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Die Leiden eines Chinesen in China

Jules Verne: Die Leiden eines Chinesen in China - Kapitel 23
Quellenangabe
authorJules Verne
titleDie Leiden eines Chinesen in China
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
printrunDritte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171009
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Zweiundzwanzigstes Capitel

Welches der Leser hätte selbst schreiben können, da es in kaum unerwarteter Weise endigt.

 

Die Große Mauer – ein chinesischer Windschirm von 400 Meilen Länge – erbaut vom Kaiser Tisi-Chi-Huang-Ti im 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, erstreckt sich vom Golf Leao-Tong, in dem sie ihre beiden Wände eintaucht, bis nach Kan-Su, wo sie in der Größe und Stärke einer gewöhnlichen Steinwand ausläuft. Sie besteht aus einer ununterbrochenen Folge eines doppelwandigen Walles mit Bastionen und Thürmen, in der Höhe von fünfzig und der Breite von zwanzig Fuß, dessen Grund aus Granit, die Außenbekleidung aus Ziegelsteinen hergestellt ist und der sich streng dem Profil der verschiedensten Berge anschließt, welche die Grenze zwischen dem eigentlichen China und der Mongolei und Mandschurei bilden.

Nach der Seite des Himmlischen Reiches hin befindet sich die Mauer in sehr vernachlässigtem Zustande; nach der Mandschurei hin bietet sie noch einen tröstlicheren Anblick und ist sogar fast durchgängig noch von steinernen Zinnen bekrönt.

An Vertheidigungstruppen für diese lange Befestigung oder an Kanonen auf derselben darf man freilich nicht denken. Russen, Tataren, Kirghisen, schreiten durch deren Thoröffnungen ebenso unbehindert wie die Söhne des Himmlischen Reiches. Der Windschirm schützt eben die Nordgrenze des Kaiserthums nicht mehr, nicht einmal gegen den feinen mongolischen Staub, den der Nordwind nicht selten bis zur Hauptstadt selbst hinführt.

Durch das Ausfallsthor einer jener verlassenen Bastionen sollten Kin-Fo und Soun nach einer auf Strohlagern erbärmlich verbrachten Nacht am nächsten Tage weiter ziehen unter Bedeckung von etwa einem Dutzend Männern, welche offenbar Lao-Shen's Bande angehörten.

Der bisherige Führer hatte sich aus dem Staube gemacht. Kin-Fo konnte sich indeß jetzt auf keinen Fall mehr täuschen. Auf diesen Weg leitete ihn jener Verräther gewiß nicht aus reinem Zufall; er hatte den Ex-Klienten der »Hundertjährigen« seiner Zeit sicherlich schon erwartet. Die Weigerung, auch über die Große Mauer hinaus mitzugehen, sollte wahrscheinlich nur jeden etwaigen Verdacht von ihm nehmen. Der Spitzbube war ohne Zweifel nur ein Geselle des Taï-Ping, in dessen Namen und Auftrage er handelte.

Kin-Fo's Frage an einen der Männer, der die Escorte zu leiten schien, erhob ihm diese Annahme zur Gewißheit.

»Sie führen mich jedenfalls nach dem Lager Lao-Shen's, Ihres Anführers? wandte er sich an jenen.

– Vor Ablauf einer Stunde werden wir daselbst eintreffen!« bestätigte der Mann.

Nun, und wen suchte der Schüler Wang's denn zu finden? Nur den Beauftragten des Philosophen. Jetzt führte man ihn ja seinem Ziele entgegen. Ob er freiwillig oder gezwungen dahin gelangte, konnte ihm schließlich gleichgiltig sein. Das Jammern und Klagen darüber überließ er Soun, dem die Zähne klapperten und dem der Kopf zwischen den Schultern nicht mehr festzusitzen schien.

Kin-Fo bewahrte seinen ganzen Gleichmuth und ließ sich willig führen. Endlich sollte er ja dazu gelangen, mit Lao-Shen wegen des Rückkaufes seines Briefes zu verhandeln. Das wünschte er ja. Was hätte er zu klagen gehabt?

