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Die Leiden eines Chinesen in China

Jules Verne: Die Leiden eines Chinesen in China - Kapitel 3
Quellenangabe
authorJules Verne
titleDie Leiden eines Chinesen in China
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
printrunDritte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171009
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Zweites Capitel

In welchem Kin-Fo und der Philosoph Wang dem Leser etwas eingehender dargestellt werden.

 

Wenn Kin-Fo seinen Freunden einen Abschiedsschmaus in Canton gegeben hatte, so kam das daher, daß er selbst einen Theil seiner Jugend in jener Hauptstadt der Provinz Kuang-Tong verlebte. Von den zahlreichen Bekannten, an denen es einem reichen, freigebigen jungen Manne ja niemals fehlt, waren ihm jetzt nur noch die vier, auf das Blumenschiff eingeladenen Freunde übrig geblieben. Die übrigen, welche die Wechselfälle des Lebens nach allen Seiten hin verschlagen hatte, hätte er heute wohl vergeblich um sich zu vereinigen gesucht.

Kin-Fo wohnte zu der Zeit in Shang-Haï, und nur um seine tödtliche Langeweile zu unterbrechen, begab er sich für einige Tage nach Canton. Noch an demselben Abend gedachte er jedoch den Dampfer zu benutzen, der die Hauptküstenpunkte jener Provinz anläuft, um ruhig nach seinem Yamen zurückzukehren.

Wenn Wang dabei Kin-Fo begleitete, so erklärt sich das dadurch, daß er seinem ehemaligen Schüler, den er auch jetzt noch täglich zu belehren suchte, eben niemals von der Seite wich. Dieser freilich schlug die guten Lehren meist in den Wind. Wie viele schöne Grundsätze und Sprüche der Weisheit gingen dabei verloren! Doch die »Theorien-Maschine« – wie der Lebemann Ting sich äußerte – arbeitete unverdrossen weiter.

Kin-Fo war so in rechtem Sinne des Wortes der Typus jener Chinesen des Nordens, deren Race einer vollständigen Umwandlung entgegengeht, während sie sich vor einer Vermischung mit den Tataren zu bewahren wußten. In den südlichen Provinzen, wo die höchsten wie die niedrigsten Klassen sich vielfach mit der Mantschu-Race kreuzten, trifft man kaum jemals auf solche Erscheinungen. In Kin-Fo's Adern rollte, weder von Seiten seines Vaters noch seiner Mutter, deren Familien sich seit der Zeit der Eroberung des Reiches sehr zurückgezogen hatten, auch nicht ein Tropfen tatarischen Blutes. Groß, wohlgebaut und von mehr weißer als gelber Hautfarbe, konnte er mit seinen geradlinigen Augenbrauen, den horizontalen oder doch nur unmerklich nach den Schläfen hin aufsteigenden Augen, der feingeschnittenen Nase und bei seinem keineswegs abgeplatteten Gesicht recht wohl mit den schönsten Erscheinungen der abendländischen Völker in die Schranken treten.

Den Chinesen erkannte man in Kin-Fo wirklich nur an dem sorgsam rasirten Schädel, der Stirn und dem bartlosen Kinn, sowie an dem prächtigen Zopfe, der vom Hinterhaupte aus wie eine Schlange aus Bergwachs über den Rücken herabfiel. Sehr sorgfältig bezüglich seiner äußeren Erscheinung trug er einen feinen, die Lippen halbkreisförmig überdachenden Schnurrbart und ein Bärtchen unter denselben, das dem Punkte unter einer Note auffallend ähnlich sah. Seine Nägel waren über einen Centimeter lang, ein Beweis seiner Zugehörigkeit zu denjenigen Gesellschaftsklassen, welche auch ohne zu arbeiten, leben können. Vielleicht trug auch die Nonchalance seines Auftretens neben einer gewissen Hochmüthigkeit seiner Haltung zu der vollendeten Erscheinung des »großen Herrn« bei, die sich in seiner ganzen Person ausprägte.

Uebrigens rühmte sich Kin-Fo, in Peking geboren zu sein, worauf alle Chinesen ohne Unterschied sehr stolz sind. Er konnte Jedem, der ihn fragte, mit ruhigem Selbstbewußtsein antworten: »Ich bin von hohem Stamme!«

Sein Vater Tchung-Heu wohnte nämlich zur Zeit der Geburt des Sohnes in Peking, und dieser hatte sich erst seit sechs Jahren in Shang-Haï niedergelassen.

