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Die Leiden eines Chinesen in China

Jules Verne: Die Leiden eines Chinesen in China - Kapitel 4
Quellenangabe
authorJules Verne
titleDie Leiden eines Chinesen in China
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
printrunDritte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171009
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Drittes Capitel

In dem der Leser ohne Beschwerde einen Ueberblick über die Stadt Shang-Haï gewinnt.

 

Ein chinesisches Sprichwort sagt:

»Wenn die Säbel rosten, glänzen die Spaten –

»Wenn die Kerker leer werden, füllen sich die Speicher –

»Wenn die Tempelstufen von den Tritten der Gläubigen abgenützt und die Gerichtshoftreppen mit Gras bedeckt sind –

»Wenn die Aerzte zu Fuße gehen und die Fleischer reiten –

»Dann ist das Reich am besten verwaltet.«

Das Sprichwort ist gut. Man könnte es wohl mit demselben Rechte auf alle Staaten der Alten und Neuen Welt anwenden. Wenn es aber überhaupt einen giebt, wo dieser fromme Wunsch seiner Erfüllung am fernsten ist, so ist das vor Allem das Himmlische Reich. Hier glänzen die Säbel und rosten die Spaten, hier strotzen die Kerker von Unglücklichen und leeren sich die Speicher. Die Fleischer gehen weit mehr zu Fuß als die Aerzte, und wenn auch die Pagoden noch fromme Seelen anlocken, so fehlt es dagegen auch den Gerichtshöfen niemals weder an Anklägern noch an Vertheidigern.

Uebrigens kann ein Reich von 180.000 Quadratmeilen, das von Norden nach Süden über 800, von Osten nach Westen mehr als 900 Meilen mißt, das ohne die Tributärstaaten, die Mongolei, Mantschurei, Tibet, Tonking, Korea, die Inseln Liu-Tchu u. a. m. allein achtzehn ungeheure Provinzen umfaßt, ein solches Reich kann wohl auch niemals tadellos verwaltet werden. Wenn die Chinesen darüber nur einen leisen Zweifel hegen, so sind alle Fremden in dieser Hinsicht vollkommen einig. Höchstens der Kaiser allein, der in seinem Palaste eingeschlossen lebt und nur sehr selten durch dessen, von einer dreifachen Stadtmauer beschützten Thore herauskommt, dieser Sohn des Himmels, der Vater und die Mutter seiner zahllosen Unterthanen, dem durch das Recht der Geburt die Einkünfte des Reiches zufließen, dieser Selbstherrscher, der nach Belieben Gesetze giebt oder aufhebt, dem das Recht über Leben und Tod Aller zusteht und vor dem sich alle Stirnen in den Staub beugen – nur er allein ist vielleicht der Meinung, daß hier Alles besser geordnet ist als in der übrigen Welt. Es wäre auch vergeblich, ihn davon überzeugen zu wollen, daß er sich irre. Ein Sohn des Himmels irrt sich eben niemals.

Von Kin-Fo war man fast versucht zu glauben, daß er die europäische Regierungsweise der chinesischen vorzog. So wohnte er schon nicht in Shang-Haï, sondern außerhalb auf dem Gebiete der englischen Niederlassung, die sich eine gewisse Autonomie zu bewahren gewußt hat.

Die eigentliche Stadt Shang-Haï liegt am linken Ufer des kleinen Flusses Huang-Pu, der sich rechtwinkelig mit dem Wusung vereinigt und in den Yantse-Kiang oder Blauen Fluß ausmündet, der dem Gelben Meere zuströmt.

Sie bildet ein von Norden nach Süden verlaufendes Oval und hat in ihren hohen Mauern fünf nach den Vorstädten führende Thore. Ein unentwirrbares Netz mit groben Steinen gepflasterter Straßen, welche unsere modernen Reinigungsmaschinen bald verderben würden; dunkle Läden ohne Vorbau oder Schaufenster, in denen sich halbnackte Händler bewegen; kein Wagen, kein Palankin und nur selten ein Reiter; einige Tempel der Einheimischen neben Kapellen der Ausländer; an Stelle von Spaziergängen nichts als ein »Theegarten« und ein ziemlich morastiger Paradeplatz auf ausgefülltem Lande, das früher Reisplantagen einnahmen und dem noch heute sumpfige Gase entströmen; und in jenen Straßen mit ihren schmalen, aber tiefen Häusern eine Bevölkerung von über 200.000 Seelen – das ist das Bild dieser, bezüglich ihrer Wohnlichkeit wenig einladenden, für den Handel aber doch ungemein wichtigen Stadt.

