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Die Lessing-Legende

Franz Mehring: Die Lessing-Legende - Kapitel 11
Quellenangabe
typetractate
authorFranz Mehring
titleDie Lessing-Legende
publisherVerlag Das neue Wort
year1953
firstpub
translator
correctorJosef Muehlgassner
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IX. Zur Psychologie des Siebenjährigen Krieges

Man sagt nun aber wohl: Mag es mit dem Ergebnisse des Siebenjährigen Krieges stehen wie immer, der Krieg als solcher, die Tatsache, daß ein deutscher Fürst sich mit fast übermenschlichem Genie sieben Jahre gegen eine Welt von Feinden aufrechterhielt, alle die Reichsfeinde, die so lange auf deutschem Boden gehaust hatten, die Russen und die Ungarn, die Franzosen und die Schweden aufs Haupt schlug, diese Tatsache entzündete von neuem den nationalen Geist des deutschen Volkes oder doch seiner protestantischen Mehrheit. Und in der Tat möchte eine derartige Ansicht noch dem Worte Goethes von dem »höheren Lebensgehalte« am nächsten kommen. Es fragt sich nur, ob die Zeitgenossen die Sache ebenso angesehen, ob die »patriotischen Kriegstaten« Friedrichs ihnen den nationalen Geist eingeflößt haben, aus dem unsere klassische Dichtung entsprossen sein soll.

Dem Könige selbst würde diese Auffassung, wenn er sie lesen könnte, ungefähr so verständlich sein wie die Sprache der Irokesen. Seine vorzüglichste Eigenschaft, die ernste und nüchterne Auffassung der Dinge, hat ihn stets vor allen Prahlereien bewahrt; er wollte nicht mehr sein als ein Feldherr seiner Zeit, und er ist auch nicht mehr gewesen. Zwar haben jene ideologischen Überschwenglichkeiten neuerdings auch in der preußischen Militärliteratur einen starken Widerhall gefunden; seit zehn Jahren tobt in ihr, nicht gerade zum Ruhm des klassischen Militärstaates, eine heftige Fehde darüber, ob Friedrich kraft einer genialen, seine Zeit um fünfzig oder hundert Jahre überflügelnden Voraussicht die napoleonische Strategie angewandt habe, die in der schnellen Zertrümmerung des feindlichen Heeres durch die Schlacht ihr erstes und einziges Ziel erblickt, oder ob er den Krieg seines Jahrhunderts geführt habe, jenen bedächtigen, langsamen, methodischen Krieg, der sich dadurch gegenüber dem Feinde in Vorteil zu setzen suchte, daß er ihm die für die Unterhaltung seiner Heere bestimmten Magazine zerstörte, daß er ihm diesen Landstrich oder jene Festung wegnahm, daß er ihn durch allerlei künstliche Manöver, durch »Ombragen«, »Jalousien«, »Diversionen« aus dem Felde bringen wollte, daß er die Schlacht nur als äußerstes Mittel betrachtete, sozusagen als einen Notbehelf, der erst im Falle der Not anzuwenden war oder etwa noch, wenn ein sehr großer Vorteil auf sehr sicherem Wege erreicht werden konnte. Nun bedarf es keines langen Nachdenkens, um zu erkennen, welche Ansicht die richtige ist. Die napoleonische Strategie beruht auf dem Volksheere, der Tirailleurtaktik und dem Requisitionssystem; sie hat zur Voraussetzung Massenarmeen, die sich schnell vorwärtsbewegen, die tiraillieren, das heißt auf jedem Gelände schlagen, und requirieren, das heißt durch Beschaffung der Lebensmittel unmittelbar von der Bevölkerung sich selbst verpflegen können. Das Heer des vorigen Jahrhunderts war dagegen ein Söldnerheer, das als solches an die Lineartaktik und an die Magazinverpflegung gebunden war. Es konnte wegen der Kostspieligkeit der Werbung über eine gewisse Zahl nicht hinauswachsen. Es konnte nur in starren Linien, das heißt zusammengehalten durch den Stock und die drohende Kugel der Offiziere, an den Feind gebracht werden, und es konnte somit fast nur auf freier Ebene schlagen, gewissermaßen als eine mechanische Schießmaschine, wie denn die Schnelligkeit des Massenfeuers, die Friedrich zuletzt auf sechs Schuß in der Minute und ein nochmaliges Laden zum siebenten Schusse brachte, ein Hauptziel der militärischen Ausbildung war. Es mußte endlich in den Lagern streng bewacht und demgemäß vom Kriegsherrn verpflegt werden; seine Bewegung war an die Magazine und die Bäckerei gebunden und somit seine Bewegungsfreiheit eine sehr beschränkte. Hätte Friedrich es mit der napoleonischen Strategie versucht und hätte er seine Söldner tiraillieren lassen, so wäre ihm an demselben Tage sein Heer nach allen vier Windrichtungen entlaufen. Oder hätte er seine Söldner gar requirieren lassen, so hätte sich nach dem drastischen Ausdrucke eines neueren Militärhistorikers wenigstens ein Teil seines Heeres ohne weiteres in eine Räuberbande verwandelt. Jähns, 3, 1939. - Über den Streit in der preußischen Militärliteratur vergleiche v. Bernhardi, Friedrich der Große als Feldherr, und Delbrück, Historische und politische Aufsätze, 227 ff., Über die Verschiedenheit der Strategie Friedrichs und Napoleons. Bernhardi und Delbrück sind die Vorkämpfer dieses Federkrieges. Bernhardis großes zweibändiges Werk enthält sonst vieles Lehrreiche, wie denn Bernhardi überhaupt zu den besseren bürgerlichen Historikern gehört, aber sein Grundgedanke von der napoleonischen Strategie Friedrichs ist völlig hinfällig. Delbrück widerlegt ihn auf wenig mehr als zwei Bogen durchaus treffend. An seinem Teil liefert Herr Delbrück aber wieder ein merkwürdiges Beispiel davon, welche seltsame Schlachten sich die ideologische und materialistische Geschichtsauffassung in demselben Kopfe liefern können. Als Militärhistoriker weiß Herr Delbrück zwar keineswegs in erschöpfender, aber immerhin in weitreichender Weise, daß die jeweiligen ökonomischen Zustände die Art der Kriegführung bedingen, und er versteht diese Wissenschaft gegen Bernhardi trefflich zu verwerten. Aber als Zivilhistoriker, wenn der Ausdruck erlaubt ist, feiert Herr Delbrück in demselben Bande seiner Aufsätze den preußischen Landrat als Verkörperung des »überlieferten germanischen Freiheitsbegriffs«, der »in diesem harten Staate dem Rechte und der Ehre fortzuleben ermöglichte«. Die Tatsache des Militärstaats Preußen paukt ökonomische Dialektik ein; die Ideologie des Rechtsstaats Preußen erzeugt ideologische Vorstellungen.

Fast größer noch als die praktische war für Friedrich die psychologische Unmöglichkeit der napoleonischen Strategie. Er konnte nicht einmal im Traume darauf verfallen, sowenig wie etwa darauf, eine Feldeisenbahn oder einen Feldtelegrafen anzulegen. Auch das größte Kriegsgenie kann keine neue Strategie erfinden, die in letzter Instanz immer durch die ökonomische Entwicklung bestimmt wird. Die napoleonische Strategie heißt nicht so, weil sie von Napoleon erfunden wurde, sondern weil sie in den napoleonischen Kriegen zur höchsten Vollendung gelangte. Sie entstand ganz von selbst in dem amerikanischen Unabhängigkeitskriege. In ihm traten den englischen Söldnerheeren Rebellenhaufen gegenüber, die für ihre eigensten Interessen fochten, also nicht desertierten wie geworbene Truppen, die nicht exerzieren, aber desto besser aus ihren gezogenen Büchsen schießen konnten, die deshalb den Engländern nicht in Linie und auf freier Flur entgegentraten, sondern in aufgelösten Schützenschwärmen und in den deckenden Wäldern. Es ist schon ein sehr hohes Lob für Friedrich, wenn man sagt, daß er den amerikanischen Krieg genau verfolgte, um aus ihm zu lernen. Zwar klingt es noch recht ironisch, wenn er am 5. November 1777 an seinen Bruder Heinrich schreibt: »Wir beobachten die Washington, die Howe, die Bourgogne, die Carleton, um von ihnen diese große Kriegskunst zu lernen, die man nie erschöpft, um über ihre Torheiten zu lachen und um zu billigen; was sie gemäß den Regeln tun.« Aber die Unfehlbarkeit dieser »Regeln« scheint ihm doch zweifelhaft geworden, und die »Torheiten« der Washington scheinen ihm doch einigermaßen eingeleuchtet zu haben, denn kurz vor seinem Tode befahl er noch, einige Bataillone leichter Infanterie aus Landeskindern zu bilden, »Leute, die um sich wissen«, die das Terrain benützen lernen, die eine beweglichere und freiere, kurz, eine mehr jägermäßige Ausbildung erhalten sollten. Droysen, Leben von Yorck, 1, 50.

