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Die Leiden eines Chinesen in China

Jules Verne: Die Leiden eines Chinesen in China - Kapitel 13
Quellenangabe
authorJules Verne
titleDie Leiden eines Chinesen in China
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
printrunDritte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171009
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Zwölftes Capitel

In dem Kin-Fo, seine beiden Akolythen und sein Diener planlos in die Welt hinausziehen.

 

Wer ist jener Reisende, den man auf allen schiffbaren und fahrbaren Straßen, auf allen Kanälen und Strömen des Himmlischen Reiches dahineilen sieht? Er zieht weiter und weiter und weiß am Abend noch nicht, wo er sich des Morgens befinden wird. Er fliegt durch die Städte, ohne sie anzusehen, rastet in Hôtels und Gasthäusern nur, um wenige Stunden zu schlafen, und betritt die Restaurants nur, um schnell eine Mahlzeit einzunehmen. Mit dem Gelde geizt er nicht; er verschwendet es, ja, er wirft es weg, um sein Fortkommen zu beschleunigen.

Ein Kaufmann, der seine Geschäfte betreibt, ist das nicht. Ein Mandarin ist es nicht, den die Regierung etwa mit einer wichtigen und eiligen Sendung betraut hätte. Ein Künstler ist es nicht; der die Reize der Landschaften aufsucht. Auch kein Gelehrter, der seine Vorliebe für alte Documente zu befriedigen strebt, welche in den Bonzerien und Lamanerien des alten China vergraben liegen. Ein Studirender ist es ebenfalls nicht, der etwa zur Pagode der Prüfungen reiste, um sich die höchsten Grade zu erwerben, so wenig wie ein Priester Buddha's, der das Land durchstreift, um die kleinen, zwischen den Wurzeln des geheiligten Banyanbaumes errichteten ländlichen Altäre zu inspiciren, noch endlich ein Pilger, der vielleicht in der Erfüllung eines den fünf heiligen Bergen Chinas gethanen Gelübdes begriffen wäre.

Es ist eben der falsche Kin-Nan in Begleitung Craig's und Fry's, welche immer munter ausharren, und Soun's, dessen Kräfte mehr und mehr zur Neige gehen. Es ist Kin-Fo in der sonderbaren Gemüthsstimmung, die ihn den verschwundenen Wang gleichzeitig zu fliehen und aufzusuchen drängt. Es ist der Client der »Hundertjährigen«, der bei diesen unaufhörlichen Kreuz- und Querzügen nichts Anderes sucht als das Vergessen seiner Lage und vielleicht eine Garantie gegen die unsichtbaren Gefahren, von denen er sich bedroht glaubt. Der beste Schütze kann ja ein in Bewegung befindliches Ziel verfehlen, und Kin-Fo sucht dieses Ziel zu sein, das nie zur Ruhe kommt.

Von Nan-King aus hatten die Reisenden einen jener schnellsegelnden amerikanischen Dampfer benutzt, jener schwimmenden Hôtels, welche auf dem Blauen Flusse verkehren. Sechzig Stunden später landeten sie in Ran-Keu, ohne selbst den eigenthümlichen Felsen, den »Kleinen Waisenknaben«, bewundert zu haben, der mitten aus der Strömung des Yang-Tse-Kiang emporsteigt und dessen Gipfel ein von Bonzen bedienter Tempel krönt.

In Ran-Keu, am Zusammenflusse des Yang-Tse-Kiang und dessen wichtigsten Nebenarmes, des Ran-Kiang, Im südlichen China bezeichnet man Ströme und Flüsse durch die Endsilbe »Kiang«: im nördlichen China durch die Endsilbe »Ro«. hielt sich der umherirrende Kin-Fo nur einen halben Tag lang auf. Auch hier erinnerten traurige Ruinen an das entsetzliche Treiben der Taï-Ping; doch weder in dieser handelsthätigen Stadt, welche freilich nur einen Annex zu der auf dem rechten Ufer des erwähnten Nebenflusses erbauten Bezirksstadt Ran-Yang-Fu darstellt, noch in U-Tchang-Fu, der am rechten Ufer des Stromes gelegenen Hauptstadt der Provinz Ru-Pe, hatte der flüchtige Wang eine Spur seiner Anwesenheit hinterlassen. Auch jene Buchstaben fanden sich nicht wieder, die Kin-Fo bei Nan-King an dem Grabtempel des gekrönten Bonzen gesehen hatte.

