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Die Leiden eines Chinesen in China

Jules Verne: Die Leiden eines Chinesen in China - Kapitel 8
Quellenangabe
authorJules Verne
titleDie Leiden eines Chinesen in China
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
printrunDritte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171009
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Siebentes Capitel

Das sehr traurig wäre, wenn es sich darin nicht um einige, dem Himmlischen Reiche eigenthümliche Sitten und Gebräuche handelte.

 

Was der ehrenwerthe William J. Bidulph auch sagen und denken mochte, diesesmal war die Casse der »Hundertjährigen« in ihren Beständen ganz ernstlich bedroht. Kin-Fo's Plan gehörte nicht zu denen, deren Ausführung man, nach reiflicher Ueberlegung, auf unbestimmte Zeit vertagt. Vollständig ruinirt, wie er war, hatte Wang's Schüler den festen Entschluß gefaßt, einem Leben ein Ende zu machen, das ihm selbst, als er noch Reichthümer besaß, nichts als tödtliche Langweile geboten hatte.

Der ihm von Soun acht Tage nach seinem Eintreffen übergebene Brief kam aus San-Francisco. Er brachte die Mittheilung von der Zahlungseinstellung der Centralbank von Californien. Kin-Fo's Vermögen bestand nun, wie wir wissen, zum weitaus größten Theile aus Actien dieser so berühmten und bis zur Stunde als unbedingt sicher geltenden Bank. Doch ließ die Thatsache keinen Zweifel aufkommen. So unwahrscheinlich die Sache auch klang, war sie doch leider nur zu wahr. Die Zahlungseinstellung der Californischen Centralbank fand in den nach Shang-Haï gelangenden Zeitungen ihre Bestätigung. Der Concurs war eröffnet worden und Kin-Fo damit ein ruinirter Mann.

Außer den Actien dieser Bank blieb ihm ja nichts, oder doch fast nichts übrig. Der immerhin schwer ausführbare Verkauf seiner Wohnung in Shang-Haï konnte ihm nur unzureichende Geldmittel liefern. Die achttausend Dollars, welche er als Prämie in die Casse der »Hundertjährigen« eingezahlt, nebst wenigen Actien der Dampfer-Compagnie von Tien-Tsin, die, wenn er sie heute auf den Markt brächte, ihn höchstens für die allernächste Zeit über dem Wasser zu halten vermochten, das war jetzt sein ganzes Eigenthum.

Ein Abendländer, ein Engländer oder Franzose, hätte diesen Schicksalsschlag vielleicht mit Ruhe hingenommen und sich durch ernste Arbeit ein neues Leben zu gründen gesucht. Ein Kind des Himmels dagegen mußte im Rechte zu sein glauben, wenn es anders dachte und handelte. Als Chinese von echtem Schrot und Korn gedachte Kin-Fo sich durch einen freiwilligen Tod aus dieser Lage zu befreien und überlegte sich das mit der größten Gewissensruhe und der typischen Gleichgiltigkeit, welche die gelbe Race auszeichnet.

Der Chinese besitzt nur sozusagen einen passiven Muth, diesen aber in hohem Grade. Seine Gleichgiltigkeit gegen den Tod ist wahrhaft erstaunlich. Ist er krank, so sieht er ihn ohne Anwandlung von Schwäche herannahen; als Verurtheilter zeigt er selbst unter der Hand des Henkers keine Furcht. Die so häufigen öffentlichen Hinrichtungen, der Anblick der entsetzlichen Strafen, welche das Gesetzbuch des Himmlischen Reiches vorschreibt, haben den Sohn des Himmels beizeiten an den Gedanken gewöhnt, die Freuden dieser Welt ohne Bedauern zu missen.

