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Die Leiden eines Chinesen in China

Jules Verne: Die Leiden eines Chinesen in China - Kapitel 15
Quellenangabe
authorJules Verne
titleDie Leiden eines Chinesen in China
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
printrunDritte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vierzehntes Capitel

In dem der Leser vier Städte in Form einer einzigen und ohne alle Anstrengung durchwandern kann.

 

Pe-Tche-Li, die nördlichste der achtzehn Provinzen Chinas, zerfällt in neun Districte. Die Hauptstadt eines der letzteren ist Chun-Kin-Fo, das heißt »die dem Himmel unterworfene Stadt ersten Ranges«; diese Stadt ist Peking.

Vergegenwärtige sich der geneigte Leser einen Wirrwarr von Gassen, wie er nur in China möglich erscheint, der eine Fläche von sechstausend Hektaren bedeckt, einen Umfang von acht Meilen hat und dessen unregelmäßige Einzeltheile ein richtiges Viereck ausfüllen, das ist jenes geheimnißvolle Kambalu, von dem Marco Polo gegen Ende des 13. Jahrhunderts eine so merkwürdige Beschreibung lieferte, das ist die Hauptstadt des Himmlischen Reiches.

Peking selbst besteht aus zwei streng getrennten Städten, welche ein langer Boulevard und eine befestigte Mauer trennen; die eine, die Chinesenstadt, bildet ein rechtwinkeliges, längliches Viereck; die andere die Tatarenstadt, ein fast vollkommenes Quadrat; letztere umschließt zwei andere Städte, Hoang-Tching oder die Gelbe Stadt, und Tsen-Kin-Tching, die Rothe oder die Verbotene Stadt.

Früher zählten alle diese Theile zusammen wohl zwei Millionen Einwohner. Die durch grenzenloses Elend hervorgerufene Auswanderung hat jene Zahl bis auf die Hälfte herabgemindert. Die Bewohner bestehen aus Tataren und Chinesen, zu denen noch gegen zehntausend Mohammedaner, nebst einer Anzahl Mongolen und Tibetaner als flottirende Bevölkerung zu rechnen sind.

Der Grundplan dieser beiden Städte bildet etwa eine Truhe, von der die chinesische Stadt den Kasten, die tatarische den Deckel darstellt.

Die Tatarenstadt umgiebt eine sechs Meilen lange, vierzig bis fünfzig Fuß hohe und breite, äußerlich mit Backsteinen bekleidete Umwallung, auf der in Entfernungen von je zweihundert Meter noch hervorspringende Thürme angebracht sind, während sie an den Ecken in ausgedehntere Bastionen ausläuft, welche stets von stärkeren Truppen-Abtheilungen besetzt sind.

Man sieht hieraus, daß der Kaiser, der Sohn des Himmels, sorgsam beschützt und bewacht ist.

Im Centrum der Tatarenstadt enthält die sogenannte Gelbe Stadt innerhalb ihres, etwa sechshundertsechzig Hektaren betragenden Gebietes, zu welchem acht Thore den Zugang vermitteln, einen dreihundert Fuß hohen Kohlenberg, den hervorragendsten Punkt der Hauptstadt, einen herrlichen Kanal, das »Meer der Mitte«, über den eine prachtvolle Marmorbrücke führt, zwei Bonzen-Convente, eine Pagode der Prüfungen, die Pei-tha-sse, d. i. eine auf einer Halbinsel erbaute Bonzerie, die auf dem klaren Gewässer des Kanals zu schwimmen scheint, den Peh-Tang oder die Niederlassung der katholischen Missionäre, die kaiserliche Pagode mit ihrem prächtigen, reich mit hellen Glöckchen behangenen Dache aus lasurblauen Ziegeln, den großen, den Ahnen der Herrscherfamilie gewidmeten Tempel, ferner den Tempel der Geister, den des Genius des Windes wie des Genius der Blitze, den Tempel des Erfinders der Seide, den umfangreichen Tempel des Herrn des Himmels, die fünf Pavillons der Drachen, das Kloster der »Ewigen Ruhe« u. s. w. u. s. w.

Im Mittelpunkte dieser viereckigen sogenannten Gelben liegt nun die Verbotene Stadt in der Ausdehnung von achtzig Hektaren und umgeben von einem kanalisirten Graben mit sieben Marmorbrücken. Da die herrschende Dynastie zu den Mantschu gehört, kann es nicht auffallen, daß die erste der genannten Komplexe, die Tatarenstadt, nur von einer Bevölkerung der nämlichen Race bewohnt wird. Die Chinesen sind daraus verwiesen und nehmen in dem nebenliegenden Straßencomplexe den Kasten der Truhe ein.