Damit war Friedrich den gelehrten Kriegstheoretikern seiner Zeit und allen seinen Offizieren schon weit voraus. Die verstanden die neue Strategie noch nicht einmal, als sie schon handgreiflich mit ihr zu tun hatten, als in den französischen Revolutionskriegen der neunziger Jahre zusammengeraffte Bauernhaufen ihre sozialen Interessen gegen die mit den österreichisch-preußischen Söldnerheeren zurückkehrenden Emigranten in ähnlicher Weise verteidigten, wie die amerikanischen Farmer und Jäger gegen die englischen Söldner gekämpft hatten. Goethe erkannte mit dichterischem Seherblicke die Zeichen der Zeit, als er nach der Kanonade von Valmy den preußischen Offizieren sagte: »Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabeigewesen.« Aber seine Hörer verstanden ihn nicht, und das mag man ihnen auch nicht so sehr verdenken, denn Goethe selbst empfand wohl, aber erkannte nicht, was er sagte; wie hätte er sonst zwanzig Jahre später in dem Siebenjährigen Kriege einen »neuen höheren Lebensgehalt« entdecken können! Allein selbst gehäufte Erfahrungen belehrten die preußischen Offiziere nicht; die Söldnerheere blieben den französischen Freiwilligen auf lange hinaus noch in jedem Zusammenstoße taktisch überlegen, und doch war Frankreich nicht zu besiegen. An dieser Tatsache ließ sich nicht rütteln, indessen ihre Gründe vermochte man nicht zu entdecken; man behandelte sie schließlich als einen sinnlosen Unfug, der aller bewährten Kriegskunst spotte, aber wohl oder übel anerkannt werden müsse. So riet ein namhafter General der friderizianischen Schule, der Fürst von Hohenlohe-Ingelfingen, im Jahre 1794 zum Frieden mit Frankreich; von der Fortsetzung des Krieges sei ein günstiges Ergebnis nicht zu erwarten, da man »mit Narren eben niemals fertig« werde. Und ganz ähnlich äußerte sich gleichzeitig eine österreichische offizielle Denkschrift, »nach dem gewöhnlichen Laufe der Dinge« seien die Franzosen besiegt, aber sie brächen immer wieder mit »fürchterlicher Gewalt« wie ein »reißender Strom« hervor. Ja, noch in den Kriegen von 1813 bis 1815 stand unter den Generalen der europäischen Koalition – neben dem früh gefallenen Scharnhorst – nur Gneisenau auf der vollen Höhe der napoleonischen Strategie; er hatte deshalb namentlich mit seinen preußischen Unterbefehlshabern, den Bülow und Yorck, die heftigsten Kämpfe zu bestehen, und ebenso war er den verbündeten Monarchen, deren militärische Ratgeber. Knesebeck auf preußischer, Duka und Langenau auf österreichischer Seite, noch ganz in den militärischen Anschauungen des achtzehnten Jahrhunderts wurzelten, ein Dorn im Auge; in höfischen Kreisen spottete man über ihn und seinen Stab wohl als über Wallensteins Lager. Selbst bei Waterloo kam die Lineartaktik im englischen Heere noch zur praktischen Anwendung, ganz logischerweise, denn dies Heer bestand aus geworbenen Söldnern. Aber es wäre ohne die rechtzeitige Ankunft der Preußen unter Blücher und Gneisenau eben auch verloren gewesen. Dem preußischen Heere ging die napoleonische Strategie erst Jahrzehnte später in Fleisch und Blut über durch die klassischen Schriften von Clausewitz, und ein preußischer General hat auf das törichte Gerede von dem preußischen Schulmeister, der bei Königgrätz gesiegt habe, treffend geantwortet: »Jawohl, der Schulmeister heißt Clausewitz.« Über die ökonomische Entwicklung, die zur Umwandlung der friderizianischen in die napoleonische Strategie führte, siehe Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, 140 ff. (Neuausgabe Dietz Verlag, Berlin 1952, S. 204-206. Die Red.) Will man die Überlegenheit des historischen Materialismus auch auf diesem Gebiete erkennen, so vergleiche man die Darstellung von Engels mit dem kriegsgeschichtlichen Abrisse von Clausewitz, Vom Kriege, 3, 91 ff. Es versteht sich, daß damit kein Schatten auf Clausewitz geworfen werden soll, dessen Schriften für das Erkenntnisvermögen seiner Zeit epochemachend waren und heute noch die vorzüglichste Quelle für die Theorie vom Kriege bilden. Engels selbst nennt ihn an anderer Stelle einen »Stern erster Größe«.

Mit dem »Genie« der Feldherren ist es überhaupt so eine eigene Sache. In seiner Schrift gegen Dühring legt Engels dar, wie sich bei St. Privat, wo zwei Heere mit wesentlich denselben taktischen Formationen kämpften, unter dem furchtbaren Feuer der Chassepots die reglementsmäßige Kompaniekolonne auf deutscher Seite in einen dichten Schützenschwarm auflöste und im Bereiche des feindlichen Gewehrfeuers der Laufschritt die einzige Bewegungsart des Soldaten wurde. Er fährt dann fort: »Der Soldat war wieder einmal gescheiter gewesen als der Offizier; die einzige Gefechtsform, die bisher im Feuer des Hinterladers sich bewährt, hatte er instinktmäßig gefunden und setzte sie trotz des Sträubens der Führung durch.« Friedrich Engels, »Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft« [»Anti-Dühring«], S. 207. Die Red. Das klingt sehr respektwidrig, aber mit ein bißchen andern Worten, und sicherlich ohne jedes Plagiat an Engels, sagt es der preußische Generalstab auch, wenn er durch den Mund eines seiner begabtesten Angehörigen über die französischen Revolutionskriege des vorigen Jahrhunderts ausführt: »Es ist ganz zutreffend, daß das Tiraillieren bei den damaligen Franzosen in keiner Weise durch das Reglement vorgeschrieben war, denn dies war in allen wesentlichen Zügen dasselbe wie das preußische. Das zerstreute Gefecht der Franzosen war nicht verordnet, sondern geworden; man hatte aus der Not eine Tugend gemacht, und diese wurde, weil sie den realen Verhältnissen entsprach, eine Macht.« Der Satz von Marx: Nicht das Bewußtsein der Menschen bestimmt ihr Sein, sondern umgekehrt ihr Sein bestimmt ihr Bewußtsein Siehe Karl Marx, »Zur Kritik der politischen Ökonomie«, Dietz Verlag, Berlin 1951, S. 13. Die Red., tritt auf dem Gebiete der Kriegsgeschichte in besonders klares Licht. Je kräftiger und unmittelbarer die Berührung mit dem Sein ist, um so klarer und schneller entwickelt sich das Bewußtsein. Im Kriege wird der Soldat gemeiniglich viel schneller als der Offizier empfinden das, was ist, und instinktiv danach handeln, und das höchste »Genie« des Feldherrn besteht darin, das instinktmäßige Handeln der Soldaten nach seinen inneren Gründen zu erkennen und gemäß dieser Erkenntnis entschlossen zu handeln. Wie schwer das selbst für sehr namhafte Generale noch immer ist, kann man aus den Berichten und Denkwürdigkeiten von Carnot, Dumouriez, Hoche, Gouvion St. Cyr und anderen Offizieren erkennen, welche die Freiwilligen der französischen Republik zu organisieren und ins Feld zu führen hatten. Nach diesen Zeugnissen, die dann so eifrig ausgebeutet worden sind, um das volkstümliche Element der Landwehr trotz 1813 und 1814 möglichst aus dem preußischen Heere auszuscheiden, waren die Freiwilligen nicht viel mehr als Falstaffs Steifleinene, und doch scheiterten die österreichischen und preußischen Mustertruppen an dem Damm, den ihnen angeblich so verwahrloste Scharen entgegenwarfen.

