorJosef Muehlgassner
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IV. Lessing in Berlin und in Wittenberg

Zunächst führte der junge Lessing in Berlin das Leben eines literarischen Tagelöhners. Er ordnete die Bibliothek des alten Rüdiger, dem die »Vossische Zeitung« gehörte; er übersetzte allerlei aus dem Französischen; er hatte diese oder jene »Kondition« bei einem Baron v. d. Goltz, einem Herrn v. Röder. Aber in dem Ringen um die Notdurft des Lebens wurde ihm das Brot nicht zum Steine. Es war ihm wirklich nicht zuzutrauen, wie er später einmal seinen Eltern schrieb, »als hätte er sein Studieren am Nagel gehangen und wolle sich bloß elenden Beschäftigungen de pane lucrando widmen«, und gegen den Abend seines Lebens konnte er seinem Bruder sagen, er sei schon in sehr elenden Umständen gewesen, aber doch noch nie in solchen, wo er im eigentlichen Verstande um Brot geschrieben habe. Solche »Nichtswürdigkeiten« galten ihm nie mehr, als sie wert sind, und immer strebte er in »sein Gleis zu kommen«. Dies Geleise war der Kampf für die Emanzipation der bürgerlichen Klassen. Soweit es in Berlin möglich war, hielt Lessing seine Verbindung mit dem Theater aufrecht, arbeitete seine Komödien aus, vertrieb sie an die Bühnen in Hannover und Wien, veröffentlichte Beiträge zur Historie und Aufnahme des Theaters, für die er in Stuttgart einen Verleger suchte und fand.

Und zugleich suchte Lessings immer reger Geist in dem sandigen Boden von Berlin den Flecken fruchtbarer Erde, wo er etwa doch frische Wurzeln schlagen könnte. Er mußte nun einmal in der Welt und im Umgange der Menschen leben, und es ist anziehend zu untersuchen, wie sein untrüglicher Klasseninstinkt in derselben Mahlzeit Gift und Nahrung zu scheiden wußte. Die französische Kultur trat ihm in Berlin als ein Zerrbild entgegen, sozusagen als die Kehrseite einer gewirkten Tapete. Indessen während die einen dies Zerrbild gläubig bewunderten und die anderen höchstens heimlich darüber schimpften, spottete Lessing dreist über das wirre Durcheinander bunter Fäden, aber er drehte zugleich die Tapete um und zeigte, daß auf ihrer richtigen Seite für die bürgerlichen Klassen gar viel zu lernen sei: Er bekämpfte die französische Literatenwirtschaft Friedrichs mit dem gesunden Hasse der Unterdrückten gegen die Unterdrücker, einem Hasse, der deshalb nicht weniger die sittlichste aller Empfindungen ist, weil ihn die Unterdrücker, heute noch mehr als damals, für die unsittlichste, für einen giftigen und ohnmächtigen Neid, auszugeben belieben, wie denn Herr Erich Schmidt von Lessings »scharfäugigem Neid« gegenüber den französischen Hofliteraten spricht. Aber Lessing verkannte deshalb nicht die damalige Überlegenheit der französischen über die deutsche Kultur, und wenn er in Berlin einen »entscheidenden Anstoß« erhielt, so war es nicht von dem Könige Friedrich oder seiner Hauptstadt, sondern von zwei französischen Schriftstellern, deren einer in der Tafelrunde von Sanssouci saß: von Bayle und von Voltaire.

