Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Jules Verne >

Die Leiden eines Chinesen in China

Jules Verne: Die Leiden eines Chinesen in China - Kapitel 9
Quellenangabe
authorJules Verne
titleDie Leiden eines Chinesen in China
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
printrunDritte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171009
projectid7dc70083
Schließen

Navigation:

Achtes Capitel

In dem Kin-Fo seinem Lehrer Wang einen ganz ernstlich gemeinten Vorschlag macht, den dieser ebenso ernsthaft aufnimmt.

 

Der Philosoph hatte sich noch nicht niedergelegt. Auf einem Divan ausgestreckt, las er eben die letzte Nummer der »Pekinger Zeitung«. Wenn seine Stirn sich ein wenig runzelte, so kam das gewiß daher, daß das Blatt etwas zu freigebig war mit Lobsprüchen gegen die herrschende Dynastie der Tsing.

Kin-Fo öffnete die Thür, trat in das Zimmer und warf sich in einen Lehnstuhl, während er ohne jede Einleitung in die Worte ausbrach:

»Ich komme, Wang, Dich um einen Liebesdienst anzugehen.

– Gern um zehntausend! erwiderte der Philosoph, indem er das Blatt weglegte. Sprich, mein Sohn, sprich ohne Scheu, Alles, was Du verlangst, werde ich so gerne thun.

– Den Dienst, um den es sich handelt, kann ein Freund dem Anderen nur ein einziges Mal erweisen! Ich entbinde Dich also von den neuntausendneunhundertneunundneunzig anderen und sage Dir im voraus, daß Du von meiner Seite auf keinen Dank rechnen darfst.

– Auch der gewandteste Deuter räthselhafter Worte würde Dich doch nicht verstehen. Um was handelt es sich?

– Wang, erklärte Kin-Fo ruhig, ich bin ruinirt.

– Aha, aha! sagte der Philosoph in einem Tone, als erführe er eher eine angenehme als eine so niederschlagende Nachricht.

– Ein Brief, den ich bei unserer Rückkehr von Canton hier vorfand, fuhr Kin-Fo fort, meldete mir das Fallissement der Californischen Centralbank. Außer diesem Yamen und einer kleinen Summe, welche mir noch einen oder zwei Monate das Leben fristet, besitze ich nichts mehr.

– Der steinreiche Kin-Fo ist es also nicht mehr, fragte Wang mit einem scharf beobachtenden Blicke auf seinen Schüler, der hier zu mir spricht?

– Nein, nur der arme Kin-Fo, den seine Armuth übrigens nicht im mindesten erschreckt.

– Wohl gesprochen, mein Sohn, antwortete der Philosoph aufstehend. Ich habe also meine Zeit nicht damit vergeudet, daß ich Dir die Lehren der Weisheit einzuprägen suchte. Bisher vegetirtest Du nur ohne Geschmack am Leben, ohne Leidenschaften, ohne Kämpfe! Nun wirst Du wirklich leben lernen. Die Zukunft gestaltet sich Dir anders. Immerhin sagte der große Confucius, es ereignet sich stets weniger Unglück als man fürchtet! Nun werden wir uns die tägliche Reissuppe verdienen müssen. Die »Nun-Schum« lehrt uns, daß es auf Erden Hohe und Niedere geben muß. Immer wendet sich das Rad des Glücks, und der Frühlingswind wechselt stets. Ob reich, ob arm, daß man seine Pflicht erfüllt, ist die Hauptsache. Komm, laß' uns fortgehen von hier!«

Wang, als praktischer Philosoph, war wirklich bereit, die prächtige Wohnung sofort und auf immer zu verlassen.

Kin-Fo hielt ihn zurück.

»Ich sagte Dir zwar, daß die Armuth mich nicht erschreckt, begann er, aber ich füge Dir auch hinzu, daß ich entschlossen bin, sie nicht zu ertragen!

– Wie, erwiderte Wang, Du willst also ...

– Sterben!

