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Die Leiden eines Chinesen in China

Jules Verne: Die Leiden eines Chinesen in China - Kapitel 22
Quellenangabe
authorJules Verne
titleDie Leiden eines Chinesen in China
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
printrunDritte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171009
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Einundzwanzigstes Capitel

In dem Craig und Fry den Mond mit größter Befriedigung aufgehen sehen.

 

»Nun zu dem Taï-Ping!«

So lauteten die ersten Worte Kin-Fo's am Morgen des 30. Juni, nachdem die Helden dieser merkwürdigen Abenteuer eine Nacht der Ruhe genossen hatten.

Sie kamen nun endlich nach dem Schauplatz der Thaten Lao-Shen's; jetzt sollte der Streit beginnen.

Würde Kin-Fo aus demselben als Sieger hervorgehen? Gewiß, wenn es ihm nur gelang, den Taï-Ping zu überraschen, denn er gedachte den Brief mit dem Preis zu bezahlen, den Lao-Shen verlangen würde. Sicherlich nicht aber, wenn er sich überraschen ließ, wenn ihn ein Dolchstoß in die Brust traf, bevor es ihm möglich wurde, mit dem grausamen Beauftragten Wang's zu verhandeln.

»Zu dem Taï-Ping!« wiederholten auch Fry-Craig, nachdem sie einige Blicke gewechselt.

Die Erscheinung Kin-Fo's, Craig-Fry's und Soun's in ihren sonderbaren Kostümen, sowie die Art und Weise, wie die Fischer sie aus dem Meere aufgenommen hatten, verfehlten natürlich nicht, den kleinen Hafen Fu-Ning vollständig in Aufregung zu versetzen, so daß man sich der Neugier der Menge beim besten Willen nicht ganz zu entziehen vermochte. So hatte man sie am Abend nach einem Gasthause begleitet, wo sie sich mit dem Geld, das sich in dem Gürtel Kin-Fo's und den Kautschuksäcken Craig-Fry's vorfand, wieder einen bequemen Anzug verschafften. Hätte Kin-Fo und die Uebrigen auf dem Wege nach dem Gasthause nicht eine so dichte Menge umdrängt, so hätte ihnen wohl ein Mann auffallen müssen, der keinen Schritt von ihrer Seite wich. Ihr Erstaunen wäre gewachsen, wenn sie den Schlingel die ganze Nacht über vor der Hausthür hätten warten sehen, und ihr Mißtrauen wäre ohne Zweifel rege geworden, wenn sie ihn auch am Morgen noch an der nämlichen Stelle fanden.

Doch sie sahen nichts, sie argwöhnten nichts, ja, sie erstaunten nicht einmal darüber, als jene verdächtige Persönlichkeit ihnen, als sie das Haus verließen, seine Dienste als Führer anbot.

Es war ein Mann von dreißig Jahren und ziemlich gewinnender Erscheinung.

In Craig und Fry stieg aber doch ein leiser Verdacht auf, der sie veranlaßte, an jenen eine Frage zu richten.

»Wie kommt Ihr dazu, Euch als Führer anzubieten, und wohin wollt Ihr uns führen?«

Es gab wohl nichts Natürlicheres als diese beiden Fragen, aber auch nichts Natürlicheres als die Antwort, welche darauf erfolgte.

»Ich vermuthe, sagte der Führer, daß Sie die Absicht haben, die Große Mauer zu besuchen, wie alle Reisenden, welche nach Fu-Ning kommen. Ich kenne das Land und erbot mich deshalb als Führer.

– Mein Freund, mischte da Kin-Fo sich ein, ehe wir uns bestimmen können, möchte ich wissen, ob die Provinz sicher ist.

– Vollkommen sicher, antwortete der Führer.

– Spricht man im Lande nicht von einem gewissen Lao-Shen? fragte Kin-Fo.

– Von Lao-Shen, dem Taï-Ping?

– Ja, von ihm.