Hiernach wird man auch weniger erstaunen, in allen Familien fast tagtäglich eine Unterhaltung über den Tod mit anzuhören. Er steht hier keinem Ereignisse des Lebens fremd gegenüber. Der Cultus der Vorfahren findet sich selbst bei den ärmsten Leuten pietätvoll entwickelt. Es giebt kein reiches Haus, wo man nicht einen Raum als Familien-Heiligthum reservirte, keine elende Hütte, in der nicht ein Winkel den Reliquien der Ahnen vorbehalten wäre, für welche jeden zweiten Monat besondere Feste gefeiert werden. Eben deshalb findet man z. B. auch in denselben Läden, in denen etwa Bettchen für Neugeborene und Heirathskörbe verkauft werden, eine große Auswahl fertiger Särge als stehenden Handelsartikel.

Der Einkauf eines Sarges ist eine der wichtigsten Aufgaben der Kinder des Himmels. Man würde die Ausstattung eines Hauses für unvollständig halten, wenn ihr das letzte Ruhebett abginge. Der Sohn hält es für Pflicht, dasselbe seinem Vater bei Lebzeiten darzubieten, was als rührendes Zeichen zärtlicher Liebe betrachtet wird. Dieses »Möbel« findet dann seinen Platz in einem besonderen Raume. Man schmückt dasselbe, hält es in bestem Stand und bewahrt es oft noch, nachdem es sterbliche Ueberreste aufgenommen hat, lange Jahre hindurch mit zärtlicher Sorgfalt. Mit einem Wort, die Achtung vor den Todten bildet einen Grundzug der chinesischen Religion und trägt sehr wesentlich dazu bei, die Bande der Familie auf's engste zu verknüpfen.

Dank seinem Temperament, wußte Kin-Fo sich mit dem Gedanken, seinen Tagen ein Ziel zu setzen, also in größter Ruhe zu befreunden. Er hatte ja die Zukunft zweier Wesen, die ihm theuer waren, sichergestellt. Was blieb ihm nun noch zu bedauern übrig? Nichts. Ein Selbstmord konnte ihm keinerlei Gewissensbisse verursachen. Was in den civilisirten Ländern des Occidents als Verbrechen erscheint, ist inmitten dieser eigenthümlichen Civilisation des östlichen Asiens ein ganz gerechtfertigter Act.

Kin-Fo's Entschluß war also gefaßt und nichts wäre im Stande gewesen, ihn von dessen Ausführung abzuhalten, nicht einmal der Einspruch des Philosophen Wang.

Uebrigens wußte dieser ja zunächst kein Sterbenswörtchen von den Absichten seines Schülers. Auch Soun befand sich in derselben Lage und hatte seit Kin-Fo's Rückkehr nur die eine Beobachtung gemacht, daß dieser gegen seine täglichen Dummheiten etwas weniger empfindlich schien.

Jedenfalls stand Soun sich dabei sehr gut; ja, er konnte sich keinen besseren Herrn wünschen und jetzt wackelte der kostbare Zopf in aller Sicherheit auf seinem breiten Rücken.

Ein chinesisches Sprichwort sagt:

»Um auf Erden glücklich zu sein, muß man in Canton leben und in Liau-Tcheu sterben.«

In der That bot Canton die meisten Annehmlichkeiten des Lebens und in Liau-Tcheu verfertigte man die besten und schönsten Särge.

Kin-Fo unterließ natürlich nicht, seine Bestellung bei dem besten Hause zu machen, so daß das letzte Bett für ihn rechtzeitig eintreffen mußte. Für jeden Sohn des Himmlischen Reiches, der zu leben versteht, ist es ja stets eine Hauptaufgabe, dafür zu sorgen, daß für seinen ewigen Schlaf Alles bestens und vorschriftsmäßig bereit ist.

Gleichzeitig kaufte Kin-Fo einen weißen Hahn, von dem bekannt ist, daß er die entschwebenden Geister in sich aufnimmt und dabei eines der sieben Elemente erhascht, aus denen die chinesische Seele besteht.

Man erkennt hieraus, daß der Schüler des Philosophen Wang sich zwar sehr gleichgiltig gegen alle irdischen Dinge verhielt, aber auf Alles, was seinen Tod betraf, hohen Werth legte.

Nachdem das geschehen, hatte er also nur noch die Einzelheiten seines Begräbnisses festzustellen. Noch am nämlichen Tage vertraute er einem Blatte Papier – sogenanntem Reispapier, mit dessen Zusammensetzung der Reis nicht das Geringste zu thun hat – seinen letzten Willen an.