Hier war es nämlich, wo die Fremden nach dem Vertrage von Nan-King zuerst das Recht erlangten, Comptoirs zu errichten. Diese Stadt diente den europäischen Kaufleuten als das erste offene Thor für ihren Handel nach China. Außerhalb Shang-Haïs und seiner Vorstädte überließ dazu die Regierung gegen eine jährliche Rente drei Stück Land den Engländern, Amerikanern und Franzosen, welche zusammen etwa 2000 Köpfe zählen.

Ueber die französische Niederlassung, die unbedeutendste von allen, ist nicht viel zu sagen. Dieselbe grenzt fast an die nördliche Umwallung der Stadt und reicht bis zu dem Bache Yang-King-Pang, der sie von dem englischen Gebiete trennt. Hier erheben sich die Kirchen der Lazaristen und der Jesuiten, welche auch, vier Meilen von Shang-Haï, das Collegium von Tsikave besitzen, wo Eingeborne zu Geistlichen herangebildet werden. Die französische Kolonie bleibt jedoch weit hinter den zwei anderen zurück. Von den im Jahre 1861 gegründeten zehn Handelshäusern sind nur noch drei übrig, und selbst das Wechsel-Comptoir hat es später vorgezogen, auf englisches Gebiet überzusiedeln.

Das amerikanische Territorium nimmt weiter rückwärts die nach dem Wusung zu gelegene Fläche ein. Von dem englischen Gebiete ist es durch den mit einer Brücke überspannten Su-Tcheu-Creek abgegrenzt. Hier befinden sich das Hotel Astor und die Missionskirche und liegen auch die zur Ausbesserung der europäischen Schiffe ausgegrabenen Docks.

Von allen drei Ansiedelungen steht aber die englische ohne Widerspruch in höchster Blüthe. Prächtige Wohngebäude längs der Quais, Häuser mit lauschigen Veranden oder duftenden Gärten, Paläste der Handelsfürsten, die »Oriental-Bank«, der »Hong« des weltberühmten Hauses Dent nebst seiner mit ihm verbundenen Firma Lao-Tchi-Tchang's, die Comptoirs der Jardyne, Russel und anderer bedeutender Geschäfte, der englische Club, das Theater, Ballhaus, die Rennbahn und Bibliothek, das bietet Alles diese reiche Schöpfung der Angelsachsen, welche mit Recht den Namen einer »Musterkolonie« erhalten hat.

Es erregt deshalb wohl auch weniger Verwunderung, auf diesem privilegirten Territorium unter höchst liberaler Verwaltung nach Leon Rousset's Berichte »eine chinesische Stadt von ganz eigentümlichem Charakter zu finden, die nirgends ihres Gleichen besitzt«.

Auf diesem kleinen Fleckchen Erde sieht also der Fremde, der auf dem pittoresken Wege des Blauen Flusses hierher gelangte, vier verschiedene Landesflaggen im Winde flattern, nämlich die drei französischen Farben, die »Macht« des Vereinigten Königreiches, das Sternenbanner Amerikas und das auf grünem Grunde liegende gelbe Andreaskreuz des Landes der Blumen.

Die nächste Umgebung von Shang-Haï zeigt eine Ebene ohne Bäume, durch welche sich schmale, steinichte Landstraßen und einander rechtwinkelig kreuzende Fußwege hinziehen; dazwischen Cisternen und »Arroyos« zur Bewässerung der ausgedehnten Reisfelder, Kanäle mit Djonken, welche mitten durch die Anpflanzungen dahingleiten wie die Barken in den holländischen Niederungen. Es ist ein großes Bild von vorherrschend grüner Farbe, aber ohne Rahmen.

Die »Perma« hatte bei ihrer Ankunft am Quai des einheimischen Hafens, vor der östlichen Vorstadt Shang-Haïs angelegt. Hier gingen auch Wang und Kin-Fo im Laufe des Nachmittags an's Land.