In das Innere der erwähnten Verbotenen Stadt, welche wiederum von einer Mauer aus rothen Backsteinen mit einer Art Dach aus goldgelb gefirnißten Ziegeln eingeschlossen wird, gelangt man durch das Thor des Südens oder die Pforte der »Großen Reinheit«, die nur für den Kaiser und die Kaiserin vollständig geöffnet wird. Hier erheben sich der Ahnentempel der Tataren-Dynastie mit seinem Doppeldache aus vielfarbigen Ziegeln; die den Geistern der Erde und des Himmels geweihten Tempel Che und Tsi; der Palast der »Höchsten Eintracht«, der zu großen Feierlichkeiten und officiellen Festbanketten bestimmt ist; der Palast der »Kleineren Eintracht«, wo sich die Ahnenbilder des Sohnes des Himmels befinden; der Palast der »Schützenden Eintracht«, in dessen Mittelsaal der kaiserliche Thron aufgestellt ist; der Pavillon »Nei-Ko's«, wo die Sitzungen des Stadtrathes abgehalten werden, denen Prinz Kong, Choutzé erzählt in seinem Reisewerke: »Peking und der Norden Chinas« folgenden Zug vom Prinzen Kong, der wohl vor dem Vergessen bewahrt zu werden verdient:
Es war im Jahre 1870 während des blutigen Krieges, der damals in Frankreich hauste. Prinz Kong stattete aus irgendwelchem Grunde allen ausländischen Gesandten Besuche ab. Bei der französischen Gesandtschaft, die ihm zunächst am Wege lag, hatte er den Anfang gemacht. Eben war die Nachricht von der Niederlage bei Sedan eingetroffen. Graf von Rochechouart, der damalige französische Gesandte, theilte sie dem Prinzen mit.
Dieser rief sofort einen Officier seines Gefolges herbei.
»Befördern Sie eine Karte nach der Norddeutschen Gesandtschaft mit der Meldung, daß ich erst morgen vorsprechen könne!«
Dann wendete er sich wieder an den Grafen.
»Ich kann unmöglich an demselben Tage, wo ich dem Vertreter Frankreichs mein Beileid ausgesprochen habe, dem Vertreter Deutschlands meine Glückwünsche darbringen!«
Prinz Kong würde überall ein »Fürst« sein.
der Minister der auswärtigen Angelegenheiten und Vaters Bruder des letzen Souveräns präsidirt; der Pavillon der »Literarischen Blumen«, in dem der Kaiser jährlich einmal die heiligen Bücher erklärt; der Pavillon von Tchuane-Sine-Tiene, in welchem zu Confucius' Ehren großartige Opfer dargebracht werden; das Bureau der Geschichtsschreiber; der Vu-Igne-Tiene, wo man die zur Herstellung der Bücher gebrauchten Kupferplatten und Holzstöcke aufbewahrt; die Ateliers zur Anfertigung der Kleidungsstücke für den kaiserlichen Hof; der Palast der »Himmlischen Reinheit«, bestimmt zur Verhandlung von Familien-Angelegenheiten; der Palast des »Höheren irdischen Elements«, in dem jeder neuen Kaiserin gehuldigt wird; der Tempel der verstorbenen Eltern; die vier, ursprünglich für die Witwe und Kinder des im Jahre 1861 verstorbenen Hien-Fong errichteten Paläste; der Tchu-Sieu-Kong, der Wohnsitz der kaiserlichen Gattinnen; der Palast der »Besonderen Schönheit«, mit den Sälen zum officiellen Empfange der Hofdamen; der Palast der »Allgemeinen Ruhe«, die sonderbare Bezeichnung einer Officierskinder-Schule; der Palast der »Reinigung und Verjüngung«; der Palast der »Reinheit des Nephrits«; die Wohnstätten der Prinzen von Geblüt; der Tempel des »Schutzgottes der Hauptstadt«; ein Tempel in tibetanischem Style; das Magazin der Krone; die Hof-Intendantur; der Lao-Kuang-Ko, die Wohnung der Eunuchen, von denen es in der Rothen Stadt nicht weniger als Fünftausend giebt; und endlich noch andere ausgezeichnete Bauwerke, mit denen die Zahl der Paläste innerhalb des eingeschlossenen Kaisersitzes auf achtundachtzig ansteigt, ohne hierbei den Tsen-Kuang-Ko, den am See der Gelben Stadt gelegenen Pavillon des »Purpurnen Lichtes« mitzuzählen, in welchem am 19. Juni 1873 die fünf Gesandten Deutschlands, Englands, Hollands, Rußlands und der Vereinigten Staaten vom Kaiser empfangen wurden.