Zunächst schrieb er der jungen Witwe sein Haus in Shang-Haï zu, Wang aber ein Porträt des Kaisers Taï-Ping, das der Philosoph ein und alle Tage mit größtem Wohlgefallen betrachtete – natürlich unbeschadet der bei der »Hundertjährigen« versicherten Capitalien – und bestimmte dann in größter Seelenruhe die Reihenfolge der Personen, die an seinem Leichenzuge theilnehmen sollten.

Da er keine Angehörigen hatte, sollte ein Theil der ihm noch verbliebenen Freunde in weißer Kleidung, das ist der in dem Himmlischen Reiche gebräuchlichen Farbe der Trauer, die Spitze des Zuges bilden. Längs der Straßen und bis zu dem, auf dem Friedhofe von Shang-Haï schon längst hergestellten Grabe sollte eine doppelte Reihe von Leichendienern Spalier bilden und dabei verschiedene Attribute tragen, wie blaue Sonnenschirme, Hellebarden, Scepter mit einer Hand am oberen Theile, seidene Schirme und Tafeln mit der eingehenden Beschreibung der Feierlichkeit, diese Leute aber bekleidet mit schwarzem Oberrock und weißem Gürtel und bedeckt mit schwarzem Filzhut mit rother Aigrette. Hinter der Gruppe der Freunde sollte ein Führer, scharlachroth von dem Kopf bis zu den Füßen gehen und den Gong anschlagen, nach ihm aber ein Wagen fahren, der in einer Art Reliquienschrein das Bild des Entseelten enthielt. Hierauf würde eine zweite Gruppe Freunde zu folgen haben; nämlich Diejenigen, welche der Reihe nach auf besonders dazu bereiteten Kissen in Ohnmacht zu fallen hatten. Endlich sollte sich ein Zug junger Leute unter einem großen, blau und goldenen Thronhimmel anschließen, denen die Aufgabe zufiel, kleine weiße und so wie die Sapeken mit einem Loche versehenen Papierstückchen auszustreuen, welche dazu bestimmt waren, die bösen Geister zu vertreiben, die sich dem Aufzuge etwa anzuschließen versuchen könnten.

Hierauf sollte der Katafalk folgen, überdacht von einem ungeheuren Palankin von violetter Seide mit Goldtroddeln, den fünfzig Diener inmitten einer Doppelreihe von Bonzen auf den Schultern zu tragen hatten. Die in grauen, rothen und gelben Gewändern einhergehenden Priester sollten dabei abwechselnd mit dem Donner der Gongs, dem Heulen der Flöten und den rauschenden Tönen der sechs Fuß langen Trompeten die letzten Gebete absingen.

Hinter dem Katafalk sollten weiß überzogene Trauerwagen diesen pompösen Aufzug abschließen, dessen Unkosten die letzten Schätze des reichen Verstorbenen gerade aufzehrten.

Dieses Programm nun enthielt immerhin nicht etwa etwas so Außergewöhnliches. Durch die Straßen von Canton, Shang-Haï oder Peking bewegten sich gar nicht so selten derartige Trauerzüge, in denen die Bewohner des Reiches der Mitte nichts Anderes sahen als eine ganz natürliche, den sterblichen Ueberresten des Verblichenen dargebrachte Huldigung.

Am 20. desselben Monats traf eine aus Liau-Tcheu abgesendete große Kiste unter Kin-Fo's Adresse in dessen Wohnung zu Shang-Haï ein. Sie enthielt den sorgfältig verpackten Sarg des Adressaten. Weder Wang noch Soun oder ein anderer Diener in dem Yamen fanden darin etwas Absonderliches, denn wie gesagt, hält jeder Chinese streng darauf, die Truhe, in welcher er den ewigen Schlaf zu thun gedenkt, schon bei Lebzeiten zu besitzen.