Alle Kriegsgeschichte wird erst verständlich, wenn man sie auf ihre ökonomischen Grundlagen zurückführt. Sie verflüchtigt sich dagegen in einen historischen Roman, wenn man das größere oder geringere »Genie« der Feldherren zu ihrem bewegenden Hebel machen will. Die gebildeteren Generale des achtzehnten Jahrhunderts wußten recht gut, welch herrliche Sache die Volksbewaffnung sei. Der Graf zur Lippe, der Marschall von Sachsen haben es offen ausgesprochen, auch Friedrich schon als Kronprinz in seinem Anti-Macchiavell. Er führt da aus: Die Römer kannten die Desertion nicht, ohne die heutzutage kein Heer denkbar ist. Sie kämpften für ihren Herd, für alles, was ihnen das teuerste war; so dachten sie nicht daran, den großen Zweck durch schnödes Davonlaufen zu vereiteln. Aber bei unsern Völkern ist das ganz anders. Bürger und Bauern unterhalten zwar das Heer, aber sie ziehen nicht selbst zu Felde, die Soldaten müssen aus der Hefe des Volkes genommen und durch die härteste Gewalt an die Fahne gefesselt werden. Nenne man es »Genie«, daß Friedrich und andere Kriegsmänner seiner Zeit die ganze Gebrechlichkeit der Söldnerheere durchschauten, aber dies »Genie« änderte nichts an der Strategie und Taktik des Söldnerkrieges und hatte nicht einmal so viel theoretische Bedeutung, daß die gelehrten Strategen der großen Militärmächte die Volksbewaffnung verstanden, als sie ihnen leibhaftig und in einem sehr fühlbaren Lehrkursus entgegentrat.

Mit der Umwälzung der ökonomischen Zustände wälzt sich auch die Heeresverfassung um, und es liegt in der Natur der Dinge, daß sich die Praxis der Masse sehr viel schneller in die veränderten Verhältnisse schickt als die Theorie der einzelnen. Deshalb lernen die Offiziere an den Soldaten, nicht aber die Soldaten an den Offizieren. Amerikanische und französische Bauern haben die Strategie des neunzehnten Jahrhunderts erfunden, und es hatte schon seinen guten Sinn, wenn der alte Ziegler einmal in einer Militärdebatte des deutschen Reichstags sagte: Die sogenannten Sachverständigen haben sich immer blamiert. Sie haben sich immer blamiert, wo das militärische Sachverständnis sich über die Konsequenzen der ökonomischen Entwicklung hinwegsetzen wollte. Friedrich erzielte seine Erfolge, weil er sich in das Söldnerheer als das zu seiner Zeit einzig mögliche fügte, obgleich er die Vorzüge des Volksheeres wohl erkannte; die sachverständigsten Offiziere seines Heeres haben dann aber nach seinem Tode, unbeschadet ihrer persönlichen Begabung für den Kriegsdienst, die verschiedensten Schicksale gehabt, je nachdem sie ihr Sachverständnis den veränderten ökonomischen Zuständen anzupassen wußten oder nicht, je nachdem sie von den Soldaten lernen konnten oder nicht.

In Friedrichs späterer Zeit gehörten zu den bedeutendsten Offizieren seines Stabes der Kapitän v. Steuben und der Major v. Berenhorst. Beide erfuhren die »Ungnade« des gegen geistig hervorragende Offiziere immer mißtrauischen Königs und verließen das preußische Heer. Steuben ging nach Amerika, wo er sich bekanntlich große Verdienste um die militärische Organisation der Rebellen erworben hat. Hier sagte er schon 1793 einem deutschen Besucher, dem Militärschriftsteller v. Bülow, die französischen Freiwilligen, über deren Untüchtigkeit ihre eigenen Generale gleichzeitig nicht genug klagen konnten, führten denselben Krieg wie die amerikanischen Farmer, und sie würden ebenso unüberwindlich sein. Berenhorst trat nicht wieder in militärische Dienste, aber er schrieb seine berühmten Betrachtungen über die Kriegskunst, worin er das friderizianische Heer einer scharfen, von der Nachwelt durchaus bestätigten Kritik unterwarf. Er sagte von Friedrich sehr treffend: »Wohl verstand er die Maschine zu gebrauchen, minder wohl, sie zu zimmern«; er geißelte »die äußerste Grobheit, Härte und Dienstsklaverei«, »die Mikrologie und den Minutismus der Paradekünste«. Und dieser scharfsichtige Beobachter verstand doch so wenig, worauf es ankam, daß er noch zwei Jahre nach der Schlacht von Jena schreiben konnte, der »Genius der Taktik« müsse ein »höheres Hilfsmittel« erfinden, um die napoleonische Kriegführung lahmzulegen.

Schärfer noch spiegelt sich unsere Auffassung in den Lebensläufen zweier berühmter Generale wider. Hat das preußische Heer je einen genialen Feldherrn und Organisator besessen, der sich ganz aus eigener Kraft und durch alle junkerlichen Kabalen hindurch, trotz seiner bäuerlichen Abstammung zu den höchsten Militärstellen emporschwang, aber dabei immer ein Herz fürs Volk betätigte und sich von allem schnauzbärtigen Wesen frei hielt, so war es Scharnhorst. In dem Jahrzehnte vor Jena arbeitete er mit äußerster Anstrengung an der Reform des preußischen Heeres, aber mitten in diesem Heere lebend blieb er trotz allen theoretischen Studierens der napoleonischen Feldzüge in der friderizianischen Strategie befangen. Erst in dem Herbstfeldzuge von 1806, als er die französischen Truppen selbst manövrieren sah, in den letzten Schachzügen vor der Schlacht von Jena, die er als Generalstabschef des preußischen Oberbefehlshabers zu leiten hatte, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Er suchte die überlegene Kriegführung der Franzosen sofort nachzuahmen, aber bei der Beschaffenheit des preußischen Heeres natürlich ohne Erfolg. Kein militärisches »Genie« vermochte die zerschmetternde Niederlage des preußischen Heeres abzuwenden. Allein Scharnhorsts wirkliches Genie betätigte sich nunmehr darin, daß er den wirklichen Zusammenhang der Dinge erkannte und mit gar keinem »Genie« rechnete, sondern in sieben Jahren fast übermenschlicher Kämpfe gegen den unglaublich beschränkten König und gegen die unglaublich eigensüchtige Junkerklasse das preußische Heer auf diejenigen ökonomischen Grundlagen stellte, die diesem Heere einen erfolgreichen Kampf mit dem französischen Heer ermöglichten. Scharnhorst wie seine Freunde Gneisenau, Boyen, Grolman forderten die Befreiung der Bauern mindestens ebenso energisch wie Stein, Schön, Hardenberg.