Welches Forum des Alterthums hatte jemals eine solche Anhäufung an äußerer Gestalt so verschiedener und ihrem Inhalte nach so kostbarer Bauwerke aufzuweisen? Welche europäische Hauptstadt vermöchte mit obiger langen Nomenclatur zu concurriren?

Zu jenem Verzeichnisse tritt noch der zwei Meilen von Peking gelegene Uane-Cheu-Chane oder »Sommerpalast« hinzu. Nach seiner Zerstörung im Jahre 1860 finden sich jetzt freilich kaum noch Spuren seiner Gärten der »Vollkommenen Klarheit« und »Ruhigen Klarheit«, von dem Hügel der »Nephriten-Quelle« und dem Berge der »Zehntausend langen Leben«.

Rings um die Gelbe Stadt liegt die Tataren-Stadt. Hier befinden sich die englische, französische und russische Gesandtschaft, das Hospital der Londoner Missions-Gesellschaft, die katholischen Missionshäuser des Ostens und des Nordens, die alten Elephantenställe, welche jetzt nur ein einäugiges hundertjähriges Exemplar dieser Thiere bergen. Hier erheben sich der berühmte Glockenthurm mit seinem rothen Dache, das durch grüne Ziegel in gleichmäßige Felder getheilt ist; der Tempel Confucius'; das Kloster der tausend Lamas; der Tempel Fa-quas; die alte Sternwarte mit ihrem gewaltigen, viereckigen Thurme; der Yamen der Jesuiten; der Yamen der Gelehrten, in dem die Staatsprüfungen abgehalten werden, und die Triumphbogen des Ostens und des Westens. Hier fließen das »Meer des Nordens« und das mit Seerosen und blauen Nymphäen bedeckte »Meer der Rosen«, welche, von dem Sommerpalaste herkommend, den Kanal der Gelben Stadt speisen. Hier glänzen ferner mehrere Paläste kaiserlicher Prinzen und der Ministerien der Finanzen, des Cultus, des Krieges, der öffentlichen Arbeiten und des Auswärtigen; der Rechnungshof, das Collegium für Astronomie und die Akademie der Medicin. Alles liegt wirr durcheinander, in engen, während des Sommers stauberfüllten, während des Winters tiefkothigen Gassen, zu beiden Seiten mit elenden niedrigen Häusern, unter die sich da und dort die von prächtigen Bäumen beschattete Wohnung eines hohen Würdenträgers verirrt zu haben scheint. Dazwischen tummeln sich herrenlose Hunde, schreiten mongolische Kameele mit ihrer Steinkohlenlast dahin, schwanken Palankine mit vier oder acht Trägern, je nach dem Stande der betreffenden Person, und rollen Wagen mit Mauleseln, polternde Karren, oder schwärmen arme Leute, nach Choutzé »eine Bettlerarmee von 60.000 Köpfen«; auch kommt es, sagt P. Aréne, »in den von stinkendem schwarzen Schmutz erfüllten Gassen mit Wasserlachen, in die man leicht bis an's Knie versinken kann, nicht selten vor, daß ein blinder Bettler unbeachtet ertrinkt«.

Nach vielen Seiten hin gleicht der chinesische Stadttheil Pekings, der selbst Vaï-Tcheng genannt wird, dem tatarischen Theile; nur in einzelnen Stücken unterscheidet er sich von jenem.

Die Mitte desselben nehmen zwei berühmte Bauwerke: der Tempel des Himmels und der des Ackerbaues ein; an verschiedenen Stellen vertheilt, liegen die Tempel der Göttin Koanine, des Schutzgeistes der Erde, der Reinigung, des schwarzen Drachen und der Geister des Himmels und der Erde, ferner die Goldfischteiche, das Kloster von Fayuan-sse, Märkte, Theater u. s. w.

Das rechtwinkelige Parallelogramm, welches die Chinesenstadt bildet, wird von Norden nach Süden von einer bedeutenden Verkehrsader, der »Großen Allee«, durchschnitten, die von dem Thore Hung-Tings im Süden bis zum Thore Tiens im Norden führt. Quer durch dieselbe läuft eine noch längere Straße, welche jene in rechtem Winkel schneidet und von dem Thore Cha-Chuas im Osten bis zu dem Cuan-Tsus im Westen reicht. Diese heißt die Cha-Chua-Allee und hundert Schritte von ihrem Durchschneidungspunkte mit der Großen Allee wohnte die zukünftige Frau Kin-Fo.