– Das wohl, erklärte der Führer, doch diesseits der Großen Mauer ist von ihm nichts zu fürchten. Er wird sich nicht auf das kaiserliche Gebiet wagen. Jenseits desselben durchstreift seine Bande die mongolischen Provinzen.

– Weiß man, wo er sich jetzt aufhält?

– Zuletzt soll er in der Gegend von Tchin-Tang-Ro, nur wenige Lis von der Großen Mauer, gesehen worden sein.

– Und wie weit ist es von Fu-Ning bis Tching-Tang-Ro?

– Etwa fünfzig Lis. Etwa sieben geographische Meilen.

– Gut, ich nehme Eure Dienste an.

– Sie bis an die Große Mauer zu führen?

– Mich nach dem Lager Lao-Shen's zu bringen!«

In dem Gesicht des Führers spiegelte sich ein Ausdruck von Verwunderung.

»Ich werde Euch reichlich bezahlen!« setzte Kin-Fo noch hinzu.

Der Führer schüttelte den Kopf, als fürchte er sich, die Grenze zu überschreiten.

»Bis an die Große Mauer, antwortete er dann, ja; bis darüber hinaus nicht. Dabei setzt man das Leben auf's Spiel.

– So sagt, was Euch das Eurige gilt, ich bezahle es.

– Nun, meinetwegen!« warf der Führer hin.

Kin-Fo wendete sich hierauf an die beiden Agenten.

»Jetzt, meine Freunde, brauchen Sie mich nicht weiter zu begleiten.

– Wir gehen mit ... erwiderte Craig.

– Wohin Sie gehen!« vervollständigte Fry.

Der Klient der »Hundertjährigen« hatte für sie den Werth von 200.000 Dollars noch nicht verloren.

Nach obigem Gespräch schienen übrigens die beiden Agenten bezüglich des Führers vollkommen beruhigt. Seiner Aussage nach drohten ernstliche Gefahren ja erst jenseits des Walles, den die Chinesen einst zur Abhaltung mongolischer Horden errichtet haben.

Man rüstete sich nun sofort zum Aufbruch. Soun wurde gar nicht gefragt, ob es ihm gelegen war, weiter mitzuziehen. Er mußte sich eben fügen.

Transportmittel, wie Wagen oder Karren, fehlten gänzlich in dem kleinen Flecken Fu-Ning. Pferde oder Maulesel gab es ebensowenig. Dagegen fand sich eine Anzahl Kameele von den Handelszügen der Mongolen her. Diese kühnen Händler legen den Weg von Peking nach Kiachta nur zu größeren Karawanen vereinigt zurück, wobei sie große Heerden dickschwänziger Hammel vor sich hertreiben. Auf diese Weise unterhalten sie den Verkehr zwischen dem asiatischen Rußland und dem Himmlischen Reiche. Immer betreten sie die weiten Steppen nur in Gesellschaft und stets wohlbewaffnet.

»Es sind wilde und stolze Kerle, schreibt de Beauvoir über sie, welche den Chinesen nur mit Verachtung behandeln.«

Man kaufte also fünf Kameele nebst dem sehr mangelhaften Riemenzeug, für dieselben ein. Diese belud man mit Provisionen, besorgte sich einige Waffen und reiste unter Leitung des Führers ab.

Diese Vorbereitungen nahmen aber doch einige Zeit in Anspruch. Erst um ein Uhr Nachmittags war Alles bereit. Trotz dieser Verzögerung versicherte der Führer, daß die Gesellschaft noch vor Mitternacht am Fuße der Großen Mauer eintreffen werde. Dort wollte er für eine Lagerstatt sorgen und am folgenden Morgen, wenn Kin-Fo wirklich auf seinem unklugen Beschlusse beharren sollte, die Grenze überschreiten.