Voltaire war um mindestens eine, Bayle reichlich um zwei Generationen älter als Lessing. Dieser Unterschied der Zeiten bewirkte, daß Lessing beiden Franzosen an Klarheit und Schärfe des bürgerlichen Klassenbewußtseins überlegen war, sosehr sie ihn an Vielseitigkeit der Begabung und tiefgreifender Einwirkung auf das achtzehnte Jahrhundert übertreffen mochten. Lessing stand der Kirche und ihrem Glauben viel ferner als Bayle; er hat der Orthodoxie andere Tänze aufgeführt wie dieser, von dem Feuerbach sagt: »So umflattern die Zweifel und Einwürfe Bayles wie kleine Tagvögel, angreifend, aber sogleich wieder zurückfliehend, keck und furchtsam zugleich, die Nachteule der Orthodoxie.« Und noch weniger hat sich Lessing je an die Höfe gedrängt wie Voltaire. Aber er hat von beiden Männern außerordentlich viel gelernt: an positivem Wissen nicht nur, sondern mehr noch in der Führung des Kampfes gegen die Welt erstarrter Vorurteile, die mit unsichtbaren Ketten alle Tatkraft der bürgerlichen Klassen gebunden hielten. Von Bayle und Voltaire lernte Lessing sein Schwert so blank und scharf schleifen, so leicht und sicher führen. Bayle, der »Universalkritiker seiner Zeit«, wie ihn Feuerbach, der »erste Journalist aller Zeiten«, wie ihn Justi nennt, war ihm dabei die wähl verwandtere Natur. Bayle lebte lieber in dem bürgerlichen Holland als in dem höfischen Paris, und wie Lessing niemals das »Professorieren« ausstehen konnte, so schrieb Bayle an einen Freund: »Ich bin kein besonderer Freund von den Streitigkeiten, den Ränken, den Entre-Mangeries professorales (gegenseitigen Professoren-Fressereien), die auf allen unseren Akademien herrschen.« Pastor Lange, der geschundene Marsyas von Laublingen, höhnte und stöhnte, daß Lessing seine ganze Gelehrsamkeit aus Bayle habe, und völlig unrecht hatte er nicht, denn er war das Opfer einer Kritik, die sich an Bayle geschult hatte. Über Bayle vergleiche Feuerbach, Pierre Bayle, ein Beitrag zur Geschichte der Philosophie und Menschheit. Eine schöne Charakteristik Bayles auch bei Justi, Winckelmann, 1, 109 ff. Über Bayle und Lessing siehe Danzel-Guhrauer, Lessing, 1, 219 ff.

Bayle war über vierzig Jahre tot, als Lessing sich in seine Werke zu vertiefen begann. Dagegen lebte Lessing mit Voltaire einige Jahre am selben Orte zur selben Zeit, nicht ohne die mannigfachste geistige und vielleicht auch nicht ohne jede persönliche Berührung. Lessing hat des »Herrn von Voltaire kleinere historische Schriften« mit beflissener Sorgfalt ins Deutsche übertragen und spricht wiederholt mit höchster Bewunderung von ihm, dagegen hat er gleichzeitig seine schärfsten Epigramme gegen Voltaire geschnellt. Ihn meint Lessing, wenn er den reichen Dichter Semir verhöhnt, der ein Geizhals ist, »weil nach des Schicksals ew'gem Schluß ein jeder Dichter darben muß«, ihn auch, wenn er von »Frankreichs Witzigstem« spricht, den »der schlaueste Hebräer in Berlin« prellen wollte, aber nicht prellen konnte, weil »Herr V** war ein größrer Schelm als er«, ihn endlich in der blutigen Satire auf die Katzbalgereien der französischen Hofliteraten, wo Voltaire auf Arnauds Betreiben vom Könige berufen wird und, als er kommt:

»Was, ruft er, Arnaud hier? Wenn mich der König liebt,
So weiß ich, daß er stracks dem Schurken Abschied gibt.«

Die bürgerlichen Historiker erklären diese scheinbaren Widersprüche mit Friedrichs Urteil über Voltaire: ein schlechter Kerl, aber ein himmlisches Talent. Indessen das heißt die Frage nicht beantworten, sondern umgehen, ganz abgesehen davon, daß es mit dem »schlechten Kerl« doch auch so seine eigene Bewandtnis hat: Man braucht nur Friedrichs Alter in Sanssouci mit Voltaires Alter in Ferney zu vergleichen, um zu erkennen, wer von beiden »edel, hilfreich und gut« in Goethes Sinne gewesen ist. Lessing selbst aber gibt die Lösung jener scheinbaren Widersprüche in der Grabschrift, die er nach einem Vierteljahrhundert dem eben verblichenen Voltaire setzte:

»Hier liegt ? wenn man euch glauben wollte,
Ihr frommen Herrn! ? der längst hier liegen sollte.
Der liebe Gott verzeih' aus Gnade
Ihm seine Henriade
Und seine Trauerspiele
Und seiner Versehen viele;
Denn was er sonst ans Licht gebracht,
Das hat er ziemlich gut gemacht.«

In diesem abschließenden Worte über Voltaire unterscheidet Lessing nicht zwischen dem großen Talent und dem schlechten Charakter, sondern zwischen dem höfischen Dichter und dem bürgerlichen Schriftsteller, und eben dieser soziale Gesichtspunkt bestimmte auch schon seine Stellung zu Voltaire im Jahre 1750. Er geißelte den von höfischen Lastern angesteckten Höfling, aber er lernte von dem historischen und philosophischen Schriftsteller, in dem jener dritte Stand, der schon alles war, seinen beredtesten Herold gefunden hatte.

