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Die Leiden eines Chinesen in China

Jules Verne: Die Leiden eines Chinesen in China - Kapitel 18
Quellenangabe
authorJules Verne
titleDie Leiden eines Chinesen in China
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
printrunDritte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171009
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Siebzehntes Capitel

In welchem der Handelswerth Kin-Fo's noch einmal in Frage gestellt wird.

 

Acht Tage vorher war ein amerikanisches Schiff im Hafen von Taku vor Anker gegangen. Gemiethet von der sechsten chino-californischen Gesellschaft, war es für Rechnung der Agentur Fuk-Ting-Tong befrachtet, welche ihren Sitz bei dem Kirchhof von Laurell-Hill, in der Nähe von San-Francisco, hat.

Treu ihrer Religion, erwarten die in Amerika verstorbenen Söhne des Himmels hier die Rückkehr nach dem Vaterlande, bis sie in mütterlicher Erde eine Ruhestätte finden.

Das nach Canton bestimmte Schiff hatte laut Bericht der Agentur eine Ladung von zweihundertfünfzig Särgen, von welchen fünfundsiebzig in Taku gelandet werden sollten, um nach den Provinzen des Nordens übergeführt zu werden.

Die Umladung von dem amerikanischen Schiffe nach einem chinesischen war vollendet, und an eben diesem Morgen des 27. Juni sollte letzteres nach dem Hafen von Fu-Ning segeln.

Auf diesem Fahrzeuge hatten Kin-Fo und seine Begleiter Passage genommen. Sie hätten es vielleicht nicht gewählt; wegen Mangel an anderer Gelegenheit mußten sie sich aber mit demselben begnügen, denn es lag kein anderes zur Fahrt nach dem Golf von Leao-Tong bereit. Es handelte sich übrigens nur um eine Reise von zwei bis drei Tagen, welche zu dieser Jahreszeit meist sehr bequem von statten geht.

Die »Sam-Yep« war eine seetüchtige Dschonke von etwa dreihundert Tonnen Tragfähigkeit. Solche Schiffe giebt es in großer Anzahl, und ihr Tiefgang von nur sechs Fuß gestattet ihnen mit Bequemlichkeit, über die Sandbänke am Eingange der chinesischen Ströme hinwegzugleiten.

Zu lang für ihre Breite segeln sie schlecht, außer ganz dicht am Winde, aber wenden auf der Stelle, wie sich ein Kreisel dreht. Die Fläche ihres ungeheuren Steuers ist nach einer in China sehr beliebten Methode vielfach durchlöchert, eine Einrichtung, deren Vorzüge wohl mit Recht anzufechten sind. Doch, wie dem auch sei, diese geräumigen Fahrzeuge wagen sich ungestraft auf die Meere längs der Küsten.

Man erzählt sogar, daß eine solche, von einem Handelshause in Canton geheuerte Dschonke unter dem Befehle eines amerikanischen Kapitäns eine Ladung Thee und Porzellan nach San-Francisco gebracht habe. Jedenfalls ist es außer Zweifel, daß sich diese Schiffe auf dem Meere gut bewähren, eine Ansicht, in der alle Sachverständigen übereinstimmen, während man die Chinesen im Allgemeinen für sehr gute Seeleute hält.

Die »Sam-Yep« erinnerte bei ihrer modernen Construction mit ziemlich geradem Vorder- und Hintersteven mehr an die Form der europäischen Schiffe. Sie war ohne Mithilfe von Nägeln und Schrauben aus Bambus hergestellt, mit Werg und Cambodje-Harz kalfatert und so wasserdicht, daß sie nicht einmal eine Pumpe besaß. In Folge ihrer Leichtigkeit schwamm sie wie ein Stück Kork auf den Wellen. Uebrigens führte sie einen Anker aus sehr hartem Holz, ihr festes und doch geschmeidiges Tauwerk aus Palmenfasern, Segelwerk, das vom Verdeck aus gestellt und einem Fächer ähnlich ausgebreitet oder zusammengefaltet wurde, ferner zwei Maste, entsprechend etwa dem Großmast und dem Besan eines Luggers, außerdem hatte sie kein Uebergewicht nach dem Stern zu, war aber in ihrer Art trefflich ausgerüstet und für die Küstenfahrt gewiß ganz geeignet.