Fu-Ning's Umgebungen zeigten sich von Hügeln erfüllt. Dicke gelbliche Sandwolken wälzten sich auf den zwischen bebauten Feldern verlaufenden Wegen hin. Man sah hier an Allem, daß das Land noch zu dem fruchtbaren Gebiete des Himmlischen Reiches gehörte.

Die Kameele gingen in abgemessenem, zwar nicht schnellem, aber doch gleichbleibendem Schritte fort. Der Führer nahm die Spitze des Zuges ein, während Kin-Fo, Soun, Craig und Fry, zwischen den Höckern ihrer Reitthiere sitzend, folgten. Soun gefiel diese Art zu reisen ausnehmend; er wäre so bis an's Ende der Welt mitgegangen.

Wenn das Fortkommen aber nicht beschwerlich war, so brannte dafür die Sonne entsetzlich. Auf den, von der Widerstrahlung des Erdbodens erhitzten Luftschichten entstanden mannigfache Spiegelungen. Weite Wasserstrecken, so groß wie ein Meer, erschienen am Horizont und verschwanden bald darauf, zur großen Genugthuung Soun's, der sich schon von einer neuen Seefahrt bedroht glaubte.

Trotz der Lage dieser Provinz am nördlichen Ende von China, darf man sich dieselbe doch keineswegs öde und verlassen vorstellen. So groß das Himmlische Reich auch ist, reicht es doch nicht für die Volksmenge hin, die sich in ihm zusammendrängt. Deshalb findet man, selbst an den äußersten Grenzen der asiatischen Wüsteneien, immer eine sehr dichte Bevölkerung.

Hier arbeiteten Männer im Felde, dort beschäftigten sich tatarische Frauen, erkennbar an ihrer röthlichen und blauen Kleidung, mit leichteren Arbeiten. Heerden von gelben Schafen mit langen Schweifen – die Soun nicht ohne das Gefühl des Neides sah – weideten an verschiedenen Stellen, beobachtet von einem schwarzen Adler. Weh' dem unglücklichen Wiederkäuer, der sich von der Heerde trennte! Jene Adler sind gefährliche Raubvögel, welche Schafe und junge Antilopen in den Fängen wegschleppen und den Kirghisen in den Steppen Central-Asiens sogar als Jagdhunde dienen.

Daneben flatterten ganze Wolken von Federwild auf. Ein Gewehr hätte hier hinreichende Beschäftigung gefunden; der echte Jäger konnte aber nur mit Bedauern die Netze, Schlingen und andere, mehr einem Wilddiebe würdigen Fangapparate sehen, welche überall zwischen den Korn-, Mais- und Hirsefeldern den Boden bedeckten.

Kin-Fo und seine Gefährten drangen mitten durch die lästigen Staubwirbel vor. Sie machten niemals Rast, weder an schattigen Stellen des Weges oder an den vereinzelten Meierhöfen, noch in den Dörfern, die sich schon von fern durch die, zu Ehren irgend eines buddhistischen Helden errichteten Grabthürme verriethen. Sie zogen hinter einander hin, geleitet von ihren Kameelen, welche die Gewohnheit haben, eines hinter dem anderen zu gehen, und die das Läuten einer an ihrem Halse befestigten Glocke in gleichmäßigem Tact erhält.

Eine Unterhaltung verbot sich unter diesen Umständen von selbst. Der von Natur wenig gesprächige Führer nahm stets die Spitze des Zuges ein und ließ die Blicke über die Landschaft schweifen, so weit es der dichte Staub erlaubte. Ueber den einzuschlagenden Weg war er nie im Unklaren, selbst an Straßenkreuzungen, wo ihm kein Wegweiser zu Hilfe kam. Wenn Craig und Fry ihr Mißtrauen nach und nach aufgaben, so beobachteten sie dafür den kostbaren Klienten der »Hundertjährigen« desto sorgsamer. Erklärlicher Weise steigerte sich ihre Unruhe, je mehr sie sich dem Ziele näherten. Jeden Augenblick konnten sie ja, ohne in der Lage zu sein, dem zuvorzukommen, einem Menschen gegenüber stehen, der ihnen durch einen wohlgezielten Stoß die anvertrauten 200.000 Dollars raubte.