Lessing und Voltaire – dies Kapitel gehört zu den düstersten Abschnitten der Lessing-Legende. An einer Szene, die beide Männer in ihrem sozialen Gegensatze zeigt, gehen alle bürgerlichen Literarhistoriker mit stumpfen Sinnen vorüber, dagegen beuten sie eine handgreifliche Flause von Lessings Bruder Karl Gotthelf zu den abenteuerlichsten und für Gotthold Ephraim nicht eben schmeichelhaften Phantasien aus. Jene Szene spielte sich in der Nacht des 25. August 1750 auf dem Schloßplatze von Berlin ab. Friedrich gab dort zu Ehren seiner Schwester von Bayreuth ein sogenanntes Karussell, ein Ringelrennen von Prinzen und Hofleuten, die in vier Quadrillen als Griechen, Römer, Karthager und Perser gegeneinander ritten und mit ihren Speeren nach Ringen stachen, im Schimmer von vierzigtausend Lampen, mit lärmender Janitscharenmusik und unter Aufwand von viel Schneiderpracht; die kostspieligste Mummerei, die der König sich je gestattet hat, obgleich nicht sowohl für ihn kostspielig als für die Teilnehmer, die aus eigener Tasche ihre Ausstattung besorgen, und für die Zuschauer, die den Augen- und Ohrenschmaus mit schwerem Gelde bezahlen mußten: Der König wohnte selbst dem Feste bei, und seine Schwester Amalie verteilte als Göttin der Schönheit die Preise. In der Hofloge saß auch Voltaire; »er sah bescheiden aus«, sagt sein späterer Sekretär Collini, »aber die Freude strahlte aus seinen Augen«. Und alsbald schlug er, so schreibt sein Biograph Strauß, gleichsam die Denkmünze für das Fest in dem Epigramm, das, freilich in seiner französischen Originalprägung ganz anders blank erscheint als in dem deutschen Abguß, worin wir es geben müssen:

»Nie war in Rom und in Athen
Ein Festspiel, dessen Glanz vor diesem nicht erbleichte;
Mit Paris' Zügen war der Sohn des Mars zu sehn,
Und Venus, die den Apfel reichte.«

So Strauß, aber weder er noch ein anderer bürgerlicher Historiker hat die epigrammatische Denkmünze entdeckt, die Lessing auf dasselbe Fest schlug, obwohl sie offen in seinen Werken vorliegt. Hier ist sie.

»Auf ein Karussell
Freund, gestern war ich – wo? – Wo alle Menschen waren.
Da sah ich für mein bares Geld
So manchen Prinz, so manchen Held,
Nach Opernart geputzt, als Führer fremder Scharen.
Da sah ich manche flinke Speere
Auf mancher zugerittnen Mähre
Durch eben nicht den kleinsten Ring,
Der unter tausend Sonnen hing,
(O schade, daß es Lampen waren!)
Oft, sag' ich, durch den Ring
Und öfter noch darneben fahren.
Da sah ich – ach, was sah ich nicht,
Da sah ich, daß beim Licht
Kristalle Diamanten waren;
Da sah ich, ach, du glaubst es nicht,
Wie viele Wunder ich gesehen!
Was war nicht prächtig, groß und königlich?
Kurz, dir die Wahrheit zu gestehen,
Mein halber Taler dauert mich.«

Das ist eine hinlänglich trotzige Sprache in einer allgemein schweifwedelnden Zeit, und dieser junge Proletarier soll karriereschnaufend hinter Voltaire hergelaufen sein, um in den höfischen Literatenschweif des Königs zu gelangen? Lessings Werke, 1, 153. Strauß, Voltaire, 98. Carlyle, 4, 270 ff.

Die preußische Mythologie will es so, und Herr Erich Schmidt ist ihr Prophet. Und da muß nun ein alter Humbug aushelfen, der in diesem Jahre gerade sein hundertjähriges Jubiläum feiert. K. G. Lessing erzählt nämlich in der Biographie seines Bruders, Gotthold Ephraim sei durch seinen Freund, den französischen Sprachlehrer Richier de Louvain, an Voltaire empfohlen worden, und fährt dann fort: »Die Veranlassung dazu war, daß Voltaire einen deutschen Übersetzer zu jenen Memorialen suchte, welche er gegen den Juden Hirsch, mit dem er in den bekannten Prozeß verwickelt war, für das Kammergericht verfertigte. Voltaire lud ihn alle Tage zu sich zu Tische, sprach auch von Literatur und Wissenschaften, doch immer in so zurückhaltendem und ernstem Tone, daß den Tischgenossen wenig Spielraum ihres Witzes blieb.« Diese zwei Sätze sind, seitdem sie vor hundert Jahren veröffentlicht wurden, unzählige Male, bald gegen Lessing, bald gegen Voltaire, bald gegen beide ausgebeutet worden, am tollsten von Herrn Erich Schmidt, indem er schreibt: »Wenn der König diesen gierigen Intriganten« – das soll nämlich Voltaire sein! – »nach wie vor an seine Tafel zog, warum sollte ein junger, armer Literat während des schmählichen Prozesses und seiner Nachwirkungen nicht den Tisch des größten, mächtigsten Schriftstellers teilen? ... Man wird keinen Stein auf ihn werfen, weil Neugier und Ehrgeiz, die Hauptmächte seiner Brust, ihn zu Voltaire zogen, auch um den Preis, der Dolmetsch schofler Akten zu sein ... Man meint es mit Augen zu sehen, wie der nach Auszeichnung lechzende Jüngling gespannt lauschend dem dürren Weisen gegenübersaß, der gelegentlich aus der Zurückhaltung des vornehmen Mannes heraustrat und dem jungen Schreiber einige literarische Brocken zum Nachtisch spendete.« Folgen die schon in dem ersten Teile dieser Darstellung gekennzeichneten Elendigkeiten über Lessings angebliches Strebertum.