– Sterben! wiederholte der Philosoph sehr ruhig. Wer mit der Absicht umgeht, seinen Lebensfaden mit eigener Hand zu zerreißen, spricht davon gegen keinen Anderen.

– Es wäre schon Alles abgethan, erwiderte Kin-Fo mit einer Seelenruhe, die der des Philosophen in keiner Weise nachstand, wenn ich nicht wünschte, daß mein Tod wenigstens mich zum ersten und letzten Male erregte. Als ich aber im Begriffe war, eine von den Dir bekannten Opiumpillen zu verschlucken, schlug mir das Herz so wenig, daß ich das Gift wegwarf und Dich aufsuchte.

– Du willst vielleicht, daß wir zusammen in den Tod gehen sollen? fragte Wang lächelnd.

– O nein, entgegnete Kin-Fo schnell, Du mußt leben bleiben!

– Weshalb?

– Deine Hand soll mir den Tod geben!«

Auch bei dieser unerwarteten Zumuthung erzitterte Wang nicht. Kin-Fo glaubte aber, als er ihn aufmerksam ansah, in seinen Augen ein lebhafteres Feuer zu bemerken. Erwachte vielleicht der frühere Taï-Ping wieder in ihm? Sollte er dem Verlangen seines Schülers wirklich ohne alles Zögern entsprechen können? Achtzehn lange Jahre wären über das allmälich ergraute Haupt dahin gegangen, ohne den Blutdurst der Jugendjahre auslöschen zu können? Für den Sohn seines einstmaligen Retters hatte er kein Wort der Abmahnung? Ohne Gewissensbisse übernahm er es, Den von der Last dieses Lebens zu befreien, gegen den er doch gewiß nicht den mindesten Groll hegte! Ja, ja, er, Wang, der Philosoph, er war das im Stande.

Jenes aufleuchtende Feuer erlosch jedoch sofort wieder. Wang nahm wieder die gewöhnliche ehrliche Physiognomie an und erschien höchstens etwas ernsthafter.

Dann setzte er sich wieder.

»Das ist also wohl der Liebesdienst, den Du von mir verlangen wolltest? sagte er.

– Ja, bestätigte Kin-Fo, und dieser Dienst entledigt Dich aller Schuld, die Du gegen Tchung-Heu und dessen Sohn in Deiner Einbildung nur irgend haben könntest.

– Nun, und was soll ich thun?

– Zwischen heute und dem fünfundzwanzigsten Juni, merke wohl, dem achtundzwanzigsten Tage des sechsten Mondes, dem Tage, Wang, an dem mein einunddreißigstes Lebensjahr zu Ende geht – muß ich aufgehört haben zu leben! Ich muß auch durch Deine Hand fallen, gleichviel, ob von vorn oder hinten, gleichviel wo oder wie, ob am Tage oder in der Nacht, ob stehend, sitzend, liegend, wachend oder schlafend, durch Stahl oder Gift. Ich muß während der achtzigtausend Minuten, die mein Leben während dieser fünfundfünfzig Tage zählt, denken, hoffen oder fürchten können, daß ihm jeden Augenblick ein jähes Ende droht! Ich muß diese achtzigtausend Erregungen vor mir haben, um in dem Augenblicke, wenn sich die sieben Elemente meiner Seele von einander trennen, wenigstens sagen zu können: Endlich, endlich habe ich doch einmal gelebt!«

Kin-Fo hatte, ganz gegen seine Gewohnheit, mit einer gewissen Lebhaftigkeit gesprochen. Der Leser sieht auch, daß er die letzte Grenze seines Lebens auf sechs Tage vor dem Erlöschen der Police festsetzte. Er handelte dabei mit klugem Vorbedacht, da eine weitere Verzögerung ohne erneuerte Prämienzahlung seine Erben leicht ihrer jetzt berechtigten Ansprüche hätte berauben können.