Dieser würdige, einer hervorragenden Familie aus dem Norden des Reiches entstammende Chinese besaß, wie die meisten seiner Landsleute, sehr entwickelte Anlagen zum Handel. Während der ersten Jahre seiner selbstständigen Thätigkeit kaufte, verkaufte und exportirte er alle Erzeugnisse des dichtbevölkerten Landes, Papier aus Sevatow und Seidenwaaren aus Su-Tcheu ebenso wie candirten Zucker aus Formosa, Thee aus Hankow und Foochow, Eisen aus Hanon wie rothes und gelbes Kupfer aus der Provinz Yunanne. Sein Hauptgeschäft, sein »Hong«, befand sich in Shang-Haï, doch besaß er auch Filial-Comptoirs in Nan-King, Tien-Tsin, Macao und Hong-Kong. Sehr vertraut mit europäischen Zuständen, beförderten ihm die englischen Dampfer seine Waarenballen und übermittelte ihm der elektrische Draht die Marktpreise der Seidenstoffe in Lyon und des Opiums in Calcutta. Er befreundete sich schnell mit jedem Kulturfortschritte, wie mit dem Dampfe und der Elektricität, im Gegensatze zu den meisten Chinesen, welche sich dagegen ablehnend verhalten unter dem Einflusse der Mandarinen und der Regierung, deren Ansehen dadurch mehr und mehr abnimmt.

Kurz, Tchung-Heu ging sowohl rücksichtlich des Binnenhandels im Reiche selbst wie bei seinen Transaktionen mit den portugiesischen, deutschen, englischen, französischen und amerikanischen Geschäftshäusern in Shang-Haï, Macao und Hong-Kong so geschickt zu Werke, daß sich sein Vermögen zur Zeit der Geburt King-Fo's schon auf 400.000 Dollars bezifferte.

Während der nächstfolgenden Jahre erreichte dasselbe die doppelte Höhe, Dank einem neuen Geschäftszweige, dem »Kuli-Handel mit der Neuen Welt«.

Bekanntlich leidet China an Uebervölkerung trotz der ungeheueren Ausdehnung seines Gebietes, das man dichterisch das Himmlische Reich, das Reich der Mitte oder das Land der Blumen genannt hat.

Man schätzt die Zahl der Bewohner auf mehr als 300 Millionen, d. h. fast den vierten Theil der Bevölkerung der Erde überhaupt. So wenig nun der ärmere Chinese auch ißt, so ißt er doch immer, und trotz der unzähligen Reisplantagen und der endlosen Hirse- und Kornfelder vermag ihn China nicht hinreichend zu ernähren. Daher stammt der Ueberfluß, der nur durch die Breschen zu entweichen sucht, welche englische und französische Kanonen in die materiellen und moralischen Mauern des Himmlischen Reiches geschossen haben.

Eben dieser Ueberfluß fließt nach Nordamerika, vorzüglich nach Californien hin ab. Es geschieht das aber mit solcher Heftigkeit, daß der Congreß sich gegenüber dieser Ueberschwemmung, die man wegwerfender Weise als »gelbe Pest« bezeichnete, zu beschränkenden Maßregeln entschließen mußte. Man gelangte nämlich zu der Ueberzeugung, daß 50 Millionen nach den Vereinigten Staaten ausgewanderte Chinesen ihr Vaterland nicht merklich schwächen konnten, während sich damit die Absorption der angelsächsischen Race zu Gunsten der mongolischen vollzogen haben würde.

Jedenfalls nahm die Auswanderung große Dimensionen an. Die von einer Handvoll Reis, einer Tasse Thee und einer Pfeife Tabak lebenden Kulis, welche sich in jede Thätigkeit fanden, wußten sich am Salzsee, in Oregon und vorzüglich in Californien, wo sie die Arbeitslöhne bedeutend herabdrückten, sehr bald Geltung zu verschaffen.

Es bildeten sich Gesellschaften zum Zwecke der Beförderung jener so wenig kostspieligen Emigranten. Fünf derselben arbeiteten in fünf Provinzen des Himmlischen Reiches mit der Anwerbung derselben, eine sechste hatte ihren Sitz in San Francisco. Die ersteren beförderten die Waare, die letztere nahm sie in Empfang. Eine weitere Agentur, die des »Ting-Tong«, schaffte sie wieder zurück.

Letzteres verlangt eine Erklärung.