Darnach ist es wohl an der Zeit, die Schwindelblase einmal aufzustechen. Über Voltaires Judenprozeß können wir uns hier nicht näher verbreiten, so wünschenswert es wäre, daß er endlich einmal eine unbefangenere Darstellung fände, als er bisher, selbst durch Garlyle und Strauß, gefunden hat. Schön war er gewiß nicht, obwohl im schlimmsten Falle nicht häßlicher, als was die kapitalistische Presse heutzutage an »Edelsten und Besten« der Nation eine »korrekte Gründung« zu nennen pflegt, wobei wir nicht einmal mit einrechnen wollen, daß Voltaires Habsucht denn doch etwas anderes war als die hungrige Profitwut unserer Tage. Ihm war das Geld nicht Zweck, sondern Mittel; »nicht leicht«, sagt Goethe mit treffender Milde, »hat jemand sich so abhängig gemacht, um unabhängig zu sein«. Aber jedenfalls hat Lessing mit der ganzen Geschichte auch nicht das geringste zu tun. Schon die einzige, anscheinend aktenmäßige Angabe in den oben angeführten Sätzen seines brüderlichen Biographen, daß nämlich der Prozeß vor dem Kammergericht geführt worden sei, ist unwahr. Und diese Unwahrheit ist um so bezeichnender für ihren Urheber, als K. G. Lessing in seinem weiteren Geschwätze über Voltaires Schlechtigkeit sich auf Kleins aktenmäßige Darstellung des Prozesses bezieht und Klein gerade seitenlang ausführt, daß der Prozeß nicht vor dem Kammergerichte, sondern vor einer sogenannten »Immediat-Kommission« geführt worden ist, was schon den Zeitgenossen peinlich auffiel. Der Kammergerichtsrat Klein schließt seine betreffende Auseinandersetzung, Annalen der Gesetzgebung und der Rechtsgelehrsamkeit in den Preußischen Staaten, 5, 251 f., mit der Bemerkung, es sei sonst zum »Grundsatze geworden«, »daß dergleichen Immédiat-Kommissionen bei den Streitigkeiten der Privatpersonen gar nicht stattfinden, sondern ein jeder das Recht haben solle, vor seinem gehörigen Richter zu stehen«, und fügt hinzu: »Dies bemerke ich um der Ausländer willen, welche sonst aus diesem Beispiele den Schluß ziehen könnten, als wenn ein Günstling des Monarchen nur eine Immediat -Kommission ausbringen dürfe, um dem Wege Rechtens auszuweichen.« Man sieht: Nach diesem altfränkischen Juristen von 1790 wirft der Judenprozeß Voltaires auch einen Schatten auf die friderizianische Rechtspflege, aber die preußischen Mythologen, von K. G. Lessing bis Herrn Erich Schmidt, denken wie der mythische Müller von Sanssouci: Ja, wenn das Kammergericht in Berlin nicht wäre! und lassen aus höchsteigener Machtvollkommenheit den Prozeß vor dem Kammergerichte spielen. Bei Herrn Schmidt erscheint dieser sonderbare Irrtum um so sonderbarer, als er mindestens bei dem gründlichen Danzel gelesen haben muß, daß der Prozeß »vor einer Immediat -Kommission ziemlich formlos« behandelt worden ist. Weiter aber springt aus psychologischen Gründen die Sinnlosigkeit der ganzen Fabel in die Augen. Voltaire, in dessen Vorzimmer sich »Prinzen, Marschälle, Staatsminister, fremde Minister, Herren vom ersten Range« drängten, Voltaire, für den es sich bei dem Prozesse moralisch um Kopf und Kragen handelte, soll einen jungen, damals ganz unbekannten »Kandidaten der Medizin« in seinen vertraulichen Verkehr gezogen, ihn hinter die Kulissen des Prozesses haben blicken lassen, nur weil er einen Übersetzer seiner »schoflen Akten« brauchte! Und Lessing soll sich zum Übersetzer dieser »schoflen Akten« hergegeben haben, nur um die Beine unter Voltaires Tisch strecken zu können, und er soll dann, dreimal »schofel«, die beißendsten Epigramme auf den Prozeß hinter Voltaires Rücken gemacht haben! Nein, es war Friedrichs Art, Voltaire einen alten Affen, einen Lumpenkerl, einen Schuft und so weiter zu nennen und ihm dann doch wieder die Hand zu küssen, aber in Lessings Wesen lag diese doppelte moralische Buchführung gar nicht, und wenn er ihrer überführt werden soll, so sind bessere Beweise notwendig als das leichtfertige Gerede eines albernen Patrons, wie K. G. Lessing war.

