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Die Leiden eines Chinesen in China

Jules Verne: Die Leiden eines Chinesen in China - Kapitel 19
Quellenangabe
authorJules Verne
titleDie Leiden eines Chinesen in China
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
printrunDritte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171009
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Achtzehntes Capitel

In dem Craig und Fry von ihrer Neugierde getrieben, den Raum der »Sam-Yep« besuchen.

 

»Wo sind wir, Kapitän Yin? fragten Craig-Fry, als alle Gefahr vorüber war.

– Das kann ich nicht genau wissen, sagte der Kapitän, dessen Gesicht wieder in alter Lustigkeit strahlte.

– Im Golfe von Pe-Tche-Li?

– Vielleicht.

– Oder in dem Golfe von Leao-Tong?

– Auch möglich.

– Aber wo werden wir an's Land gehen?

– Wo der Wind uns hintreibt.

– Und wann?

– Ja, das kann ich nicht sagen.

– Ein echter Chinese weiß sich überall zurechtzufinden, sagte Kin-Fo in ziemlich schlechter Laune, eine Stelle aus einem im Reiche der Mitte gerade damals sehr im Schwange befindlichen Gedichte recitirend.

– Auf dem Laude, ja! antwortete Kapitän Yin. Auf dem Meere, nein!«

Dabei verzog er den Mund bis zu den Ohren.

»Ich finde hierbei gar nichts zu lachen, sagte Kin-Fo.

– Aber auch nichts zu weinen!« versetzte der Kapitän.

Und in der That, wenn die Lage der »Sam-Yep« vorderhand gar nichts Beunruhigendes hatte, so könnte doch Kapitän Yin unmöglich sagen, wo sich die »Sam-Yep« befinde. Wie hätte er den Kurs ohne Boussole controliren wollen bei einem unstäten Winde, der in kurzer Zeit über drei Viertel des Compasses räumte? Da ihre Segel eingezogen waren, gehorchte die Dschonke dem Steuer fast gar nicht mehr und war nur der Spielball des Orkans. Ohne Grund waren also jene unbestimmten Antworten des Kapitäns keineswegs. Nur hätte er sie mit weniger jovialem Ausdruck geben sollen.

Ob sie nun aber nach dem Golfe von Leao-Tong getrieben oder nach dem von Pe-Tche-Li zurückgeworfen worden war, jedenfalls mußte die »Sam-Yep« baldmöglichst einen Kurs nach Nordwesten einschlagen. In dieser Richtung mußte das Land sich finden; nur wie weit es bis dahin sein mochte, das war die einzige Frage.

Kapitän Yin hätte gewiß auch die Segel gehißt und wäre in gleicher Richtung mit der Sonne gefahren, die eben in hellstem Glanze leuchtete, wenn ihm das möglich gewesen wäre.

Das war jedoch nicht möglich.

Nach dem Typhon herrschte die vollständigste Ruhe, keine Bewegung in den Schichten der Atmosphäre, kein noch so leiser Windhauch. Ringsum lag ein gleichmäßig ebenes Meer, das keine Welle kräuselte, kaum fühlte man ein langsames, dem Athmen vergleichbares Senken und Heben des Wassers, das sich dabei nicht von der Stelle regte. Auf dem Meere lag ein warmer Dunst, und der in der Nacht von kämpfenden Wolkenmassen bedeckte Himmel sah jetzt aus, als könne er niemals zürnen. Es trat eine jener unheimlichen Windstillen ein, deren Ende Niemand absehen konnte.

»Sehr schön, sagte Kin-Fo mit einem gewissen Galgenhumor, nach dem Sturm, der uns auf die hohe See verschlägt, eine Windstille, die uns hindert, an's Land zu kommen!«

Er wendete sich an den Kapitän.

»Wie lange kann diese Stille andauern? fragte er.

– Aber, bester Herr, wer könnte das in der jetzigen Jahreszeit voraussagen! erwiderte der Kapitän.