Der Leser erinnert sich, daß die junge Witwe, wenige Tage nach dem Eintreffen des Briefes mit der Meldung seines Ruins einen zweiten erhielt, der ganz anders lautete und ihr mittheilte, daß der siebente Mond nicht vorübergehen sollte, bevor »ihr kleiner jüngerer Bruder« zu ihr zurückgekehrt sein werde.

Es ist wohl unnütz, hervorzuheben, daß Le-U seit jenem Datum, dem 17. Mai, Tage und Stunden sehnsuchtsvoll zählte. Im Laufe seiner tollen Reise, deren Richtung und Wege er auf keinen Fall bekannt geben wollte, hatte Kin-Fo nicht eine Silbe von sich hören lassen. Le-U schrieb zwar nach Shang-Haï, doch blieben ihre Briefe ohne Antwort. Gewiß erscheint ihre Unruhe begreiflich, als ihr auch bis zum 19. Juni keine weitere Nachricht zugegangen war.

Niemals hatte die junge Frau während dieser langen Tage ihr Haus in der Cha-Chua-Allee verlassen. Sie harrte voller Sorge. Die grämliche Nan erschien auch nicht geeignet, sie in ihrer Einsamkeit zu trösten. Die »alte Mutter« benahm sich eigensinniger denn je und hätte jeden Monat hundertmal fortgejagt zu werden verdient.

Wie viele angstvolle Stunden sollten noch bis zu Kin-Fo's Ankunft in Peking vergehen! Le-U zählte sie und die Reihe kam ihr sehr lang vor!

Wenn die Religion Lao-Tsu's die älteste in China ist, und der etwa zu derselben Zeit (gegen 500 v. Chr.) verbreiteten Lehre des Confucius der Kaiser, die Gelehrten und die hohen Mandarinen zugethan sind, so zählt doch der Buddhismus oder die Lehre Fo's weitaus die meisten Anhänger, auf der Erde überhaupt mehr als dreihundert Millionen.

Der Buddhismus umschließt selbst wieder zwei verschiedene Secten, deren eine Bonzen mit grauem Ornat und rother Kopfbedeckung, die andere Lamas in gelbem Ornat als Priester hat.

Le-U war Buddhistin der ersten Secte. Häufig sahen sie die Bonzen in dem der Göttin Koanine gewidmeten Tempel Koan-Ti-Miaos. Daselbst betete sie für den Freund ihres Herzens und verbrannte, mit der Stirn auf dem Steingetäfel des Tempels liegend, wohlriechende Stäbchen.

Eben heute wollte sie sich wieder an die Göttin wenden und ihre Wünsche in innigstem Gebete darlegen. Eine unbestimmte Ahnung sagte ihr, daß der, dessen Ankunft sie so sehnsüchtig erwartete, von ernstlicher Gefahr bedroht sei.

Le-U rief also die »alte Mutter« und trug ihr auf, von der Kreuzung der großen Allee eine Sänfte herzurufen.

Nan zuckte die Achseln, wie sie es immer zu thun pflegte, und verschwand, dem erhaltenen Befehle nachzukommen.

Inzwischen betrachtete die in ihrem Boudoir allein zurückgebliebene junge Witwe traurig den verstummten Apparat, der sie jetzt nicht mehr die Stimme des Entfernten hören ließ.

»Ach, seufzte sie, er soll wenigstens erfahren, daß ich nicht aufgehört habe, seiner zu gedenken, und meine Stimme soll es ihm bei seiner endlichen Wiederkehr sagen!«

Le-U löste also die Feder aus, welche die Phonographen-Walze in Bewegung setzte, und sprach laut in den Apparat hinein, was ihr das liebevolle Herz eingab.

Nan's plötzliches Eintreten unterbrach ihre zärtlichen Worte.

»Die Sänfte erwartet Sie, Madame, übrigens hätten Sie klüger daran gethan, zu Hause zu bleiben!«

Le-U hörte diese Worte nicht mehr. Sie machte sich sofort auf, ließ die »alte Mutter« nach Belieben schelten und murren und bestieg die Sänfte, welche sie nach dem Koan-Ti-Miao bringen sollte.

