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Die Leiden eines Chinesen in China

Jules Verne: Die Leiden eines Chinesen in China - Kapitel 5
Quellenangabe
authorJules Verne
titleDie Leiden eines Chinesen in China
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
printrunDritte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171009
projectid7dc70083
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Viertes Capitel

In welchem Kin-Fo einen wichtigen Brief, freilich um acht Tage verspätet, erhält.

 

Ein »Yamen« stellt eine Reihe verschiedener in gerader Linie errichteter Gebäude dar, den eine andere Reihe von Kiosk's und Lusthäusern rechtwinkelig schneidet. Gewöhnlich dient ein Yamen als Amtswohnung für höhere Mandarinen und ist er im Besitze des Kaisers; doch verbietet kein Gesetz den reichen Chinesen, sich selbst einen solchen zu erbauen, und in einem dieser prachtvollen »Herrensitze« hauste auch der steinreiche Kin-Fo.

Wang und sein Schüler befanden sich vor dem geöffneten Hauptthore am Vordertheil der Mauer, welche die verschiedenen Baulichkeiten des Yamen und dessen Gärten und Hofräume umschloß.

Wäre dieser, statt des Sitzes eines reichen Privatmannes, die Residenz eines Staats-Mandarinen gewesen, so hätte sich unter dem reich geschnitzten und bemalten Vordache der Thür eine große Trommel befunden. An dieselbe schlagen dann, gleichviel ob am Tage oder in der Nacht, Diejenigen an, welche sich über irgend etwas zu beklagen hatten und Gerechtigkeit suchten. An Stelle dieser »Anklage-Trommel« schmückten hier den Eingang zum Yamen große Porzellanvasen mit kaltem Thee, für dessen Vorhandensein der erste Hausmeister stets Sorge zu tragen hatte. Der Inhalt jener Vasen stand jedem Vorübergehenden zur freien Verfügung, eine Freigebigkeit, welche Kin-Fo zu hoher Ehre gereichte. Er war in Folge dessen auch »wohlangesehen, wie man sagte, bei allen Nachbarn im Osten wie im Westen«.

Bei der Ankunft des Herrn lief die ganze Dienerschaft des Hauses zur Begrüßung desselben am Thore zusammen. Kammerdiener, Läufer, Thorhüter, Chaisenträger, Stallknechte, Kutscher, Aufwärter, Nachtwächter, Köche, kurz Alles, was die Dienerschaft eines vornehmen chinesischen Hauses bildet, stand unter Anführung des Hausmeisters in Reih' und Glied. Ein Dutzend nur für die niedrigsten Arbeiten gemiethete Kulis hielten sich etwas beiseite.

Der Hausmeister wünschte dem Herrn ein Willkommen. Dieser erwiderte dasselbe kaum durch eine Handbewegung und ging schnell vorüber.

»Soun! rief er kurz.

– Soun! antwortete Wang mit Lachen, wenn der da wäre, so wäre es Soun gar nicht mehr!

– Wo ist Soun?« wiederholte Kin-Fo.

Der Hausmeister mußte gestehen, daß Niemand von seinem Verbleiben wisse.

Soun nahm nun aber die Stelle des ersten Kammerdieners bei Kin-Fo selbst ein, und Letzterer konnte ihn keinen Augenblick entbehren.

Soun war also wohl das Muster eines Dieners? Keineswegs. Keiner waltete seines Amtes nachlässiger als er. Zerstreut, bald dies, bald jenes vornehmend, ungeschickt in Worten und Werken, Feinschmecker im höchsten Grade, einigermaßen Störenfried, kurz, ein richtiger Chinese von der spanischen Wand, war er doch ein treu ergebener Mensch und allein im Stande, seinen Brotherrn zu erregen. Zwanzigmal des Tages fand Kin-Fo Ursache, über Soun böse zu werden, und wenn er ihn nur zehnmal ausschalt, so brachte es ihn doch ebenso viele Male aus seiner gewöhnlichen Trägheit und setzte seine Galle in Bewegung. Es war sozusagen wirklich ein hygienischer Diener.