Glücklicherweise läßt sich der Gegenbeweis aber nicht nur auf psychologischem Wege führen. Die für den Prozeß niedergesetzte Immediat-Kommission bestand aus den drei ersten preußischen Juristen (Cocceji, Jarriges und Löper); alle drei waren der französischen Sprache mächtig und einer von ihnen sogar ein geborener Franzose, wie denn auch der letzte Entscheid des Gerichts, ein Vergleich zwischen Voltaire und Hirsch, in französischer Sprache ausgefertigt worden ist. Hätte also Voltaire selbst den Prozeß führen wollen, so hätte er seine »Memorialen« um so mehr französisch einreichen können, als auch der Jude Hirsch diese Sprache geläufig handhabte. Aber Voltaire führte den Prozeß gar nicht selbst, sondern ließ ihn durch einen Advokaten, den Hofrat Bell, führen, und diesen instruierte er, soweit er es schriftlich tat, wie die Akten ergeben, weder in deutscher noch in französischer, sondern in lateinischer Sprache. Was soll denn nun eigentlich Lessing übersetzt haben? Der Advokat mußte von Amts wegen Latein verstehen, und Voltaire verstand es auch. Lessing schrieb freilich, wie aus einem etwa gleichzeitigen Briefe an seinen Vater hervorgeht, ein viel besseres Latein als Voltaire, aber dies ist nur ein Grund mehr, daß er die lateinischen Instruktionen für Voltaires Advokaten nicht geschrieben haben kann. Genug: Zu Ehren all der bürgerlichen Literaturforscher, die seit einem Jahrhundert über Lessings Mitwirkung an Voltaires Judenprozeß ihre moralischen Betrachtungen in die Welt gesetzt und sich dabei in der ehrbarsten Weise auf Kleins Annalen als eine Nebenquelle ihrer Wissenschaft berufen haben, muß man annehmen, daß es ihnen niemals der Mühe wert gewesen ist, diesen alten Tröster aufzuschlagen, denn sonst würden sie bei ihrer viel gefeierten »philologischen Akribie« sofort die Flunkerei ihrer Hauptquelle, nämlich K. G. Lessings, erkannt haben.