Wenn Craig und Fry jemals leise hofften, bei dieser Reise durch China die Sitten der Bewohner oder den Charakter der Städte näher kennen zu lernen, so sahen sie sich jetzt gründlich getäuscht. Selbst nur flüchtige Notizen zu Papier zu bringen, fehlte es ihnen an Zeit, jene hätten sich denn einzig auf die Namen der Städte und Flecken und auf das Datum ihres Aufenthaltes daselbst beziehen müssen. Sie waren aber weder neugierig noch geschwätzig. Im Gegentheil sprachen sie fast niemals. Wozu auch? Was Craig dachte, dachte Fry ja ebenfalls. Ein Gespräch wäre zum bloßen Monolog geworden. Ebensowenig wie ihrem Clienten fiel ihnen deshalb die Doppelphysiognomie der meisten chinesischen Städte auf, welche im Inneren todt, in den Vorstädten dagegen höchst lebendig sind. In Ran-Keu bemerkten sie nicht einmal das europäische Quartier mit den breiten, rechtwinkelig verlaufenden Straßen, den eleganteren Wohnungen und der von großen Bäumen beschatteten Promenade, die sich am Ufer des Blauen Flusses hinzieht. Sie hatten ja nur Augen für Einen Mann, und dieser Eine blieb unsichtbar.

Der Dampfer konnte in Folge der Hochfluth im Ran-Kiang diesen Nebenfluß noch dreißig Meilen weiter, bis Lao-Ro-Keu, hinauffahren.

Kin-Fo fiel es zunächst gar nicht ein, dieses Beförderungsmittel aufzugeben, das ihm vorzüglich zusagte. Er gedachte sich desselben vielmehr bis zu der Stelle zu bedienen, wo der Ran-Kiang aufhören würde, schiffbar zu sein. Das Weitere würde sich dann finden. Auch Craig und Fry hatten keinen anderen Wunsch, als daß die Reise zu Wasser die ganze Zeit über andauern möchte. An Bord gestaltete sich die Ueberwachung leichter und drohten offenbar weniger Gefahren. Später, auf den unsicheren Straßen des inneren China, mußte sich das ändern.

Auch Soun behagte dieses Leben auf dem Dampfboote. Er strengte sich nicht durch Gehen an, that nichts, überließ seinen Herrn der Sorge Craig's und Fry's, und hatte keine andere Sorge, als in seinem Winkel ruhig auszuschlafen, wenn er gefrühstückt oder zu Mittag und zu Abend aus der vortrefflichen Schiffsküche gegessen hatte.

Einige Tage später trat auch ein Wechsel in der Art der Beköstigung ein, der jedem Anderen als diesem Dummkopfe gesagt hätte, daß die Reisenden allgemach in andere geographische Breiten gelangten.

Bei den Mahlzeiten trat nämlich an Stelle des Reises das Korn in Form kleiner ungesäuerter Brote von recht angenehmem Geschmacke, wenn man sie frisch aus dem Ofen genießt.

Soun, als echter Chinese des Südens, vermißte sein nationales Reisgericht schmerzlich. Er benutzte die kleinen Stäbchen so geschickt, mit denen er die Reiskörner aus der Schüssel in seinen breiten Mund beförderte. Und welche Massen vertilgte er davon! Reis und Thee, was braucht ein echter Sohn des Himmels mehr?

Das Schiff gelangte also, während es den Ran-Kiang stromaufwärts dampfte, allgemach in die Region des Getreides. Der Erdboden veränderte ebenfalls seine Gestalt. Am Horizont erhoben sich einzelne Berge, bekrönt mit Festungsanlagen von der alten Dynastie der Ming her. An Stelle der künstlichen Uferdämme, welche das Wasser des Flusses zusammendrängten, traten niedrige Ufer, zwischen denen dessen Bett sich auf Kosten der Tiefe ansehnlich verbreiterte. Das Land gehörte hier zu dem Districte Guan-Lo-Fu.