Aber auf der schmachvollen Flucht nach Jena zeichnete sich der Oberst Yorck mit seinem Jägerregimente durch glückliche Gefechte bei Altenzaun und Wahren aus; es waren die einzigen kleinen Erfolge, die das preußische Heer in dem ganzen Feldzuge davontrug. Yorck schlug die französischen Abteilungen, die ihn verfolgten, mit ihrer eigenen Tirailleurtaktik. Nun war Yorck aber in allem das gerade Gegenteil von Scharnhorst: ein Offizier der alten Schule, der das friderizianische Heer am liebsten bis auf den letzten Gamaschenknopf erhalten hätte, ein finsterer, gallsüchtiger Anhänger der eisernsten Disziplin, ein kassubischer Junker voll der borniertesten Klassenvorurteile. Allein er hatte sich in jenen Bataillonen leichter Infanterie heraufgedient, die Friedrich noch kurz vor seinem Tode zu errichten befahl, und wenn diese Bataillone auch im allgemeinen sich nicht den Existenzbedingungen des preußischen Heeres entziehen konnten und demgemäß bald dieselben steifgedrillten Linientruppen wurden wie alle anderen Bataillone, so gab es doch ein Regiment im Heere, das auf annähernd ähnlichen ökonomischen Grundlagen stand wie das französische Heer; eben das Jägerregiment, zu dessen Obersten Yorck einige Jahre vor Jena ernannt worden war. Das Regiment war von Friedrich in den Schlesischen Kriegen gebildet worden, um doch eine bewegliche Truppe gegen die Kroaten und Panduren des österreichischen Heeres zu haben; für diesen Zweck durfte es begreiflicherweise nicht aus fremdländischen Söldnern und hörigen Bauern, sondern mußte aus Leuten gebildet werden, die ihr persönliches Interesse an die Fahne fesselte. So wurde es aus lauter gelernten Jägern rekrutiert, aus Söhnen von Ober- und Unterförstern und andern Beamten, die mit dem Dienst im Regimente sich eine Anwartschaft auf eine Versorgung in der Försterei erwarben. Solchen Leuten konnte der Parademarsch nicht eingeprügelt werden: Sie durften sogar bei den Revuen vor dem Könige in bequemen Haufen vorbeimarschieren. In währender Friedenszeit war das Regiment, das im Kriege sehr gute Dienste getan hatte, dadurch zum Spott aller friderizianischen Gamaschenknöpfe geworden: »einen alten barocken Giebel« nannten sie es, der in dem prächtigen Bau dieses prächtigen Heeres stehengeblieben sei. Das Regiment war eine militärische Kuriosität geworden, und Yorck übernahm nur mit größtem Widerstreben das Kommando. Aber da er bei alledem ein ehrgeiziger und fähiger Offizier war, so stieß ihn die praktische Erfahrung des täglichen Dienstes darauf, daß er aus dieser Truppe nur etwas machen könne, wenn er sie mit Achtung behandle und in der zerstreuten Gefechtsform ausbilde. Das gesellschaftliche Sein der Soldaten bestimmte das militärische Bewußtsein des Offiziers. Und dies Bewußtsein erlosch sofort wieder, als Yorck durch die Erfolge von Altenzaun und Wahren schnell auf eine so hohe Stelle in der militärischen Hierarchie gehoben wurde, daß er bei der Reform des Heeres ein Wort mitsprechen konnte. Da floß er vor Gift und Galle über; da denunzierte er so hämisch beim Könige, daß Scharnhorst in ein lebensgefährliches Nervenfieber verfiel; da jubelte er bei der auf Napoleons Befehl erfolgten Entlassung Steins, nun sei ein unsinniger Kopf zertreten und das übrige Natterngeschmeiß werde sich wohl in seinem eigenen Gift auflösen. Ja, noch in den Feldzügen von 1813 und 1814 stellte Yorck als Korpsführer aus seinen ideologischen und theoretischen Vorstellungen heraus der napoleonischen Kriegführung Gneisenaus die schwersten Hemmnisse entgegen, während doch wieder das Sein der Landwehren, die er befehligte, sein militärisches Bewußtsein so bestimmte, daß Blücher von ihm rühmen durfte, keiner sei so schwer ins Feuer zu bringen wie der Yorck, aber wenn er einmal darin sei, beiße auch keiner so an wie er.

Diese wenigen Beispiele, die sich aus der preußischen wie aus aller Kriegsgeschichte beliebig vermehren ließen, werden für den Zweck genügen, für den sie angeführt sind. Es war außerordentlich viel, daß Friedrich aus dem theoretischen Studium des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs die bevorstehende Umwälzung der Kriegführung ahnte und ihr durch einen schüchternen Versuch entgegenzukommen gedachte, aber es war deshalb auch eine praktische und psychologische Unmöglichkeit, daß er in seinen Söldnerkriegen die napoleonische Strategie und Taktik vorwegnahm. Bei Lichte besehen ist die ideologische Geschichtsschreibung für niemanden gefährlicher als gerade für die großen Männer, welche sie über alles menschliche Maß hinaus aufzublähen sucht. In dem Streite über Friedrichs Strategie ist richtig gesagt worden, daß seine Feldzüge, wenn man sie an dem Maßstabe der napoleonischen Strategie mißt, gar sehr stümperhaft bestehen. Auch hier liegt Friedrichs wirkliche Bedeutung gerade darin, daß er sich völlig klarzumachen verstand, was er durfte und was er nicht durfte, was er konnte und was er nicht konnte; in gewissem Sinne muß man sogar sagen, daß die furchtbare Last der sieben Jahre deshalb auf ihn fiel, weil er ganz gegen seine Absicht einen Erfolg napoleonischen Schlages davongetragen hatte, der, mit napoleonischen Mitteln ausgebeutet, den Krieg mit einem Schlage beendet haben würde, aber der, da Friedrich eben keine napoleonischen Schläge führen konnte, zu einem verhängnisvollen Rückschläge für ihn selbst werden mußte. Sein Feldzugsplan von 1756 wurde in erster Reihe zwar dadurch gekreuzt, daß es dem sächsischen Heere mit knapper Not noch gelang, sich in dem Felsenlager von Pirna zusammenzuziehen, mit dessen Aushungerung Friedrich eine für ihn kostbare Zeit verlieren mußte, aber in entscheidender Weise scheiterte er daran, daß Friedrich am 6. Mai 1757 das österreichische Heer in betäubender Weise schlug und zu zwei Dritteln in die Festung Prag warf. Österreich schien nunmehr allerdings wehrlos. Prag mußte fallen, und dann lag der Weg nach Wien offen bis auf ein schwaches, unter Daun heranziehendes Ersatzheer. Aber als Friedrich diesem Heere mit einem Teile der Prager Belagerungstruppen entgegenzog, erlitt er am 18. Juni bei Kolin eine schwere Niederlage, die ihn zum sofortigen Rückzüge aus Böhmen, also zur völligen Preisgabe seiner bei Prag errungenen Erfolge zwang.

Über die Schlacht von Kolin ist nun eine ganze Literatur entstanden, um zu beweisen, daß Friedrich, wenn General Manstein nicht diesen und der Prinz Moritz von Dessau nicht jenen Fehler begangen hätte, die Schlacht gewonnen haben und nach dem unter dieser Voraussetzung nicht mehr aufzuhaltenden Falle von Prag sofort nach Wien marschiert sein würde, um auf den Wällen der österreichischen Hauptstadt den Frieden zu diktieren. Indessen Clausewitz hat diese Literatur schon mit einem einzigen Federstriche beseitigt, indem er ausführte, daß Friedrich, wenn er nicht schon bei Kolin gescheitert wäre, zu einem späteren Zeitpunkt hätte scheitern müssen, denn nach der Art der damaligen Kriegsverfassung und nach dem Umfange seiner Kriegsmittel sei es unmöglich gewesen, daß er die österreichische Hauptstadt eroberte oder gar den österreichischen Staat niederwarf. Die Richtigkeit dieser Bemerkung leuchtet so ein, daß auch die Friedrich-Mythologen sie anerkennen müssen; nur wenden sie ein, wenn Friedrich bei Kolin gesiegt hätte, so würden die Österreicher so erstarrt gewesen sein, daß sie sofort Frieden geschlossen hätten. Allein wenn man sich auf diese luftige Beweisführung überhaupt einlassen will, so muß man vielmehr voraussetzen, daß die Größe des preußischen Erfolges in Wien nicht ent-, sondern ermutigt haben würde. So klug waren Maria Theresia und Kaunitz auch, um den König in seinem eigenen Fette ersticken zu lassen. Indem die Friedrich-Mythologen ihrem Helden Übermenschliches andichten, machen sie ihn aber wieder viel kleiner, als er war. Friedrichs eigentlicher Feldzugsplan, der eben durch den Übererfolg bei Prag vereitelt wurde, ist neuerdings aus den englischen. Archiven, aus den Papieren des bei Friedrich beglaubigten Diplomaten Mitchell bekannt geworden; er zielt einfach darauf ab, noch im Herbste von 1756 Sachsen und ein Stück von Böhmen in Pfandbesitz zu nehmen, und er beruht auf der psychologisch durchaus annehmbaren Hoffnung, die Österreicher und Sachsen würden dann doch wohl von dem für sie nunmehr um so schwierigeren Spiele abstehen. Dieser bescheidene Plan macht der klaren Einsicht des Königs in seine Lage ebenso große Ehre, wie ihn die Unterstellung, als ob er in napoleonischer Weise habe schlagen und siegen wollen, zum reinen Don Quijote stempelt.