Dieser Sarg, übrigens ein Meisterwerk des Fabrikanten in Liau-Tcheu, wurde im »Ahnen«-Zimmer des Hauses untergebracht. Dort hätte er wohl, geschmückt, eingesalbt und angeräuchert lange Zeit rasten können, ehe der Tag zu erwarten war, an dem ihn der Schüler des Philosophen Wang selbst nöthig hatte ... dem sollte aber nicht so sein. Kin-Fo's Tage waren gezählt und die Stunde ziemlich nahe, mit der auch er in die Reihe der Vorfahren der Familie eintreten sollte.

An dem nämlichen Abend faßte Kin-Fo den unabänderlichen Entschluß, diesem Jammerthale Lebewohl zu sagen.

Im Laufe des Tages kam ein Schreiben der trostlosen Le-U an. Die junge Witwe stellte Kin-Fo Alles zur Verfügung, was sie besaß. Ihr galt der Reichthum nichts! Sie würde ihn zu entbehren wissen! Sie liebte ihn ja! Was brauchte er mehr? Sollten sie nicht auch unter bescheideneren Verhältnissen glücklich werden können?

Auch dieser von zärtlichster Theilnahme eingegebene Brief vermochte an Kin-Fo's Beschluß nichts zu ändern.

»Nur mein Tod allein kann ihr von Nutzen sein!« dachte er.

Jetzt blieb ihm nur noch übrig, festzustellen, wie und wo er die letzte Hand an sich legen sollte. Kin-Fo fand ein gewisses Vergnügen daran, sich das ganz im Einzelnen zu überlegen. Er hoffte heimlich, daß ihm in jenem letzten Augenblicke, und wenn nur für ganz kurze Zeit, doch das Herz einmal vor innerer Erregung klopfen sollte.

In der Umgebung des Yamen erhoben sich vier hübsche Kiosks, ausgeschmückt mit all der Phantasie, welche die chinesischen Künstler auszeichnet. Sie trugen besonders gewählte Namen: das Lusthaus des »Glücks«, das Kin-Fo niemals betrat; das Haus des »Reichthums«, das er nur mit tiefer Verachtung ansah; das Haus des »Vergnügens«, dessen Thüren für ihn schon seit langer Zeit geschlossen blieben, und das Haus des »langen Lebens«, das er schon hatte abbrechen lassen wollen!

Sein Instinct leitete ihn heute, sich gerade für dieses Lusthaus zu entschließen. Er gedachte sich mit einbrechender Nacht dahin zu begeben. Dort sollte man ihn am nächsten Morgen, schon glücklich im Tode, auffinden.

Nachdem der Ort bestimmt war, kam die Frage an die Reihe, wie er sterben solle. Sollte er sich den Bauch aufschlitzen, wie ein Japanese, sich mit der seidenen Schnur erdrosseln, wie ein Mandarin, oder sich im wohlriechenden Bad die Adern öffnen, wie ein Epikuräer des alten Roms? Nein. Alle diese Todesarten schienen ihm zu roh und mußten für seine Freunde und Diener etwas Abstoßendes haben. Ein oder zwei Körnchen Opium, gemischt mit einem scharfen Gifte, mußten ja hinreichen, ihn aus dieser Welt in jene andere zu befördern, ohne daß er etwas davon fühlte, ja, vielleicht während eines schönen Traumes, der den zeitlichen Schlaf mit dem ewigen vermittelte.

Schon neigte sich die Sonne dem Horizont zu. Kin-Fo hatte nur noch wenige Stunden zu leben. Er wollte auf einem letzten Spaziergange noch einmal den Friedhof von Shang-Haï und die Ufer des Huang-Pu sehen, an denen er so oft gelangweilt dahingewandelt war. So verließ er denn den Yamen ganz allein – er hatte den ganzen Tag über Wang nicht ein einziges Mal gesprochen – um dahin zum letzten Mal zurückzukehren und ihn nie wieder lebend zu verlassen.

Er schlenderte ganz mit demselben Schritte wie früher – denn auch diese letzte Stunde seines Lebens vermochte darin nichts zu ändern – über das englische Gebiet, die Brücke über den Creek und die französische Niederlassung weg. Längs des Quais, der nach dem nächsten Thore führt, ging er um die Stadtmauer Shang-Haïs bis zur katholischen Hauptkirche, deren Kuppel die südliche Vorstadt überragt. Dann wandte er sich nach rechts und schlug seelenruhig den Weg ein, der zur Pagode Lung-Hao's führt.