– Stunden- oder tagelang?

– Tage- oder wochenlang! verbesserte Yin mit resignirtem Lächeln, das seine Passagiere fast außer sich brachte.

– Wochenlang! fuhr Kin-Fo auf. Glauben Sie denn, ich habe Zeit, hier wochenlang zu warten?

– Es wird nichts Anderes übrig bleiben, wenn wir die Dschonke nicht schleppen lassen.

– Zum Kukuk mit Ihrer Dschonke, mit allen Denen, die sie trägt, und zuerst mit mir, der die alberne Idee hatte, auf dieselbe an Bord zu gehen.

– Darf ich Ihnen zwei Rathschläge ertheilen, mein Herr? sagte Kapitän Yin.

– Wie es Ihnen beliebt!

– Der erste ist der, daß Sie sich niederlegen und schlafen, wie ich es eben thun werde, das dürfte nach einer auf Deck durchwachten Nacht das Gescheiteste sein.

– Und Ihr zweiter Rath? fragte Kin-Fo, den die Ruhe des Kapitäns fast noch mehr außer Fassung brachte, als die des Meeres.

– Der zweite, erwiderte Yin, ist der, es zu machen wie meine Passagiere im Raume unten: sie beklagen sich nicht und nehmen die Zeiten, wie sie kommen!«

Nach dieser philosophischen Bemerkung, welche wirklich eines Wang würdig gewesen wäre, begab sich der Kapitän nach seiner Cabine und ließ nur zwei bis drei Mann von der Besatzung auf dem Deck zurück.

Eine Viertelstunde lang ging Kin-Fo mit gekreuzten Armen und mit den Fingern vor Ungeduld Triller schlagend auf dem Schiffe hin und her. Dann warf er noch einen letzten Blick auf die traurige Einöde, deren Mittelpunkt die Dschonke einnahm, zuckte die Achseln und schritt auf das Wohnhäuschen zu, selbst ohne ein Wort an Craig-Fry zu richten.

Die beiden Agenten lehnten auf dem Barkholz und unterhielten sich wie gewöhnlich mit einander, ohne ein Wort dabei zu sprechen. Sie hatten Kin-Fo's Fragen, ebenso wie die Antworten des Kapitäns gehört, vermieden es aber, sich einzumischen. Was hätte es ihnen auch nützen können, und weshalb sollten sie in die Klagen über diese Verzögerung einstimmen, die ihrem Clienten die Laune so gründlich zu verderben schien?

Was sie an Zeit verloren, gewannen sie ja offenbar an Sicherheit. Da Kin-Fo an Bord keiner Gefahr ausgesetzt war und die Hand Lao-Shen's ihn hier unmöglich treffen konnte, was hätten sie mehr wünschen können?

Uebrigens nahte der Zeitpunkt, mit dem ihre Verantwortlichkeit zu Ende ging, mehr und mehr heran. Noch fünfzig Stunden – und wenn sich dann die ganze Armee des Taï-Ping auf den Ex-Clienten der »Hundertjährigen« gestürzt hätte – sie hätten kein Haar daran gewagt, ihn zu vertheidigen. O, diese Amerikaner sind praktische Leute! Alles für Kin-Fo, so lange er ihnen zweimalhunderttausend Dollars galt! Nichts – sobald er für sie kaum noch eine Sapeke werth war.

Mit einem solchen Gedankengang im Kopfe, nahmen Craig und Fry mit gutem Appetit ein kräftiges Frühstück ein. Ihr vorräthiger Proviant ließ nichts zu wünschen übrig. Sie aßen von derselben Schüssel, von demselben Teller, verzehrten dieselben Bissen Brot und Stücke kalten Fleisches. Sie tranken gleichmäßig viel Gläser eines vortrefflichen Weines von Chao-Chigne auf die Gesundheit des ehrenwerthen William J. Bidulph, sie rauchten Jeder ein halbes Dutzend Cigarren und lieferten noch einmal den Beweis, daß man, ohne als solches geboren zu sein, doch nach Sitte und Gewohnheiten ein siamesisches Zwillingspaar darstellen kann.