Die Chinesen sind wohl bereit, ihr Vaterland zu verlassen und bei den »Melikanern«, so nennen sie die Bewohner der Vereinigten Staaten, ihr Glück zu versuchen, doch nur unter der einen Bedingung, daß ihre Leichen getreulich zurückbefördert werden, um in heimischer Erde eine Ruhestätte zu finden. Das ist eine der Hauptbedingungen ihrer Contracte, eine conditio sine qua non, zu welcher sich die Gesellschaften den Auswanderern gegenüber verpflichten müssen und der sie sich unter keinerlei Vorwand zu entziehen im Stande sind.

Die Ting-Tong, früher die Todten-Agentur genannt, verfügt über ihre besonderen Fonds, und ihr fällt die Aufgabe zu, die Leichenschiffe zu heuern und zu befrachten, welche mit voller Ladung nach Shang-Haï, Hong-Kong oder Tien-Tsin zurücksegeln. Dieses Geschäft bildet wiederum einen Handelszweig und eine neue Quelle von Einnahmen.

Dem scharf blickenden und unternehmenden Tchung-Heu entging das natürlich nicht. Bei seinem 1866 eingetretenen Tode war er Vorsteher der Gesellschaft Kuang-Than, in der Provinz gleichen Namens, und Vicevorsitzender der Gesellschaft der Leichencasse in San-Francisco.

Damals erbte der nun vater- und mutterlose Kin-Fo ein Vermögen von über drei Viertelmillionen Dollars, angelegt in Actien der kalifornischen Centralbank, welche er sich sorgsam zu bewahren suchte.

Als er seinen Vater verlor, hätte der junge Erbe allein gestanden, wenn nicht Wang, der von ihm unzertrennliche Wang gewesen wäre, der ihm als Lehrer und Freund treu blieb.

Wer war denn dieser Wang eigentlich? Seit siebzehn Jahren schon wohnte er in dem Yamen von Shang-Haï. Er war der stete Genosse des Vaters gewesen, wie später der des Sohnes. Und woher kam er? Welche Vergangenheit lag hinter ihm? Das waren ebenso viele Fragen als Räthsel, über welche nur Tchung-Heu und Kin-Fo hätten Auskunft geben können.

Wenn sie das gewollt hätten – was übrigens sehr unwahrscheinlich war – so hätte man Folgendes gehört:

Es weiß Jedermann, daß China vor allen anderen das Reich ist, wo Revolutionen gleich viele Jahre lang fortdauern und Hunderttausende von Menschen in Bewegung setzen können. Im 17. Jahrhundert nun herrschte die berühmte, ihrem Ursprunge nach chinesische Dynastie der Ming schon dreihundert Jahre lang über das Himmlische Reich, als das Haupt derselben, der sich gegen die, seine Hauptstadt bedrängenden Rebellen zu schwach fühlte, im Jahre 1648 einen Tatarenkönig um Hilfe anging.

Dieser König ließ sich nicht zweimal bitten; er eilte herbei und vertrieb zwar die Rebellen, benützte aber zugleich die Gelegenheit, Den, der seine Hilfe erbeten hatte, selbst zu stürzen und seinen eigenen Sohn, Chun-Tche, zum Kaiser ausrufen zu lassen.

Von dieser Zeit ab trat die Herrschaft des tatarischen Stammes an Stelle der des chinesischen, und die Mantschu-Kaiser bestiegen den Thron.

Nach und nach vermischten sich, vorzüglich in den niederen Volksschichten, die beiden Racen, während die reichen Familien des Nordens vielfach auf das strenge Auseinanderhalten chinesischen und tatarischen Blutes achteten. So unterscheidet man, vorzüglich in den mittleren Provinzen des Nordens, diese beiden Typen auch noch heutigen Tages ohne Schwierigkeit. In jenen Gegenden sammelten sich die »Unversöhnlichen« als treue Anhänger des gestürzten Herrscherhauses.

Kin-Fo's Vater zählte zu den letzteren und verleugnete niemals die Ueberlieferungen seiner Familie, welche es verschmäht hatte, mit den Tataren zu pactiren. Eine Erhebung gegen die Herrschaft der Fremdlinge, auch nach deren fast dreihundertjährigem Besitze der Gewalt, hätte ohne Zweifel seine Zustimmung und Unterstützung gefunden.

Es bedarf wohl kaum der Versicherung, daß Kin-Fo seine politischen Anschauungen nach allen Seiten theilte.