Mit der Schlacht von Kolin war Friedrich in die Defensive zurückgeworfen worden. Freilich noch nicht ganz. Nach den Siegen bei Roßbach und Leuthen versuchte er im Frühjahre von 1758 noch einen Vorstoß nach Mähren, um sich in der Festung Olmütz ein für den Frieden zu verwertendes Pfandobjekt zu sichern, allein Daun und Laudon zwangen ihn, die Belagerung aufzuheben und manöverierten ihn aus Mähren hinaus. Der Rest des Siebenjährigen Krieges war nun nichts als ein wüstes Kriegsgetobe in Sachsen und Schlesien, in der Mark und in Pommern; er entbehrte selbst jenes Scheins von dramatisch-heldenmäßiger Spannung, der dem Jahre 1757 noch anhaftet. Was Friedrich in den folgenden Jahren mit steifem Nacken und, wie Lassalle sagt, »das Gift in der Tasche«, ertragen hat, das ist aller Achtung wert, und es würde auch aller Bewunderung wert sein, wenn der Preis des Kampfes ein menschlicher Kulturfortschritt und nicht bloß die Stärkung des kulturfeindlichen Militarismus gewesen wäre. Allein die Friedrich-Mythologen tun der wirklichen Bedeutung des Königs abermals schweren Abbruch, wenn sie ihn als überwältigenden Genius und die feindlichen Feldherren, ja Friedrichs eigene Generale als mehr oder weniger unfähige Leute hinstellen. Was wäre es dann für eine große Kunst gewesen, die Daun und Laudon zu besiegen? In Wirklichkeit konnten sich diese österreichischen Feldherren mit Friedrich gar wohl messen; sie standen ihm nicht eigentlich in der individuellen Begabung als vielmehr in einer anderen Beziehung nach, die Clausewitz sehr gut mit den Worten schildert: »Die Feldherren, welche Friedrich dem Großen gegenüberstanden, wären Männer, die im Auftrage handelten und ebendeswegen Männer, in welchen die Behutsamkeit ein vorherrschender Charakterzug war; ihr Gegner war, um es kurz zu sagen, der Kriegsgott selbst.« Damit ist der springende Punkt getroffen, das Stückchen Wahrheit, aus dem die Legende von Friedrichs napoleonischer Kriegführung erwachsen ist.

Es war ein Unterschied nicht in der Art, aber im Grade. Friedrich führte den Krieg, wie ihn jeder Feldherr des vorigen Jahrhunderts führen mußte, aber er führte ihn kühner als andere Feldherren, weil er unumschränkter über die Kriegsmittel verfügte. Unumschränkter sowohl in militärischer wie in moralischer Beziehung. Friedrich war an keine Befehle gebunden, und er hatte keine Verantwortung zu fürchten. Ob er rein vom militärischen Standpunkt aus der bedeutendste Feldherr auch nur seiner Zeit gewesen ist, das ist noch sehr die Frage. Nach dem Zeugnisse seines Adjutanten Berenhorst war er in der Schlacht stets unruhig und verlegen, ganz zu geschweigen der hämischen Bemerkung, in der sich der sehr unliebenswürdige Prinz Heinrich an seiner Tafel in Rheinsberg zu gefallen pflegte: »Mein Bruder hatte eigentlich keine Courage.« Daun und Laudon haben dem Könige manche schwere Schlappe beigebracht, die er gar wohl hätte vermeiden können; der erste Feldzugsplan zum Siebenjährigen Kriege rührte von Schwerin und Winterfeldt her; die Schlachten bei Roßbach und Zorndorf hat Seydlitz gewonnen; so gleichmäßig glückliche Feldzüge wie Herzog Ferdinand von Braunschweig und sein Geheimsekretär Westphalen im westlichen Deutschland gegen die Franzosen hat Friedrich trotz sehr viel günstigerer Verhältnisse nicht geführt. Über Westphalen, die merkwürdigste Gestalt des Siebenjährigen Krieges, siehe einiges Nähere in der »Neuen Zeit«, 10, 2, 481 ff. Freilich, Prag und Leuthen waren sein Eigentum, aber Kolin und Kunersdorf waren es auch. Nur wer die Verantwortung für diese zerschmetternden Niederlagen nicht zu fürchten hatte, durfte das Glück der Schlachten auf jene zerschmetternden Stöße versuchen. Das ist es, was Clausewitz mit dem »Kriegsgotte« meint. Oder, um diesen mythologischen Vergleich mehr in die Sprache unserer kapitalistischen Zeit zu übersetzen: Friedrich war der Chef, der selbst an der Börse spekulierte, während die Daun und Laudon nur die Prokuristen waren, die immer bei ihrem Chef anfragen mußten, ehe sie das Vermögen des Hauses auf eine Karte setzten. Bei dem damaligen Zustande der Verkehrsmittel erhielten sie dann gewöhnlich erst nach Wochen eine Antwort, die zu der inzwischen völlig veränderten Lage zu passen pflegte wie die Faust aufs Auge. Worin aber die Daun und Laudon dem Könige selbst nachstanden, darin waren sie wieder den preußischen Generalen überlegen, die denn auch regelmäßig das Spiel verloren, sobald sie auf eigene Verantwortung schlagen sollten – mit einziger Ausnahme der Schlacht bei Freiberg, die Prinz Heinrich nach Napoleons Urteil auch verloren haben würde, wenn er statt der elenden Reichstruppen ein wirkliches Heer vor sich gehabt hätte. Die preußischen Generale durften nur bei »risque ihres Kopfes« eine Festung oder eine Schlacht verlieren, was sie begreiflicherweise nicht heldenmütiger, sondern behutsamer machte, während Maria Theresia über Niederlagen ihrer Generale nachsichtiger zu urteilen pflegte, bei ihrer Machtstellung freilich auch nachsichtiger urteilen konnte.

Übrigens ist der eben angezogene kapitalistische Vergleich für die Kriege des vorigen Jahrhunderts nicht gar so unpassend, wie er auf den ersten Anblick erscheinen könnte. Ihrer Form nach Kabinettskriege, waren diese Kriege ihrem Wesen nach Handelskriege, wie denn die handelspolitischen Gesichtspunkte, die den Ursprung und den Verlauf des Siebenjährigen Krieges bestimmt haben, schon angedeutet worden sind. Das Wesen dieser Kriege prägte aber auch der Art der Kriegführung ihren Stempel auf. Sie war sozusagen ein finanziell-kalkulatorisches .Geschäft. Man kannte ungefähr die Geldmittel, den Schatz, den Kredit seines Gegners; man kannte die Größe seines Heeres. Bedeutende Vermehrungen der finanziellen wie der militärischen Mittel waren im Augenblicke des Krieges ausgeschlossen. Das Soldatenmaterial war überall so ziemlich dasselbe; auch mußte es überall in gleicher Weise verwandt werden, das heißt mit großer Vorsicht, denn wenn das Heer zertrümmert wurde, so war kein neues zu beschaffen, und außer dem Heere gab es nichts. Nichts oder doch fast nichts. Denn kostbarer als der letzte Soldat war am Ende noch der letzte Taler, für den man einen neuen Soldaten werben konnte. So beruhte der Erfolg dieser Kriege wesentlich auf einem genauen und sicheren Voranschlage des Kriegsetats, und in diesem Zusammenhange tritt Friedrichs schon erwähntes Wort von dem letzten Taler als dem entscheidenden Faktor des Sieges erst in sein volles Licht. Es war für die damalige Zeit so richtig, daß es selbst dann galt, wenn dieser letzte Taler – wie in Friedrichs Falle – ein falscher Taler war. Nicht kraft seiner Siege hielt der König den Siebenjährigen Krieg durch, denn in den beiden letzten Jahren hat er überhaupt keine Schlachten geschlagen, und über die von 1758 bis 1760 gelieferten Schlachten sprechen seine Schriften in einer seine Anbeter beschämenden Bescheidenheit fast mit entschuldigenden Worten. Vielmehr: Er rettete sich und seine Krone durch die äußerste Erschöpfung des eigenen Landes, die fürchterliche Aussaugung Sachsens, die englischen Subsidien und die – Münzverschlechterung.