Der Philosoph hatte ihm ernsthaft zugehört und dabei einige Seitenblicke auf das, seine Zimmerwand zierende Porträt des Königs Taï-Ping fallen lassen, von dem er ja noch nicht wußte, daß es ihm als Erbtheil zufallen sollte.

»Du wirst also vor der übernommenen Verpflichtung, mich zu tödten, auf keinen Fall zurückschrecken?« fragte Kin-Fo.

Wang deutete nur durch ein Zeichen an, daß das seine Sache nicht sei. Er erinnerte sich wohl so mancher Scenen aus der Zeit, da er unter dem Banner der Taï-Ping kämpfte. Er stellte aber doch noch einige Fragen, da er sich ohne Erschöpfung aller möglichen Einwürfe offenbar nicht verpflichten wollte.

»Du verzichtest also auf die Aussicht eines langen Lebens, das der »Wahre Meister« Dir schon von der Wiege an bestimmte?

– Ja, gewiß!

– Ohne Bedauern?

– Ganz ohne Bedauern! bekräftigte Kin-Fo. Als Greis zu leben! Einem Stück Holze zu gleichen, das Niemand mehr schneiden kann! Reich – würde ich das nicht wünschen; arm – mag ich es noch viel weniger!

– Und die junge Witwe in Peking? warf Wang ein. Vergaßest Du das Sprichwort: »Die Blume zur Blume!« »Die Weide zur Weide!« Die Uebereinstimmung zweier Herzen schafft hundert Jahre Frühling! ...

– Gegen dreihundert Jahre Herbst, Sommer und Winter! bemerkte Kin-Fo achselzuckend dazu. Nein! Arm würde Le-U mit mir ebenfalls unglücklich sein. Mein Tod dagegen sichert ihr ein Vermögen.

– Das hättest Du gethan?

– Ja, und für Dich, Wang, sind auf meinen Namen ebenfalls fünfzigtausend Dollars eingeschrieben.

– Ah, erwiderte trocken der Philosoph, Du hast doch auf Alles eine Antwort.

– Ich denke auf Alles, selbst auf einen Einwurf, den Du noch nicht erhoben hast.

– Und der wäre?

– Ja ... die Dir drohende Gefahr, nach meinem Tode als Mörder verfolgt zu werden.

– O, meinte Wang, nur die Tölpel und Prahlhänse lassen sich einfangen. Welches Verdienst wäre es auch, Deinen Wunsch zu erfüllen, wenn ich dabei gar nichts zu wagen hätte?

– Nein, nein Wang! Ich ziehe es doch vor, Dich für alle Fälle sicherzustellen. Es soll Niemand einfallen können, Dich zu belästigen!«

Mit diesen Worten ging Kin-Fo nach einem Tische, suchte ein Stück Papier und schrieb darauf folgende Worte in feinen deutlichen Zügen:

»Ich habe mir selbst aus eigenem freien Willen aus Lebensüberdruß den Tod gegeben. Kin Fo.«

Diesen Zettel übergab er dem Freunde.

Der Philosoph las denselben erst für sich, dann noch einmal laut. Darauf faltete er das Papier sorglich zusammen und steckte es in ein Taschenbuch, das er stets bei sich trug.

Noch einmal leuchtete sein Auge heller auf.

»Das ist Alles wirklich Dein Ernst? fragte er mit einem forschenden Blicke auf seinen früheren Schüler.

– Vollkommen.

– Ich nehme es also ganz ebenso an.

– Ja – Du versprichst mir ...?

– Gewiß.

– Also, vor dem fünfundzwanzigsten Juni werde ich aufgehört haben zu leben?

– Ich weiß nicht, ob Du in dem Sinne, wie Du es verstehst, gelebt haben wirst, antwortete sehr ernsthaft der Philosoph, auf jeden Fall aber wirst Du todt sein!

– Ich danke Dir, und nun leb' wohl, Wang.

– Leb' wohl, Kin-Fo.«

Damit verließ Kin-Fo beruhigt das Zimmer des Philosophen.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.