Ob sonst eine persönliche Berührung zwischen Lessing und Voltaire stattgefunden hat, läßt sich nicht mehr feststellen; erwähnt hat weder der eine noch der andere eine solche. Dafür spricht bis zu einem gewissen Grade der Umstand, daß Lessing für seine Übersetzung von Voltaires historischen Schriften nach eigenem Zeugnis »eins der mit der Feder verbesserten Exemplare« benutzt hat; dagegen die Tatsache, daß ein Brief Voltaires vom 1. Januar 1752 an den inzwischen aus Berlin verschwundenen Lessing nach Inhalt und Ton auf keine frühere Bekanntschaft hindeutet, eher auf das Gegenteil. Lessings Übersetzung von Voltaires kleineren historischen Schriften ist neuerdings in einer von Erich Schmidt besorgten Ausgabe erschienen. Dieser Herr hatte in seiner Lessing-Biographie, 1, 190, mit allem Aplomb behauptet, daß Lessing »im Auftrage Voltaires nach dessen mit Randnoten versehenem Handexemplar übersetzt« habe. In dieser neuesten Veröffentlichung aber, in der Herr Schmidt seine kühne Behauptung wahrmachen konnte und billigerweise auch hätte wahrmachen sollen, findet er sich mit der Bemerkung ab: »Eingehende Untersuchung darüber, wieweit sich Lessing handschriftlicher Verbesserungen Voltaires bedient habe, konnte ich schon aus Mangel eines umfassenden Voltaire-Apparates nicht anstellen.« Siehe Erich Schmidt, G. E. Lessings Übersetzungen aus dem Französischen Friedrichs des Großen und Voltaires, 254. Das genügt. Aber es hindert Herrn Erich Schmidt natürlich nicht, all den Klatsch über Lessing und Voltaire bei dieser Gelegenheit wieder durchzuklatschen. Veranlaßt war dieser Brief durch eine, gelinde gesagt, sträfliche Bummelei Lessings, der von seinem schon erwähnten Freunde Richier de Louvain die Aushängebogen von Voltaires großem Geschichtswerke über Ludwig XIV. unter dem Versprechen strengster Diskretion und alsbaldiger Zurückgabe erhalten, aber die Bogen sowohl dritten Personen gezeigt als auch bei seiner Abreise nach Wittenberg mitgenommen hatte. Lessing brachte dadurch seinen Freund in ein schlimmes Gedränge und sich selbst in einen peinlichen Verdacht. Voltaire kannte den deutschen Nachdruck aus trübseligen Erfahrungen, und er hatte allen Anlaß; sein Eigentum in einem spitzen Briefe zurückzufordern; sehr glaublich ist es nicht, daß Lessing sich einer lateinischen Antwort gerühmt haben soll, die Voltaire nicht hinter den Spiegel gesteckt haben werde. Es kann den bürgerlichen Literarhistorikern überlassen bleiben, auch bei diesem Anlasse der angeblichen Bosheit Voltaires eins auszuwischen und sich zu trösten, daß der Kritiker Lessing es ihm um so gründlicher eingetränkt habe; deshalb trägt Lessing nicht weniger die alleinige Schuld an diesem unerfreulichen Zwischenfalle, und da er noch ein Jahr später in der »Vossischen Zeitung« mit lebhafter Bewunderung von Voltaire spricht, so verdient er am Ende auch nicht den zweifelhaften Ruhm, aus Verdruß über eine verdiente Beschämung seine Rezensentenfeder in Gift und Galle getaucht zu haben.

Seit dem Februar 1751 hatte Lessing die Redaktion des »gelehrten Artikels« bei der »Vossischen Zeitung« übernommen. Die politische Tätigkeit für dies Blatt war ihm wegen der friderizianischen, jedes freie Wort würgenden Zensur stets zuwider gewesen, aber literarisch hat er bis zum Herbste von 1755 daran gearbeitet, und offenbar nicht ungern. In Ermanglung von Besserem war ihm ein dürftiges Winkelblatt gut genug als aufmunternde Peitsche für die faule Philisterwelt, und auch darin erwuchs ihm aus der Not eine Tugend, daß seine einsame Stimme aus der literarischen Wüste von Berlin um so kräftiger ertönte. Wenn er gleichwohl Ende 1751 seine Arbeit für die Zeitung auf einige Monate unterbrach, um nach Wittenberg zu übersiedeln, so nennt er selbst als Grund dieser vorübergehenden Ortsveränderung in einem Briefe »hundert kleine Zufälle, die zu klein sind, als daß ich Sie damit martern wollte«. Indessen die hundert kleinen Zufälle scheinen im wesentlichen auf einen kleinen Zufall hinauszulaufen: Lessing promovierte in Wittenberg. Er wurde aus dem »Kandidaten der Medizin« ein Magister der freien Künste. Er machte den Pedanten und Perücken dies Zugeständnis oder vielmehr: Er mußte es gern oder ungern machen, und unsere Zeit, die den greulichen Zopf noch immer nicht abgeschnitten hat, darf ihn deshalb am wenigsten tadeln. Lessing hat seine akademische Würde mit derselben souveränen Verachtung behandelt wie die höfische Würde des Hofrats, die ihm zwanzig Jahre später wider seinen Willen ins Haus geflogen kam.

Kurz, wie Lessings Aufenthalt in Wittenberg sein mochte, war er doch lang genug, ihm Händel mit der theologischen Garde der Lutherstadt zu machen. Und zwar, keineswegs religiöse, sondern soziale Händel. Wie Lessing in den französischen Hofliteraten von Berlin die ideologische Vorhut des friderizianischen, so sah er in der lutherischen Orthodoxie von Wittenberg den ideologischen Ausdruck des sächsischen Despotismus. Sie war es auch wirklich, und zwar nicht etwa weniger, sondern nur um so mehr, weil die Wettiner inzwischen wegen der polnischen Königskrone zum Katholizismus übergetreten waren. Der Übertritt zwang die sächsischen Fürsten erst recht, das stärkste Werkzeug ihres einheimischen Despotismus sorgfältig zu schonen. So war denn die schwarze Schar in Wittenberg eben über einen aus ihrer eigenen Mitte mit Krallen und Schnäbeln hergefallen, weil er dem damaligen Papste ein paar Schriften eingesandt und ein freundliches Dankschreiben erhalten hatte, weil er, wie Lessing es ausdrückt, »einige Schritte von Luthers Grabe sich nicht zu sagen gescheut hatte, daß der jetzige Papst ein gelehrter und vernünftiger Mann sei«. Lessing verspottete die frommen Eiferer in dem bekannten Epigramm:

»Er hat den Papst gelobt. Und wir, zu Luthers Ehre,
Wir sollten ihn nicht schelten?
Den Papst, den Papst gelobt? Wenn's noch der Teufel wäre,
So ließen wir es gelten.«

Aber das war nur ein leichtes Vorpostengefecht. Lessing studierte zugleich auf der Wittenberger Universitätsbibliothek die Reformationsgeschichte und fand hier den Stoff zu den Lemnius-Briefen, seiner ersten Prosaschrift, die in ihrer Art klassisch war. Diese Briefe sind mit einem frischen und kecken Witze geschrieben, der den Meistern Bayle und Voltaire alle Ehre macht und vor allem: Sie fassen den Stier bei den Hörnern und überführen den abgöttisch verehrten Luther der sozialen Unterdrückung.

Simon Lemnius war ein harmloser, humanistischer Poet, der 1538 in Wittenberg ein Büchlein lateinischer Epigramme herausgegeben und darin auch den Hohenzollern Albrecht, den Kurfürsten von Mainz, als Gönner der Humanisten verherrlicht hatte. Erster geistlicher Fürst des Reiches, war Albrecht doch ein sehr nachsichtiger Gegner der Reformation; er trug auf zwei Schultern und spielte wohl mit dem Gedanken einer deutschen Nationalkirche, deren Primas er gern geworden wäre; auch konnte er bei seinem leichtfertigen und verschwenderischen Lebenswandel die großen Summen nicht entbehren, um die er die Freiheit der protestantischen Religionsübung an die Angehörigen seines Erzstifts zu verhandeln pflegte. Hutten stand noch in Albrechts Diensten, als er bereits die heftigsten Streitschriften gegen Rom gerichtet hatte; zu Luthers Hochzeit hatte Albrecht – der Kardinal der katholischen Kirche zur ehelichen Verbindung eines Mönchs und einer Nonne! – zwanzig Goldgulden geschickt; er hatte endlich noch im Jahre 1532 die Widmung von Melanchthons Kommentar zum Römerbriefe angenommen und seinen Dank mit dreißig Goldgulden sowie einem Becher abgestattet. Was Wunder also, daß Lemnius kein Arg hatte, wenn er nach Humanistenart dem Gönner der Humanisten einigen Weihrauch streute; hatte doch auch Melanchthon seine Epigramme die Zensur passieren lassen. Kaum aber las Luther das Büchlein, als er in berserkerhaften Zorn gegen den Dichter geriet. Dieweil der »Schandpoetaster« einen Heiligen aus dem Teufel macht, so schrie er von der Kanzel, »ist mir's nicht zu leiden, daß Solches öffentlich und durch den Druck geschehe in dieser Kirche, Schule und Stadt, weil derselbige Sch...bischof ein falscher, verlogener Mann ist«. Zugleich ließ er dem Lemnius durch den akademischen Senat zunächst Arrest ankündigen, und, als Lemnius nunmehr floh – »ein aufgebrachter Luther war alles zu tun vermögend«, erläutert Lessing –, an die Kirchentür anschlagen, »der flüchtige Bube, wenn man ihn bekommen hätte, würde nach allen Rechten billig den Kopf verloren haben«. Die Epigramme des Lemnius aber wurden verbrannt. Der Poet ließ sie nun in der Schweiz, wohin er geflüchtet war, von neuem auflegen und fügte eine Reihe unzüchtiger Schmähungen gegen Luther und andere Reformatoren bei. An der Hand dieser Zoten – dem Gerechten muß alles zum besten dienen – haben dann die protestantischen Geschichtsschreiber ihren teuren Gottesmann zu retten gesucht, und zwar durch eine ebenso einfache wie geniale Umkehrung von Ursache und Wirkung: Sie behaupten, Lemnius habe mit den Zoten begonnen und darüber sei Luther in eine sehr berechtigte Entrüstung geraten.

