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Die Leiden eines Chinesen in China

Jules Verne: Die Leiden eines Chinesen in China - Kapitel 14
Quellenangabe
authorJules Verne
titleDie Leiden eines Chinesen in China
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
printrunDritte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171009
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Dreizehntes Capitel

In welchem man die berühmte Posse »Von den fünf Wachen des Hundertjährigen« mit anhört.

 

»Meine Herren, redete Kin-Fo seine beiden Leibwächter an, als der Karren am Eingange der Vorstadt von Tchong-Tcheu anhielt, wir befinden uns nur noch vierzig Li(2½ geographische Meilen) von Peking entfernt, und es ist meine Absicht, hier zu bleiben, bis die rechtliche Wirkung der zwischen mir und Wang getroffenen Vereinbarung erlischt. In dieser Stadt von viermalhunderttausend Seelen wird es leicht sein, unerkannt zu wohnen, wenn Soun nicht vergißt, daß er im Dienste Ki-Nan's, eines einfachen Händlers aus der Provinz Chen-Si steht.«

Nein, sicherlich, Soun würde das nicht vergessen! Seine Ungeschicktheit hatte ihn während der letzten acht Tage zu Pferdediensten erniedrigt, und er hoffte, daß Herr Kin-Fo ...

»Ki ... sagte Craig.

– Nan!« setzte Fry hinzu.

... ihn nicht ferner seiner eigentlichen Beschäftigung fernhalten werde. Jetzt, bei seiner Kraftlosigkeit ohne Gleichen, erbat er nur die Erlaubniß von Herrn Kin-Fo ...

»Ki ... sagte Craig.

– Nan!« wiederholte Fry.

... die Erlaubniß, achtundvierzig Stunden in einem Strich auszuschlafen.

»Meinetwegen acht Tage lang! antwortete Kin-Fo auf seine Rede. Wenn Du schläfst, bin ich wenigstens vor Deinem Schwatzen sicher!«

Kin-Fo und seine Begleiter ließen es sich nun angelegen sein, ein passendes Hôtel zu suchen, woran es in Tchong-Tcheu nicht mangelte. Diese ungeheure Stadt bildet im Grunde nur einen Vorort von Peking. Die Alleestraße, welche sie mit der Hauptstadt verbindet, ist in ihrer ganzen Ausdehnung mit Villen, Häusern, Gehöften, Gräbern, kleinen Pagoden und lachenden Baumgruppen geschmückt, und es herrscht auf derselben von Wagen, Reitern und Fußgängern ein unaufhörlicher, lebhafter Verkehr.

Kin-Fo kannte die Stadt schon und ließ sich nach dem »Tae-Uang-Mia«, das ist der Tempel der unabhängigen Fürsten, geleiten. Dieser besteht aus einer zum Hôtel umgewandelten Bonzerie, wo jetzt Fremde ein sehr behagliches Unterkommen finden.

Kin-Fo, Craig und Fry richteten sich sogleich häuslich ein, die beiden Agenten natürlich in einem, unmittelbar an den Wohnraum ihres kostbaren Clienten grenzenden Zimmer.

Soun verschwand eiligst, um in der ihm angewiesenen Ecke auszuschlafen, und ward nicht wieder sichtbar.

Eine Stunde später verließen Kin-Fo und seine Getreuen ihre Zimmer, frühstückten mit gutem Appetit und fragten sich, was nun zu beginnen sei.

»Zunächst wollen wir, schlugen Craig-Fry vor, die Regierungs-Zeitung lesen, um zu sehen, ob sich darin ein, unsere Angelegenheit betreffender Artikel findet.

– Sie haben Recht, stimmte Kin-Fo zu. Vielleicht erfahren wir dabei, was aus Wang geworden ist.«

Alle Drei verließen das Hôtel. Aus Vorsicht gingen die beiden Akolythen zur Seite ihres Clienten, faßten alle Vorüberkommenden scharf in's Auge und ließen Niemand nahe heran. So wanderten sie durch die engen Straßen der Stadt und gelangten nach den Quais. Hier ward eine Nummer des officiellen Journals gekauft und aufmerksam durchgelesen.

Vergeblich! Sie enthielt nichts als das Versprechen einer Belohnung von 2000 Dollars oder 1300 Taëls für Denjenigen, der William J. Bidulph den derzeitigen Aufenthaltsort des Herrn Wang aus Shang-Haï mittheilen würde.

»Er ist also noch nicht wieder zum Vorschein gekommen, sagte Kin-Fo.

– Er hat folglich die ihn betreffende Anzeige nicht gelesen, bemerkte Craig.