Kin-Fo für seine Person befand sich in jener Gemüthsverfassung, in der die Erinnerung an die Vergangenheit keinen Gedanken an die Gegenwart und Zukunft Raum giebt. Er überblickte im Geiste sein Leben während der letzten zwei Monate. Sein beharrliches Mißgeschick flößte ihm doch einige Unruhe ein. Seit dem Tage, an dem sein Correspondent in San-Francisco ihm die Nachricht seines vermeintlichen Ruins übermittelte, hatte ihn ein Unfall nach dem anderen verfolgt. Sollte wohl der zweite Theil seines Lebens wieder gut machen, was er unter Verachtung der Annehmlichkeiten des ersten verloren? Würde diese Reihe von Enttäuschungen noch mit der Wiedererlangung jenes Briefes endigen, der sich jetzt in Lao-Shen's Händen befand, vorausgesetzt, daß ihn jener ohne Schwierigkeiten herausgab? Und würde es der liebenswürdigen Le-U gelingen, durch ihre Gegenwart, ihre Sorgfalt und Zärtlichkeit die bösen Geister zu besänftigen, die gegen ihn verschworen zu sein schienen? Alles das ging ihm durch den Kopf und verursachte ihm Sorge und Unruhe. Und Wang? Ihm konnte er ja nicht einmal einen Vorwurf daraus machen, ein gegebenes Versprechen haben halten zu wollen; aber Wang, der langjährige Gast des Yamens in Shang-Haï, war ja im besten Falle doch nicht mehr vorhanden, ihm mit seinem weisen Rathe zur Seite zu stehen!

»Sie werden fallen, rief da plötzlich der Führer, dessen Kamel von dem Kin-Fo's gestoßen worden war, während Letzterer mitten in seinen Träumereien fast aus dem Sattel fiel.

– Sind wir am Ziel? fragte er.

– Es ist erst acht Uhr, antwortete jener, und ich schlage vor, Halt zu machen, um etwas Abendbrot zu genießen.

– Und nachher?

– Nachher ziehen wir wieder weiter.

– Darüber wird es Nacht werden.

– O, fürchten Sie nicht, daß ich mich verirre. Die Große Mauer liegt in einer Entfernung von kaum zwanzig Lis von hier und wir müssen unseren Thieren ein wenig Ruhe gönnen.

– Wie Sie denken!« erwiderte Kin-Fo.

Neben der Straße stand ein altes, baufälliges Haus. Vor demselben schlängelte sich ein Bach dahin, in dem die Kameele ihren Durst löschen konnten.

Inzwischen ließen sich Kin-Fo und seine Begleiter in dem Gebäude nieder und schmausten wie Leute, deren Appetit durch einen langen Marsch rege geworden ist.

Eine Unterhaltung wollte auch jetzt nicht in Fluß kommen. Kin-Fo bemühte sich vergebens, das Gespräch auf Lao-Shen zu bringen. Er fragte den Führer nach diesem Taï-Ping und ob er ihn persönlich kenne. Der Führer schüttelte den Kopf und vermied es offenbar, deutliche Antwort zu geben.

»Kommt er zuweilen in diese Provinz? fragte Kin-Fo.

– Nein, entgegnete der Führer, doch drangen einige Taï-Ping seiner Bande manchmal über die Große Mauer vor, und es war nicht gerathen, ihnen in den Weg zu kommen. Buddha behüte uns vor den Taï-Ping.

Auf diese Erklärungen hin, von denen der Führer nicht einmal wußte, wie sehr sie den Fragesteller interessirten, wechselten Craig und Fry einen Blick, zogen ihre Uhren aus der Tasche und schüttelten den Kopf.

»Warum sollten wir nicht ruhig den Tag erwarten? sagten sie.