In der Hauptstadt desselben ging Kin-Fo nicht einmal während der wenigen Stunden an's Land, welche die Einnahme frischer Lebensmittel und die Förmlichkeiten auf den Zollschiffen beanspruchten. Was sollte er auch in dem Orte, der ihm keinerlei Interesse bot? Wo er keine Spur von dem Philosophen entdeckte, bewegte ihn nur der eine Wunsch, immer tiefer in das Innere Chinas einzudringen; denn wenn er Wang dabei auch nicht finden sollte, so fand doch Wang ebenso bestimmt auch ihn nicht.

Nach Guan-Lo-Fu tauchten zwei einander gegenüber erbaute Städte auf, die Handelsstadt Fan-Tcheng am linken und die Districtsstadt Siang-Yang-Fo am rechten Ufer des Flusses; die erste belebt von einer geschäftigen Volksmenge, die andere zwar der Sitz der Behörden, sonst aber mehr todt als lebend.

Hinter Fan-Tcheng bog der Ran-Kiang in scharfem Winkel direct nach Norden ab und blieb noch bis Lao-Ro-Keu schiffbar. Weiter konnte der Dampfer aber aus Mangel an Wasser nicht vordringen.

Nun gestalteten sich die Verhältnisse anders. Von dieser letzten Station aus ging die Reise unter veränderten Bedingungen weiter. Jetzt mußte man die Wasserstraße, »die Wege, welche selbst gehen«, verlassen und sich auf eigenen Füßen weiter helfen oder doch mindestens gegenüber dem sanften Hingleiten des Schiffes mit den Schwankungen und Stößen der erbärmlichen Fuhrwerke vorlieb nehmen, die im Himmlischen Reiche in Gebrauch sind. Du armer Soun! Jetzt kam für Dich die Zeit der Qualen, der Anstrengungen und der Vorwürfe.

Und wahrlich, es hätte Jeder zu thun gehabt, der Kin-Fo auf dieser abenteuerlichen Fahrt von Stadt zu Stadt, von Provinz zu Provinz gefolgt wäre. Heute z. B. reiste er zu Wagen, aber mit welch' einem Wagen! Ein ohne Federn unmittelbar auf der Achse zwei roher, mit starken Eisennägeln beschlagener Räder befestigter harter Kasten, geschleppt von einigen widerspänstigen Maulthieren und überspannt mit einem Leinendache, durch das der Regen ebenso wie der Sonnenschein hindurchdrang. Morgen saß er in einem Maulesel-Tragsessel, einer Art zwischen zwei langen Bambusstengeln aufgehängten Schilderhäuschen, welches bei jeder Bewegung so furchtbar rollte und stampfte, daß ein Schiff dabei in allen Fugen gekracht hätte.

Zwei Adjutanten gleich, ritten dann Craig und Fry zu beiden Seiten dieses Fahrzeuges auf Eseln, welche womöglich noch regellosere Bewegungen und Sprünge machten als jenes. Ging dann der Marsch etwas schneller vor sich, so hinkte der arme Soun grollend und wetternd hinterdrein und stärkte sich mehr als nöthig mit einem tüchtigen Schluck guten Branntweins aus Kao-Liang. Auch er verspürte ein erkleckliches Rollen und Schwanken, das indeß nicht den Unebenheiten des Bodens zuzuschreiben war. Mit einem Worte, die ganze kleine Gesellschaft wäre auch auf stürmischem Meere nicht ärger durcheinander geschüttelt worden.

Zu Pferde – natürlich waren es erbärmliche Klepper – hielten Kin-Fo und seine Begleiter ihren Einzug in Si-Gnan-Fu, der alten Hauptstadt des Reiches der Mitte, in der die Kaiser aus der Dynastie der Tang ehemals Hof hielten.