– Und hält sich folglich noch an seine Verpflichtung gebunden, setzte Fry hinzu.

– Doch wo in aller Welt mag er sein? rief Kin-Fo.

– Halten Sie sich, fragten Craig-Fry wie aus einem Munde, für mehr bedroht während der letzten Tage Ihrer Vereinbarung?

– Ohne Zweifel, versicherte Kin-Fo. Kennt Wang nicht die eingetretene Veränderung meiner Lage, und das ist höchst wahrscheinlich, so wird er sich der Nothwendigkeit, sein Versprechen einzulösen, nicht entziehen können. Nach einem, nach zwei und drei weiteren Tagen bin ich also mehr bedroht als heute, und nach sechs Tagen noch mehr.

– Doch, wenn die Frist verstrichen? ...

– O, dann ist nichts mehr zu fürchten.

– Nun, mein Herr, sagten Craig-Fry wie aus einem Munde, es giebt drei Mittel, Sie während dieser sechs Tage jeder Gefahr zu entziehen.

– Und das erste wäre? ... fragte Kin-Fo.

– In das Hôtel zurückzukehren, antwortete Craig und sich daselbst bis zum Ablauf der Vertragsfrist einzuschließen.

– Das zweite?

– Sich als Verbrecher verhaften zu lassen, erklärte Fry, um im Gefängnisse von Tong-Tcheu in Sicherheit zu sein.

– Und das dritte?

– Sie für todt auszugeben, riefen Craig-Fry gleichzeitig und nicht eher wieder erwachen zu lassen, als bis Sie außer aller Gefahr sind.

– Da kennen Sie Wang schlecht! warf Kin-Fo ein. Wang würde Mittel und Wege zu finden wissen, in mein Hôtel, in mein Gefängniß und in mein Grab einzudringen. Wenn er bisher noch keinen Mordanfall auf mich versuchte, so hat er es eben noch nicht gewollt, oder er zieht es aus bestimmten Gründen vor, mir bis zum letzten Augenblick das Vergnügen oder die Unruhe der Erwartung zu bereiten. Wer vermag seine Beweggründe zu durchschauen? Jedenfalls sehe ich den nächsten Tagen lieber auf freiem Fuße entgegen.

– Nun gut! ... Indeß ... sagte Craig.

– Es scheint mir doch ... setzte Fry fort.

– Ich werde thun, was mir beliebt, erklärte Kin-Fo sehr trockenen Tones. Und wenn ich vor dem Fünfundzwanzigsten dieses Monats sterbe, was verliert Ihre Gesellschaft dabei?

– Zweimalhunderttausend Dollars, antworteten Fry-Craig, zweimalhunderttausend Dollars an Ihre Rechtsnachfolger.

– Und ich mein gesammtes Vermögen und das Leben obendrein! Ich bin bei der Sache folglich noch mehr interessirt als Sie!

– Ganz richtig!

– Sehr wahr!

– Wachen Sie also auch ferner so über mich, wie Sie es für angezeigt halten, ich werde nach meinem Gefallen handeln!«

Hiergegen war nichts einzuwenden.

Craig-Fry mußten sich damit begnügen, stets in der unmittelbarsten Nähe ihres Clienten zu bleiben und ihre Vorsichtsmaßregeln zu verdoppeln. Sie verheimlichten sich aber nicht, daß der Ernst der Lage sich mit jedem Tage verschlimmerte.

Tong-Tcheu ist eine der ältesten Städte des Himmlischen Reiches. Bei seiner Lage an einem kanalisirten Arme des Pei-Ho und einem zweiten Kanale, der eine Verbindung mit Peking herstellt, herrscht daselbst ein reges geschäftliches Treiben. Besonders die Vorstädte zeigen eine überraschende Lebhaftigkeit.

Kin-Fo und seine Begleiter waren wirklich erstaunt, als sie nach den Quais kamen, wo die Sampanen und Handelsdschonken vertäut liegen.

Unter Erwägung aller Umstände glaubten Craig und Fry unter einer großen Menschenmenge am meisten gesichert zu sein. Der Tod ihres Clienten sollte ja der Verabredung nach als Selbstmord erscheinen. Der Brief, den man bei ihm finden würde, sollte darüber jeden Zweifel beseitigen. Wang konnte seinen Auftrag also gar nicht unter den Verhältnissen ausführen, wie sie eine belebte Straße oder der offene Platz einer Stadt boten. In Folge dessen hatten Kin-Fo's Wächter einen plötzlichen Ueberfall hier nicht zu befürchten. Ihre einzige Aufgabe bestand vielmehr darin, zu erspähen, ob der alte schlaue Taï-Ping nicht vielleicht gar von Shang-Haï aus ihrer Fährte folgte. Sie strengten deshalb die Augen nicht wenig an, alle Vorüberkommenden zu fixiren.

