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Die Leiden eines Chinesen in China

Jules Verne: Die Leiden eines Chinesen in China - Kapitel 21
Quellenangabe
authorJules Verne
titleDie Leiden eines Chinesen in China
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
printrunDritte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171009
projectid7dc70083
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Zwanzigstes Capitel

In dem man sehen wird, welchen Zufälligkeiten Leute ausgesetzt sind, die sich der Apparate des Kapitän Boyton bedienen.

 

Nach drei Stunden graute allmälich der Tag am Horizont. Bald ward es ganz hell, so daß man das Meer in seiner ganzen Ausdehnung übersehen konnte.

Die Dschonke war nicht mehr sichtbar. Sie hatte die Skaphander, die sie an Schnelligkeit der Bewegung übertraf, schon weit überholt. Letztere hielten zwar denselben Weg ein und segelten mit derselben Brise, doch die »Sam-Yep« mochte sich jetzt wenigstens schon drei Meilen unter dem Winde von ihnen befinden. Von ihrer Seite hatte man also kaum noch etwas zu fürchten.

Mit Vermeidung der zunächst drohenden Gefahr war die Situation jedoch noch keineswegs eine günstige zu nennen.

Ringsum lag das Meer verlassen. Kein Fahrzeug, keine Fischerbarke in Sicht. Nirgends Land, weder im Norden, noch im Westen. Nichts, was die Nähe einer Küste verrathen hätte. Dazu herrschte eine völlige Ungewißheit, ob diese Gewässer dem Golfe von Pe-Tche-Li oder dem Gelben Meere angehörten.

Noch bewegte ein schwacher Wind die Oberfläche, von dem Niemand wußte, wie lange er anhalten würde. Die von der Dschonke gesteuerte Richtung bewies, daß sich – in größerer oder geringerer Entfernung von hier – in Westen das Land befinden mußte, daß man es nur dort zu suchen habe.

Die Skaphander sollten also baldigst wieder unter Segel gehen, wenigstens nachdem sie sich einigermaßen gestärkt hatten. Die Magen verlangten ihr Recht, und zwar nach einer zehnstündigen Fahrt unter solchen Umständen ziemlich stürmisch.

»Wir wollen frühstücken, sagte Craig.

– Und zwar tüchtig!« fügte Fry hinzu.

Kin-Fo gab durch ein Zeichen seine Zustimmung zu erkennen, und Soun bewegte die Kinnladen in einer Weise, daß sich Niemand darüber täuschen konnte, was er damit sagen wolle. Jetzt, wo ihn der Hunger quälte, dachte er nicht mehr an die Gefahr, auf der Stelle selbst aufgefressen zu werden.

Fry brachte hierauf aus dem wasserdichten Sacke verschiedene wohlerhaltene Nahrungsmittel, wie Brot, Conserven, einiges Tischgeräth, kurz alles Nothwendige zur Stillung des Hungers und Durstes. Zwar fehlten diesmal von den hundert Gerichten, die sonst auf einer chinesischen Tafel erscheinen, nicht weniger als achtundneunzig, der Rest genügte aber doch, die vier Leute zu befriedigen, und unter den gegebenen Umständen war es ja nicht am Platz, sich besonders wählerisch zu erweisen.

Man frühstückte also, und zwar mit gutem Appetit. Der Sack enthielt Vorräthe für zwei Tage. Entweder kam man vor Ablauf dieser zwei Tage an's Land oder – niemals.

»Wir haben aber die beste Hoffnung, bemerkte Craig.

– Ich möchte wohl wissen warum? fragte Kin-Fo mit etwas ironischem Lächeln.

– Weil uns das Glück wieder hold ist, antwortete Fry.

– Sie finden wirklich?

– Gewiß, fuhr Craig fort, da wir der schlimmsten Gefahr, der seitens der Dschonke, entrinnen konnten.

– Sie, mein Herr, erklärte Fry, waren, seitdem wir die Ehre haben, Sie zu begleiten, noch niemals in vollkommenerer Sicherheit als jetzt hier.

– Alle Taï-Ping der ganzen Welt ... sagte Craig.

– Können Ihnen nichts zu Leide thun, fügte Fry hinzu.

– Und Sie schwimmen so hübsch, meinte Craig.

– Für einen Mann, der zweimalhunderttausend Dollars wiegt!« schloß Fry den Satz.