Soun stellte sich übrigens, so wie die meisten chinesischen Dienstboten, selbst zur Entgegennahme der Bestrafung ein, wenn er eine solche verdient hatte. Sein Herr verschonte ihn damit niemals. Doch wenn es auch Rohrhiebe auf seinen Rücken hagelte, so kümmerte das Soun blutwenig. Ungemein empfindlich, erwies er sich dagegen gegen die stückweisen Verstümmelungen, durch welche Kin-Fo seinen auf dem Rücken herabhängenden Zopf unnachsichtlich verkürzte, wenn es sich um ein ernsteres Vergehen handelte.

Es ist bekannt, welch' hohen Werth die Chinesen im Allgemeinen auf dieses bizarre Anhängsel legen. Der Verlust des Zopfes ist die erste Strafe des Verbrechers, wodurch er Zeit seines Lebens geschändet wird. Auch der bedauernswerthe Kammerdiener fürchtete nichts mehr als die Verurtheilung zum Verluste eines Stückes dieses besten Schmuckes. Vor vier Jahren, als Soun in Kin-Fo's Dienste trat, maß sein Zopf – eines der schönsten Exemplare im ganzen Himmlischen Reiche – gut ein und ein viertel Meter. Heute war er nur noch siebenundfünfzig Centimeter, also nicht einmal halb so lang.

Wenn das so fort ging, mußte Soun binnen zwei Jahren kahl sein!

Inzwischen durchschritten Wang und Kin-Fo, die Dienerschaft ehrfurchtsvoll hinter ihnen, den Garten, dessen meist in gebrannten Thongefäßen stehende Bäume höchst kunstreich, aber leider so albern beschnitten waren, daß sie in Form phantastischer Thiergebilde erschienen. Dann wandelten sie um das von »Gouramis« und rothen Fischen belebte Bassin, dessen klares Wasser vor den blaßrothen großen Blüthen der »Nelumbo«, der schönsten im Reiche der Blumen einheimischen Nymphäe, kaum zu sehen war. Sie begrüßten die hieroglyphische Darstellung an einer besonders dazu aufgeführten Mauer, welche eine symbolische, lebhaft gefärbte Frescomalerei bildete, und gelangten endlich nach der Hauptthür des Wohnhauses im Yamen.

Dieses Gebäude bestand aus einem Erdgeschoß mit einer Etage darüber, und war auf einer Terrasse, nach welcher sechs breite Marmorstufen hinaufführten, errichtet. Bambusflechtwerk vor den Thüren und Fenstern milderte durch seinen Schatten einigermaßen die drückende Hitze und hinderte dabei doch nicht den Wechsel der Luft im Innern des Hauses. Das flache Dach des letzteren unterschied sich auffallend von den phantastischen Dachstühlen der innerhalb des Yamen launenhaft verstreuten Pavillons, die mit ihren seltsamen Zinnen, den bunten Dachziegeln und den feinen, Arabesken bildenden Backsteinen das Auge ergötzten.