Plötzlich hörte man einen Namen aussprechen, bei dem sie die Ohren nicht wenig spitzten.

»Kin-Fo! Kin-Fo!« riefen einige kleine Chinesen, die mitten unter einem Gedränge aufspringend in die Hände klatschten.

War Kin-Fo erkannt worden und brachte sein Name nun die gewohnten Wirkungen hervor?

Der Held wider Willen hemmte seinen Schritt.

Craig-Fry hielten sich in seiner Nähe, bereit, ihn im Nothfalle mit ihren Leibern zu decken.

Kin-Fo's Person galten jene Rufe aber nicht im Mindesten. Kein Mensch hatte eine Ahnung von seiner Anwesenheit. Er blieb also stehen, begierig zu erfahren, was es mit der Nennung seines Namens für eine Bewandtniß habe.

Eine Gruppe von Männern, Frauen und Kindern umringten einen umherziehenden Sänger, der bei dem Straßenpublikum in besonderer Gunst zu stehen schien. Man rief, klatschte in die Hände und applaudirte schon im voraus.

Als der Sänger ein hinlänglich zahlreiches Auditorium versammelt sah, nahm er ein Packet bunt verzierter Zettel aus seinem Rocke und verkündete mit durchdringender Stimme:

»Die fünf Wachen des Hundertjährigen!«

Das war die berühmte, im ganzen Himmlischen Reiche verbreitete Posse, welche an jeder Straßenecke abgesungen wurde.

Craig-Fry suchten ihren Clienten mit sich fortzuziehen; gerade jetzt aber bestand Kin-Fo darauf, dazubleiben. Ihn kannte ja Niemand. Er hatte das Scherzgedicht, das sein Thun und Treiben erzählte, noch nicht kennen gelernt, und war begierig, es einmal mit anzuhören.

Der Sänger begann wie folgt:

»Während der ersten Wache beleuchtet der Mond nur das spitzgiebelige Dach des Hauses in Shang-Haï. Kin-Fo ist noch jung. Er wird zwanzig Jahre alt und gleicht der Weide, deren erste Blätter ihre kleine grüne Spitze zeigen.

»Während der zweiten Wache bescheint der Mond die Ostseite des reichen Yamen. Kin-Fo zählt vierzig Jahre. Seine zehntausend Geschäfte stehen in hoher Blüthe. Die Nachbarn singen sein Lob.«

Die Physiognomie des Sängers änderte sich mit jeder Strophe und zeigte den Ausdruck des zunehmenden Alters. Rauschender Beifall.

Er fuhr fort:

»In der dritten Wache erhellt der Mond den ganzen Weltraum. Kin-Fo erreicht das sechzigste Jahr. Nach den grünen Blättern des Frühlings sprießen des Herbstes gelbe Chrisanthemen auf!

»Mit der vierten Wache ist der Mond im Westen niedergegangen. Kin-Fo zählt achtzig Jahre. Sein Körper ist zusammengeschrumpft wie der einer Krabbe in siedendem Wasser. Er nimmt ab! Er nimmt ab, gleich dem Gestirne der Nacht!

»Nach der fünften Wache endlich begrüßen die Hähne ein neues Morgenroth. Kin-Fo ist hundert Jahre alt. Er stirbt nach Erfüllung seines Herzenswunsches, doch höhnisch verweigert Fürst Jen seine Aufnahme unter die Seligen. Fürst Jen liebt die gar zu alten und meist allzu geschwätzigen Leute nicht, und ohne Ruhe finden zu können, irrt der alte Kin-Fo in Ewigkeit umher!«

Noch einmal donnerte der Beifallssturm der Zuhörer und der Sänger verkaufte das Spottgedicht zu drei Sapeken das Stück zu Hunderten von Exemplaren.

Warum sollte sich Kin-Fo nicht auch selbst ein solches erwerben? Er holte etwas Geld aus der Tasche und streckte den Arm mit gefüllter Hand durch die ersten Reihen der Menschenmenge.

Plötzlich öffnete sich unwillkürlich seine Hand. Die Geldstücke entfielen ihm und rollten auf die Erde ...

Ihm gegenüber stand ein Mann, dessen Blicke sich mit den seinen kreuzten.

»Ach endlich!« rief Kin-Fo, ohne es zu wollen.

Fry-Craig drängten sich zu ihm; sie glaubten ihn erkannt, bedroht angefallen oder gar schon todt.

»Wang! rief er laut.

– Wang!« wiederholten Craig-Fry.