Niemand hätte der »Sam-Yep« von außen angesehen, daß sie für diese Reise von ihren Rhedern zu einem ungeheuren Leichenwagen umgewandelt worden war.

In der That trat an Stelle der Theekisten, Seidenballen und der Nebenfracht von chinesischen Specereien diesmal die erwähnte Ladung von Särgen. Dabei behielt jedoch die Dschonke den früheren lebhaften Farbenschmuck unverändert bei. Am Vorder- und am Hintertheil wehten lustige Oriflammen und vielfarbige Flaggen. Ganz vorn saß ein großes blitzesprühendes Auge, das ihr das Aussehen eines gigantischen Ungeheuers gab. Vom Topp der Masten wehte das leuchtende Flaggentuch Chinas. Ueber die Schanzkleidung lugten die Mündungen zweier kurzer Schiffskanonen heraus, die in der Sonne wie ein Spiegel glänzten – in diesem von Seeräubern belästigten Meere gewiß ganz nützliche und nothwendige Beigaben, Alles, was man sah, machte einen angenehmen, fast erheiternden Eindruck. Die »Sam-Yep« rüstete sich ja gewissermaßen zu einer Heimreise – freilich eine Heimreise mit Leichnamen, doch sozusagen mit zufriedenen stummen Leuten.

Kin-Fo und Soun stießen sich, als geborne Chinesen, an diesem Umstande nicht im mindesten. Craig und Fry, welchen diese Art Fracht, sowie Vielen ihrer Landsleute, einen gewissen Widerwillen einflößte, hätten wohl gern ein anderes Handelsschiff zur Ueberfahrt gewählt, mußten sich jedoch dem Zwange der Umstände fügen.

Die ganze, übrigens zur Führung der Dschonke hinreichende Besatzung bestand aus einem Kapitän und sechs Mann. Der Compaß soll der Sage nach in China erfunden worden sein. Das ist möglich; gewiß ist aber, daß die Küstenfahrer auf denselben verzichten und nach ihrem Gutdünken steuern. Kapitän Yin, ein kleiner stets lächelnder, lebhafter und geschwätziger Mann, war der lebende Beweis des vergeblich gesuchten Perpetuum mobile. Er konnte an keiner Stelle bleiben und kein Glied des Körpers still halten. Seine Arme, Hände und Augen sprachen fast noch mehr als die Zunge, welche übrigens hinter der hübschen Reihe weißer Zähne so gut wie niemals zur Ruhe kam. Er schalt auf seine Leute, rief sie mit groben Worten an und behandelte sie überhaupt nicht freundlich; dagegen war er ein tüchtiger, bezüglich der Fahrt an diesen Küsten sehr erfahrener Seemann, der seine Dschonke dirigirte, als hätte er sie zwischen den Fingern gehabt. Der ziemlich hohe Preis, den Kin-Fo für sich und seine Leute bezahlt hatte, vermehrte jedoch seine von Natur gute Laune. Passagiere, die für eine Fahrt von sechzig Stunden hundertfünfzig Taëls = 960 Mark) wegwarfen – das war ein Geschäft; vorzüglich, wenn ihre Ansprüche auf Comfort und Nahrung die der stillen Gäste im Raume des Schiffes nicht zu sehr übertrafen.

Kin-Fo, Craig und Fry hatten wohl oder übel in dem Wohnhäuschen auf dem Hintertheil Platz gefunden; Soun hauste im sogenannten Volkslogis des Vorderdecks.

Die beiden allezeit mißtrauischen Agenten musterten zuerst aufmerksam die Leute des Kapitäns, unter denen sie nichts fanden, was ihren Verdacht gerechtfertigt hätte. Eine heimliche Uebereinstimmung mit Leao-Shen vorauszusetzen, war doch zu unwahrscheinlich, da sich ihr Client dieser Dschonke ja nur aus Zufall bei seiner Reise bediente, und wie sollte diese Zufälligkeit gerade mit den etwaigen Absichten des alten Taï-Ping zusammenfallen? Von den Gefahren, die das Meer selbst bieten konnte, abgesehen, durften sie also erwarten, einige Tage von ihrer gewöhnlichen Besorgniß befreit zu bleiben, weshalb sie Kin-Fo auch mehr sich selbst überließen.