Von der Großen Mauer aus folgte die kleine Truppe nicht der Hauptverkehrsstraße der Mongolei, sondern bog auf steile, gewundene Fußstege ein, die sich in den rechten, bergigeren Theil der Provinz hineinschlängelten. Eine Stunde lang zog man, so gut das Terrain es zuließ, raschen Schrittes dahin. Kin-Fo und Soun gingen unter strenger Bewachung in der Mitte, so daß sie nicht hätten fliehen können, woran sie übrigens auch gar nicht dachten.

Nach anderthalb Stunden bekamen Wächter und Gefangene, als sie um einen Bergabhang bogen, ein halbverfallenes Bauwerk zu Gesicht.

Es war eine alte, auf einem Berggipfel errichtete Bonzerie, ein merkwürdiges Denkmal buddhistischer Architektur. Wohl durfte man sich freilich die Frage vorlegen, welche Art von Gläubigen es wagten, diesen Tempel in der Einöde zu besuchen. Vielmehr sah es aus, als ob Jeder, der sich hierher verirrte, in dem unterbrochenen, zu Fallen und Hinterhalten höchst günstigen Terrain das Leben auf's Spiel setzte.

Dagegen mußte zugegeben werden, daß der Taï-Ping, Lao-Shen, wenn er seinen Schlupfwinkel in diese wilde Gegend verlegte, eine sehr zweckentsprechende Wahl getroffen hatte.

Auf eine Anfrage Kin-Fo's bestätigte der Führer der Escorte, daß Lao-Shen wirklich in jener Bonzerie hauste.

»Ich wünschte ihn sofort zu sehen, sagte Kin-Fo.

– Ja, ja, sofort!« antwortete der Mann.

Nachdem man Kin-Fo und Soun alle Waffen vorsorglich abgenommen, wurden sie in einen geräumigen Vorraum, das Atrium des Tempels, eingeführt. Hier standen etwa zwanzig bewaffnete Männer im malerischen Kostüme der Straßenräuber, deren wilder Gesichtsausdruck nichts Gutes versprach.

Kin-Fo schritt beherzt durch die Doppelreihe der Taï-Ping hin. Soun freilich mußte vorwärtsgedrängt und gestoßen werden, womit er auch nicht verschont wurde.

Vom Hintergrunde dieses Vorraumes aus durchbrach die dicke Umfassungsmauer eine Treppe, deren Stufen weit durch das Bergesinnere hinführten.

Offenbar befand sich also eine Krypte unter dem Hauptgebäude der Bonzerie, nach dem man nur sehr schwierig, oder ohne nähere Kenntniß der unterirdischen Irrgänge vielleicht gar nicht vordringen konnte.

Etwa dreißig Stufen führte jene Treppe nach unten, dann ging es gegen hundert Schritte gerade aus, wobei mehrere Leute von der Escorte mit rauchenden Fackeln leuchteten, und hierauf betraten die beiden Gefangenen einen weiten, ebenfalls von Fackellicht mäßig erleuchteten Saal.

Es war das eine Höhle. Dicke Pfeiler, geschmückt mit grinsenden Köpfen von Ungeheuern, welche der grotesken Fauna der chinesischen Mythologie angehörten, trugen die gedrückte Deckenwölbung, deren Rippen in mächtigen Schlußsteinen zusammenliefen.

In dem unterirdischen Raume erhob sich ein dumpfes Gemurmel beim Eintritte der beiden Fremdlinge.

Der Saal war nämlich keineswegs leer; ihn füllte eine Menge Menschen bis in die dunkelsten Tiefen.

Hier hatte sich die ganze Bande des Taï-Ping wie zu einer verdächtigen Feierlichkeit versammelt.

Im Grunde der Höhle stand ein großer kräftiger Mann auf einer steinernen Estrade, der etwa dem Präsidenten eines geheimen Gerichtes glich. Einige seiner Leute, die sich ebenso unbeweglich hielten wie er, schienen die Stelle von Beisitzern zu vertreten.

Jener Mann gab ein Zeichen mit der Hand. Sofort zertheilte sich die Menge und ließ die beiden Gefangenen passiren.

