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Die Leiden eines Chinesen in China

Jules Verne: Die Leiden eines Chinesen in China - Kapitel 7
Quellenangabe
authorJules Verne
titleDie Leiden eines Chinesen in China
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
printrunDritte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171009
projectid7dc70083
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Sechstes Kapitel

Das dem Leser vielleicht Lust macht, einen Gang nach den Bureaux der »Hundertjährigen« zu machen.

 

Am folgenden Tage verließ Kin-Fo, der die gewohnte Mißachtung aller Dinge dieser Welt auch nicht einen einzigen Augenblick verleugnete, allein seine Wohnung. Mit stets unverändertem Schritt wanderte er am rechten Ufer des Creek dahin. An der Holzbrücke angelangt, welche die englische Niederlassung mit der amerikanischen verbindet, überschritt er den Fluß und wendete sich nach einem hübschen Hause zwischen der Missionskirche und dem Consulate der Vereinigten Staaten.

An der Vorderseite dieses Hauses prangte ein großes Kupferschild, auf dem in riesigen Buchstaben folgende Inschrift zu lesen war:

 

Die Hundertjährige.
Gesellschaft für Lebens- und Feuerversicherung.
Garantiecapital: 20,000.000 Dollars.
Generalagent: William J. Bidulph.

 

Kin-Fo öffnete die Thür, hinter der sich noch eine zweite gepolsterte Flügelthür befand, und trat in ein durch zwei armhohe Geländer getheiltes Bureau ein. Verschiedene Pappbände, Bücher mit Nickelschlössern, ein amerikanischer diebessicherer Geldschrank mit Selbstvertheidigung, ferner zwei oder drei Tische, an der die Gehilfen der Agentur arbeiteten, nebst einem vielfächerigen Schreibtische des ehrenwerthen William J. Bidulph: das war die Ausstattung dieses Raumes, der mehr einem Haus des Broadway als einem Gebäude an den Ufern des Wusung anzugehören schien.

William J. Bidulph war in China der Generalagent einer Lebens- und Feuerversicherungs-Gesellschaft, die ihren Sitz in Chicago hatte. Die in den Vereinigten Staaten sehr wohlangesehene »Hundertjährige« – gewiß ein verlockender Titel, der ihr Clienten gewinnen mußte – besaß Zweigniederlassungen und Vertreter in allen fünf Erdtheilen. Sie machte ungeheure und ausgezeichnete Geschäfte, Dank ihrer ebenso umfassenden als liberalen Statuten, welche es erlaubten, sich gegen jede denkbare Gefahr zu versichern.

Auch die Bewohner des Himmlischen Reiches befreundeten sich allmälich mit dem zeitgemäßen Ideenstrom, der die Kassen dieser und ähnlicher Gesellschaften füllte. Sehr viele Gebäude im Reiche der Mitte waren schon gegen Brandschäden versichert, und auch die Policen für den Todesfall trugen, eben wegen der Vielfältigkeit ihrer Bedingungen, chinesische Unterschriften schon in großer Anzahl. Das Schild der »Hundertjährigen« glänzte bereits über vielen Thüren in Shang-Haï und unter anderen auch über dem reich geschmückten Säuleneingange zu Kin-Fo's Yamen. Sein Hab und Gut gegen Feuer zu versichern, das konnte der Grund also nicht sein, weshalb der Schüler Wang's jetzt dem erwähnten William J. Bidulph einen Besuch abstattete.

»Herr Bidulph?« fragte der Eintretende.

William J. Bidulph war bei der Hand, »in Person«, wie der Photograph, der allein arbeitet, stets dem Publikum zu Diensten bereit ist – ein Mann von vierzig Jahren in tadelloser schwarzer Kleidung mit weißer Cravatte und bis auf den Schnurrbart ein ganzer Amerikaner.

»Mit wem hab' ich die Ehre? fragte William J. Bidulph.

– Mein Name ist Kin-Fo aus Shang-Haï.

– Ah, Herr Kin-Fo, einer der Clienten der »Hundertjährigen«, Police Nummer 27.200 ...

– Ganz richtig.

– Es würde mich ungemein freuen, Ihnen zu Diensten sein zu können.

– Ich möchte Sie unter vier Augen sprechen!« antwortete Kin-Fo.

Die Verhandlung zwischen den beiden Männern ging um so leichter von statten, als William J. Bidulph ebensogut chinesisch sprach, wie Kin-Fo englisch.