Letzterer schien darüber nicht eben böse zu sein. Er schloß sich in seine Cabine ein und hing nach Belieben seinen Träumereien nach. Der arme Mann, der das Glück noch nicht kennen, den Werth des Lebens in seinem Yamen zu Shang-Haï noch nicht schätzen gelernt hatte, da ihm die Sorge fremd blieb und er die Arbeit verachtete! Kam er wieder in den Besitz seines Briefes, dann mußte es sich ja zeigen, ob er von der ihm zu Theil gewordenen Lehre Nutzen gezogen, ob aus dem Thoren ein Weiser geworden war!

Doch würde er diesen Brief denn jemals wieder erhalten? Ohne Zweifel, er war ja bereit, den Werth, den jener in der Hand eines Andern haben konnte, voll zu ersetzen. Für Lao-Shen konnte die ganze Angelegenheit nur eine Geldfrage sein. Jedenfalls aber mußte er diesen überraschen und sich nicht von demselben zuvorkommen lassen. Das war aber nicht so leicht. Lao-Shen unterrichtete sich höchst wahrscheinlich über Alles, was mit Kin-Fo vorging; Kin-Fo wußte dagegen nicht, was jener vornahm. Natürlich lag unter diesem verschiedenen Verhältnisse eine große Gefahr verborgen, sowie Craig-Fry's Client den Boden der Provinz betrat, in der der Taï-Ping sein Wesen trieb. Alles drehte sich also um die Möglichkeit, dem bestellten Mörder zuvorzukommen. Es war wohl vorauszusetzen, daß Lao-Shen seine fünfzigtausend Dollars lieber von dem lebenden, als von dem todten Kin-Fo annahm. Im ersteren Falle ersparte er ja eine Reise nach Shang-Haï und einen Besuch in den Bureaux der »Hundertjährigen«, der für ihn, trotz der bisherigen Langmuth der Regierung, doch nicht ganz gefahrlos sein konnte.

Mit solchen Gedanken trug sich der jetzt ganz umgewandelte Kin-Fo, und man wird nicht fehl gehen, wenn man annimmt, daß auch die liebenswürdige junge Witwe in Peking in seinen Zukunftsplänen nicht die mindest bedeutende Rolle spielte.

Was dachte aber Soun in dieser Zeit?

Soun dachte an gar nichts. Er lag der Länge lang im Volkslogis auf der Erde und zahlte den menschenfeindlichen Gottheiten des Golfes von Pe-Tche-Li den schuldigen Tribut. Kam er ja dazu, einen Gedanken zu fassen, so schimpfte er heimlich auf seinen Herrn, den Philosophen Wang und den Banditen Lao-Shen. Sonst war er abgestumpft in Gefühlen und Gedanken. Er dachte weder an Reis noch an den geliebten Thee. Welch' unseliger Wind hatte ihn verschlagen! Welche tausend und zehntausendfache Dummheit beging er seinerseits, bei einem Herrn in Dienst zu treten, dem es einfallen konnte, auf die See zu gehen! Wie gern hätte er sogar den Rest seines Zopfes dahingegeben, wenn er jetzt nicht mit hier zu sein brauchte. Er hätte sich den ganzen Schädel rasirt und wäre lieber Bonze geworden. Ihm war immer, als zerfleischte ein gelber Hund ihm die Leber und die Eingeweide! Ai, ai ya!

Getrieben von günstigem Südwinde, glitt die »Sam-Yep« indessen in der Entfernung von drei bis vier Meilen längs den Küsten hin, die hier von Osten nach Westen verliefen. Sie kam bei Peh-Tang, an der Mündung des gleichnamigen Flusses vorüber, unfern der Stelle, wo die europäischen Heerhaufen an's Land stiegen, dann bei Shan-Tung, bei Tschiang-Ho, am Ausflusse des Tau, und bei Hai-Ve-Tse vorbei.

Nun ward es auf dem Wasser des Golfes allmälich stiller. Der an der Mündung des Pei-Ho sich zusammendrängende Schiffsverkehr nahm in demselben Verhältnisse ab wie die Entfernung von jenem Brennpunkt. Nur vereinzelte Dschonken kreuzten den Meerbusen, auf dem ein Dutzend Fischerbarken schaukelten, während dicht am Ufer die Boote der Thunfischfänger sichtbar waren. Im Uebrigen dehnte sich die weite Wasserfläche bis zum Horizonte vor ihren Augen aus.