Brave Yankees, die nun bald am Ende ihrer Leiden zu sein glaubten!

Der Tag verlief ohne Unfall, ohne Zwischenfall. Immer dieselbe Ruhe der Atmosphäre, derselbe friedliche Anblick des Himmels. Nichts deutete auf eine bevorstehende Aenderung der Witterung hin. Die Gewässer des Meeres schlummerten stille wie die eines Landsees.

Gegen vier Uhr erschien Soun wieder auf dem Verdeck, aber wankend und schwankend wie ein Trunkener, obwohl er in seinem Leben noch nie so mäßig gelebt hatte wie in den letzten Tagen.

Nachdem er zuerst ein violettes Aussehen, dann ein blaues und zuletzt ein grünes angenommen, änderte sich seine Farbe wieder nach und nach in gelb um. Wenn sie dann nach der Rückkehr an's Land orangenfarbig wurde und aus dieser gewöhnlichen Farbe, wenn etwas seinen Zorn erregte, in's Rothe überging, so hatte sie allmälich und in richtiger Ordnung die ganze Farbenscala des Sonnenspectrums durchlaufen.

Mit halb geschlossenen Augen und ohne einen Blick über die Schanzkleidung der »Sam-Yep« zu werfen, schleppte sich Soun mühsam zu den beiden Agenten hin.

»Sind wir noch nicht am Ziele? fragte er.

– Nein, antwortete Fry.

– Kommen wir bald an?

– Nein! erklärte ihm Craig.

– Ai, ai, ya!« seufzte Soun.

Voller Verzweiflung und außer Stande, noch länger zu sprechen, streckte er sich, von würgenden Krämpfen geschüttelt, am Fuße des Großmastes nieder, wobei sein kleiner Zopf wie ein kurzer Hundeschweif wedelte.

Zum Zweck der Lüftung des Raumes hatte Kapitän Yin die Deckluken öffnen lassen. Während des Typhon brandeten einzelne Wellen nämlich bis auf das Deck und drangen theilweise in den Schiffsraum ein. Die dadurch entstandene Feuchtigkeit sollte die warme Sonne nun daraus entfernen.

Während sie planlos auf dem Deck hin und her wandelten, waren Craig und Fry wieder an der großen Luke stehen geblieben. Mehr und mehr erwachte in ihnen die Neugier, dieses provisorische Grabgewölbe einmal in Augenschein zu nehmen. Sie kletterten also an den stufenförmig eingeschnittenen Deckstützen hinunter.

Unter der großen Luke erleuchtete die Sonne einen großen viereckigen Fleck mit ihren vollen Strahlen; nach beiden Seiten von demselben lag der Raum in tiefe Dunkelheit gehüllt. Craig's und Fry's Augen gewöhnten sich jedoch bald an diese Finsterniß, so daß sie erkennen konnten, wie man die eigenthümliche Ladung der »Sam-Yep« verstaut hatte.

Den Schiffsraum trennten hier keine Scheidewände, wie es sonst auf Handelsfahrzeugen der Fall zu sein pflegt, in Längsabtheilungen. Er bildete von einem Ende zum anderen einen freien Behälter für die Last, da die Wohnungen auf dem Verdeck für die Besatzung vollständig hinreichten.

An beiden Seiten dieses Raumes, der übrigens an Sauberkeit mit dem Vorzimmer eines Cenotaphiums wetteiferte, standen die nach Fu-Ning bestimmten fünfundsiebzig Särge reihenweise übereinander. Sorgsam mit Tauen befestigt, konnten sie weder beim Rollen noch beim Stampfen der Dschonke ihre Stelle verändern und gefährdeten die Sicherheit derselben also in keiner Weise.