Kin-Fo mußte wirklich lachen.

»Wenn ich jetzt schwimme, so verdanke ich das nur Ihnen, meine Herren. Ohne Ihren Beistand dürfte ich wohl schon dem armen Kapitän Yin Gesellschaft leisten.

– Wir auch, riefen Craig-Fry.

– Und ich nicht minder, ließ sich Soun vernehmen, der gerade ein großes Stück Brot hinunterwürgte.

– Nun, ich weiß, was ich Ihnen schuldig bin, fuhr Kin-Fo fort.

– Sie schulden uns gar nichts, entgegnete Fry, denn Sie sind Client der »Hundertjährigen« ...

– Gesellschaft für Lebensversicherung ...

– Grundcapital 20,000.000 Dollars ...

– Und wir leben der Hoffnung ...

– Daß sie auch Ihnen nichts schuldig sein wird!«

Im Grunde genommen war Kin-Fo sehr gerührt von der Vorsorge und Opferwilligkeit der beiden Agenten für seine Person, aus welchen Gründen jene Ergebenheit auch herzuleiten sein mochte, und er verhehlte ihnen das nicht.

»Wir sprechen hiervon weiter, sagte er, wenn Lao-Shen mir den Brief zurückerstattet hat, den Wang boshafter Weise aus der Hand gegeben!«

Craig und Fry wechselten einen Blick, ihre Lippen umspielte ein kaum bemerkbares Lächeln. Offenbar bewegte sie ein und derselbe Gedanke.

»Soun! rief Kin-Fo.

– Was steht zu Diensten?

– Den Thee!

– Sofort!« antwortete Fry.

Und Fry that sehr recht daran, die Antwort zu übernehmen, denn Soun hätte doch darauf nichts zu sagen gewußt, als daß es ihm absolut unmöglich sei, diesem Verlangen zu entsprechen.

Die beiden Agenten freilich waren nicht die Leute dazu, wegen einer solchen Bagatelle in Verlegenheit zu kommen.

Fry entnahm seinem Sacke noch ein kleines Geräth, das Kapitän Boyton's Apparat wesentlich vervollständigt. Dasselbe kann nämlich als Leuchte in der Nacht, als Ofen in der Kälte und als Herd dienen, wenn man ein warmes Getränk bereiten will.

Dabei ist es ungemein einfach. Ein auf einem metallischen Behälter angebrachtes Rohr von fünf bis sechs Zoll Länge trägt oben und unten einen kleinen Hahn, das Ganze ist in einer Korkplatte befestigt, wie man das öfters mit Thermometern in Badeanstalten sieht.

Fry setzte diesen Apparat auf die glatte Wasserfläche.

Mit der einen Hand öffnete er dann erst den oberen, dann mit der anderen den unteren Hahn, der etwas in's Wasser eintauchte.

Sofort schlug aus dem oberen Ende der Röhre eine helle Flamme heraus, die eine ziemlich starke Hitze verbreitete.

»Da, hier haben wir den Herd!« sagte Fry.

Soun konnte kaum seinen Augen trauen.

»Sie machen mit Wasser Feuer? rief er erstaunt.

– Ja wohl, mit Wasser und Phosphor-Calcium!« antwortete Craig.

Der hier in Rede stehende Apparat verdankt seine Vorzüge einer merkwürdigen Eigenschaft des Phosphor-Calciums, einer Verbindung des Phosphors, welches in Berührung mit Wasser Phosphor-Wasserstoffgas bildet. An der Luft entzündet sich dieses Gas von selbst, und weder Wind noch Regen vermögen die Flamme desselben auszulöschen. Deshalb findet es jetzt zur Beleuchtung verbesserter Rettungsbaken Verwendung. Das Schwanken der Bake auf den Wellen bringt das Wasser dabei in Contact mit dem Phosphor-Calcium. Sofort entwickelt sich eine lange Flamme, bei deren Schein ein über Bord Gefallener die Bake leicht bemerken und die Mannschaft des Schiffes Jenem sichere Hilfe leisten kann. Die Herren Seyferth und Silas, Archivare der französischen Gesandtschaft in Wien, sind die Erfinder dieser jetzt auf allen Kriegsschiffen eingeführten Rettungsbake.