»Da ist Lao-Shen!« sagte der Führer der Escorte, auf die stehende Persönlichkeit hinweisend.

Kin-Fo schritt auf den Bezeichneten zu und ging ohne Vorrede auf den Zweck seines Erscheinens ein, entschlossen, seiner ungewissen Lage auf eine oder die andere Weise ein Ende zu machen.

»Lao-Shen, begann er, Du bist im Besitze eines Dir von Wang, Deinem alten Kriegskameraden, überlassenen Briefes von mir. Derselbe ist jetzt gegenstandslos geworden und ich ersuche Dich, mir denselben zurückzugeben!«

Auf diese laut und vernehmbar gesprochenen Worte bewegte der Taï-Ping nicht einmal den Kopf. Man hätte ihn für eine Bronzestatue halten können.

»Was verlangst Du für die Auslieferung jenes Briefes?« fuhr Kin-Fo nach kurzer Pause fort.

Er wartete vergeblich auf eine Antwort.

»Lao-Shen, nahm Kin-Fo nochmals das Wort, ich erbiete mich, Dir auf jeden beliebigen Banquier und in welcher Stadt Du willst, eine Anweisung zu geben, welche ohne Umstände bezahlt werden wird, ohne daß Deinem Vertrauensmanne, den Du etwa zur Erhebung des Geldes sendest, ein Haar gekrümmt werden kann!«

Dasselbe eisige Schweigen des Taï-Ping, ein Schweigen von wenig guter Vorbedeutung.

Kin-Fo betonte nun seine Worte noch mehr.

»Auf welche Summe wünschest Du eine solche Anweisung ausgestellt? Ich biete Dir fünftausend Taëls (4800 Mark)?«

Keine Antwort.

»Zehntausend Taëls?«

Lao-Shen und seine Umgebung blieben ebenso stumm wie die Steinfiguren dieser merkwürdigen Bonzerie.

Jetzt wurde Kin-Fo etwas ungeduldig. Sein Angebot verdiente doch wohl irgend eine Antwort.

»Hörst oder verstehst Du mich nicht?« sagte er zu dem Taï-Ping.

Lao-Shen neigte den Kopf ein wenig, als Zeichen, daß er ihn vollkommen verstände.

»Zwanzigtausend Taëls! Dreißigtausend Taëls! rief Kin-Fo dringender. Ich biete Dir ebensoviel, als Dir die »Hundertjährige« früher für meinen Tod bezahlt hätte. Das Doppelte! das Dreifache! So sprich doch! Bist Du damit zufrieden?«

Kin-Fo, den das hartnäckige Schweigen seines Gegners ganz außer sich brachte, trat mit gekreuzten Armen der Gruppe noch näher.

»Um welchen Preis willst Du mir den Brief zurückverkaufen?

– Um gar keinen Preis, ließ sich endlich der Taï-Ping vernehmen. Du hast durch Verachtung des Dir gegönnten Lebens Buddha beleidigt und der Gott will seine Rache haben. Erst im Angesicht des Todes wirst Du den Werth des von Dir so lange mißachteten Lebens wirklich schätzen lernen!«

Nach diesen, mit einer solchen Bestimmtheit, daß sie jeden Widerspruch ausschlossen, gesprochenen Worten, gab Lao-Shen wiederum ein Zeichen. Bevor Kin-Fo nur an Abwehr denken konnte, wurde er gefesselt und fortgeschleppt. Bald darauf sah er sich in einen hermetisch verschlossenen, etwa einer Sänfte ähnlichen Käfig eingesperrt.

Den unglücklichen Soun traf, trotz seines Heulens und Wehklagens, dieselbe Behandlung.

»Jetzt geht's zum Tode, dachte Kin-Fo. Nun, meinetwegen. Wer das Leben verachtete, verdient ja zu sterben!«

So unvermeidlich ihm indeß sein Schicksal auch erschien, so überzeugte er sich doch bald, daß sein Ende noch nicht unmittelbar bevorstand, nur konnte er nicht errathen, welch' entsetzliche Todesstrafe der wilde Taï-Ping für ihn erdacht haben mochte.