Craig und Fry machten die Bemerkung, daß die erwähnten Fischerboote, selbst solche von nur fünf bis sechs Tonnen Gehalt, mit einer oder zwei kleinen Kanonen bewaffnet waren.

Als sie sich darüber gegen den Kapitän Yin aussprachen, antwortete dieser, sich die Hände reibend:

»Sie müssen sich wohl darauf einrichten, den Seeräubern Respect einzuflößen.

– Giebt es denn hier im Golfe von Pe-Tche-Li auch Seeräuber? fragte Craig mit einiger Verwunderung.

– Warum denn nicht? erwiderte Yin. Hier wie überall! Diese Kerle fehlen in keinem Meere Chinas!«

Der würdige Kapitän lachte dazu und zeigte die beiden Reihen seiner glänzenden Zähne.

»Sie scheinen dieselben aber nicht allzu sehr zu fürchten? bemerkte ihm Fry.

– Hab' ich nicht meine beiden Kanonen da, die eine verständliche Sprache sprechen, wenn ihnen Jemand zu nahe kommt!

– Sind dieselben geladen? fragte Craig.

– Gewöhnlich.

– Und jetzt?

– Jetzt nicht.

– Aber warum nicht?

– Weil ich kein Pulver an Bord habe, erklärte Kapitän Yin gelassen.

– Was nützen dann die beiden Kanonen? sagten Craig und Fry, welche jene Antwort nicht besonders befriedigte.

– Was sie nützen? rief der Kapitän. Ei, sie verteidigen mir Schiff und Ladung, wenn ich eine an Bord habe, um derentwillen es sich der Mühe lohnt, wenn ich z. B. Theekisten und Opiumladung fahre. Heute aber, mit einer Ladung von ...

– Woher sollen denn die Seeräuber wissen, forschte Craig weiter, ob es sich der Mühe lohnt oder nicht, Ihr Schiff anzugreifen?

– Sie scheinen einen Besuch dieser wackeren Jungen sehr zu fürchten, meinte der Kapitän, indem er sich achselzuckend im Kreise herumdrehte.

– So ist es.

– Und haben doch kaum ein Stück Gepäck an Bord!

– Das mag sein, sagte Craig, aber trotzdem haben wir sehr triftige Gründe, von jenen verschont zu bleiben.

– Nun, beruhigen Sie sich, tröstete der Kapitän. Wenn wir auch Seeräubern begegnen, wird es denselben nicht einfallen, unsere Dschonke anzufallen.

– Warum nicht?

– Weil sie im voraus wissen, was ich für Fracht führe, sobald sie das Schiff erblicken!«

Kapitän Yin wies bei diesen Worten nach einer weißen Flagge, welche am Halbmast der Dschonke im Winde flatterte.

»Eine weiße Flagge in Schau! Die Flagge der Trauer! Die Kerle werden es bleiben lassen, sich wegen einer Ladung Leichen zu bemühen.

– Sie könnten versucht sein zu glauben, warf Craig ein, daß Sie nur aus Vorsicht unter dieser Flagge segelten, und doch an Bord kommen, um sich zu überzeugen ...

– Nun, wenn sie kommen, werden wir sie einfach aufnehmen, antwortete Kapitän Yin, und wenn sie ihren Besuch abgestattet haben, werden sie eben wieder abziehen, wie sie gekommen sind!«

Craig-Fry fragten nicht weiter, theilten aber nur in geringem Grade die unerschütterliche Ruhe des Kapitän Yin. Der Fang einer Dschonke von dreihundert Tonnen, auch wenn sie nur unter Ballast segelte, durfte den »braven Leuten«, von denen Kapitän Yin sprach, doch wohl verlockend genug erscheinen, um wenigstens einen Versuch zu wagen. Unter den gegebenen Umständen mußte man sich eben beruhigen und hoffen, daß die Fahrt glücklich ablaufe.