Der reiche Client wurde also mit der ihm gebührenden Zuvorkommenheit in ein Nebencabinet geführt, das mit dicken Tapeten geschmückt und mit Doppelthüren versehen war, wo man über den Umsturz der Dynastie der Tsing ruhig hätte verhandeln können, ohne Gefahr, von den feinen Ohren der Tipaos des Himmlischen Reiches gehört zu werden.

»Mein Herr, begann Kin-Fo, als sich Beide im Schaukelstuhle vor einem mit Gas geheizten Kamin niedergelassen hatten, ich wünschte mit Ihrer Gesellschaft zu verhandeln, um, im Falle meines Todes, die Auszahlung eines Capitals, dessen Höhe sofort bestimmt werden soll, zu erlangen.

– O, die einfachste Sache von der Welt, antwortete William J. Bidulph; zwei Unterschriften, die Ihrige und die meinige unter einem Policebogen, und die Versicherung ist, bis auf Erfüllung einiger unwesentlichen Formalitäten, abgeschlossen. Doch, Sie erlauben mir eine Frage ... Sie haben doch den Wunsch, nur in sehr hohem Alter zu sterben, der ja übrigens ein sehr natürlicher ist?

– Warum? fragte Kin-Fo. Gewöhnlich deutet der Abschluß einer Lebensversicherung doch weit mehr darauf hin, daß man eher einen frühzeitigen Tod befürchtet ...

– O, mein Herr, erwiderte William J. Bidulph ganz ernsthaft, von einer solchen Furcht kann bei den Clienten der »Hundertjährigen« nicht die Rede sein! Sagt das nicht schon der Name unserer Gesellschaft? Glauben Sie sicher, man erwirbt sich hier die gesicherte Aussicht auf ein sehr langes Leben! Ich bitte um Verzeihung, aber es ist sehr selten, daß unsere Versicherten nicht das hundertste Lebensjahr überschreiten ... sehr ... sehr selten! ... In deren Interesse sollten wir allerdings ihr Leben abzukürzen suchen! Eben aus genannter Ursache erfreut sich ja unsere Gesellschaft einer so hohen Blüthe. Nein, ich wiederhole Ihnen, mein Herr, wer sich in der »Hundertjährigen« einkauft, gewinnt damit fast die Gewißheit, selbst ein solcher Hundertjähriger zu werden!

– So!« bemerkte Kin-Fo ganz gelassen, indem er William J. Bidulph mit frostigen Blicken musterte.

Der Generalagent, der so ernsthaft sprach wie ein Minister, hatte aber gar nicht das Aussehen, als könne er jemals scherzen.

»Sei dem, wie ihm wolle, fuhr Kin-Fo nach kurzer Unterbrechung fort, ich möchte mich mit 200.000 Dollars versichern.

– Ganz recht! Wir sagen also für ein Capital von 200.000 Dollars!« antwortete William J. Bidulph ebenso ruhig.

Und er notirte die Zahl in seinem Buche, als hätte es sich um zehn Dollars gehandelt.

»Es ist Ihnen bekannt, fügte er hinzu, daß die Versicherung erlischt und die bezahlten Prämien, ohne Rücksicht auf deren Betrag, der Gesellschaft verfallen, wenn die Person, auf deren Kopf die Versicherung lautet, durch die That des über die stattgefundene Versicherung unterrichteten Erbberechtigten um's Leben kommt?

– Das weiß ich.

– Und welche Risiken gedenken Sie zu versichern, geehrter Herr?

– Alle.

– Die Gefahren der Reise zu Land und Wasser und auch die eines Aufenthaltes außerhalb der Grenzen des Himmlischen Reiches?

– Ja.

– Das Risico eines gerichtlichen Todesurtheils.

– Gewiß.

– Das eines Zweikampfes?

– Ebenso.

– Das Risico des Militärdienstes?

– Ja wohl.

– Dann wird die Prämie aber ziemlich hoch ausfallen?

– Mag sein, ich bezahle sie.

– Wie Sie wünschen.

– Aber, begann Kin-Fo, es giebt ja noch ein Risico, von dem Sie kein Wort erwähnen.

– Und das wäre?

– Der Selbstmord; ich glaubte, die Statuten der »Hundertjährigen« ließen auch eine Versicherung hiergegen zu.

– Ei freilich, mein Herr, ganz gewiß, antwortete William J. Bidulph, der sich schon die Hände rieb. Das ist sogar unsere reichste Einnahmequelle. Sie begreifen, daß unsere Clienten gewöhnlich Leute sind, die gar sehr am Leben hängen, und gerade Diejenigen, welche sich aus übergroßer Vorsicht auch gegen Selbstmord versichern, legen so gut wie niemals Hand an sich.