Zwischen den beiden Reihen war ein Weg freigelassen, so daß man von einem Ende des Raumes bis zum anderen gelangen konnte; an zwei, den Luken entsprechenden Stellen fand das Licht jetzt in jenen Eingang, während die übrigen Theile im Helldunkel begraben lagen.

Craig und Fry gingen schweigend, als befänden sie sich in einem Mausoleum, längs dieses Weges hin.

Sie betrachteten die ungewöhnliche Ladung mit lebhaftem Interesse.

Hier standen Särge jeder Form und Größe, die einen reich geschmückt, die anderen ärmlich ausgestattet. Von den Auswanderern, welche die Noth des Lebens nach jenseits des Pacifischen Oceans verschlagen hatte, erwarben sich wohl einzelne, doch leider nur wenige, in den Bergwerken von Nevada oder Colorado ein bescheidenes Vermögen. Die Meisten kamen arm dorthin und kehrten jetzt ebenso zurück. Jetzt kamen sie, im Tode gleich, wieder nach dem Strande der Heimat. Die Ladung des Schiffes bestand etwa aus zehn Särgen von kostbarem Holze, die mit aller Phantasie des chinesischen Luxus verziert waren, die übrigen hatte man aus vier grob gearbeiteten und nothdürftig gelb angestrichenen Planken gezimmert. Ob reich oder arm, trug doch jeder eine Aufschrift mit dem Namen der Verstorbenen, welche Craig und Fry da und dort erkennen konnten. Da las man deutlich: Lien-Fu aus Young-Ping-Fu, Nan-Lou aus Fu-Ning, Sheu-Kin aus Lin-Kin, Luang aus Ku-Li-Koa u. s. w. Eine Verwechslung schien gar nicht möglich. Jeder Leichnam sollte, mit genauer Adresse versehen, weiter befördert werden, um in den Obstgärten, mitten im Felde oder in öder Ebene die Zeit seiner definitiven Beerdigung abzuwarten.

»Gut verpackt! sagte Fry.

– Und gut erhalten!« setzte Craig hinzu.

Sie sprachen ganz so, als befänden sie sich in den Magazinen eines Kaufmannes oder in den Lagerräumen eines Spediteurs von New-York oder San-Francisco.

Als Craig und Fry nahe dem Vordertheile des Schiffes an das dunkelste Ende des Raumes gekommen waren, blieben sie stehen und ließen die Blicke durch den Zwischengang schweifen, der unwillkürlich an den Seitenweg eines Friedhofs erinnerte.

Schon wollten sie wieder nach dem Deck hinaufsteigen, als ein leises Geräusch ihre Aufmerksamkeit fesselte.

»Wahrscheinlich eine Ratte! sagte Craig.

– Was könnte es weiter sein? antwortete Fry.

– Eine Ratte unter Leichen! Eine Ladung Hirse, Reis oder Mais würde ihr wohl lieber gewesen sein!« Das Geräusch hielt an. Man hörte es etwa in Menschenhöhe, es mußte also aus der oberen Sargreihe herrühren. Es klang, als knabberten spitzige Zähne an Holz, oder als scharrten Fingernägel an einem der Deckel.

»Frrr! Frrr!« machten Craig und Fry.

Das Scharren dauerte fort.

Die beiden Agenten schlichen näher und lauschten mit verhaltenem Athem. Offenbar kam das Geräusch aus dem Innern eines der Särge her.

Sollten sie hier etwa einen nur scheintodten Chinesen mit verladen haben? ... meinte Craig.

– Der nach einer Ueberfahrt von fünf Wochen nun wieder erwachte?« fügte Fry hinzu.

Sie legten damit die Hand auf den verdächtigen Sarg und überzeugten sich, daß sich darin etwas bewegte.

»Zum Teufel! raunte Craig.

– Zum Kukuk!« murmelte Fry.