Da stand wirklich Wang in eigener Person! Auch er bemerkte seinen früheren Schüler; doch anstatt sich jetzt auf diesen zu stürzen, bahnte er sich mit Gewalt einen Weg durch das Gedränge und entfloh, so schnell ihn seine langen Beine tragen konnten.

Kin-Fo war rasch entschlossen. Er wollte endlich die Centnerlast von seinem Herzen genommen wissen und eilte zur Verfolgung Wang's hinweg, Craig-Fry, die ihn weder überholen, noch selbst zurückbleiben wollten, zu seinen beiden Seiten.

Sie hatten ebenfalls den bisher unauffindbaren Philosophen erkannt und aus dem Erstaunen, das jener an den Tag legte, ersehen, daß er Kin-Fo nicht mehr zu sehen erwartete, als Kin-Fo es sich träumen ließ, ihn hier zu finden.

Warum in aller Welt entfloh aber Wang? Das war ganz unerklärlich, genug, er entfloh, als wenn ihm die Polizei des ganzen Himmlischen Reiches auf den Fersen wäre.

Jetzt begann eine wahrhaft unsinnige Jagd.

»Ich bin nicht zu Grunde gerichtet! Wang! Wang! Nicht ruinirt! rief Kin-Fo dem Flüchtling nach.

– Reich! Reicher als je!« setzten Craig-Fry hinzu.

Wang hatte jedoch einen zu großen Vorsprung, um jene Worte verstehen zu können, die ihn bewegen sollten, inne zu halten. Er eilte über den Quai, längs des Kanals hin und erreichte den Eingang zur westlichen Vorstadt.

Die drei Verfolger flogen hinter ihm drein, vermochten ihm aber nicht näher zu kommen, im Gegentheil schien der Flüchtling mehr Distanz zu gewinnen.

Ein halbes Dutzend Chinesen folgten wieder Kin-Fo, und außer diesen noch mehrere Tipaos, die einen Mann, der so eilig dahinlief, unwillkürlich für einen Missethäter halten mußten.

Ein sonderbares Schauspiel, diese keuchende, schreiende, heulende Gruppe dahinstürmen zu sehen, der sich unterwegs mehr und mehr freiwillige Teilnehmer anschlossen. In der Umgebung des Bänkelsängers hatte man sehr wohl gehört, daß Kin-Fo den Namen Wang aussprach. Zum Glück nannte der Philosoph nicht den seines früheren Schülers, denn gewiß hätte sich dann die ganze Stadt an die Sohlen eines so berühmten Mannes geheftet. Aber auch der Name Wang's reichte schon hin, Alles in Bewegung zu setzen. Das war ja die räthselhafte Person, für deren Entdeckung eine so bedeutende Belohnung in Aussicht stand. Jedes Kind wußte davon. Wenn Kin-Fo in diesem Augenblicke also seinem Vermögen von 800.000 Dollars nachlief, so verfolgten Craig-Fry die versicherten 200.000 Dollars im Interesse ihrer Gesellschaft, und suchten die Uebrigen die ausgesetzte Belohnung von 2000 Dollars zu erhaschen, gewiß Grund genug, um aller Welt flinke Beine zu machen.

»Wang! Wang! Ich bin ja reicher als je! rief Kin-Fo unablässig, so weit ihm dies die Anstrengung des Laufens gestattete.

– Nicht ruinirt! Im Gegentheil! fügten Craig-Fry noch hinzu.

– Aufhalten! Aufhalten!« kreischte der Haufen der übrigen Verfolger.

Wang hörte auf nichts. Er hielt die Arme eingestemmt und wollte sich offenbar nicht durch eine Antwort schwächen, noch durch ein Umwenden des Kopfes an Schnelligkeit verlieren.

So ging die Jagd durch die ganze Vorstadt weiter. Wang eilte nach der mit Quadersteinen belegten Straße längs des Kanals. Diese war menschenleer und bot ihm also die wenigsten Hindernisse. Nun flog er womöglich noch schneller dahin; natürlich verdoppelten aber auch seine Verfolger ihre Bemühung, ihn einzuholen.

Zwanzig Minuten lang währte schon das tolle Treiben, ohne daß Jemand dessen endlichen Ausgang voraussehen konnte. Nach und nach schien der Flüchtling jedoch zu ermatten. Der Raum, der ihn von den Verfolgern trennte, verkleinerte sich allmälich.

Wang mochte das selbst fühlen; er machte daher einen Bogen und verschwand hinter dem dichten Gebüsch in der Nähe einer rechts an der Straße stehenden Pagode.