Der Weg dorthin verlief ziemlich gerade. Er führte die Cha-Chua-Allee hinauf bis zur Straßenkreuzung und dann längs der Großen Allee hin bis zum Thore Tiens.

Die Sänfte bewegte sich jedoch nur mühsam vorwärts. Es war jetzt eben Geschäftszeit, und in diesem stark bevölkerten Stadttheile herrschte dann ein besonders lebhafter Verkehr. Auf der Straße gaben die vielen Buden der Verkäufer der Allee das Aussehen eines Meßplatzes mit seinem Geschrei und Getümmel. Hier traten Redner auf, dort öffentliche Lehrer oder Wahrsager, Photographen, Caricaturenzeichner, welche selbst die Mitglieder der Mandarinenkaste mit ihrem Griffel nicht verschonten. Alles schrie und polterte wild durcheinander. Dann kam wieder ein pomphafter Leichenzug, der jede Bewegung hemmte, oder eine Hochzeitsgesellschaft, bei der es vielleicht weniger lustig zuging als bei dem vorigen, die aber einen ebenso großen Raum für sich in Anspruch nahm. Vor dem Yamen einer Magistratsperson sammelte sich eine Menschenmenge. Ein Kläger hatte auf die »Beschwerde-Trommel« geschlagen und begehrte die Entscheidung des Gerichtes. Auf dem Steine »Leu-Ping« kniete noch ein Verbrecher, der eben eine Tracht Hiebe erhalten und den Polizeisoldaten in rothknöpfiger Mantschumütze, ausgerüstet mit einem kurzen Spieße und zwei Säbeln in einer einzigen Scheide, bewachten. Weiterhin wurden einige widerspenstige Chinesen, die man mit ihren Zöpfen aneinander gebunden hatte, nach der Polizeiwache geschleppt. Ein armer Teufel, dessen linke Hand und rechter Fuß in den Löchern eines Brettes befestigt waren, hinkte wie ein sonderbares Thier dahin. An einer anderen Stelle kauerte ein überwiesener Dieb in einem umgestürzten Kübel, durch dessen Boden nur der Kopf herausragte, der Mildthätigkeit der Vorübergehenden überlassen, ohne welche er Hungers sterben müßte, oder es keuchten Andere des Weges, mit dem Schandpfahl im Nacken, wie Ochsen unter dem Joche. Diese Unglücklichen suchten absichtlich belebtere Orte auf, indem sie, auf die Weichherzigkeit der Passanten speculirend, hier eine reichere Ernte von Almosen einzuheimsen hoffen durften, freilich nur zum Schaden der Bettler jeder Art, wie z. B. der Einarmigen, Hinkenden, Gelähmten, ganzer Reihen von Blinden, die ein Einäugiger führte, und der tausend Varietäten wahrer und falscher Gebrechlicher, die in den Städten des Reiches der Blumen umherwandern.

Die Sänfte konnte also nur langsam vorwärts kommen. Das Straßengewühl nahm immer mehr zu, je mehr man sich dem Ende der Allee näherte. Endlich gelangte sie jedoch an's Ziel und hielt innerhalb des Walles, der den Eingang zum Tempel der Göttin Koanine vertheidigt.

Le-U verließ die Sänfte, trat in den Tempel und fiel zuerst auf die Kniee, worauf sie sich vor der Göttin zur Erde warf. Dann ging sie auf einen eigenthümlichen Apparat, eine sogenannte »Gebet-Mühle« zu.

Diese besteht aus einer Art Haspel, deren acht Speichen am Ende kleine Papierrollen mit frommen Sprüchen tragen.

Neben dem lächerlichen Apparate wartete ein Bonze in feierlichem Ernste, das Anliegen der Frommen und vorzüglich den dafür zu zahlenden Preis zu erfahren.

Le-U händigte dem Diener Buddha's einige Taëls ein, als Beitrag zu den Unkosten des Gottesdienstes; dann ergriff sie mit der rechten Hand die Kurbel der Haspel und setzte sie, die linke Hand auf dem Herzen, durch einen leisen Druck in Umdrehung. Offenbar bewegte sich die Mühle zu langsam, um der Wirksamkeit des Gebetes sicher zu sein.

»Schneller!« mahnte sie der Bonze.

Die junge Frau haspelte noch eiliger.

Das mochte eine Viertelstunde währen, wonach der Bonze erklärte, die Gebete der Andächtigen würden Erhörung finden.

Noch einmal sank Le-U vor der Statue der Göttin zur Erde, verließ hierauf den Tempel und bestieg wieder die Sänfte, um nach ihrer Wohnung zurückzukehren.