So verstrichen zwei Stunden voller Angst. Da fühlte Kin-Fo, daß sein Kerker aufgehoben und auf irgend ein Gefährt gesetzt wurde. Die Unebenheiten des Weges, das Getrappel von Pferden und das Klirren der Waffen der Escorte ließen ihm darüber keinen Zweifel. Man schaffte ihn fort. Wohin – war und blieb für ihn ein Geheimniß.

Nach etwa sieben- bis achtstündiger Fahrt bemerkte Kin-Fo, daß der Wagen anhielt und der Kasten, in dem er eingeschlossen saß, wieder abgehoben wurde. Nun trat eine sanftere Fortbewegung an die Stelle des Fahrens auf dem Lande.

»Befinde ich mich etwa auf einem Schiffe?« fragte er sich.

Ein deutliches Rollen und Stampfen und das von den Umdrehungen einer archimedischen Schraube herrührende Erzittern unter seinen Füßen bestätigte diese Muthmaßung.

»Der Tod in den Fluthen! dachte er. Sei's darum! Das erspart mir manche schlimmere Qualen. Ich danke Dir, Lao-Shen!«

Wiederum verstrichen zweimal vierundzwanzig Stunden. Zweimal täglich wurde durch eine kleine Schiebethür etwas Nahrung in seinen Kerker befördert, ohne daß er die Hand sehen konnte, die sie brachte, oder auf seine Fragen nur eine Silbe Antwort erhalten konnte.

Nun, Kin-Fo hatte ja, bevor er sich entschloß, seinem behäbigen, sorgenlosen Leben ein Ende zu machen, vergeblich nach Aufregung gesucht. Es war ja sein Wunsch gewesen, wenigstens einmal das stürmische Klopfen seines Herzens zu fühlen, ehe dieses für immer still stand. Jetzt erfüllte sich, was er ersehnt, und vielleicht mehr als ihm lieb war.

Denn wenn es sein Leben kosten sollte, so wollte er doch wenigstens im Lichte des Tages sterben. Der Gedanke, daß dieser Käfig jeden Augenblick in's Wasser gesenkt werden könnte, quälte ihn entsetzlich. Zu sterben, ohne noch ein einziges Mal die Sonne und die arme Le-U, deren Bild seinem Geiste vorschwebte, gesehen zu haben, das war zu viel!

Endlich, nach Ablauf eines längeren Zeitraumes, den er nicht näher abzuschätzen vermochte, schien die lange Wasserfahrt plötzlich beendigt zu sein. Das Zittern der Schraube hörte auf. Das Schiff, welches sein Gefängniß trug, hielt an. Kin-Fo fühlte, wie der Käfig nochmals aufgehoben wurde.

Jetzt schien das letzte Stündlein gekommen und der Verurtheilte flehte herzlich um Vergebung für seine Irrthümer und Fehler.

Einige Minuten schlichen dahin – für ihn Jahre, Jahrhunderte!

Da ward Kin-Fo zum höchsten Erstaunen gewahr, daß sein Kerker wieder auf festem Grund und Boden stand.

Plötzlich öffnete sich sein Gefängniß. Kräftige Arme packten ihn, man schnürte ihm eine Binde um die Augen und schleppte ihn unsanft nach außen. Erst mußte er eine Strecke weit gehen, dann zwangen ihn seine Wächter still zu stehen.

»Wenn ich denn sterben soll, rief er, so fällt es mir nicht ein, um mein Leben zu betteln, das ich nicht zu benutzen verstand; aber gewährt mir wenigstens das Eine, als Mann dem Tode frei in's Gesicht zu schauen!

– Zugestanden! antwortete da eine ernste Stimme. Es geschehe, wie der Verurtheilte es wünscht!«

Schnell fiel die Binde von seinen Augen.

Kin-Fo ließ den Blick im Kreise schweifen ...

Täuschte ihn das Bild eines Traumes? Da stand eine reich gedeckte Tafel, an der ihn seine fünf Gefährten von Canton nur zu erwarten schienen, um die Mahlzeit zu beginnen. Zwei Plätze standen noch für Gäste leer.