Im Innern befanden sich, mit Ausnahme der eigentlichen Wohnzimmer für Kin-Fo und Wang, größere Räume, von den umgebenden kleineren Gemächern mittelst durchscheinender Wände getrennt, über welche sich gemalte Blumenguirlanden hinzogen oder Kernsprüche aus der chinesischen Moral, mit denen man überhaupt nicht geizig ist, zu lesen waren. Ueberall standen sonderbar gestaltete Sitze aus gebranntem Thon oder Porzellan, aus Holz oder Marmor, ohne hier ein Dutzend Polstermöbel von mehr einladender Weichheit zu übergehen; überall hingen Lampen und Laternen in mannigfachster Gestalt aus zartgefärbtem Glase, und mit Quasten, Fransen und dergleichen reichlicher ausgeputzt als ein spanisches Maulthier; vielfach standen auch jene kleinen Theetischchen umher, welche man »Tcha-ki« nennt und als unentbehrlichen Bestandtheil einer chinesischen Zimmereinrichtung ansieht. Bei Betrachtung der Kunstwerke aus gravirtem Elfenbein und Perlmutter, der eingelegten Bronzen, der Räuchergefäße, der mit Gold- und Silber-Filigranarbeiten geschmückten lackirten Gegenstände, der milchweißen und smaragdgrünen Nephrite, der runden oder prismatischen Vasen von der Dynastie der Ming und Tsing her, des noch gesuchteren Porzellans aus der Zeit der Dynastie der Yen, der Emailarbeiten mit rosenrothen und gelben durchscheinenden Wänden, deren Herstellung noch heute ein ungelöstes Räthsel ist, hätte man mehrere Stunden zwar nicht verloren, aber gewiß darauf verwenden müssen. Diese luxuriöse chinesische Wohnung zeigte mit einem Worte die ganze chinesische Phantasie in Verbindung mit dem Comfort Europas.

In der That gehörte Kin-Fo, wie wir es schon aussprachen und sein Geschmack es bezeugte, zu den Anhängern des Fortschrittes. Keiner neueren Erfindung der Abendländer gegenüber verhielt er sich ablehnend und gehörte der noch kleinen Kategorie der Söhne des Himmels an, welche es sich angelegen sein lassen, gründliche Kenntnisse der Chemie und Physik zu erwerben. Er hielt sich fern von den Barbaren, deren ruchlose Hand die Telegraphendrähte durchschnitt, welche die Firma Reynolds bis Wusung hinleiten wollte, um die mit der englischen und amerikanischen Post anlangenden Nachrichten schneller zu verbreiten; wie von jenen befangenen Mandarinen, welche, um die Anheftung des unterseeischen Kabels zwischen Shang-Haï und Hong-Kong an dem Gebiete des Reiches zu umgehen, die Unternehmer zwangen, dasselbe auf einem in dem Flusse verankerten Fahrzeuge zu befestigen.

Im Gegentheil! Kin-Fo stimmte Denen bei, die das Gouvernement lobten, die Arsenale und Werften von Fu-Chao unter der Leitung französischer Ingenieure angelegt zu haben. Er besaß auch Antheilscheine der chinesischen Dampfer-Gesellschaft, welche in rein nationalem Interesse den Verkehr zwischen Tien-Tsin und Shang-Haï besorgt, und war ebenso betheiligt an den schnellsegelnden Schiffen, welche die englische Post von Singapore um drei bis vier Tage überholen.

Wie erwähnt, drangen ihm die neuzeitlichen Fortschritte leicht in Fleisch und Blut ein. So setzten z. B. telephonische Apparate die einzelnen Baulichkeiten seines Yamen mit einander in Verbindung. Elektrische Klingeln befanden sich in allen Räumen der Wohnung. Während der kalten Jahreszeit ließ er Feuer anzünden und wärmte sich ohne Scheu vor der Landessitte, vernünftiger als seine Mitbürger, welche vor dem leeren Herde trotz ihrer, vier- und fünffachen Bekleidung zittern vor Frost. Er erleuchtete sein Haus mit Gas, so gut wie der Oberzoll-Inspector von Peking oder der steinreiche Mr. Yang, der Hauptbesitzer der Leihanstalten im Reiche der Mitte. Endlich benützte der fortschrittliche Kin-Fo unter Vermeidung des veralteten Hilfsmittels der Schrift bei seiner vertraulichen Correspondenz – wie wir bald sehen werden – den von Edison kürzlich zu hoher Vollkommenheit entwickelten Phonographen.

Dem Schüler Wang's fehlte es also, sowohl nach materieller als auch nach geistiger Seite eigentlich an nichts, um glücklich zu sein. Und doch war es nicht! Er hatte sogar Soun, um seinen Unmuth täglich an Jemand auszulassen, doch auch Soun konnte ihm das gesuchte Glück nicht gewähren.