– Unter diesem Gerölle? versetzte der Führer. Da ziehe ich doch das freie Feld vor, wo man vor einem Ueberfall gesicherter ist.

– Wir haben ausgemacht, heute Abend an der Großen Mauer einzutreffen, erklärte Kin-Fo. Ich will und werde dahin gelangen!«

Die Entschiedenheit des Tones seiner Stimme schnitt jeden Einwurf ab. Selbst Soun, dem vor Angst schon die Zähne klapperten, wagte keinen Widerspruch.

Nach beendigter Mahlzeit – es mochte gegen neun Uhr sein – gab der Führer das Zeichen zum Aufbruch.

Kin-Fo begab sich nach seinem Reitthier. Craig und Fry suchten die ihrigen.

»Sie sind also fest entschlossen, sagten sie, Lao-Shen in die Hände zu laufen?

– Unbedingt! versicherte Kin-Fo. Ich muß und will meinen Brief um jeden Preis wieder haben.

– Sie setzen aber Alles auf's Spiel, erwiderten jene, wenn Sie sich in das Lager des Taï-Ping wagen.

– Ich bin nicht bis hierher gekommen, um zuletzt feig zurückzuweichen! entgegnete Kin-Fo. Es steht ja ganz bei Ihnen, ob Sie mir weiter folgen wollen!«

Der Führer hatte inzwischen eine kleine Taschenlaterne entzündet. Die beiden Agenten näherten sich ihm und sahen ein zweites Mal nach ihren Uhren.

»Es wäre offenbar klüger, bis morgen hier zu warten! sagten sie gleichzeitig.

– Weshalb? erwiderte Kin-Fo. Lao-Shen ist morgen oder übermorgen nicht minder gefährlich als heute. Also vorwärts.

– Vorwärts!« wiederholten Craig-Fry.

Der Führer hatte die letzten Worte gehört. Mehrmals schon, wenn die beiden Agenten Kin-Fo zu bestimmen suchten, nicht weiter zu ziehen, nahm sein Gesicht den Ausdruck der Unzufriedenheit an. Als sie jetzt wiederum darauf zurückkamen, schien seine Geduld fast am Ende.

Kin-Fo war das zwar nicht entgangen, doch vermochte nichts seinen einmal gefaßten Beschluß zu erschüttern. Höchst erstaunt war er aber doch, als der Führer, während er ihm beim Aufsteigen half; sich zu seinem Ohre neigte und ihm die Worte zuflüsterte.

»Hüten Sie sich vor jenen beiden Männern!«

Hatte in dem Geiste des Klienten Craig-Fry's ein Samenkorn des Mißtrauens Wurzel geschlagen? Vermochten jene unerwarteten und unerklärlichen Worte des Führers in ihm die Erinnerung an die von den beiden Agenten stets bewiesene Ergebenheit zu verlöschen? Nein, gewiß nicht! Und doch legte Kin-Fo sich die Frage vor, warum Craig-Fry ihm wohl gerathen haben mochten, seinen Besuch im Lager des Taï-Ping zu verschieben oder auch gänzlich aufzugeben. Waren sie denn nicht so plötzlich von Peking abgereist, nur um jenen aufzusuchen? Lag es nicht jedenfalls im Interesse der beiden Agenten der »Hundertjährigen«, ihn im Besitz seines albernen und ihn stets gefährdenden Briefes zu wissen? Er verstand also ihre Bitte auf keine Weise.

Kin-Fo verbarg die Gefühle, welche in ihm aufstiegen. Er nahm wiederum seinen Platz dicht hinter dem Führer ein. Craig-Fry folgten ihm und so zogen Alle zwei gute Stunden hin.

Es mochte gegen Mitternacht sein, als der Führer, stehen bleibend, nach einer langen, dunklen Linie im Norden hinwies, die sich nur undeutlich von dem etwas helleren Himmel abhob. Hinter derselben strebten einige Hügel empor, deren Gipfel das Licht des noch unter dem Horizont verborgenen Mondes versilberte.