»Wie, Ihr? Meine Freunde! Meine liebsten Freunde! Sehe ich Euch wirklich?« rief Kin-Fo in gar nicht wiederzugebendem Tone.

Nein, er täuschte sich nicht! Da war Wang der Philosoph! Da standen Yin-Pang, Hual, Pao-Shen und Tim, seine Cantoner Freunde, dieselben, die er vor zwei Monaten auf dem Blumenschiffe des Perlenstromes bewirthet, die Zeugen seines Abschiedes aus dem Junggesellenstande!

Kin-Fo konnte kaum seinen Augen trauen. Er befand sich zu Hause, im Speisezimmer seines Yamens in Shang-Haï.

»Wenn Du es bist, begann er, sich an Wang wendend, wenn es nicht Dein Schatten ist, der vor mir steht, so sage mir ...

– Ich bin es selbst, mein Freund, antwortete der Philosoph. Wirst Du Deinem alten Lehrer diese letzte, etwas harte Lection der praktischen Lebensweisheit, die er Dir zu Theil werden ließ, verzeihen können?

– Wie! rief Kin-Fo, das wäre Dein Werk, Wang?

– Gewiß, erklärte Wang, ich hatte es übernommen, Deinem Leben ein Ende zu machen, damit Du keinen Anderen damit beauftragen solltest. Ich, der ich eher als Du selbst es wußte, daß Dein Vermögen nicht verloren war und die Stunde kommen würde, wo Du Deinen schnellen Entschluß bereutest. Mein alter Genosse Lao-Shen, der sich eben unterworfen hat, um ferner eine verläßliche Stütze des Reiches zu sein, bot mir seine Mithilfe an, um Dir den Werth des Lebens kennen zu lehren. Wenn ich Dich der schrecklichsten Angst als Beute überließ und, schlimmer noch, Dich, so sehr mein Herz dabei blutete, in Lagen trieb, welche kaum ein Mensch wieder aushalten möchte, so geschah es, weil ich wußte, daß Du Dir das entbehrte Glück erjagtest, daß Du es später desto süßer schmecken würdest!«

Kin-Fo stürzte in die Arme Wang's, der ihn warm an's Herz drückte.

»Mein armer Wang, sagte darauf Kin-Fo sehr bewegt, wenn ich nur allein von einer Stelle zur anderen gejagt wäre! Doch was hab' ich auch Dir dabei angethan! Wie habe ich Dich verfolgt und gar zu einem Sturzbade von der Palikao-Brücke herab genöthigt!

– O, erwiderte Wang lachend, das hat mir für meine fünfundfünfzig Jahre recht gut gethan. Ich war zwar sehr warm und das Wasser gehörig kalt. Doch, was da, ich bin ja davon gekommen; man läuft und schwimmt nie besser als im Interesse Anderer!

– Im Interesse Anderer! wiederholte Kin-Fo fast feierlich. Ja, man muß für Andere Alles zu thun im Stande sein. Darin liegt das Geheimniß des Glückes!«

Da trat Soun ein, bleich wie ein Mensch, dem die Seekrankheit achtundvierzig qualvolle Stunden lang schonungslos mitgespielt hat. So wie sein Herr war auch der Diener von Fu-Ning nach Shang-Haï zurückbefördert worden. Was er dabei gelitten, konnte man in seinen Zügen lesen.

Nachdem Kin-Fo sich der stürmischen Umarmung Wang's entzogen hatte, drückte er seinen Freunden die Hände.

»Wahrhaftig, sagte er, so wie jetzt ist es doch besser. Ich bin ein Thor gewesen ...

– Doch, Du kannst noch weise werden! warf der Philosoph ein.