Hier dehnte sich das weite, flache Land, bis zu den dunklen Höhen, welche das Thal des Min begrenzen, vor seinen Blicken aus, eine ungeheure sumpfige Ebene, aus der der Fleiß des Landwirthes üppige Reisfelder zu machen gewußt hat. Hie und da ein Netz von Kanälen, welche die Fluth des Meeres anfüllte, einige elende Dörfer, deren Hütten zwar von Rosen umrankt, die aber sonst mit gelblichem Schmutz bedeckt waren, oder einzelne zum Schutz gegen Ueberfluthung etwas höher angelegte, kahle Felder. Auf den schmalen Fußwegen entflohen eine Menge Hunde, weiße Ziegen, Enten und Gänse in größter Eile, wenn ein Wanderer sie aus ihrer Ruhe aufstörte.

Dieses sorgsam cultivirte Feld, dessen Anblick einen Eingebornen nicht in Verwunderung setzen konnte, hätte doch wahrscheinlich die Aufmerksamkeit, ja das Entsetzen jedes Fremden erregen müssen. Ueberall nämlich sah man hier Särge zu Hunderten, ohne von den Erdhügeln zu sprechen, welche sich über den wirklich Beerdigten erhoben, nichts als Haufen von länglichen Kasten, Pyramiden von Särgen, welche wie Stämme in einem Zimmerhofe übereinanderlagen. Die chinesische Ebene in der Nähe der Stadt dient eben gleichzeitig als allgemeiner Friedhof. Ebenso wie zu viel Lebende, birgt das Land auch zu viel Leichen. Man sagt, es sei verboten, die Särge unter die Erde zu bringen, so lange ein und dieselbe Dynastie den Thron des Himmlischen Reiches einnimmt, und solche Dynastien bleiben ja Jahrhunderte lang am Ruder. Ob hieran nun etwas Wahres ist oder nicht, jedenfalls harren die Cadaver in ihren Särgen, von denen die einen in hellen Farben leuchten, die anderen dunkel und bescheidener aussehen, oder die zum Theile noch neu und glänzend erscheinen, zum Theile auch schon in Staub zerfallen, meist ungeheuer lange auf den Tag ihrer Beerdigung.

Kin-Fo verwunderte sich über diesen Zustand der Dinge natürlich nicht. Er wandelte weiter, ohne die Blicke viel umherschweifen zu lassen. Zwei Fremde in europäischer Kleidung, die ihm folgten, seitdem er aus dem Yamen heraustrat, erregten nicht einmal seine Aufmerksamkeit. Er selbst sah sie nicht, obwohl jene bemüht schienen, ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Sie hielten sich stets in gemessener Entfernung, gingen weiter, wenn sich Kin-Fo fortbewegte, und blieben stehen, wenn jener rastete. Dann und wann wechselten sie wohl auch bedeutungsvolle Blicke oder einige wenige Worte, und jedenfalls befanden sie sich nur hier, um den lebensmüden Wanderer zu beobachten. Mittelgroß, gegen dreißig Jahre alt, gewandt und wohlgebaut, schienen sie mehr zwei Spürhunden mit scharfen Augen und schnellen Beinen ähnlich zu sein.

Nachdem Kin-Fo sich eine Stunde lang im Freien bewegt hatte, kehrte er nach den Ufern des Huang-Pu zurück.

Ebenso plötzlich kehrten die beiden Gestalten um.

Auf dem Wege begegnete Kin-Fo einigen elenden Bettlern, denen er ein Almosen verabreichte.

Etwas weiter kreuzten einige christliche Chinesinnen – von dem Orden, den die französischen Barmherzigen Schwestern gründeten – seinen Weg. Sie gingen dahin mit Tragkörben auf den Rücken und in denselben Krippen mit armen, verlassenen Wesen. Man hat sie mit Recht »Lumpensammlerinnen« genannt. Diese kleinen unglücklichen Wesen sind ja auch nichts Anderes als weggeworfene, unbrauchbare, lebende Gegenstände.