Eben jetzt zeigte sich von Soun, der überhaupt niemals am rechten Platze war, nicht die leiseste Spur. Er mochte wohl irgend einen bedeutenderen Fehler, irgend eine grobe Dummheit während der Abwesenheit des Herrn begangen haben, und wenn auch, nicht für seinen Rücken, der sich an den darauf tanzenden Rohrstock schon genügend gewöhnt hatte, so fürchtete er, allem Anscheine nach, doch desto mehr für seinen geliebten Zopf.

»Soun! rief Kin-Fo noch einmal, als er in den Vorraum mit den Eingängen zu den Salons der rechten und linken Seite trat, während der Ton seiner Stimme eine schlecht verhehlte Ungeduld erkennen ließ.

– Soun! wiederholte auch Wang, dessen Ermahnungen und gute Rathschläge bei dem unverbesserlichen Diener immer erfolglos verhallten.

– Man suche Soun und bringe ihn mir her!« befahl Kin-Fo, sich an den Hausmeister wendend, der sofort alle Füße zur Aufsuchung des Unsichtbaren in Bewegung setzte.

Wang und Kin-Fo blieben allein.

»Die Weisheit, begann der Philosoph, empfiehlt dem Reisenden, der nach seinem Herd zurückgekehrt, sich einige Ruhe zu gönnen.

– Seien wir also weise!« antwortete gelassen der Schüler Wang's.

Er drückte leise des Philosophen Hand und begab sich in sein Zimmer, während Wang sich in das seinige zurückzog.

Als er allein war, streckte sich Kin-Fo auf einem jener weichen Divans europäischen Fabrikates aus, welche ein chinesischer Tapezierer nimmer hätte in gleicher Weise herstellen können. Er versank in Nachdenken. Sann er nach über seine Heirath mit der liebenswürdigen hübschen Frau, welche die Gefährtin seines Lebens werden sollte? Wahrscheinlich, denn schon am nächsten Tage wollte er ja zu ihr hineilen. Die Erwählte seines Herzens wohnte nämlich nicht selbst in Shang-Haï. Sie weilte in Peking, und Kin-Fo hielt es für passend, ihr gleichzeitig mit der Nachricht von der Rückkehr nach Shang-Haï seine nahe bevorstehende Ankunft in der Hauptstadt des Himmlischen Reiches anzumelden. Es darf wohl nicht wundernehmen, wenn sich in ihm ein lebhafter Wunsch, ja eine gewisse Sehnsucht regte, sie wiederzusehen. Er war ihr ja wirklich mit aufrichtiger Neigung zugethan. Wang hatte ihm das nach den unbestreitbarsten Regeln der Logik bewiesen, und dieses in sein Leben neu eintretende Element konnte ihm vielleicht ein noch unbekanntes Etwas bieten, nämlich das Glück ... das ... welches ... von dem ...

Träumend schloß der gute Kin-Fo die Augen und wäre jetzt gewiß sanft eingeschlummert, wenn er nicht plötzlich ein gewisses Kitzeln in der rechten Hand gefühlt hätte.

Instinctmäßig schlossen sich seine Finger und erfaßten dabei einen cylindrischen Körper mit schwachen Knoten und von ansehnlicher Länge, den sie gewiß richtig anzuwenden gewohnt waren.

Kin-Fo konnte sich nicht darüber täuschen, daß ein Rohrstock in seine Hand geglitten war, denn gleichzeitig klangen ihm auch einige mit höchst resignirter Stimme gesprochene Worte in's Ohr:

»Wann es dem Herrn beliebt!« verstand er erwachend.

Kin-Fo erhob sich und schwang, wie in Folge einer natürlichen Bewegung, das elastische Besserungs-Instrument.

Vor ihm stand tief zusammengebückt der zerknirschte Soun und bot ihm geduldig die breiten Schultern. Mit der einen Hand stützte er sich dabei auf den Teppich des Zimmers, mit der anderen hielt er seinem Richter einen Brief hin.

»Bist Du endlich da, Du Schlingel! herrschte ihn Kin-Fo an.