Ueber die Gasflamme am Ende der Röhre hielt Craig nun ein kleines Kesselchen mit Süßwasser, von dem sich in seinem wasserdichten Sacke einiger Vorrath befand.

Binnen wenigen Minuten kam die Flüssigkeit in's Sieden. Craig goß sie nun in eine Theekanne mit einer geringen Menge der duftigen Blätter, und Kin-Fo so gut wie Soun genossen das Nationalgetränk diesmal auf amerikanische Weise, ohne einen Widerspruch laut werden zu lassen.

Dieses warme Getränk bildete den passenden Schluß des auf der Oberfläche des Meeres unter »so und so viel« der Breite und »so und so viel« der Länge servirten Frühstücks. Es fehlte nur ein Sextant und ein Chronometer, um die Position bis auf wenig Secunden genau zu bestimmen. Gewiß dürfte man später die Boyton'schen Rettungsanzüge auch noch mit diesen Instrumenten ausrüsten, damit Schiffbrüchige, welche sich derselben bedienen, nicht Gefahr laufen, sich im Ocean zu verirren.

Durch das Ausruhen und den Imbiß gestärkt, entfalteten Kin-Fo und seine Gefährten nun die kleinen Segel auf's Neue und setzten ihre durch das Frühstück angenehm unterbrochene Fahrt nach Westen weiter fort.

Zwölf Stunden lang hielt die Brise noch an und legten die Skaphander, mit dem Winde im Rücken, ein gutes Stück Weg zurück. Nur dann und wann halfen sie mit einigen Ruderschlägen nach, um sich im richtigen Kurs zu erhalten. Die horizontale Lage und das weiche Wasserbett erweckte in Allen eine nicht geringe Neigung zum Schlafe, der man in den gegebenen Umständen doch widerstehen mußte. Craig und Fry zündeten sich also, um munter zu bleiben, eine Cigarre an und dampften, wie es die Badestutzer in den Schwimmschulen zu thun pflegen.

Mehrmals wurden die Skaphander übrigens von mancherlei Seethieren incommodirt, was Soun stets den heillosesten Schreck einjagte.

Glücklicher Weise waren es nur ganz unschuldige Meerschweine. Diese »Clowns« der offenen See wollten sich offenbar darüber unterrichten, wer diese in ihrem Elemente dahinschwimmenden Wesen seien.

Ein merkwürdiges Schauspiel! Die Meerschweine näherten sich truppenweise; sie flogen pfeilschnell dahin, wobei das Wasser smaragdfarben schillerte; dann sprangen sie fünf bis sechs Fuß hoch heraus; ein Beweis für die Geschwindigkeit und Kraft ihrer Muskeln. O, wenn die Skaphander das Wasser ebenso schnell hätten zertheilen können, sie wären wohl vor dem besten Schiffe an das Land gekommen. Man verspürte fast Lust, sich von einem jener Thiere schleppen zu lassen. Bei den Sprüngen und Taucherkunststückchen derselben erschien es aber doch rathsamer, sich zur Fortbewegung nur auf die Kraft des Windes zu verlassen, eine Methode, die trotz ihrer Langsamkeit jedenfalls den Vorzug größerer Sicherheit gewährte.

Gegen Mittag legte sich die Brise fast gänzlich. Sie endigte mit mehreren »Stößen«, welche die kleinen Segel einen Augenblick schwellten, aber sofort wieder schlaff herabhängen ließen. Die Schote hing locker in der Hand. Weder an den Füßen noch an den Köpfen der Skaphander kräuselten sich die Wellen.

»Ein unangenehmer ... begann Craig.

– Zwischenfall!« schloß Fry.

Man hielt einen Augenblick an. Die Masten wurden ausgehoben, die Segel eingezogen und Alle beobachteten, in senkrechte Lage zurückgekehrt, den weiten Horizont.

Noch immer zeigte sich das Meer verlassen. Kein Segel kam in Sicht, keine Rauchwolke eines Dampfers zog am Himmel hin. Die brennende Sonne hatte alle Dünste aufgesaugt und schien die Luft verdünnt zu haben. Das Wasser wäre Jedem warm vorgekommen, auch wenn ihn nicht eine doppelte Kautschukhülle schützte.