Im Jahre 1860 herrschte noch Kaiser S'Hiene-Fong, der England und Frankreich den Krieg erklärte – ein Krieg, der mit dem am 25. October desselben Jahres in Peking abgeschlossenen Vertrage endigte.

Schon vor dieser Zeit bedrohte die herrschende Dynastie aber eine gefährliche Empörung. Die Tschang-Mao oder Taï-Ping, die »langhaarigen Rebellen«, hatten sich 1853 Nan-Kings und 1855 Shang-Haïs bemächtigt. Nach S'Hiene-Fong's Ableben hatte sein junger Sohn große Mühe, die Taï-Ping zu Paaren zu treiben. Ohne den Vicekönig Li, den Prinzen Kong und vorzüglich ohne die Unterstützung des englischen Oberst Gordon möchte er wohl kaum noch auf seinem Throne sitzen.

Die für eine Rebellion gut organisirten Taï-Ping wollten, als erklärte Feinde der Tataren, die Dynastie der Tsing durch die der Wang ersetzen. Sie bildeten vier verschiedene Heerhaufen; der erste, mit schwarzer Fahne, hatte die Aufgabe zu tödten; der zweite, mit rothem Banner, sollte Feuer anlegen; der dritte, mit gelber, sollte plündern, und dem vierten, mit weißer Fahne, lag es ob, die drei anderen zu verproviantiren.

In dem Districte Kiang-Su spielten sich die wichtigsten Ereignisse ab. Su-Tcheu und Kia-Hing, fünf Meilen von Shang-Haï, fielen den Rebellen in die Hände und wurden von den kaiserlichen Truppen nur mit Mühe zurückerobert. Auch das sehr bedrohte Shang-Haï wurde am 18. August 1860 angegriffen, gerade als die Generale Grant und Montauban, die Befehlshaber der englisch-französischen Armee, die Forts am Peï-Ho bombardirten.

Jener Zeit bewohnte Tchung-Heu, Kin-Fo's Vater, eine Besitzung in der Nähe Shang-Haïs, unfern der prachtvollen Brücke, welche chinesische Ingenieure über den Su-Tcheu gebaut hatten. Die Erhebung der Taï-Ping sah er natürlich, da sie ihre Spitze gegen die Tataren richtete, mit wohlwollendem Auge an.

An jenem 18. August, an dem die Rebellen nach blutigem Kampfe von Shang-Haï abgedrängt wurden, war es, als sich das Thor zu Tchung-Heu's Wohnung rasch öffnete.

Ein Flüchtling, der seinen Verfolgern glücklich entgangen war, warf sich flehend Tchung-Heu zu Füßen. Der Unglückliche besaß keine Waffe mehr, sich vertheidigen zu können. Wenn ihn Der, bei dem er eine Freistatt suchte, der kaiserlichen Soldateska auslieferte, war er verloren.

Unmöglich konnte aber Kin-Fo's Vater an einem in sein Haus geflüchteten Taï-Ping zum Verräther werden.

Er verschloß hinter jenem vielmehr eiligst seine Thür.

»Ich will nicht fragen und mag es niemals wissen, was Du bist, was Du gethan, noch woher Du kommst! Du bist mein Gast und in dieser Eigenschaft allein schon bei mir in sicherer Hut.«

Der Flüchtling wollte sprechen, um ihm zu danken ... Fast fehlte ihm die Kraft dazu.

»Dein Name? fragte ihn Tchung-Heu.

– Wang.«

In der That rettete Tchung-Heu's Edelmuth damals Wang das Leben, ein Edelmuth, der dem Ersteren den eigenen Kopf gekostet hätte, wenn man vermuthete, daß er einem Rebellen Zuflucht gäbe. Tchung-Heu gehörte aber zu den Männern der alten Zeit, denen jeder Gast heilig war.

Einige Jahre später erlag die Empörung vollständig. Schon 1864 nahm das Oberhaupt der Taï-Ping in Nan-King, wo er residirte, Gift, um nicht den Kaiserlichen in die Hände zu fallen.

Seit dem erwähnten Tage blieb Wang in dem Hause seines Wohlthäters. Ueber seine Vergangenheit verlangte Niemand Aufschluß, Niemand richtete deshalb auch nur eine entfernte Frage an ihn. Vielleicht fürchtete man mehr zu hören, als erwünscht sein mochte. Die durch die Rebellen begangenen Grausamkeiten wurden als wahrhaft fürchterliche geschildert. Ob nun Wang unter dem schwarzen, rothen, gelben oder weißen Banner gedient, wollte man am liebsten nicht wissen, und bestrebte man sich, den guten Glauben zu bewahren, daß er nur dem Verproviantirungs-Heere angehört habe.