Welche Strapazen und Gefahren kostete es aber, um diese entlegene Provinz Chen-Si zu erreichen und ihre endlosen dürren und nackten Ebenen zu durchziehen!

Unter einer der des südlichen Spaniens entsprechenden Breite sandte die Maisonne ihre kaum erträglichen Strahlen herab, und wirbelte der feine Staub der Straßen auf, welche noch durch keine Steinschüttung verbessert waren. Aus den gelblichen, die Atmosphäre wie ein ungesunder Dunst erfüllenden Wolken kam der Wanderer grau heraus vom Kopfe bis zu den Füßen. Es war hier die Gegend des »Löß«, eine eigenartige geologische, im nördlicheren China vorherrschende Bodenformation, ein Gebilde, »das weder Erde noch Stein ist, oder richtiger ein Stein, der noch nicht Zeit gefunden hat, sich zu erhärten«. (Leon Rousset.)

Auch die wirklichen Gefahren darf man nicht unterschätzen in einem Lande, wo die Polizei eine gewaltige Furcht vor den Dolchstichen der Räuber hat. Wenn die Tipaos den Spitzbuben schon in den Städten aus dem Wege gehen, wenn in bevölkerten Ortschaften die Einwohner es nicht wagen, des Nachts auf den Straßen zu erscheinen, so kann man sich daraus wohl ein Urtheil über den Grad der Sicherheit auf den Landstraßen bilden. Mehrmals zeigten sich auch verdächtige Gruppen, wenn die Reisenden sich in tiefen, durch die gewaltigen Löß-Schichten geschnittenen Hohlwegen befanden; noch immer verfehlte aber der Anblick der Revolver in den Händen Craig's und Fry's auf die Wegelagerer nicht seine abschreckende Wirkung. Zuweilen freilich beschlich die Agenten der »Hundertjährigen« eine unheimliche Furcht, nicht wegen ihrer eigenen Person, wohl aber wegen der lebendigen Million, die sie escortirten. Ob Kin-Fo unter dem Dolche Wang's fiel oder unter dem Messer eines Straßenräubers, kam ja völlig auf Eins hinaus. Jedenfalls traf der Stoß die Casse ihrer Gesellschaft.

Wie die Verhältnisse jetzt lagen, hielt sich übrigens Kin-Fo, der reichlich mit Waffen versehen war, selbst jeden Augenblick zur Vertheidigung bereit. Das Leben galt ihm jetzt mehr als je, und er hätte, wie Craig und Fry sagten, »sich umbringen lassen, um es zu erhalten«.

In Si-Gnan-Fu durfte man kaum darauf rechnen, eine Spur des Philosophen zu finden. Ein alter Taï-Ping konnte niemals auf den Gedanken kommen, hierher zu gehen. Die starken Mauern dieser Stadt vermochten die Rebellen seinerzeit nicht zu bezwingen, und auch heute barg dieselbe eine zahlreiche Besatzung von Mantschu-Truppen. Wenn er nicht eine besondere Liebhaberei für archäologische Curiositäten hatte, welche sich hier in großer Menge vorfinden, oder den Geheimnissen der Inschriftenkunde nachspüren wollte, von denen ein Museum mit dem Namen der »Tabletten-Wald« eine überaus reiche Auswahl enthielt, was sollte Wang sonst in dieser Stadt beginnen?

Kin-Fo verließ sie also auch schon am Morgen seiner Ankunft wieder und zog von diesem wichtigen Knotenpunkte für den Handel zwischen Central-Asien, Tibet, der Mongolei und China nach Norden weiter.

Ueber Kao-Lin-Sien und Sing-Tong-Sien, d. h. in dem Thale des Uei-Ro mit seinen, von dem Löß (Mergel), durch den er sich sein Bett gewühlt, gelblich gefärbten Fluthen gelangte die kleine Gesellschaft nach Rua-Tcheu, dem Herde einer entsetzlichen Empörung der Muselmanen im Jahre 1860. Von hier aus erreichte Kin-Fo mit seinen Begleitern, bald im Boote, bald im Wagen, unter großer Anstrengung die Festung Tong-Kuan, am Zusammenflusse des Uei-Ro und des Ruang-Ro.