Fortsetzung des Dreißigjährigen Krieges in der Tat! Die Kipper und Wipper des siebzehnten Jahrhunderts feierten eine fröhliche Urständ, so sehr Friedrich für seine Person diese alte Fürstenindustrie verachtete. Er schämte sich ihrer wirklich und ließ seine falschen Münzen unter polnisch-sächsischem Stempel schlagen, wie denn die »polnischen Achtgroschenstücke« bis zur Einführung der deutschen Reichsmünze eine Plage der preußischen Bevölkerung geblieben sind, oder er kaufte ein paar Brüder von Gottes Gnaden wie den Fürsten von Anhalt-Bernburg, um mit ihrem landesväterlichen Antlitze seine Blechkappen und Grünjacken zu schmücken. Aber es half alles nichts, Geld, Geld und abermals Geld war nach Montecuccolis treffendem Worte nun einmal der Nerv der damaligen Kriegführung. Und es ist doch auch nicht zu übersehen, daß Friedrich nicht erst in der Not zu seiner »Industrie« griff, wie er sie verschämt nennt. Schon vor dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges schloß der König mit den drei Münzjuden Hertz Moses Gumpertz, Moses Isaak und Daniel Itzig einen Kontrakt wegen Ausprägung von Landesscheidemünze, um den Krieg mit geringerem Aufwände von edlem Metall im Auslande zu führen. Mit der wachsenden Not wurde das Geld nur immer schlechter, und deshalb hat sich vorwiegend an Veitel Ephraim, den letzten Münzjuden Friedrichs, der Fluch und der Haß des Volkes geheftet. Sehr unerfreulich war auch, daß Friedrich seine Söldner und seine Untertanen in schlechtem Gelde zahlte, aber selbst in gutem Gelde bezahlt sein wollte; auf diese Weise zog er alles gute Geld aus dem Lande, um es in schlechtes auszumünzen; erst als das gute Geld überhaupt verschwunden war, gestattete er im Jahre 1760, daß die königlichen Kassen »bloß aus Gnaden« auch schlechtes Geld annehmen dürften. Das stärkste Stück war aber, daß Friedrich die bei den Gerichten in gutem Gelde niedergelegten Summen einziehen und nach Beendigung der Prozesse den Parteien in schlechtem Gelde zurückzahlen ließ; wenn die in ihrem Vertrauen auf preußische Justiz so schmählich Geprellten darüber sich beschwerten, so mußten alle Instanzen sich anstellen, als verstünden sie die Beschwerden gar nicht. Busch, Sämtliche Schriften, 2, 408.

Nun ist klar, daß die Kriege des vorigen Jahrhunderts, wie sie jedes moralische Machtmittel verschmähten, auch keine moralischen Einwirkungen auf den Geist der Völker ausüben und keinen nationalen Geist erwecken konnten. Sie konnten es sowenig, wie die Gumpertz, Isaak, Itzig und Veitel Ephraim die Vorläufer der Lessing, Herder, Goethe und Schiller waren. Bei alledem müssen wir aber noch zwei Behauptungen prüfen, die neuerdings von patriotischen Geschichtsschreibern geltend gemacht worden sind, um dem Siebenjährigen Kriege, es koste was es wolle, den Charakter eines nationalen Volkskriegs zu retten. Da sollen zuerst die Freibataillone und namentlich die von Friedrich aufgebotene Landmiliz der erste Keim der späteren Landwehr gewesen sein. Man braucht sich aber nur einen Augenblick in Friedrichs Lage zu versetzen, um sofort zu erkennen, daß dem Könige nichts mehr am Herzen liegen mußte, als dem Kriege den Charakter eines Kabinetts- und Söldnerkrieges zu erhalten, daß ihm nichts verhaßter sein mußte als ein Aufgebot der Massen. Denn dann wäre er nicht nur militärisch der unendlich überlegenen Volkszahl der gegnerischen Mächte nicht entfernt gewachsen gewesen, sondern er hätte die bewaffneten Bauern seines eigenen Landes mehr fürchten müssen als alle Mächte der Welt. Und so vollständig ausgeschlossen nach der damaligen Kriegsverfassung ein Aufgebot der Massen eigentlich war, so hat Friedrich doch sorgfältig jeden Funken ausgetreten, der nach dieser Richtung hätte zünden können. Es kam ja vor, daß die Bauern hie und da zu ihren Heugabeln oder Sensen griffen, nicht aus Begeisterung für Friedrich und seine Junker, sondern um ihr bißchen Hab und Gut vor den Plünderungen, ihre Weiber und Kinder vor den Schändungen der ins Land gefallenen feindlichen Söldner zu schützen. Aber dann befahl der König sofort, die Landleute sollten sich bei ihrem Erbe halten und nicht in den Krieg mischen, sonst würde er sie als Rebellen behandeln, und den Bewohnern Ostfrieslands, die sich den eingedrungenen Franzosen widersetzt hatten und nun erst recht mitgenommen worden waren, antwortete er höhnisch auf ihre Klagen, er würde es geradeso wie die Franzosen gemacht haben. Selbst den Bürgern von Berlin mußte der Präsident Kircheisen bei schwerer Strafe verbieten, zu den Waffen zu greifen, als die Stadt im Jahre 1757 von den Österreichern zeitweilig besetzt wurde. Friedrich vermied mit der peinlichsten Sorgfalt alles, was dem Kriege einen »höheren«, einen »nationalen Lebensgehalt« hätte geben können, und das mußte er auch tun, wenn er sein Ziel nicht ein für allemal verloren geben wollte.

Daraus ergibt sich schon von selbst, daß es mit den Freibataillonen und der Landmiliz, die Friedrich im Siebenjährigen Kriege errichtete, eine ganz andere Bewandtnis gehabt haben muß, als neuere preußische Historiker behaupten. Diese Truppen kämpften nicht aus Begeisterung für König und Vaterland, sie waren nicht bessere Elemente als die gewöhnlichen Söldner, sondern gerade im Gegenteil: Sie bestanden aus dem Abhube des soldatischen Materials, den Friedrich überhaupt erst im äußersten Notfalle für militärische Zwecke benutzen mochte. In seinen Grundsätzen der Taktik sagt er »von denen Frey-Bataillons«, sie sollten beim Angriff auf verschanzte Stellungen in das erste Treffen gestellt werden und müßten gerade auf den Feind losgehen, »um dessen Feuer auf sich zu lenken und vielleicht eine Unordnung unter dessen Truppen zu veranlassen. Allemahl soll es hierbei feststehen, daß hinter die Frey-Bataillons reguläre Infanterie gestellt werde, die sie, durch die Furcht vor dem Bayonnett, zu einer hitzigen und nachdrücklichen Attaque zwinge«. Und Friedrich sagt weiter: »Bei den Affaires de Plaine« müssen die Frey-Bataillons zu äußerst an den Flügel, der refüsirt wird, gestellt werden, allwo sie die Bagage decken können.« Diese königlichen Vorschriften für die Bestimmung der Freibataillone enthalten zugleich die erschöpfendste und vernichtendste Kritik der Truppe. Friedrich hatte bei Kolin und auch sonst erfahren, wie verheerend die vorzügliche Artillerie der Österreicher aus verschanzten Stellungen die starren Linien seiner angreifenden Infanterie niederwarf; da sollen nun mit den Spitzen der Bajonette die Freibataillone vorangetrieben werden, rein als Kanonenfutter, um der regulären Infanterie einen möglichst gedeckten Angriff zu sichern, wobei dann »vielleicht« auch der Vorteil abfiel, daß diese verzweifelten Elemente in ihrer verzweifelten Lage dem Feinde einigen Schaden zufügten. Auf ebenem Gelände dagegen, wo die preußische Infanterie ihre volle Kraft entfalten konnte, werden die Freibataillone möglichst weit vom Schuß auf den ungefährlichsten Posten gestellt, wo sie keinen Schaden anrichten und durch Deckung der Bagage am Ende noch etwas nützen konnten. Sie waren einfach das unbrauchbarste Element des Heeres und bestanden denn auch nach allen über sie erhaltenen Nachrichten aus dem Abschaume der Menschheit.