Diese Geschichtsklitterung deckt nun Lessing in seinen acht Lemnius-Briefen, nicht ohne ein paar beiläufige Irrtümer, aber im wesentlichen vollkommen zutreffend, auf. Er weist nach, daß die ursprünglichen Epigramme des Lemnius nur den einen Fehler hatten, gar zu beziehungs- und salzlos zu sein, daß sie ganz unschuldige Stilübungen waren und daß Luthers Wut allein durch das Lob Albrechts erregt wurde. Mit schöner Wärme tritt Lessing gegen den rohen Verfolger für den unschuldig Verfolgten ein; er geißelt Luthers »Niederträchtigkeiten«, seine »blinde Hitze«, auch Melanchthons Feigheit. Nicht die Dogmen der lutherischen Kirche greift Lessing an, wie immer er sonst für seine Person dazu stehen möchte, sondern das Luthertum als Organ der sozialen Unterdrückung. Man sage nicht: Was kommt denn viel darauf an, ob Luther einmal einem vergessenen Poetlein zuviel getan hat! So zu denken, war Lessings Art gar nicht; er war ein Vorläufer jenes französischen Revolutionärs, der soziale Unterdrückung schon für vorhanden erklärte, wenn auch nur ein Individuum unterdrückt werde; ja, Lessing hat diesen Gedanken schon zehn Jahre vor der Französischen Revolution ausgesprochen, als er in seinen Freimaurergesprächen sagte, jede Glückseligkeit des Staats, bei welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden und leiden müssen, sei Bemäntelung der Tyrannei. Und wie richtig ihn sein Klasseninstinkt leitete, als er in dem Falle des Lemnius einen Typus für die Unterdrückungs- und Verfolgungssucht des Luthertums darstellte, das hat ihm inzwischen die lutherische Geschichtsschreibung selbst bestätigt.

Man sollte nämlich meinen, daß nach Lessings erschöpfender Darstellung kein deutscher Historiker mehr den Lemnius verleumden werde, um Luthers »Niederträchtigkeiten« zu verdecken. Sehen wir aber einmal zu! Ranke schreibt: »Bei der würdigen Stellung, welche die klassischen Studien einnahmen, konnte sich das tumultuarische, händelsuchende Treiben der früheren Poetenschulen nicht mehr halten. Das Schicksal des Simon Lemnius, der es unter den Augen Luthers fortsetzen wollte und. darüber verjagt ward, ist für die Richtung überhaupt bezeichnend.« Da ist also schon der alte Humbug, wenn auch noch in diplomatisch-vorsichtiger Verkleidung. Offener geht Konsistorialrat Köstlin, der Luther-Biograph, ins Zeug, wenn er Lessings Darstellung mit priesterlicher Salbung für »ungenügend, teilweise unrichtig« erklärt, Lemnius einen »würdigen Kotdichter« nennt und als die Ursache von Luthers Vorgehen »einen Sturm bei der Universität und in der Stadt« angibt, weil die Epigramme des Lemnius »sich verletzend gegen Wittenberger Persönlichkeiten richteten«, eine Behauptung, die Lessing in bündigster Weise widerlegt hat. Immerhin erwähnt Köstlin nachträglich noch Luthers maßlosen, durch das »überschwengliche Lob« Albrechts erregten Zorn. Dagegen läßt sich der neueste Geschichtsschreiber des Falles, Professor Heidemann, der beiläufig an dem ältesten Gymnasium der deutschen Hauptstadt sei es Geschichte, sei es Religion lehrt, folgendermaßen aus: »Ein Magister Lemnius hatte Luthers Person und häusliches Leben durch Veröffentlichung unsauberer Epigramme angegriffen und Luther dadurch zu einer heftigen Erwiderung gereizt.« Womit die durch Lessing vernichtete Geschichtslüge wieder in volle Ehren eingesetzt ist. Ranke, Geschichte der Reformation, 5, 337. Köstlin, Martin Luther, 2, 420. Heidemann, Die Reformation in der Mark Brandenburg, 202.

Darnach könnte man fragen: Wozu hat Lessing eigentlich gelebt, wenn das von ihm ausgereutete Unkraut an unseren hohen Schulen wieder in so üppigen Halmen steht? Nun, mindestens dazu, uns über das Wesen der Geschichtslüge aufzuklären. Er selbst scheint sie aus der Erbsünde der menschlichen Natur abzuleiten, denn in seiner Wittenberger Zeit schreibt er einmal: »Wann wird man aufhören, einen ehrlichen Mann der Nachwelt mit einem Schandflecke abzumalen, den ihm die Gelehrtesten längst abgewischt haben? Doch was pflanzt man lieber fort als Beschuldigungen?« Aus seinen eigenen Schicksalen aber kann man lernen, daß die Geschichtslüge ein Werkzeug der sozialen Unterdrückung und als solche unbesiegbar ist, solange soziale Unterdrückung besteht. Unbesiegbar sogar für die glänzenden Geisteswaffen eines Lessing, der, wenn er sich gar zu mausig macht, eben auch nur in das Grabtuch der Lessing-Legende geschnürt wird.

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