– Ai, ai, ya! seufzte Soun. Ich erwartete den Herrn erst in der dritten Woche! Wann es Ihnen beliebt.«

Kin-Fo warf den Rohrstock zur Erde. So gelb Soun von Natur auch aussah, jetzt wurde er doch bleich wie Wachs.

»Wenn Du den Rücken ohne jede Erklärung herhältst, so hast Du auch mehr verdient als das! Was ist geschehen?

– Hier, dieser Brief! ...

– So rede doch! rief Kin-Fo, den Brief aus Soun's Händen nehmend.

– Ich war so ungeschickt, zu vergessen, Ihnen diesen Brief nicht vor der Abreise nach Canton auszuhändigen.

– Um acht Tage verspätet!

– Ja, Herr, ich habe Unrecht gethan!

– Hierher!

– Ich bin wie eine arme Krabbe ohne Füße, die nicht fort kann! Ai, ai, ya!«

Die letzteren Ausrufe waren ein Schrei der Verzweiflung, denn Kin-Fo hatte Soun am Zopfe gepackt und schnitt ihm mit scharfer Scheere das Ende desselben ab.

Man muß wohl annehmen, daß der Krabbe die Füße schnell wieder gewachsen waren, wenigstens lief der arme Teufel eiligst davon, ohne sich sogar um den auf der Erde liegenden Appendix seines Kopfschmuckes zu bekümmern.

Von siebenundfünfzig Centimeter Länge war Soun's Zopf auf fünfundvierzig eingeschrumpft.

Gänzlich beruhigt, hatte sich Kin-Fo wieder auf den Divan geworfen und betrachtete, als habe er nicht die geringste Eile, das seit acht Tagen eingetroffene Schreiben. Er zürnte Soun ja nur wegen der Nachlässigkeit, nicht wegen der Verspätung. Was in aller Welt konnte dieser Brief auch besonders Interessantes enthalten? Für ihn hatte er doch dann allein einen Werth, wenn er ihn zu erregen vermochte. Aber was konnte diese Macht haben?

Er betrachtete ihn also doch nur zerstreuten Blickes.

Der aus Steifleinwand bestehende Umschlag zeigte auf beiden Seiten etwas weinrothe und chocoladebraune Briefmarken und unter dem Kopfbilde eines Mannes auf denselben die Bezeichnung »zwei« und »sechs Cents«.

Hieraus war zu ersehen, daß die Sendung aus den Vereinigten Staaten von Nordamerika herrührte.

»Schön! murmelte Kin-Fo achselzuckend, nichts als eine Mittheilung meines Correspondenten in San-Francisco!«

Und er warf den Brief verächtlich in eine Ecke des Divans.

Was konnte ihm jener Correspondent auch zu melden haben? Daß die Papiere, welche nahezu sein ganzes Vermögen repräsentirten, ruhig in den Schränken der Californischen Centralbank lagen, daß seine Actien um 15 oder 20 Procent gestiegen seien oder daß die diesjährige Dividende die des Vorjahres übersteigen werde u.s.w.

Einige Tausend Dollars mehr oder weniger, das konnte ihn nicht aus der gewohnten Ruhe bringen!

Ganz gedankenlos ergriff er einige Minuten später den Brief auf's Neue und zerriß mechanisch dessen Couvert; statt ihn jedoch zu lesen, sah er nur nach dessen Unterschrift.

»Richtig, sprach er für sich, es ist ein Schreiben meines Correspondenten. Der kann mir nur von Geschäften reden! Das hat Zeit bis morgen!«

Schon wollte Kin-Fo den Brief ein zweites Mal beiseite legen, als sein Auge plötzlich auf ein, in den Zeilen der Vorderseite des zweiten Blattes wiederholt vorkommendes, besonderes Wort fiel. Es war das Wort »Passiva«, auf welches der amerikanische Correspondent die Aufmerksamkeit seines Clienten in Shang-Haï offenbar absichtlich besonders hinzulenken bemüht gewesen schien.