Ein moralisch besseres, aber militärisch womöglich noch schlechteres Urteil verdient die Landmiliz. Friedrich befahl ihre Errichtung, als er nach den schweren Verlusten von Prag und Kolin die regulären Truppen aus der Mark und Pommern an sich ziehen mußte, aber diese Provinzen doch nicht ganz ohne militärischen Widerstand den anrückenden Russen und Schweden preisgeben mochte. Sie sollte von verabschiedeten Offizieren befehligt werden, und zu ihrer Unterhaltung wurde dem Lande zu allem andern eine Landmilizsteuer sowie eine Landmilizakzise auferlegt. Von dem Heere unterschied sich diese Truppe aber, um den Ausdruck noch einmal zu gebrauchen, nicht in der Art, sondern nur im Grade. Sie wurde ebenso rekrutiert und exerziert wie das Heer: Nur das Material war sehr viel schlechter. Es bestand aus den in die Städte geflohenen Bauern, verarmten Bürgern, die sonst dem Hungertode verfallen wären, Kriegsgefangenen, invaliden Soldaten und Kantonisten, die zum Heeresdienste bestimmt, aber noch nicht in das Heer eingetreten waren und auf diese Weise vor der Verschleppung durch die Feinde gesichert werden sollten. Ihre militärische Wirksamkeit ist immer von geringem Belange gewesen, und jedenfalls hatte sie mit einer Volksbewaffnung geradesowenig zu schaffen wie das friderizianische Heer überhaupt. Schwartz, Organisation und Verpflegung der preußischen Landmilizen im Siebenjährigen Kriege. Der Verfasser will diese Milizen gern zu Vorläufern der Landwehr machen, aber die Archivalien, die er mitteilt, ergeben mit aller wünschenswerten Sicherheit das Gegenteil.

Die zweite Behauptung, durch die der »nationale Lebensgehalt« des Siebenjährigen Krieges schlechterdings noch gerettet werden soll, läuft darauf hinaus, daß der Krieg die protestantische Geistesfreiheit usw. gerettet habe. Was es tatsächlich mit dieser Behauptung auf sich hat, haben wir zwar schon gesehen, aber man sagt auch hier: Sei dem so oder anders, die Welt sah doch nun einmal in Friedrich den Helden des Protestantismus, und bewußt oder unbewußt war er es auch. So viel ist nun gewiß richtig, daß der König die Religion als einen immerhin wichtigen Posten in seine militärischen Berechnungen einzustellen wußte. Aber man frage nur nicht: Wie? In seinen Generalprinzipien vom Kriege, der Instruktionsschrift, die er allen seinen Generalen für den Kriegsfall zur strengen Befolgung übergab, sagt er:

»Wenn der Krieg in einem neutralen Lande geführt wird, so – kommt es nur darauf an, wer von beyden die Freundschafft und das Vertrauen der Landeseinwohner gewinnen kann. Man hält strenge Disziplin ... Man beschuldigt den Feind von den allerschlimmsten Absichten, so er gegen das Land hege. Ist solches protestantisch, wie in Sachsen, so spielet man die Rôle eines Beschützers der Lutherischen Religion; ist das Land Catholisch, so spricht man von nichts als Tolerance. Was euch hierin noch übrigbleibt, ist der Fanatismus. Wenn man ein Volck wegen seiner Gewissens-Freiheit animiren, auch ihm beybringen kann, daß es von den Pfaffen und Devoten bedrücket wird, so kann man sicher auf dieses Volck rechnen; das heißt eigentlich, Himmel und Hölle vor euer Interesse bewegen.«

Ist es nun klar, daß Friedrichs arglose Seele weder bewußt noch unbewußt etwas von jenem Heldentum der »protestantischen Geistesfreiheit« geahnt hat, das er im Siebenjährigen Kriege bewährt haben soll? Aber – die Welt hatte sich angeblich darauf kapriziert, ein solches Heldentum in ihm zu erkennen, und so wirft denn die patriotische Zauberlaterne immer von neuem das Bild des österreichischen Marschalls mit dem geweihten Hut und Degen an die Wand. Indessen auch damit hat es eine gar eigene Bewandtnis. Friedrich hat sich zeitweise allerdings sehr bemüht, nicht nur vor Sachsen, sondern vor ganz Deutschland die »Rôle eines Beschützers der Lutherischen Religion« zu spielen oder, wie er an anderer Stelle sagt, »diejenigen in Wut entbrennen zu lassen, die auch nur noch eine schwache Neigung für Martin Luther haben«; er hat zu diesem Behufe durch den Marquis d'Argens eine Anzahl gefälschter Schriftstücke anfertigen lassen, so namentlich jenes päpstliche Breve, womit der Papst dem Marschall Daun als Belohnung für den Überfall von Hochkirch einen geweihten Hut und Degen verliehen haben sollte, und er hat auch sonst den ihm gar nicht unebenbürtigen Gegner in sehr unköniglicher Weise als den »Mann mit der geweihten Mütze« zu verhöhnen gesucht. Beiläufig – obgleich die österreichische Regierung sofort erklärte, daß die Geschichte mit dem geweihten Hut und Degen eine Erfindung sei, und obgleich diese Erfindung seitdem Dutzende von Malen in der bündigsten und weitläufigsten Weise aufgedeckt worden ist, so erbt sie sich unverdrossen in der preußischen Geschichtsschreibung weiter. Siehe Treitschke, 1, 60, Bernhardi, 1, 28, und andere mehr, der Werke »zweiten« und »dritten« Ranges zu geschweigen. Gegenüber der Zähigkeit der preußisch-patriotischen Fabel ist man versucht, in den ägyptischen Mumien beinahe nur Eintagsfliegen zu sehen. Allein dieser No-Popery-Spektakel war nicht auf die Nation, sondern auf die kleineren deutschen Höfe, und zwar nicht allein die protestantischen berechnet. Unzweifelhaft spielte auf österreichischer Seite in dem Siebenjährigen Kriege eine gewisse wenn auch abgeschwächte und beschränkte Tendenz mit, die habsburgisch-päpstliche Herrschaft doch noch über ganz Deutschland auszudehnen; die französischen Diplomaten an den deutschen Höfen erklärten in ihren Berichten nach Versailles, auch die katholischen Reichsstände wären um die »deutsche Libertät« besorgt, und es sei dringend notwendig, durch öffentliche Erklärungen diese Besorgnisse zu zerstreuen. Die österreichische Regierung verwahrte sich denn auch wiederholt gegen den Verdacht, als ob sie den westfälischen Friedensvertrag zu verletzen beabsichtige, indessen dieser Verdacht wuchs gewissermaßen von selber aus der Lage der Dinge hervor, und es war ein geschickter diplomatischer Schachzug Friedrichs, ihn nach Kräften zu nähren. Er tat es auch nicht ohne Erfolg. Am Reichstage zu Regensburg verhinderte die Gesamtheit der protestantischen Reichsstände durch einen eigenen Beschluß, daß die vom Wiener Hofe beabsichtigte Reichsacht über ihn verhängt wurde, und wenn die »Reichsexekutionsarmee« noch viel elender ausfiel, als sie nach der verkommenen Reichsverfassung ohnehin ausgefallen wäre, so war es, weil die meisten Reichsstände, katholische wie protestantische, widerwillig und zögernd ihre schlecht ausgerüsteten Truppen stellten. Insofern hatte Friedrich allen Grund, dem Marquis d'Argens zu schreiben, daß dessen antipapistische Fälscherkunststücke ihm eine gewonnene Schlacht wert seien; nur daß er dabei einzig an die moralische Einwirkung auf die Höfe, aber keineswegs auf die Nation dachte. Auch blieb dieser Erfolg in bestimmten Grenzen. Denn die kleinen deutschen Höfe waren viel zu ängstlich, als daß sie es zu einem selbständigen Entschlusse hätten bringen können; einige von ihnen, die gar zu dicht unter dem Griffe Friedrichs lagen, verbanden das Angenehme mit dem Sicheren, indem sie ihre Landeskinder als Hilfsvölker an England, das der Form nach nur mit Frankreich, aber nicht mit Österreich oder dem deutschen Reiche im Kriege lag, verkauften und vermieteten, in welchem Menschenschacher hoffentlich nicht auch noch ein »höherer Lebensgehalt« des Siebenjährigen Krieges enthalten sein soll.