Natürlich kam ihnen ganz gleichzeitig der Gedanke, daß ihrem Clienten hieraus irgend eine Gefahr erwachsen könne.

Sie zogen die Hand zurück und fühlten, wie sich der Deckel des betreffenden Sarges langsam erhob.

Craig und Fry, zwei Leute, welche eigentlich nichts zu erschrecken vermochte, blieben stehen und horchten, da sie in der hier herrschenden Dunkelheit nichts deutlich sehen konnten, nicht ohne eine gewisse Beängstigung.

»Bist Du es, Kuo?« flüsterte eine Stimme vorsichtig.

Fast in demselben Augenblicke öffnete sich auch ein Sarg am Backbord.

»Bist Du es, Fa-Kim?«

Darauf hörte man noch folgendes, flüchtige leise Gespräch:

»Also diese Nacht? ...

– Ja, in dieser Nacht.

– Bevor der Mond aufgeht?

– In der zweiten Wache.

– Und unsere Genossen?

– Sind über Alles unterrichtet.

– Sechsunddreißig Stunden im Sarge – ich hab' es satt.

– Ich noch mehr.

– Doch Lao-Shen wollte es so!

– Still! Still!«

Als Craig-Fry den gefürchteten Namen des Taï-Ping vernahmen, überlief sie, so sehr sie sich sonst beherrschten, doch ein gewisser Schauer.

Die beiden Deckel waren wieder auf die länglichen Kisten herabgesunken. In dem Raume der »Sam-Yep« herrschte wieder die Ruhe des Grabes.

Vorsichtig schlichen Fry-Craig durch den freien Gang und klommen an den Deckstützen hinauf. Sofort begaben sie sich hinter das Volkslogis, wo sie Niemand hören konnte.

»Todte, welche sprechen ... begann Craig.

– Sind eben nicht todt!« schloß Fry den Satz.

Der Name Lao-Shen hatte ihnen Alles offenbart.

Es hatten sich also Helfershelfer des schrecklichen Taï-Ping an Bord mit eingeschlichen. Konnte man angesichts dieser Thatsachen zweifeln, daß Kapitän Yin, seine Mannschaft, die Rheder im Hafen von Taku, welche die Ladung Leichen verschifft hatten, nicht unter einer Decke spielten? Gewiß nicht! Nach Löschung des amerikanischen Schiffes, das die Särge von San-Francisco brachte, hatten diese einige Tage auf dem Lager des Hafenortes gestanden. Ein Dutzend, vielleicht noch mehr Mitglieder von Lao-Shen's Räuberbande stahlen von dort die Särge, entleerten dieselben und nahmen dafür selbst in jenen Platz. Um diesen Streich aber auf Veranlassung ihres Chefs auszuführen, mußten sie doch wohl davon Kenntniß haben, daß Kin-Fo sich ebenfalls auf der »Sam-Yep« einschiffen werde. Wie in aller Welt hatten sie das erfahren können?

Das blieb ein dunkler Punkt, welchen aufzuhellen jetzt nicht die geeignete Zeit schien.

Das eine stand ja fest, daß sich eine Anzahl Chinesen der schlimmsten Sorte seit der Abfahrt aus Taku an Bord der Dschonke befand, daß von einem derselben Lao-Shen's Name genannt worden war und daß Kin-Fo's Leben jetzt die furchtbarste nahe bevorstehende Gefahr drohte.

Die heutige Nacht, die Nacht vom 28. zum 29. Juni, sollte der »Hundertjährigen« noch zweihunderttausend Dollars kosten, während die Gesellschaft fünfundvierzig Stunden später, wenn die Police bis dahin nicht erneuert war, den Rechtsnachfolgern ihres gefährlichen Clienten keinen Cent zu zahlen hatte.