– Das gilt mir gleich, antwortete Kin-Fo. Aus persönlichen Gründen will ich mich auch gegen dieses Risico sicher stellen.

– Ganz nach Wunsch; doch steigt damit natürlich auch die Prämie beträchtlich.

– Ich wiederhole Ihnen, daß ich bezahlen werde, was Sie fordern.

– Einverstanden. – Wir sagen also, murmelte William J. Bidulph, der seine Notizen vervollständigte, gegen das Risico der See- und Landgefahren, des Selbstmordes ...

– Nun, und was habe ich in diesem Falle an Prämie zu entrichten? fragte Kin-Fo.

– Mein lieber Herr, antwortete der Generalagent, unsere Prämien sind mit mathematischer Genauigkeit berechnet, was unsere Gesellschaft ruhmvoll auszeichnet. Sie beruhen nicht mehr, wie das früher der Fall war, auf den Sterblichkeitstafeln von Deparcieux ... ah, kennen Sie Deparcieux?

– Nein, ich kenne Deparcieux nicht.

– Ein hervorragender Statistiker, aber schon alt ... so alt, daß er sogar schon gestorben ist. Zur Zeit als er seine weltbekannten Tafeln veröffentlichte, welche noch den meisten europäischen Gesellschaften als Unterlage dienen, war die mittlere Lebensdauer eine kürzere als heute – eine Folge des allseitigen Fortschreitens der Menschheit. Wir dagegen nehmen also eine höhere mittlere Lebensdauer an und bieten dem Versicherten, der eine geringere Prämie bezahlt und länger lebt, unleugbare Vortheile.

– Wie hoch beläuft sich meine Prämie? fragte Kin-Fo noch einmal, in der Absicht, den wortreichen Agenten, der keine Gelegenheit vorübergehen ließ, ohne das Lob der »Hundertjährigen« mit vollen Backen zu preisen, endlich zum Schweigen zu bringen.

– Zur Beantwortung dieser Frage, mein Herr, muß ich mir die indiscrete Frage erlauben: wie alt sind Sie jetzt?

– Einunddreißig Jahre.

– Nun dann, bei jeder anderen Gesellschaft würden Sie in einem Alter von einunddreißig Jahren, wenn es sich nur um Versicherung der gewöhnlichen Risiken handelte, zwei und dreiundachtzig Hundertel Procent entrichten müssen. Bei der »Hundertjährigen« beträgt die Prämie nur zwei und sieben Zehntel Procent, das ergiebt für ein Capital von 200.000 Dollars jährlich fünftausendvierhundert Dollars.

– Und unter den von mir gestellten Bedingungen? warf Kin-Fo ein.

– Bei Versicherung gegen jederlei Gefahr, inclusive des Selbstmordes? ...

– Vorzüglich des Selbstmordes.

– Ja, mein Herr, fuhr William J. Bidulph in liebenswürdigem Tone fort, nachdem er die letzte Seite seines Notizbuches nachgeschlagen, in diesem Falle können wir es nicht unter fünfundzwanzig Procent thun.

– Und das macht?

– Fünfzigtausend Dollars.

– In welcher Weise muß die Prämie bezahlt werden?

– Entweder auf einmal oder monatlich, ganz nach Belieben des Versicherten.

– Was hätte ich also für die ersten zwei Monate zu entrichten?

– Achttausenddreihundertzweiunddreißig Dollars, deren heutige Einlieferung in unsere Casse sie auf zwei Monate, d. h. vom 30. April bis 30. Juni laufenden Jahres, decken würde.

– Einverstanden, mein Herr, erwiderte Kin-Fo kurz und trocken. Hier sind die beiden ersten Monate meiner Prämie!«

Damit legte er ein dickes Packet Dollarsscheine, die er aus der Tasche zog, auf den Tisch nieder.

»Schön, mein Herr ... sehr schön ...! antwortete William J. Bidulph. Vor der Ausfertigung der Police wäre nur noch eine einzige Formalität zu erfüllen.

– Und diese wäre?

– Sie werden den Besuch des Gesellschaftsarztes erhalten.

– Wozu das?

– Um festzustellen, daß Sie von Haus aus von gesunder Constitution sind und an keinem organischen Fehler leiden, der Ihr Leben vorzeitig verkürzen könnte, damit wir einige Sicherheit haben, daß Sie recht lange leben.

– Ich begreife nicht ... da ich mich auch gegen Zweikampf und Selbstmord versichert habe ... bemerkte Kin-Fo.

– Ei, mein lieber Herr, erwiderte William J. Bidulph mit seinem gewöhnlichen Lächeln, trügen Sie den Keim zu einer Krankheit in sich, der sie uns rauben könnte, so würde uns das ein gutes Stück Geld, nämlich 200.000 Dollars kosten!