Uebrigens hatte der Kapitän nichts vernachlässigt, um möglichst jedes Unglück zu verhüten. Bei ihrer Abfahrt war zu Ehren der Gottheiten des Meeres ein Hahn geopfert worden. Am Besanmast flatterten noch die Federn des unglücklichen Hühnerthieres. Einige Tropfen von seinem Blut, die man auf dem Deck verspritzte, und ein Glas Wein, das man über Bord goß, vervollständigten dieses Sühnopfer. Was konnte die Dschonke »Sam-Yep« unter Führung ihres würdigen Kapitän Yin nun zu fürchten haben?

Es schien aber doch, als wenn die launischen Götter nicht zufrieden gewesen wären. Mochte nun der Hahn zu mager oder der Wein nicht aus den besten Gehegen von Chao-Chigne bezogen gewesen sein, jedenfalls überfiel ein entsetzlicher Windstoß die schmucke Dschonke. Gerade an diesem freundlichen klaren Tage und bei der eben wehenden günstigen Brise hätte kein Mensch denselben vorhersehen können. Auch der Seemann mit der besten Nase hätte gewiß kein Anzeichen dafür bemerkt.

Gegen acht Uhr Abends sollte die »Sam-Yep« eben das Cap umschiffen, von dem aus das Land sich nach Nordosten hinzieht. Jenseits desselben bekam sie voraussichtlich den Wind von der Seite, also in der denkbar günstigsten Richtung. Ohne die Eigenschaften seines Fahrzeuges zu überschätzen, glaubte Kapitän Yin die Gestade von Fu-Ning innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden zu erreichen.

Kin-Fo sah der Minute seiner Landung nicht ohne eine gewisse Ungeduld entgegen, welche Soun in höchstem Grade empfand. Fry-Craig dagegen hatten nur den einen Gedanken, daß, wenn Kin-Fo seinen Brief von Lao-Shen nicht binnen drei Tagen zurückerhalten habe, die »Hundertjährige« sich nicht mehr um ihn zu kümmern brauche. Seine Police ging mit der Nacht des 30. Juni zu Ende, da er nur den Betrag für eine Versicherung auf Zeit von zwei Monaten an den ehrenwerthen William J. Bidulph eingezahlt hatte. Später ...

» All ... sagte Fry.

Right!» setzte Craig hinzu.

Gegen Abend, gerade als die Dschonke in den Eingang des Golfes von Leao-Tong einlief, sprang der Wind plötzlich nach Nordosten über, drehte sich dann nach Norden und wehte endlich aus Nordwesten.

Hätte Kapitän Yin einen Barometer an Bord gehabt, so hätte er ersehen können, daß die Quecksilbersäule plötzlich um vier bis fünf Millimeter gefallen war. Diese schnelle Abnahme des Luftdruckes deutete auf einen nicht sehr entfernten Typhon Die Drehstürme heißen »Tornados« an der Westküste Afrikas und »Typhons« in den chinesischen Meeren. Der wissenschaftliche Name für dieselben ist »Cyclone«. hin, der schon die oberen Schichten der Atmosphäre in Bewegung setzte. Oder hätte Kapitän Yin die Beobachtungen des Engländers Paddington oder des Amerikaners Maury gekannt, so würde er gestrebt haben, seinen Kurs zu ändern und nach Nordosten zu steuern, um daselbst ein minder gefährliches Gebiet zu erreichen, wo er dem Mittelpunkte des Wirbelsturmes entging.

Kapitän Yin benützte aber weder einen Barometer, noch bekümmerte er sich um das Gesetz der Cyclone. Hatte er denn nicht einen Hahn geopfert, und mußte ihn das nicht allein gegen jeden Unfall schützen? Er handelte übrigens gewissermaßen aus Instinct so, wie es ein europäischer Kapitän gethan hätte.

Der Typhon entwickelte sich nur als mäßige Cyclone, die eine große Umdrehungs-Geschwindigkeit und eine centrale Fortbewegung von mehr als hundert Kilometer in der Stunde hatte. Er trieb die »Sam-Yep« also nach Osten, was deshalb noch günstig zu nennen war, weil sie sich dabei von einer gänzlich ungeschützten Küste entfernte, an der das Schiff gewiß in kurzer Zeit zu Grunde gegangen wäre.