Kin-Fo leerte seine Börse in die Hand der Barmherzigen Schwestern.

Die beiden Fremden erschienen sehr erstaunt über die Mildthätigkeit eines Sohnes des Himmlischen Reiches.

Der Abend sank herab. Als Kin-Fo an den Mauern von Shang-Haï war, schlug er wieder den Weg nach dem Quai ein.

Die schwimmende Bevölkerung schlief noch nicht. Geschrei und Gesang ertönten von allen Orten.

Kin-Fo horchte. Er war begierig, die letzten Worte zu erfahren, die sein Ohr vernehmen sollte.

Eine junge Tankadere, welche ein Boot durch die dunklen Fluthen des Huang-Pu führte, sang folgende Strophen:

»Meine Barke mit den lachenden Farben
Ist geschmückt
Mit tausend und zehntausend Blumen.
Ich erwarte ihn mit sehnendem Herzen!
Morgen muß er wiederkommen!
Blauer Gott, wache über ihn! mög' Deine Hand
Seine Rückkehr beschützen,
Und mögest Du den langen Weg
Ihm freundlich kürzen.«

»Er wird morgen wiederkommen! Und ich, wo werde ich wohl morgen sein?« dachte Kin-Fo, den Kopf schüttelnd.

Die junge Tankadere fuhr fort:

»Er ist so weit von uns gegangen,
Ich weiß es ja,
Bis zum Land der Mantschus,
Bis zu den Mauern Chinas!
O, wie mein Herz so oft
Klopfte, wenn der Wind
Sich erhob und mächtig anwuchs
Und dahinsausend schnell
Das Unwetter vertrieb.«

Kin-Fo lauschte noch immer, ohne ein Wort zu sagen.

Die Tankadere schloß wie folgt:

»Was hast Du nöthig, zu streben
Nach irdischem Glück?
Fern von mir willst Du sterben?
Schon leuchtet der dritte Mond!
Komm', der Bonze wartet unser,
Um zugleich zu vereinen
Die beiden Phönix, »Die beiden Phönix« sind das Sinnbild der Ehe im Reiche der Mitte. unsere Zeichen!
Komm'! O komm' zurück! Ich liebe Dich so heiß,
Und Dein Herz ist ja auch mein!«

»Ja, vielleicht! murmelte Kin-Fo, der Reichthum ist ja nicht Alles auf der Welt! Das Leben ist es aber nicht werth, daß man sich um dasselbe bemüht!«

Eine halbe Stunde später kehrte Kin-Fo in seine Wohnung zurück. Die beiden Fremden, welche seinen Schritten gefolgt waren, mußten auf der Straße bleiben.

Seelenruhig schritt Kin-Fo auf den »Pavillon des langen Lebens« zu, öffnete dessen Thür, verschloß sie wieder und befand sich nun allein in dem von einer mattgeschliffenen Lampe halb erleuchteten Raume.

Auf einem, aus einem einzigen Stücke Nephrit bestehenden Tische stand ein Kästchen mit einigen Stücken mit tödtlichem Gifte versetzten Opium, ein »Helfer in der Noth«, den der reiche gelangweilte Mann stets in Vorrath führte.

Kin-Fo nahm zwei dieser Körner, legte sie auf die rothe Thonpfeife, wie sie die Opiumraucher zu benützen pflegen, und wollte diese eben in Brand setzen.

»Zum Kukuk, rief er, auch jetzt, wo ich einschlafen will, um nie wieder zu erwachen, nicht die geringste Erregung!«

Er zögerte einen Augenblick.

»Nein! rief er und warf die Pfeife auf den Boden, daß sie in tausend Trümmer zersprang, ich will aber einmal erregt sein und wäre es auch nur durch die Erwartung. – Ich will es! – Ich werde es zu erreichen wissen!«

Mit diesen Worten verließ Kin-Fo den Kiosk und begab sich, schneller als sein Schritt sonst war, nach dem Zimmer Wang's.

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