Kaum in die Große Allee gelangt, mußten die Träger plötzlich zurückweichen. Rücksichtslos trieb eine Abtheilung Bewaffneter die Menschenmenge hinweg. Buden und Läden wurden geschlossen. Die einmündenden Seitenstraßen schloß man unter Aufsicht von Tipaos mittelst blauer Tapeten ab.

Ein langer Zug erschien in der Allee und bewegte sich geräuschvoll vorwärts.

Es war der Kaiser Koang-Sin, dessen Name so viel wie »die Fortsetzung des Ruhmes« bedeutet, der in seine Tatarenstadt zurückkehrte und vor dem sich das große Mittelthor der Verbotenen Stadt öffnen sollte.

Hinter zwei vorausmarschirenden Soldaten kam eine Abtheilung Reiter, nach diesen ein Haufen Piqueurs in Doppelreihen mit einem Stocke im Bandelier.

Nun folgte eine Gruppe hoher Officiere, den großen gelben flatternden Sonnenschirm tragend, der mit Drachenbildern, dem Embleme des Kaisers, geschmückt war, während ein Phönix das Sinnbild der Kaiserin ist.

Hierauf kam der Palankin, dessen gelbseidene Gardinen zurückgeschlagen waren, getragen von sechzehn Mann in rothen Gewändern mit weißen Rosetten und in seidenen, gestickten Westen. Prinzen von Geblüt, hohe Würdenträger, deren Pferde Sättel und Schabracken von gelber Seide trugen, begleiteten das kaiserliche Gefährt.

In dem Palankin saß halb liegend der Sohn des Himmels, der Vetter des früheren Kaisers Tong-Tche und Neffe des Prinzen Kong.

Nach dem Palankin folgten noch Stallknechte und Träger zum Ablösen der anderen.

Unter dem Thore Tiens verschwand endlich der ganze Zug zur Befriedigung der Spaziergänger ebenso, wie der Kaufleute und Bettler, welche nun ihre unterbrochenen Geschäfte fortsetzen konnten.

Auch Le-U's Sänfte setzte sich wieder in Bewegung und brachte sie, nach einer Abwesenheit von zwei Stunden, glücklich nach Haus.

O, welch' freudige Ueberraschung hatte die gute Göttin Koanine der jungen Frau inzwischen bereitet!

Gerade als die Sänfte anhielt, erschien ein ganz überstäubter, von zwei Mauleseln gezogener Wagen an ihrer Thür. Aus demselben stieg – Kin-Fo, gefolgt von Craig-Fry und Soun!

»Du! Du! rief Le-U, die ihren Augen kaum zu trauen wagte.

– Liebste, kleine jüngere Schwester! antwortete Kin-Fo, Du zweifeltest doch nicht an meinem Wiederkommen? ...«

Le-U erwiderte kein Wort. Sie ergriff nur die Hand des Freundes und führte ihn in ihrem Boudoir nach dem Phonographen, dem vertrauten Freunde ihrer Klagen.

»Jeden Augenblick harrte ich Dir entgegen, Du liebes Herz mit seidenen Blumen!« sagte sie.

Dann verschob sie die Walze des Apparates und löste die Feder aus, welche jene trieb.

Da hörte Kin-Fo eine sanfte Stimme wiederholen, was die zärtliche Le-U wenige Stunden vorher gesprochen hatte.

»O, kehre zurück, geliebter kleiner Bruder! Komm' zu mir zurück! Laß unsere Herzen stets so vereinigt sein wie die beiden Sterne Castor und Pollux! Alle meine Gedanken sind nur bei Dir ...«

Der Apparat schwieg eine Secunde ... nur eine Secunde. Dann tönte eine zänkische Stimme aus demselben:

»Als ob es nicht genug wäre an einer Herrin im Hause, nun soll man gar noch einen Herrn bekommen! Daß sie Prinz Jen doch Beide erwürgte!«

Diese zweite Stimme war gar zu leicht kenntlich. Es war die Nan's. Die mürrische »alte Mutter« hatte nach Le-U's Fortgehen ihrem Unmuthe Luft gemacht, als der Apparat noch in Gang war, der nun ohne ihr Wissen jene unvorsichtigen Worte registrirte.

Ihr Diener und Kammermädchen, hütet Euch vor dem Phonographen!

Noch am nämlichen Tage erhielt Nan ihren Abschied und wurde noch vor Ausgang des siebenten Monats aus dem Hause gejagt.

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