Um elf Uhr Nachts wüthete der Sturm in größter Heftigkeit. Unterstützt von seiner Mannschaft, erwies sich Kapitän Yin jetzt als tüchtiger Seemann. Er lachte zwar nicht mehr, bewahrte aber seine ganze Kaltblütigkeit. Mit kräftiger Hand regierte er das Steuer und lenkte das leichte Fahrzeug, das wie eine Möve auf den Wogen tanzte.

Kin-Fo hatte seinen Wohnraum auf dem Hinterdeck verlassen. An die Schanzkleidung geklammert, betrachtete er den Himmel mit den schwarzen, zerfetzten Wolken, welche zum Theil als schwere Dunstmassen über das Wasser jagten. Seine Blicke schweiften über das Meer, das durch die dunkle Nacht in weißem Schaume leuchtete und dessen Wogen der Typhon zu gewaltiger Höhe emportrieb. Die drohende Gefahr erregte weder sein Erstaunen, noch kam ihm dabei das Gefühl der Furcht. Er rechnete Alles auf die endlose Reihe von Widerwärtigkeiten, welche das erbitterte Schicksal auf ihn häufte. Eine Ueberfahrt von sechzig Stunden ohne Sturm und im schönen Sommer – Glückskindern wäre sie gewiß zu Theil geworden, er zählte aber einmal nicht zu diesen.

Craig und Fry empfanden eine weit größere Unruhe, wenn sie sich des Handelswerthes ihres Clienten erinnerten. Ihr Leben war gewiß nicht weniger werth als das Kin-Fo's. Fanden sie jedoch mit ihm den Tod, so war mindestens das Interesse der »Hundertjährigen« außer Gefahr. Sich selbst vergaßen die gewissenhaften Agenten aber ganz und gar und hatten nur den einen Gedanken, ihre Pflicht zu erfüllen. Umkommen? ... Kleinigkeit! Zusammen mit Kin-Fo? ... Gleichgiltig ... aber nicht vor Mitternacht des 30. Juni. – Eine Million zu retten, das war Craig-Fry's einziges Sinnen und Trachten!

Soun unterlag es keinem Zweifel, daß die Dschonke dem Untergange geweiht, oder vielmehr, daß man schon in dem Augenblicke so gut wie verloren gewesen sei, als man sich, trotz des herrlichen Wetters, dem treulosen Elemente anvertraute. O, wie gut hatten es die Passagiere des Raumes! Ai, ai, ya! Sie fühlten kein Rollen und Schaukeln! Ai, ai, ya! Und doch legte sich der unglückliche Soun die Frage vor, ob er nicht auch an ihrer Stelle noch die Seekrankheit bekommen hätte!

Drei Stunden lang schwebte die Dschonke in nicht geringer Gefahr. Eine falsche Bewegung des Steuers konnte ihr den Untergang bereiten, da das wüthende Meer über sie hinweg gebrandet wäre. Konnte sie auch nicht kentern wie eine Kufe, so konnte sie sich doch mit Wasser füllen und versinken. Sie mitten in den von Sturm gepeitschten Wogen in bestimmter Richtung zu erhalten, daran war ja gar nicht zu denken. Ebensowenig vermochte irgend Jemand den eingehaltenen Kurs und den zurückgelegten Weg abzuschätzen.

Inzwischen fügte es ein günstiger Zufall, daß die »Sam-Yep« ohne größere Havarien den eigentlichen Mittelpunkt des atmosphärischen Wirbels erreichte, der einen Umkreis von etwa hundert Kilometer haben mochte. Hier dehnte sich auf zwei bis drei Meilen eine ruhige Meeresfläche aus, über der man kaum einen Windhauch spürte. Diese beschränkte Stelle erschien wie ein friedlicher See inmitten des tobenden Oceans.

Das rettete die Dschonke, die der Orkan hierher getrieben hatte. Gegen drei Uhr Morgens legte sich die Wuth des Sturmes wie durch Zauberschlag, und rings um den stillen See flachten sich die riesigen Wellen allmälich ab.

Doch als der Tag graute, hätte man vergeblich versucht, von der »Sam-Yep« aus Land zu entdecken. Da war keine Küste in Sicht. Die bis zur Kreislinie des Horizonts reichenden Wasser des Golfes umgaben das Schiff gleichmäßig von allen Seiten.

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