– Ich will's versuchen, antwortete Kin-Fo, und mit dem Bestreben, meine Angelegenheiten zu ordnen, den Anfang machen. Es läuft von mir in der Welt ein kleines Papier herum, das mir so viele Leiden verursacht hat, daß ich dasselbe nicht unbeachtet lassen kann. Was ist aus dem vermaledeiten Briefchen geworden, das ich Dir übergab, lieber Wang? Hast Du es wirklich aus den Händen gelassen? Es wäre mir wahrhaftig lieb, dasselbe wiederzusehen, denn wenn es nun dennoch an den Unrechten käme ... Ist Lao-Shen noch immer dessen Besitzer, so kann er, der die näheren Umstände kennt, doch unmöglich auf den Papierfetzen noch irgendwelchen Werth legen, und es würde mir sehr unlieb sein, wenn es in andere – weniger rücksichtsvolle – Hände fiele!«

Da schlugen Alle ein lautes Gelächter auf.

»Meine Freunde, nahm Wang das Wort, unser Kin-Fo hat von seinen Abenteuern doch den einen Nutzen mit heimgebracht, ein Mann geworden zu sein, der nicht mehr so gleichgiltig und theilnahmslos in die Welt hineinschaut wie früher, sondern sich um seine Angelegenheiten bekümmert.

– Das bringt mir aber, bemerkte Kin-Fo, meinen Brief, meinen albernen Brief, noch immer nicht wieder. Ich schäme mich nicht, einzugestehen, daß ich nicht eher Ruhe haben werde, als bis derselbe verbrannt und seine Asche in alle Winde verstreut ist!

– Du bestehst also auf der Wiedererlangung Deines Briefes? ... fragte Wang.

– Gewiß, antworte Kin-Fo. Solltest Du grausam genug sein, ihn als Sicherstellung gegen einen etwaigen Rückfall in meine alten Thorheiten behalten zu wollen?

– O nein.

– Nun, so ...

– Ja, lieber Freund und Schüler, der Erfüllung Deines Wunsches steht leider ein Hinderniß entgegen, an dem ich nicht die Schuld trage. Weder ich habe Deinen Brief, noch Lao-Shen ...

– Ihr habt ihn nicht mehr?

– Nein.

– So habt Ihr ihn vernichtet?

– Nein, das auch nicht.

– Ihr wart etwa gar so unvorsichtig, ihn fremden Händen anzuvertrauen?

– Ja freilich.

– Wem? Wem? forschte Kin-Fo, dessen Geduld zu Ende ging, dringender. Sage mir, wem?

– Einer Person, die ihn nur Dir selbst wiedergeben will!«

Da erschien die liebenswürdige Le-U, welche hinter einem Schirme verborgen dieser ganzen Scene mit beigewohnt hatte, den berüchtigten Brief in den Fingerspitzen haltend, während sie ihn, fast herausfordernd, hin und her bewegte.

Kin-Fo eilte mit offenen Armen auf sie zu.

»Halt, ein wenig Geduld! rief die hübsche junge Frau, indem sie Miene machte, wieder hinter den Schirm zurückzuschlüpfen. Mein sehr weiser Herr Gemahl – erst die Geschäfte!«

Darauf hielt sie ihm das Schreiben unter die Augen.

»Erkennt das mein kleiner jüngerer Bruder wieder?

– Ob ich es erkenne! rief Kin-Fo. Wer anders als ich hätte einen so dummen Brief schreiben können?

– Nun, vor Allem also, sagte Le-U, und wie Du so lebhaft wünschtest, zerreiße, verbrenne, vernichte diese unklugen Zeilen. Möge dabei auch von dem Kin-Fo, der sie dereinst schrieb, nichts mehr übrig bleiben!

– Gern, gern! erwiderte Kin-Fo und hielt das leichte Papier in die Flamme. Doch nun, mein süßes Herz, laß' Dich von dem Verlobten umarmen und Dich bitten, an dieser glücklichen Tafelrunde theilzunehmen. Ich denke, einer guten Mahlzeit alle Ehre anzuthun.

– Und wir auch, stimmten die fünf Gäste ein. Glücklichsein macht hungrig!«

Wenige Tage später wurde nach Aufhebung des kaiserlichen Verbotes die Hochzeit gefeiert.

Die beiden Gatten liebten sich herzlich, jetzt und immerdar. Tausend und zehntausend Glückseligkeiten bot ihnen die Zukunft!

Ja, man muß nach China gehen, um Derartiges zu erleben!

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