So sehr sich Craig-Fry auch das Aussehen gaben, als könne dieses etwas gewagte Unternehmen gar nicht fehlschlagen, so quälte sie doch eine gewisse Unruhe. Die binnen sechzehn Stunden zurückgelegte Entfernung vermochte man zwar nicht abzuschätzen, daß aber gar nichts auf die Nachbarschaft der Küste hindeutete, daß weder ein Handelsschiff noch eine Fischerbarke in Sicht kam, erschien doch mehr und mehr unerklärlich.

Zum Glück waren Kin-Fo, Craig und Fry nicht die Leute dazu, vorzeitig zu verzweifeln. Noch besaßen sie ja Mundvorräthe für einen Tag und auch die Witterung blieb im Ganzen günstig.

»Die Ruder zur Hand!« mahnte Kin-Fo.

Schnell machten sich die Skaphander, bald auf dem Rücken, bald auf dem Bauche schwimmend, wieder auf den Weg nach Westen.

Freilich ging es nur langsam vorwärts. Das Rudern strengte Jeden wegen Mangel an Uebung nicht wenig an. Man war häufig gezwungen, anzuhalten und Soun zu erwarten, der immer zurückblieb und wiederholt Jeremiaden anstimmte. Sein Herr rief zwar nach ihm, schalt und drohte, Soun aber, der den Rest seines Zopfes jetzt in der Kautschukkappe in Sicherheit wußte, kümmerte sich darum blutwenig. Nur die Furcht, hier allein zurückgelassen zu werden, trieb ihn an, nicht allzu weit zurückzubleiben.

Gegen zwei Uhr zeigten sich einzelne Vögel, es waren Möven. Gerade diese fliegen aber oft sehr weit in die See hinaus. Aus ihrem Erscheinen war also noch kein Schluß auf die Nähe einer Küste zu ziehen. Doch betrachtete man dieselben immerhin als ein günstiges Vorzeichen.

Eine Stunde später verirrten sich die Skaphander in ein Sargasso-Netz, aus dem sie sich nur mit Mühe wieder befreiten. Sie verwickelten sich darin, wie die Fische in den Maschen eines Sacknetzes. Man mußte die Messer zu Hilfe nehmen, um mittelst derselben einen Ausweg zu bahnen.

Damit verlor man eine gute halbe Stunde und daneben auch viel Kräfte, welche besser hätten verwendet werden können.

Um vier Uhr hielt die kleine schwimmende Gesellschaft höchst erschöpft auf's Neue an. Eben erhob sich eine ziemlich frische Brise, aber von Süden her. Das war recht mißlich. Denn damit kamen die Skaphander in die Lage eines Schiffes, das sich nur durch das Steuerruder in seinem Kurs zu erhalten vermochte. Entfaltete man die Segel, so drohte die Gefahr, nach Norden hin verschlagen zu werden und einen Theil des Weges einzubüßen, den man schon nach Westen zurückgelegt hatte. Gleichzeitig wurde auch der Seegang lebhafter, die Wellen plätscherten stark und machten die Situation recht unangenehm.

Die Rast dauerte ziemlich lange. Man wollte nicht nur ausruhen, sondern suchte sich auch durch Nahrung zu stärken. Das Mittagsessen verlief weniger heiter als das Frühstück. In einigen Stunden sollte es schon wieder Nacht werden. Der Wind blies kräftiger. Was war zu thun?

Kin-Fo sprach, gestützt auf seine Pagaie, die Stirn gefaltet und mehr erbittert als beunruhigt über das Mißgeschick, das ihn verfolgte, kaum ein Wort. Soun jammerte ohne Unterlaß und nieste schon wie Einer, den ein entsetzlicher Schnupfen bedroht.

Craig und Fry fühlten es heraus, daß die anderen Beiden sie stillschweigend um ihre Meinung fragten, doch wußten sie jetzt nichts mehr zu antworten.

Da half ein glücklicher Zufall das lange Schweigen brechen.

Kurz vor fünf Uhr streckten Craig und Fry gleichzeitig die Hand nach Süden hin aus und riefen:

»Ein Segel! Dort ein Segel!« Wirklich erschien, etwa drei Meilen unter dem Winde, ein Fahrzeug, das mit vollen Segeln daherkam. Wenn es den augenblicklich gesteuerten Kurs einhielt, mußte es voraussichtlich nahe der Stelle vorbeikommen, wo Kin-Fo und seine Begleiter rasteten.

Jetzt hatte man also weiter nichts zu thun, als sich ein Stückchen weiter zu bewegen, um jenem sicher zu begegnen.