Der mit dem ihm zugefallenen Loose so glückliche Wang wurde also der stete Genosse des gastlichen Hauses. Auch nach Tchung-Heu's Ableben wollte sich der Sohn auf keinen Fall von ihm trennen, so sehr hatte er sich an die Gesellschaft des liebenswürdigen Mannes gewöhnt.

Wer hätte aber auch zur Zeit des Beginnes unserer Geschichte einen alten Taï-Ping – einen Mörder, Plünderer oder Brandstifter, ganz nach Belieben – in jenem fünfzigjährigen Philosophen, dem Moralprediger mit der Riesenbrille, jenem chinesischen Chinesen mit den schiefen geschlitzten Augen und dem althergebrachten Schnurrbart wieder erkannt? Gab ihm nicht sein langes Oberkleid von wenig auffallender Färbung, sein in Folge von Fettleibigkeit etwas nach oben gerutschter Gürtel, die nach kaiserlicher Vorschrift geordnete Frisur nebst der Kopfbedeckung, d. h. einer Art Pelzhut, von dessen Rande eine Quaste von rothen Fäden herabhing, vollkommen das Aussehen eines würdigen Professors der Weltweisheit, eines jener Gelehrten, die sich aller 80.000 Zeichen der chinesischen Schrift mit Geläufigkeit zu bedienen wissen, eines Eingeweihten der höheren Sprachweise, eines mit Auszeichnung Geprüften, der damit das Recht erlangt hatte, in Peking durch das große, nur für bevorzugte Söhne des Himmels reservirte Thor zu gehen?

Vielleicht hatte der frühere Rebell, seine blutige Vergangenheit vergessend, sich im Umgange mit dem wackeren Tchung-Heu zähmen gelernt und war allmälig auf den Weg der speculativen Philosophie übergeleitet worden. So waren auch an jenem Abend Kin-Fo und Wang, die sich niemals trennten, bei dem geschilderten Abschiedsschmaus zusammen in Canton und gingen ebenso miteinander längs der Quais hin, um den Dampfer aufzusuchen, der sie in kurzer Zeit wieder nach Shang-Haï zurückführen sollte.

Kin-Fo wanderte schweigsam, selbst etwas sorgenvoll dahin. Wang blickte weder nach rechts, noch nach links, philosophirte über den Mond und die glitzernden Sterne, ging lächelnd durch das »Thor der ewigen Reinheit«, das er für sich nicht zu hoch fand, ferner durch das »der ewigen Freude«, dessen Flügel nur für ihn geöffnet schienen, und verschwand endlich im Schatten der Thürme der Pagode »Zu den fünfhundert Gottheiten«.

Hier lag der Steamer »Perma« schon unter Dampf. Kin-Fo und Wang nahmen die beiden für sie aufbewahrten Cabinen ein. Die rasche Strömung des Perlenflusses, der mit seinem Schlamme täglich die Leichname Hingerichteter dem Meere zuwälzt, verlieh dem Schiffe eine außerordentliche Schnelligkeit. Einem Pfeile gleich, flog der Dampfer vorüber an Ruinen, welche von den Kanonen Frankreichs herrührten, vor der neun Etagen hohen Pagode Haf-Way's, vor der Jardyne-Spitze, nahe bei Whampoa, wo die größeren Schiffe vor Anker gehen, und zwischen den Inseln und Bambusdickichten der beiden Ufer dahin.

Die hundertfünfzig Kilometer, d. h. die dreihundertfünfundsiebzig »Lis«, welche Canton von der Mündung des Stromes trennen, wurden im Laufe der Nacht zurückgelegt.

Mit Sonnenaufgang passirte die »Perma« den »Rachen des Tigers« und endlich die beiden Hafenmauern an der Küste. Einen Augenblick leuchtete der 1825 Fuß hohe Victoria-Peak der Insel Hong-Kong durch den Morgennebel und nach ungemein günstiger Ueberfahrt dampften Kin-Fo und unser Philosoph erst in dem gelblichen Wasser des Blauen Flusses hinauf und landeten endlich in Shang-Haï, an dem zur Provinz Kiang-Nan gehörigen Ufer.

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