Man würde Craig und Fry sehr falsch beurtheilen, wenn man glaubte, daß sie in so bedrohter Lage etwa gar den Kopf verloren hätten. Sie blieben keine Minute unschlüssig; Kin-Fo mußte gezwungen werden, vor der zweiten Wache die Dschonke zu verlassen und mit ihnen zu entfliehen.

Doch wie? Sollte man sich des einzig vorhandenen Bootes bemächtigen? Unmöglich. Dasselbe war eine so schwere Schaluppe, daß die ganze Mannschaft nur eben hinreichte, es mit vereinten Kräften in's Meer herabzulassen. Kapitän Yin und seine Leute würden hierzu aber schwerlich die Hand geboten haben. Man mußte sich also auf andere Weise zu helfen suchen, trotz aller Gefahren, die damit verbunden sein konnten.

Es war jetzt gegen sieben Uhr Abends. Der Kapitän verweilte in seiner Cajüte und erwartete offenbar die mit Lao-Shen's Spießgesellen verabredete Stunde.

»Hier ist kein Augenblick zu verlieren!« sagten Craig-Fry.

Gewiß, nicht ein einziger! Die beiden Agenten schwebten hier in gleich großer Gefahr, als ob sie mit einem Brander, dessen Lunte schon brannte, auf der hohen See trieben.

Die Dschonke hatte man einfach der Strömung des Wassers überlassen. Nur ein Matrose schlief auf dem Vorderdeck.

Craig und Fry öffneten vorsichtig die Thür der Wohnung auf dem Achter und begaben sich zu Kin-Fo.

Auch dieser schlummerte.

Man weckte ihn.

»Was giebt es?« fragte er.

Mit kurzen Worten wurde Kin-Fo, der dabei keineswegs den Muth verlor, über die Sachlage aufgeklärt.

»Wir wollen alle die falschen Leichname in's Meer werfen!« schlug er vor.

Gewiß eine verwegene, doch unausführbare Idee, da Kapitän Yin mit seinen Passagieren im Raume aller Wahrscheinlichkeit nach im Einverständnisse war.

»Ja, was wollen wir dann beginnen?

– Hier diese Kleidung anlegen!« erwiderten Craig-Fry wie aus einem Munde.

Damit öffneten sie eines der in Tong-Tcheu mit eingeschifften Packete und hielten ihrem Clienten einen jener ausgezeichneten, von Kapitän Boyton erfundenen Rettungsanzüge hin.

Das Packet enthielt auch noch drei ganz gleiche mit allem nöthigen Zubehör, durch den diese Apparate sich vor allen anderen auszeichnen.

»Gut, sagte Kin-Fo. Holen Sie Soun!«

In kurzer Zeit brachte Fry den Diener angeführt, der gar nicht verstand, was hier vorging, und von den Anderen angezogen werden mußte. Er ließ Alles willenlos mit sich geschehen und stöhnte nur sein gewöhnliches Ai, ai, ya! dazu.

Um acht Uhr waren Kin-Fo und seine Begleiter fertig. Es sah aus, als wollten sich vier Robben aus dem Eismeer in das Wasser stürzen. Freilich hätte die Robbe Soun nur eine sehr unzureichende Vorstellung von der Gewandtheit und Geschicklichkeit dieser Thiere gegeben, so schlaff und welk stand er in seiner unversenkbaren Kleidung da.

Schon ward es im Osten dunkler. Die Dschonke lag vollkommen ruhig auf der unbewegten Wasserfläche.

Craig und Fry öffneten eines der nach dem Hintertheile des Schiffes gerichteten Fenster des Wohnhäuschens. Dann packten sie ohne Umstände den unglücklichen Soun, hoben ihn über den Schiffsrand und ließen ihn in das Meer hinab. Kin-Fo folgte diesem auf der Stelle. Craig und Fry versahen sich noch mit allem nothwendigen Zubehör und glitten auch ihrerseits in's Meer.

Kein Mensch konnte eine Ahnung davon haben, daß die Passagiere der »Sam-Yep« das Schiff verlassen hätten!

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