Dieser Krieg war ein Krieg wie alle Kriege des achtzehnten Jahrhunderts, die gemäß ihren ökonomisch-militärischen Möglichkeiten die bürgerliche Bevölkerung im Grunde gar nichts angingen. Und eben dies war die allgemeine Auffassung der Zeitgenossen auch vom Siebenjährigen Kriege. Unter seinem Eindrucke schrieb Friedrich: »Der friedliche Bürger soll es gar nicht merken, wenn die Nation sich schlägt.« Lessing aber schrieb in dem ersten Literaturbriefe: »Lieber will ich Sie und mich mit dem süßen Traume unterhalten, daß in unseren gesitteteren Zeiten der Krieg nichts als ein blutiger Prozeß unter unabhängigen Häuptern ist, der alle übrigen Stände ungestöret läßt und auf die Wissenschaften weiter keinen Einfluß hat, als daß er neue Xenophons, neue Polybe erwecket.« Und Clausewitz schreibt über die Kriege des achtzehnten Jahrhunderts: »Der Krieg wurde nicht bloß seinen Mitteln, sondern auch seinem Ziele nach immer mehr auf das Heer selbst beschränkt. Das Heer mit seinen Festungen und einigen eingerichteten Stellungen machte einen Staat im Staate aus, innerhalb dessen sich das kriegerische Element langsam verzehrte. Ganz Europa freute sich dieser Richtung und hielt sie für eine notwendige Folge des fortschreitenden Geistes. Obgleich hierin ein Irrtum lag, ... so hatte allerdings diese Veränderung eine wohltätige Wirkung für die Völker, nur ist nicht zu verkennen, daß sie den Krieg noch mehr zu einem bloßen Geschäfte der Regierung machte und dem Interesse des Volkes noch mehr entfremdete.« Das sind gleich drei klassische Zeugnisse auf einmal, aber es seien ihnen auch noch einige bezeichnende Tatsachen hinzugefügt!

Als Friedrich sich in einem Winterquartiere zu Leipzig mit Gottsched über deutsche Literatur unterhalten hatte, richtete er eine französische Ode an den »sächsischen Schwan«, und Gottsched antwortete öffentlich in einem überschwenglichen Huldigungsgedichte, das mit den Worten schloß: »Und dein Bewunderer bleibt der deine.« Über diese Albernheit hat Lessing weidlich gespottet, aber niemand hat zu jener Zeit das geringste Arg darin gefunden, daß ein kurfürstlich sächsischer Professor in solcher Weise den Eroberer seines Landes, den Todfeind seines Landesherrn, öffentlich anschmeichelte; was heute als eine landesverräterische Infamie erscheinen würde, erschien damals als ganz natürlich oder wurde höchstens wegen seiner ästhetischen Geschmacklosigkeit verlacht; so sehr betrachtete sich die bürgerliche Bevölkerung als außerhalb des Kriegszustandes. Sehr lehrreich ist auch der Briefwechsel, den der in Leipzig lebende Lessing im Jahre 1757 mit seinen Berliner Freunden Moses Mendelssohn und Nicolai führte. Das Jahr 1757 war das einzige des Siebenjährigen Krieges, das eine gewisse Heldenverehrung hervorrufen zu können schien. Die Schlacht bei Prag als die gewaltigste des Jahrhunderts; dann der jähe Glücksumschlag von Kolin; endlich aus dem tiefsten Falle wieder ein schnelles Aufsteigen in dem lustigen Siege von Roßbach und dem glänzenden Siege bei Leuthen! Was mögen darüber wohl Friedrichs Geistesverwandter und Mitrevolutionär Lessing und der brandenburgisch-preußische Patriot Nicolai in ihren Briefen vor lauter Herzenslust geschwatzt haben! Nun – gar nichts, sozusagen. Man findet in ihrem Briefwechsel aus dem Jahre 1757 weitläufige Erörterungen über die Theorie der Tragödie, allerlei Tüfteleien über grammatikalische Unklarheiten in Klopstocks Messias, Beratungen über Druck und Verlag der Bibliothek der schönen Wissenschaften, welche die Preußen Mendelssohn und Nicolai endlich bei einem sächsischen Verleger unterbringen – aber vom Kriege? Sozusagen nichts; es sei denn, daß man Lessings Mitteilung, der Dichter Ewald von Kleist sei als Major zu einem in Leipzig garnisonierenden Infanterieregiment kommandiert worden, oder die Neckerei von Moses, Lessing sei wohl zum Schutze für die Kurmark angeworben worden, da er so lange auf Antwort warten lasse, für etwas nehmen will.

Immerhin, wenn Lessing und Moses, die für jene Zeit zu den vorgeschrittensten Elementen der bürgerlichen Bevölkerung in Deutschland gehörten, im allgemeinen noch dem Kriege gleichgültig gegenüberstehen, so bricht doch in ihnen schon die Erkenntnis jenes »Irrtums« durch, von dem Clausewitz spricht; nur nach einer ganz anderen Richtung hin, als die Theorie des »höheren Lebensgehalts« erwarten lassen sollte. In der oben angeführten Äußerung Lessings von dem »süßen Traum« leuchtet bereits ein Zweifel hervor, der in den unmittelbar vorhergehenden Sätzen noch klarer hervortritt. Sie lauten: »Der Friede wird ohne sie (die Musen) wiederkommen; ein trauriger Friede, von dem einzigen melancholischen Vergnügen begleitet, über verlorene Güter zu weinen. Ich rufe Ihren Blick aus dieser finstern Aussicht zurück. Man muß einem Soldaten sein unentbehrliches Geschäft durch die bejammernswürdigen Folgen desselben nicht verleiden.« Und ganz ähnlich schreibt Moses an Lessing im Jahre 1757, indem er ihn bittet, Leipzig als einen Ort der Unruhe, der Betrübnis und der allgemeinen Verzweiflung zu verlassen: »Kommen Sie zu uns, wir wollen in unserm einsamen Gartenhause vergessen, daß die Leidenschaften der Menschen den Erdball verwüsten. Wie leicht wird es uns sein, die nichtswürdigen Streitigkeiten der Habsucht zu vergessen, wenn wir unsern Streit über die wichtigsten Materien, den wir schriftlich angefangen, mündlich fortsetzen werden!« Lessings Werke, 20, 2, 64; Ausgabe von Hempel. Merkwürdig, daß diese Wortführer der bürgerlichen Klassen bei einem kritischen Blick auf den Siebenjährigen Krieg nicht von Sympathie, sondern von Antipathie überfließen! Merkwürdig oder vielmehr nicht merkwürdig! Denn jene Vorstellung, daß der Krieg die bürgerliche Bevölkerung nichts angehe, war doch nur möglich, weil und solange diese Bevölkerung allen Selbstbewußtseins entbehrte; mit diesem Selbstbewußtsein mußte sofort die Erkenntnis erwachen, daß sie allein die Kosten des Krieges zu tragen habe und daß jene »wohltätige Wirkung«, die eine »notwendige Folge des fortschreitenden Geistes« zu sein schien, gerade um den Preis jedes »höheren Lehensgehalts« erkauft wurde. Der Siebenjährige Krieg konnte die bürgerliche Bevölkerung noch gleichgültig lassen und ließ sie noch gleichgültig, aber soweit er etwa eine Empfindung in ihr erweckte, war es eine Empfindung des Abscheus, nicht eine Empfindung des bürgerlichen Selbstbewußtseins oder des nationalen Stolzes. Diese Empfindung konnten die bürgerlichen Zeitgenossen aus dem Siebenjährigen Kriege ebensowenig schöpfen, wie Friedrich den Krieg nach der napoleonischen Strategie führen konnte. Selbst die bloße Vorstellung eines solchen Zusammenhanges war nicht eher möglich, als bis die amerikanischen und französischen Revolutionskämpfe dem Kriege eine ganz andere Form und einen ganz anderen Inhalt gegeben hatten, und in der Tat hat Goethe erst unter dem frischen Eindruck des napoleonischen Kriegszeitalters dem Siebenjährigen Kriege eine Bedeutung untergelegt, die Friedrichs Kriege für die bürgerlichen Zeitgenossen nicht hatten und schlechterdings nicht haben konnten.

Soviel zur historischen Kritik der Lessing-Legende in ihrer zweiten und zugleich auch noch in ihrer ersten Gestalt. War es notwendig, etwas weit auszuholen, um so verjährten und versteinerten Irrtümern, die unter dem Schutze so großer Namen stehen, auf den Grund zu gelangen, so wird sich die dritte Gestalt der Lessing-Legende desto schneller erörtern lassen, die byzantinische Knechtsgestalt nämlich, welche sie im neuen Deutschen Reich angenommen hat.

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