Das Gedränge der Geschäftsleute am Ufer war ungeheuer, auf dem Flusse selbst unbeschreiblich. Djonken zu Hunderten, Blumenboote, Sampans, d. s. Gondeln, welche nur durch Ruder fortbewegt werden, Gigs und andere Fahrzeuge jeder Größe bildeten zusammen eine ganze schwimmende Stadt, wo eine Bevölkerung von Seeleuten und Stromschiffern wohnte, welche mindestens auf 40.000 Seelen abzuschätzen ist – eine Volksklasse von niedrigem Range, aus der selbst die Wohlhabenden nicht Gelehrte oder Mandarinen werden können.

Die beiden Freunde gingen langsamen Schrittes über den Quai mitten durch die bunte Menge von Händlern aller Art, wie Verkäufern von Erdnüssen, Orangen, Arekanüssen und Pomeranzen, von Seeleuten aller Nationen, Wasserträgern, Wahrsagern, Bonzen, Lamas, katholischen Priestern in chinesischer Tracht mit Zopf und Fächer, eingebornen Soldaten, »Tipaos«, das sind Stadtpolizisten, und »Compradores« oder reisenden Mäklern, welche die Geschäfte für die europäischen Häuser vermitteln und ausführen.

Kin-Fo bewegte sich, den Fächer in der Hand, theilnahmslos durch die Menge und hatte kein Auge für das, was um ihn vorging. Weder der metallische Klang der mexikanischen Piaster, noch der Silber-Taëls oder der Kupfer-Sapeken, Piaster = M. 4,25 = fl. 2,12; 1 Taël = M. 6 bis 7 = fl. 3 bis 3½; die Sapeke = ½ Pfennig = ¼ Neukreuzer. welche Käufer und Verkäufer geräuschvoll aus einer Hand in die andere gehen ließen, vermochte ihn abzulenken. Er besaß ja selbst so viel, um die ganze Vorstadt kaufen und baar bezahlen zu können.

Wang seinerseits hatte einen ungeheueren gelben, mit schwarzen monströsen Gestalten geschmückten Regenschirm aufgespannt und suchte, immer »auf der Lauer«, wie sich das für einen Vollblut-Chinesen geziemt, einen seiner Aufmerksamkeit würdigen Gegenstand.

Als sie an dem »Thore des Ostens« vorüberkamen, streifte sein Blick zufällig ein Dutzend Bambusstangen, von denen noch die Köpfe der am Tage vorher Hingerichteten herabgrinsten.

»Vielleicht, sagte er halblaut, gäb' es doch etwas Besseres zu thun, als Köpfe abzuschlagen. Man thäte gescheidter daran, die Leute etwas aufgeklärter zu machen!«

Kin-Fo entging offenbar Wang's Ausspruch, der ihn, als von einem alten Taï-Ping herrührend, gewiß verwundert hätte.

Beide folgten dem Quai, der sich um die Mauern der chinesischen Stadt herum fortsetzt, schweigend weiter.

Am Ende der Vorstadt, nahe der französischen Niederlassung, erregte ein Eingeborner in langem, blauem Oberkleide, der mit einem kleinen Stock auf ein dumpf tönendes Büffelhorn schlug, die Aufmerksamkeit der Menge.

»Ein Sien-cheng, begann der Philosoph.

– Was geht das uns an? erwiderte Kin-Fo.

– Freund, fuhr Wang fort, befrage ihn um Deine Zukunft. Jetzt, da Du Dich verheiraten willst, ist es die passendste Zeit.«

Kin-Fo wollte seinen Weg fortsetzen. Wang hielt ihn zurück.

Der »Sien-cheng« ist eine Art populärer Prophet, der für einige Sapeken den Leuten die Zukunft vorhersagt. Als professionelle Geräthschaften führt er nichts Anderes bei sich als einen Käfig mit einem kleinen Vogel darin, den er, an einen Rockknopf gehängt, trägt, und ein Spiel von vierundsechzig Karten, welche die Gestalten von Göttern, Menschen und Thieren darstellen. Die im Allgemeinen abergläubischen Chinesen aller Klassen legen auf diese Weissagungen des Sien-cheng, der sie wahrscheinlich selbst nicht sehr ernst nimmt, dennoch hohen Werth.