»Die Große Mauer! sagte der Führer.

– Können wir noch diese Nacht durch dieselbe gelangen? fragte Kin-Fo.

– Wenn Sie es mit aller Gewalt wollen, ja!

– Ich will es!«

Die Kameele hielten an.

»Ich will nach einem Durchgang sehen, sagte da der Führer. Erwarten Sie mich hier!«

Er entfernte sich.

Da traten Craig und Fry zu Kin-Fo heran.

»Mein Herr! ... begann Craig.

– Mein Herr! sagte auch Fry.

Beide fügten dann in einem Tone hinzu:

»Waren Sie, während der zwei Monate, seit der ehrenwerthe Herr William J. Bidulph uns Ihnen zur Seite gab, mit den Ihnen geleisteten Diensten zufrieden?

– Vollkommen!

– Würden Sie auch die Freundlichkeit haben, dieses kleine Papier zu unterzeichnen, um zu bezeugen, daß Sie keine Ursache hatten, über Vernachlässigung zu klagen?

– Dieses Papier? erwiderte Kin-Fo erstaunt über den Anblick eines aus dem Notizbuche Craig's gerissenen Blattes, das ihm der Genannte vorhielt.

– Ja, das Zeugniß von Ihnen, setzte Fry hinzu, wird uns zur Empfehlung bei dem Director der Gesellschaft dienen.

– Und vielleicht – eine Extraprämie einbringen.

– Hier, mein Rücken kann Ihnen als Pult dienen, sagte Fry, sich niederbeugend.

– Und hier ist die nöthige Tinte, um uns diesen schriftlichen Beweis ihrer Anerkennung geben zu können!« fügte Craig hinzu.

Kin-Fo fing an zu lachen und unterschrieb das Gewünschte.

»Doch warum das Ganze, fragte er; an diesem Orte und zu dieser Stunde?

– An diesem Orte, erklärte ihm Fry, weil wir nicht die Absicht haben, Sie noch weiter zu begleiten.

– Und zu dieser Stunde erklärte Craig, weil es binnen wenig Minuten Mitternacht sein wird.

– Was geht Ihnen die Stunde an?

– Mein Herr, nahm da Craig das Wort, das Interesse unserer Gesellschaft für Lebensversicherung bezüglich Ihrer werthen Person ...

– Erlischt binnen wenig Augenblicken ... fuhr Fry fort.

– Und Sie können sich nun selbst umbringen ...

– Oder sich umbringen lassen ...

– Wann und wo es Ihnen beliebt!«

Kin-Fo sah verwundert die beiden Agenten an, die ihm das mit dem liebenswürdigsten Tone sagten. Da stieg der Mond über den östlichen Horizont herauf und traf sie mit seinen ersten Strahlen.

»Ah, der Mond! rief Fry.

– Und heute ist der 30. Juni! sagte Craig.

– Er geht um Mitternacht auf ...

– Und da ihre Police nicht erneuert ist ...

– Haben Sie aufgehört, der Klient der »Hundertjährigen« zu sein ...

– Gute Nacht, Herr Kin-Fo! ... rief Craig.

– Herr Kin-Fo, gute Nacht!« wünschte ihm Fry.

Die beiden Agenten wendeten ihre Kameele um und schwanden bald ihrem verdutzten Klienten aus dem Gesicht.

Kaum waren die Tritte der Kameele, welche die beiden Amerikaner hinwegtrugen, unhörbar geworden, als sich eine von dem Führer befehligte Anzahl Männer auf Kin-Fo, der sich vergeblich zu vertheidigen, und auf Soun stürzte, der vergeblich zu entfliehen suchte.

Einige Minuten später sahen sich Herr und Diener in den unteren Raum einer jener verlassenen Bastionen der Großen Mauer eingesperrt, dessen Thür sorgfältig hinter ihnen geschlossen wurde.

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