– Ich denke, mein Selbstmord dürfte Ihnen ebenso theuer zu stehen kommen.

– Bester Herr, antwortete der Agent verbindlich, indem er Kin-Fo's Hand ergriff und sanft darauf klopfte, ich hatte schon die Ehre, Ihnen zu sagen, daß sich Viele unserer Clienten gegen Selbstmord versichert, aber noch niemals Hand an sich gelegt haben. Uebrigens steht es uns frei, Sie überwachen zu lassen, natürlich mit größter Vorsicht.

– Ah so! warf Kin-Fo dazwischen.

– Ich füge als eine persönliche Bemerkung hinzu, daß von allen Clienten der »Hundertjährigen« gerade diese es sind, welche ihre Prämie am längsten entrichten. Und unter uns, warum sollte der reiche Herr Kin-Fo sein Leben eigenmächtig abkürzen?

– Ja, warum mag sich dann der reiche Herr Kin-Fo überhaupt versichern?

– O, sehr einfach, erklärte William J. Bidulph, um die Gewißheit zu haben, sehr lange zu leben, wie alle Clienten der »Hundertjährigen«.

Mit dem Hauptagenten der berühmten Gesellschaft war eben kaum zu streiten. Er hielt sich seiner Sache gar zu sicher.

»Zu wessen Vortheil aber, fügte er hinzu, wird diese Versicherung auf 200.000 Dollars abgeschlossen? Wer wird der Erbe des Contractes sein?

– Als solche sind zwei Personen bestimmt, erwiderte Kin-Fo.

– Welche gleichen Antheil haben sollen?

– Nein, einen ungleichen, der Eine fünfzigtausend Dollars, der Andere hundertfünfzigtausend Dollars.

– Wir setzen also mit fünfzigtausend ein, Herrn ...?

– Wang.

– Den Philosophen Wang?

– Denselben.

– Und mit der übrigen Summe?

– Madame Le-U in Peking.

– In Peking,« wiederholte William J. Bidulph, der die Namen der Rechtsnachfolger aufzeichnete. Dann fuhr er fort:

– Wie alt ist Madame Le-U?

– Einundzwanzig Jahre, antwortete Kin-Fo.

– O, eine noch junge Dame, bemerkte der Agent, welche doch ziemlich bejahrt sein wird, wenn sie in die Lage kommt, das versicherte Capital zu erheben.

– Weshalb, wenn ich bitten darf?

– Ei, weil sie länger als hundert Jahre leben werden, bester Herr. Und der Philosoph Wang?

– Fünfundfünfzig Jahre.

– Nun, dieser gute Mann braucht sich allerdings keine Hoffnung zu machen, jemals einen Cent zu erheben!

– Das wird sich finden, mein Herr!

– Wenn ich, geehrter Herr, antwortete William J. Bidulph, mit fünfundfünfzig Jahren der Erbe eines dreißigjährigen Mannes wäre, der nicht vor seinem hundertsten Jahre sterben wird, so wäre ich nicht so beschränkt, mir überhaupt die geringste Hoffnung zu machen.

– Ergebener Diener, mein Herr, erwiderte Kin-Fo, dem diese Unterhaltung allmälich lästig wurde, kurz, und wendete sich zur Thüre des Cabinets.

– Ganz der Ihrige!« gab der ehrenwerthe William J. Bidulph, indem er sich vor dem neuen Clienten der »Hundertjährigen« verbindlich verneigte, schnell zurück.

Am folgenden Tage machte der Gesellschaftsarzt seinen vorgeschriebenen Besuch bei Kin-Fo. »Ein Körper von Eisen, Muskeln von Stahl, Lungen wie Orgelpfeifen«, so lautete sein Bericht. Es bestand kein Hinderniß für die Gesellschaft, den Vertrag mit einer von Natur so vorzüglich ausgestatteten Persönlichkeit abzuschließen. Die Police wurde also am nämlichen Tage von Kin-Fo einerseits, zu Gunsten der jungen Witwe und des Philosophen Wang, und andererseits von William J. Bidulph als Vertreter der Gesellschaft vorschriftsmäßig unterzeichnet und vollzogen.

Weder Le-U noch Wang sollten, abgesehen von ganz außerordentlichen Umständen, nicht eher erfahren, was Kin-Fo für sie gethan habe, als an dem Tage, wo die »Hundertjährige« in die Lage kam, ihnen das versicherte Capital, die letzte Wohlthat des Millionärs, auszuzahlen.

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