Auf ein Zeichen Wang's breitete jener einen baumwollenen Teppich auf der Erde aus, setzte den Vogelbauer in dessen Mitte, ergriff sein Kartenspiel, mischte dasselbe und breitete es, die Bilder verdeckt, auf dem Teppich aus.

Hierauf öffnete er die Thür des Käfigs. Der kleine Vogel hüpfte heraus, wählte eine Karte aus und schlüpfte, belohnt mit einem Reiskörnchen, in seinen Bauer zurück.

Der Sien-cheng wendete die Karte um. Diese zeigte das Bild eines Mannes nebst einigen Worten in Kunan-runa-Schriftzügen, der officiellen Mandarinensprache des Nordens, welcher sich die gebildeten Leute zu bedienen pflegen.

Darauf wandte sich der Weissager an Kin-Fo und prophezeite ihm, was wahrscheinlich auch alle Collegen desselben, ohne sich zu compromittiren, gesagt hätten, daß er nach einer demnächstigen Prüfung zehntausend Jahre des reinsten Glückes zu gewärtigen habe.

»Eines, antwortete Kin-Fo, nur ein einziges, die übrigen will ich Dir schenken!«

Dann warf er einen Silber-Taël auf die Erde, auf den sich der Prophet wie ein verhungerter Köter, dem man einen guten Knochen anbietet, eiligst stürzte. Solch' ein Glücksregen traf ihn nicht alle Tage.

Nachher begaben sich Wang und sein Schüler nach der französischen Kolonie hin, der Erstere in Gedanken über jene Vorhersagung, die mit seinen eigenen Ansichten über das Glück so auffallend übereinstimmte, der Andere in der Ueberzeugung, daß ihn keine Prüfung treffen könne.

So kamen sie am Gebäude des französischen Consulats vorbei, überschritten, eine Strecke weiterhin, die kleine Brücke über den Yang-King-Pang, und schlugen nun eine schräg durch die englische Niederlassung führende Richtung ein, um nach dem Quai des europäischen Hafens zu gelangen.

Jetzt läutete es zum Mittagsessen. Die vorher so lebhaften Geschäfte fanden wie durch Zauberschlag ein Ende. Der Arbeitstag war sozusagen geschlossen und folgte die Ruhe auf das Lärmen, selbst in der englischen Stadt, welche in dieser Beziehung ganz chinesisch geworden war.

Eben langten mehrere Schiffe, die meisten unter der Flagge des Vereinigten Königreichs, im Hafen an. Leider muß man sagen, daß unter je zehn neun derselben mit Opium befrachtet sind. Diese entnervende Drogue, mit der England das Reich der Mitte überschwemmt, veranlaßt einen Handel, dessen Werth mehr als zweihundert Millionen Mark beträgt und der wohl dreihundert Procent Nutzen abwirft. Vergebens bemühte sich die chinesische Regierung, die Einfuhr von Opium in das Himmlische Reich zu verhindern. Der Krieg von 1841 und der Vertrag von Nan-King haben den englischen Waaren unbehinderten Eingang und den Großmoguls des Handels gewonnenes Spiel gegeben. Hierzu kommt noch, daß, wenn die Regierung in Peking auch jeden Chinesen, der Opium verkaufen würde, mit dem Tode bedrohte, doch selbst die höchsten Beamten derselben gegen klingende Münze darüber mit sich reden lassen. Man behauptet sogar, daß der Gouverneur von Shang-Haï jährlich eine Million dadurch allein gewinnt, daß er über die Hantirung seiner Unterbeamten ein Auge zudrückt.

Es versteht sich von selbst, daß weder Kin-Fo noch Wang der abscheulichen Sitte des Opiumrauchens huldigten, welche den Organismus so allseitig schädigt und zu einem frühen Tode führt.

Niemals war eine Unze dieser Substanz in die reiche Wohnung gekommen, in der die beiden Freunde eine Stunde nach ihrer Landung am Quai von Shang-Haï anlangten.

Wang sagte da – wiederum ein bemerkenswerther Ausspruch von einem alten Taï-Ping:

»Vielleicht gäb' es etwas Besseres zu thun, als durch jenen Import ein ganzes Volk zu verthieren! Der Handel ist an sich etwas recht Gutes, die Philosophie aber etwas weit Besseres! Vor allem Anderen sollten die Menschen Philosophen sein!«

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