Die Skaphander zögerten keinen Augenblick. Die Hoffnung gab ihnen neue Kräfte. Jetzt hatten sie die Rettung sozusagen in den Händen, und es lag an ihnen, sie festzuhalten.

Die Richtung des Windes gestattete leider nicht die Benützung der kleinen Segel, doch mußten für die nur geringe Entfernung die Ruder wohl ausreichen.

Allmälich erschien das Fahrzeug deutlicher und größer. Es war nur eine Fischerbarke, deren Anwesenheit die Gewißheit gab, daß die Küste nicht fern sein könne, da sich die chinesischen Fischer niemals weit in die See hinaus wagen.

»Kräftig! Kräftig!« riefen Fry-Craig, die darauf losruderten, was sie konnten.

Sie hatten kaum nöthig, ihre Gefährten zur Eile anzuspornen. Kin-Fo flog, lang auf dem Wasser ausgestreckt, wie ein Kaperschiff dahin. Soun übertraf sich selbst und arbeitete sich sogar allen Anderen voraus, so sehr fürchtete er, zurückgelassen zu werden.

Man hatte etwa eine halbe Meile weit zu rudern, um den Weg des Fahrzeuges zu kreuzen. Noch war es heller Tag, doch wenn die Skaphander auch der Barke nicht so nahe kommen sollten, um leicht gesehen zu werden, hofften sie doch, sich durch Lärm bemerkbar machen zu können. Wenn die Fischer aber nun beim Anblick der eigenthümlichen Seegeschöpfe, welche sie anriefen, die Flucht ergriffen? Das wäre freilich ein Strich durch die Rechnung gewesen.

Immerhin, jetzt galt es, sich zu beeilen. Da strengten sie die Arme an, die Ruder schlugen klatschend in die Wellen ein und die Entfernung verminderte sich sichtlich, als Soun, der immer voraus war, einen schrecklichen Schrei ausstieß.

»Ein Hai! Ein Hai!«

Diesmal täuschte Soun sich nicht.

In einem Abstand von etwa zwanzig Fuß tauchten die Flossen eines gefräßigen, diesem Meere eigenthümlichen Geschöpfes auf. Es war der sogenannte Tiger-Hai, der seinem Namen alle Ehre macht, da ihn die Natur mit der doppelten Wuth des Wals und des Tigers ausstattete.

»Die Messer zur Hand!« riefen Craig und Fry.

Andere als diese, vielleicht unzureichenden Waffen besaßen die vier Gefährten eben nicht.

Soun hielt selbstverständlich eiligst an und kam schleunig zurück.

Der Hai hatte die Skaphander gesehen und schwamm auf sie zu. Einen Augenblick lang erkannte man bei der Durchsichtigkeit des Wassers seinen grün gestreiften und gefleckten Körper von sechzehn bis achtzehn Fuß Länge. Ein wahres Ungeheuer.

Auf Kin-Fo stürzte sich das Thier zuerst, indem es sich, um zuschnappen zu können, halb umwendete.

Kin-Fo behielt sein kaltes Blut wie immer. Eben als der Hai ihn erfassen wollte, schlug er jenen seine Pagaie so heftig auf den Rücken, daß er wieder Kehrt machte.

Craig und Fry, gleich gerüstet zum Angriff wie zur Abwehr, eilten hinzu.

Der Haifisch tauchte kurze Zeit unter und stieg wieder empor mit geöffnetem Rachen, der einer Scheere mit vierfachen Zahnreihen ähnelte.

Kin-Fo wollte sich auf die nämliche Weise vertheidigen, wie er es soeben mit Glück versucht hatte; seine Pagaie gerieth dabei aber in den Rachen des Thieres, das dieselbe glatt abbiß.

Halb auf der Seite liegend, stürmte das Unthier nun auf seine Beute los. Da quollen plötzlich Blutströme aus dessen Körper, die das Wasser roth färbten.

Craig und Fry hatten das Thier wiederholt getroffen, und so hart seine Haut auch war, ihre amerikanischen Messer mit sehr langen Klingen durchdrangen dieselbe doch.

Das Ungethüm riß den Rachen weit auf und schloß ihn wieder, während die Schwanzflosse die Wellen peitschte. Fry erhielt dabei einen Schlag, der ihn zehn Schritte weit zurückschleuderte.