Der Ruang-Ro ist der berühmte Gelbe Fluß. Er kommt in gerader Richtung aus Norden, strömt durch die östlichen Provinzen und mündet in das Meer, das seinen Namen trägt, aber ebensowenig gelb ist, wie das Rothe Meer roth, das Weiße Meer weiß und das Schwarze Meer schwarz aussieht. Ja, ein berühmter Strom, offenbar himmlischen Ursprunges, da seine Farbe die der Kaiser ist. Ein Sohn des Himmels, aber auch »der Kummer Chinas«, wegen seiner gewaltigen Überschwemmungen, welche den großen Kaiserkanal zum Theile unfahrbar gemacht haben.

In Tong-Kuan wären die Reisenden, selbst in der Nacht, in Sicherheit gewesen. Es ist das keine Handelsstadt, sondern eine Militär-Niederlassung, in welcher keine nomadische Bevölkerung lebt, sondern die Tataren-Mantschus, die Kerntruppen des chinesischen Heeres, ihren ständigen Sitz haben. Vielleicht gedachte Kin-Fo hier einige Tage zu rasten. Vielleicht suchte er in einem passenden Hôtel einmal ein bequemes Zimmer, eine schmackhafte Mahlzeit, ein gutes Bett – lauter Dinge, auf welche sich Craig und Fry, vorzüglich aber der arme Soun, herzlich freuten.

Der Tölpel, dem seine Unvorsichtigkeit diesmal ein großes Stück seines edlen Zopfes kostete, beging aber die Unklugheit, auf der Zollstation statt des angenommenen Namens den wahren Namen seines Herrn anzugeben. Er vergaß eben, daß es nicht Kin-Fo, sondern Ki-Nan war, dem er die Ehre hatte zu bedienen. Das gab ein schweres Ungewitter! Der Letztere sah sich gezwungen, die Stadt augenblicklich wieder zu verlassen. Der Name hatte seine Wirkung gethan. Der berühmte Kin-Fo war in Tong-Kuan angekommen. Jeder drängte sich, den Mann zu sehen, »dessen einziger und lebhaftester Wunsch es war, hundert Jahre alt zu werden«.

Der entsetzte Reisende gewann kaum Zeit, mit seinen Begleitern der Ansammlung von Neugierigen zu entfliehen, die ihn auf jedem Schritte umringte. Zu Fuß – ja, buchstäblich zu Fuß – eilte er nun längs des Gelben Flusses dahin und unaufhörlich weiter, bis er sammt seinen Begleitern in einem kleinen Flecken vor Erschöpfung zusammenbrach, wo ihm sein Incognito doch wenigstens einige Stunden Ruhe sichern mußte. Der ganz außer Fassung gerathene Soun wagte kein Wort über die Lippen zu bringen. Mit dem kurzen Rattenschwänzchen, das noch von seinem Kopfe hing, wurde er zur Zielscheibe mancher verletzenden Witzelei. Die Gassenbuben liefen hinter ihm her und riefen ihm allerlei Dummheiten nach.

Wie sehnte er sich darnach, endlich anzukommen – aber wo? – da sein Herr, wie er sich damals William J. Bidulph gegenüber ausdrückte, immer der Nase nach weiter reisen wollte.

In dem kleinen, zwanzig Li (ein Li = 442 Meter) von Tong-Kuan gelegenen Flecken, wo man gerastet hatte, gab es nun weder Pferde noch Esel, weder Wagen noch Tragbahren. Hier mußte man entweder bleiben oder den Weg zu Fuß fortsetzen. Diese Alternative war nicht geeignet, dem Schüler des Philosophen Wang, der sich hier sehr wenig als Philosoph erwies, die gute Laune wiederzugeben. Er schimpfte auf alle Welt und verdankte diese Lage doch nur sich selbst. O, wie bedauerte er jetzt die schöne Zeit, die er unter Verachtung jedes Genusses am Leben verbrachte! Wenn der Mensch das Glück nur soll schätzen lernen, nachdem er Langweile, Noth und Qual gekostet, wie Wang behauptete – er hatte jetzt Alles, und bis auf die Neige gekostet.