»Zehntausend Taëls, wer ihn aufhält! rief Kin-Fo.

– Zehntausend Taëls! wiederholten Craig und Fry.

– Ya! ya! ya!« heulten die Vordersten aus dem Volkshaufen.

Alle wandten sich seitwärts, dem Philosophen nach und schwärmten um die Mauer der Pagode.

Wang war wieder sichtbar geworden. Er folgte einem schmalen Fußpfade längs eines Bewässerungs-Kanales und machte, um seine Verfolger zu täuschen, dann wieder einen Bogen der ihn nach der gepflasterten Hauptstraße zurückführte.

Allmälich schien er aber zu ermatten, denn er sah sich wiederholt fast ängstlich um. Kin-Fo, Craig und Fry fühlten noch keine Abnahme ihrer Kräfte. Sie eilten, sie flogen dahin, und keiner der Taël-Jäger vermochte sie zu überholen.

Die Katastrophe näherte sich – es war nur noch eine Frage der Zeit – und zwar einer sehr kurzen, vielleicht blos einiger Minuten.

Jetzt erreichten Wang, Kin-Fo, dessen Begleiter und alle Uebrigen die Stelle, wo die Straße mittelst der berühmten Palikao-Brücke den Strom überschreitet.

Achtzehn Jahre früher, am 21. September 1860, hätten sie in dieser Gegend der Provinz Pe-Tche-Li keinen freien Weg vor sich gehabt. Damals bedeckte eine Menge anderer Flüchtlinge die Straße. Die Armee des Generals San-Ko-Li-Tsin, des Onkels vom Kaiser, hatte, nachdem sie von den französischen Bataillonen zurückgeworfen war, Halt gemacht an genannter Palikao-Brücke, einem prachtvollen Bauwerk mit weißen Marmor-Balustraden, welche überlebensgroße Löwen schmücken. Hier wurden die in ihrem Fatalismus übrigens heldenmüthig Stand haltenden Mantschu-Tataren von den europäischen Kanonen aufgerieben.

Jetzt war die Brücke, welche noch immer die Spuren jenes Kampfes zeigte, vollkommen frei.

Wang floh immer weiter. Mit dem Aufgebote aller Kräfte kamen ihm Kin-Fo und die Anderen näher. Bald trennten sie nur noch zwanzig, fünfzehn, noch zehn Schritte von dem Flüchtling.

Man durfte gar nicht versuchen, Wang durch unnütze Zurufe, die er nicht hörte oder nicht hören wollte, zum Stehen zu bringen. Man mußte ihn einholen, packen, nötigenfalls fesseln ... nachher konnte die Erklärung folgen.

Wang sah ein, daß er unterliegen müsse; und da er in Folge einer unerklärlichen Starrsinnigkeit zu fürchten schien, seinem früheren Schüler Auge in Auge gegenüberzustehen, wagte er sogar das Leben daran, jenem zu entkommen.

Mit einem Satze schwang er sich auf die Seitenmauer der Brücke und sprang kurz entschlossen in den Pei-Ho.

Kin-Fo stutzte einen Augenblick und rief:

»Wang! Wang!«

Sofort faßte aber auch er einen herzhaften Entschluß.

»Ich werde ihn lebend auffischen! sagte er rasch zu seinen Begleitern und stürzte sich in den Strom nach.

– Craig! stotterte Fry.

– Fry! gab Craig ebenso zurück.

– Da liegen zweimalhunderttausend Dollars im Wasser!«

Schnell erklommen Beide die Balustrade und sprangen dem gefährlichen Clienten der »Hundertjährigen« zu Hilfe nach.

Etliche von den Freiwilligen folgten ebenfalls. Es sah aus, als wolle ein Haufen Clowns sich mit Springkunststückchen produciren.

Und doch erwies sich aller Eifer vergebens. So aufmerksam auch Kin-Fo, Fry-Craig und die von der versprochenen Belohnung angefeuerten Anderen den Pei-Ho absuchten, Wang wurde nicht wiedergefunden. Jedenfalls hatte die Strömung den unglücklichen Philosophen erfaßt und weit hinweg getrieben.

Ob Wang mit seinem Sprung in den Strom nur den nachstürmenden Verfolgern entgehen, oder aus geheimnisvollen Gründen damit seinem Leben ein Ende machen wollte, konnte Niemand entscheiden.

Zwei Stunden später befanden sich Kin-Fo, Craig und Fry, zwar enttäuscht in ihrer Hoffnung, aber wieder trocken und gestärkt, nebst Soun, den man aus dem besten Schlafe wecken mußte und der natürlich heimlich darüber schimpfte und wetterte, schon auf dem Wege nach Peking.

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