Jetzt erst sah Kin-Fo nach dem übrigen Inhalte der Zeilen und las dieselben vom Anfang bis zum Ende, nicht ohne eine bei ihm immerhin etwas auffällige Neugier. Einen Augenblick lang zogen sich seine Augenbrauen zusammen; bald aber, als er zu Ende gekommen, spielte wieder ein verächtliches Lächeln um seine Lippen.

Kin-Fo erhob sich darauf, ging mehrmals im Zimmer auf und ab und näherte sich auch dem Sprachrohre, das ihn mit Wang in unmittelbare Verbindung setzte. Schon setzte er das Mundstück an, um den Genannten anzurufen; doch er besann sich eines Besseren, ließ den Kautschuk fallen und streckte sich wieder auf dem Divan aus.

»Pah!« machte er tief athmend.

Der ganze Kin-Fo sprach sich in dieser Silbe aus.

»Und sie! murmelte er. Sie ist bei der ganzen Geschichte eigentlich viel mehr interessirt als ich!«

Er näherte sich darauf einem lackirten Tischchen, auf dem ein länglich viereckiges, kostbar geschnitztes Kästchen stand. Schon wollte er es öffnen, doch zögerte seine Hand noch einmal.

»Was enthielt denn ihr letzter Brief?« murmelte er.

Statt den Deckel jenes Kästchens zu lüften, löste er jetzt eine Feder an dessen schmale Seite aus.

Sofort ließ sich eine sanfte Stimme vernehmen.

»Mein lieber kleiner älterer Bruder! Bin ich nicht mehr Deine Meihua-Blume im ersten Monde, Deine Aprikosenblüthe im zweiten und Deine Pfirsichblüthe im dritten Monde? Mein theures Herz von kostbarem Edelstein, ich grüße Dich tausend, zehnmal tausendmal! ...«

Es war die Stimme der jungen Witwe, deren zärtliche Worte der Phonograph naturgetreu wiedergab.

»Arme kleine jüngere Schwester!« sagte Kin-Fo.

Dann öffnete er das Kästchen, entnahm demselben das mit feinen Strichen bedeckte Blättchen, welches eben alle Modulationen der entfernten Stimme getreulich hervorgebracht hatte, und ersetzte es durch ein anderes.

Der Phonograph besaß schon die vollendete Construction, daß es hinreichte, mit mäßig lauter Stimme hineinzusprechen, um die schwingende Membran in Bewegung zu setzen, wobei eine durch ein Uhrwerk gleichmäßig getriebene Welle die Worte auf dem eingelegten Blättchen fixiren ließ.

Etwa eine Minute lang sprach Kin-Fo. Aus seiner gleichmäßig ruhigen Stimme hätte Niemand errathen können, ob ihm die Gedanken unter dem Einflusse der Freude oder Traurigkeit aufstiegen.

Drei bis vier Sätze, nicht mehr, das war Alles, was Kin-Fo sprach. Dann hemmte er die Bewegung des Phonographen und entnahm demselben das Blättchen, auf welchem die von der Membran bewegte Nadel feine schiefe Striche verschiedener Länge, seinen Worten entsprechend, erzeugt hatte; dieses Blättchen schob er in ein Couvert ein, versiegelte dasselbe und schrieb darauf, doch von der rechten zur linken Seite:

»Madame Le-U,
        Cha-Chua-Allee.
                Peking.«

Eine elektrische Klingel rief sofort den Diener herbei, dem die Beförderung der Correspondenz oblag. Er erhielt Auftrag, den Brief sofort zur Post zu besorgen.

Eine Stunde später schlummerte Kin-Fo ganz friedlich, wobei er in den Armen seinen »Tchu-Fu-jen« hielt, d.i. eine Art Schlummerrolle aus feinem Bambusgeflecht, mittelst welcher man sich auch in chinesischen Betten eine unter jenen warmen Himmelsstrichen besonders geschätzte erträgliche Temperatur zu sichern vermag.

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