»Fry! rief Craig voll Angst und mit einem Ausdruck von Schmerz, als habe der Schlag ihn selbst getroffen.

– Hurrah!« antwortete Fry, wieder auf dem Kampfplatze erscheinend.

Er war nicht verwundet. Sein Kautschuk-Küraß hatte die Gewalt des Schlages gebrochen.

Der Angriff auf den Hai wurde nun mit verdoppelter Wuth erneuert. Er drehte und wendete sich krampfhaft im Wasser. Kin-Fo gelang es, ihm das Ende der zerbissenen Pagaie in das Auge zu stoßen, und er versuchte nun, auf die Gefahr hin, verschlungen zu werden, die Bestie festzuhalten, während Craig und Fry das Herz derselben zu durchbohren suchten.

Es mußte ihnen wohl gelungen sein, denn das Ungeheuer schlug nur noch einige Male mit der Schwanzflosse und versank dann in einem dicken Blutstrom.

»Hurrah! Hurrah! Hurrah! riefen Craig-Fry wie aus einem Munde, die Messer schwingend.

– Ich danke Ihnen, sagte einfach Kin-Fo.

– Keine Ursache, entgegnete Fry, einen Bissen von zweihunderttausend Dollars für solch' einen Fisch!

– Niemals!« fügte Craig hinzu.

Und Soun? Wo war denn Soun. Diesmal weit voraus und in der Nähe der Fischerbarke, kaum drei Kabellängen von derselben entfernt. Der Hasenfuß entfloh mit Hilfe der Ruder so schnell er konnte. Das wäre beinahe sein Unglück gewesen.

Die Fischer bemerkten ihn zwar bald, konnten sich aber nicht vorstellen, daß in dieser Seehund-Verkleidung ein menschliches Wesen verborgen sei. Sie gingen also daran, ihn zu angeln wie eine Robbe oder einen Seehund. Als das vermeintliche Thier nahe genug heran war, schleuderten sie von Bord aus eine lange Leine mit einem tüchtigen Haken.

Der Haken faßte Soun dicht über den Gürtel und zerriß als er herangezogen ward, die Kautschukhülle vom Rücken bis zum Nacken.

Da Soun jetzt nur noch von der in den Beinkleidern eingeschlossenen Luft getragen wurde, stürzte er um, so daß der Kopf in's Wasser kam und die Beine in der Luft zappelten.

Kin-Fo, Craig und Fry kamen noch rechtzeitig herzu und gebrauchten die Vorsicht, die Fischer in gutem Chinesisch anzurufen.

Da fuhr den braven Leuten aber ein Heidenschreck in die Glieder! Seehunde, welche sprechen konnten! Natürlich hatten sie keinen anderen Gedanken als den zu entfliehen.

Kin-Fo gab sich indeß alle erdenkliche Mühe, sie zu beruhigen und ihnen klar zu machen, daß er und seine Begleiter Menschen, und zwar Chinesen seien, wie sie.

Bald darauf befanden sich die drei Landsäugethiere an Bord.

Nun war Soun noch übrig. Man holte ihn mit einem Bootshaken heran und richtete seinen Kopf über das Wasser empor. Einer der Fischer ergriff ihn an dem Reste des Zopfes und zog daran ...

Da blieb ihm Soun's Zopf allein in der Hand, und der arme Teufel tauchte auf's Neue unter.

Nun schlangen die hilfreichen Fischer ein Tau um ihn und hißten den Diener nicht ohne Mühe an Bord der Barke.

Kaum hatte er das Deck betreten und das verschluckte Seewasser wieder von sich gegeben, als Kin-Fo auf ihn zuging und in strengem Tone sagte:

»Es war also ein falscher?

– Ei, ohne diesen wäre ich, da ich Ihre Gewohnheiten kannte, nie in Ihre Dienste getreten!« erwiderte Soun.

Ein allgemeines Lachen folgte diesen Worten.

Die Fischer gehörten nach Fu-Ning. Nach kaum zwei Stunden zeigte sich der Hafen, nach dem Kin-Fo gelechzt hatte.

Um acht Uhr Abends ging er mit seinen Genossen an's Land und Alle nahmen nach Ablegung der Kapitän Boyton'schen Rettungsanzüge wieder das Aussehen menschlicher Wesen an.

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