Bei dieser Reise sah er noch überdies wiederholt brave Leute unterwegs, die vielleicht keinen Heller in der Tasche hatten, aus deren Augen aber der Widerschein des Glückes leuchtete. Er überzeugte sich, daß die freudig gethane Arbeit die Mutter der Zufriedenheit ist.

Hier waren es Feldarbeiter, die sich über die Furchen bückten; dort Andere, welche singend ihr Tagewerk vollbrachten. Verschuldete nicht der Mangel an Arbeit allein bei Kin-Fo die Unempfänglichkeit für jedes Vergnügen? O, diese Lection war eine gründliche! Er glaubte es wenigstens ... Nein, Freund Kin-Fo, sie war es nicht!

Craig und Fry durchsuchten die ganze Ortschaft, klopften an jede Thür und entdeckten wirklich zuletzt eine Art Fuhrwerk, aber nur ein einziges. Auf demselben fand ferner nur eine Person Platz und, was das Schlimmste war, ein Zugthier dazu gab es nicht.

Das Gefährt bestand aus einem Handwagen – einer Art Pascal'schen Schiebkarren – der vielleicht schon lange vor genanntem Gelehrten, von den alten Erfindern des Pulvers, der Schrift, des Compasses und der Drachen gebaut wurde. In China ist das, übrigens ziemlich große Rad dieses Fortschaffungsmittels aber nicht wie bei uns zwischen zwei nach der einen Seite zu vorspringenden Armen, sondern in der Mitte angebracht und bewegt sich also innerhalb des Kastens selbst, wie das Centralrad mancher Dampfboote. Der eigentliche Behälter des Gefährtes ist also seiner Längsrichtung nach in zwei Abtheilungen getrennt, in deren einer der Reisende Platz nehmen kann, während die andere zur Aufnahme des Gepäckes dient.

Der Motor dieses Wagens ist und kann nur ein Mensch sein, der ihn nicht zieht, sondern vorwärts schiebt. Er hat seinen Platz also hinter dem Fahrenden, dem er die Aussicht nicht versperrt, ähnlich wie der Kutscher eines englischen Cab. Bei günstigem Winde, d. h. wenn dieser von rückwärts weht, benützt der Mann diese Naturkraft, die ihm nichts kostet. Er stellt vorn im Wagenkasten einen kleinen Mast auf, hißt an demselben ein viereckiges Segel und wird bei kräftigem Winde statt den Wagen zu schieben, von diesem mit fortgezogen, oft schneller, als ihm lieb ist.

Das Gefährt nebst allem Zubehör wurde käuflich erworben. Kin-Fo nahm darin Platz. Der Wind blies günstig, das Segel ward entfaltet.

»Nun vorwärts, Soun!« rief Kin-Fo.

Soun beeilte sich, ganz behaglich in der zweiten Abtheilung des Wagens Platz zu nehmen.

»An die Deichsel! donnerte ihn da Kin-Fo in einem Tone an, der jeden Widerspruch von vornherein abschnitt.

– Aber, Herr, wie ... wir ... ich! ... jammerte Soun, dessen Beine sich schon im voraus krümmten, wie die eines überangestrengten Gaules.

– Dafür klage Dich selbst, Deine Zunge und Deine Dummheit an!

– Nun vorwärts, Soun! drängten auch Craig-Fry.

– An die Deichsel! wiederholte Kin-Fo mit einem spähenden Blick nach dem erbärmlichen Reste des Zopfes. An die Deichsel, Dummkopf, und hüte Dich, zu stolpern, sonst ...«

Der Zeige- und Mittelfinger Kin-Fo's, die sich wie zwei Scheerenblätter bewegten, ließen über diese Drohung keinen Zweifel übrig, so daß Soun schleunigst den Tragriemen über die Schultern warf und die Handhaben des Karrens ergriff. Fry und Craig begaben sich jeder nach einer Seite des Gefährtes, und mit Unterstützung des günstigen Windes trottete die kleine Gesellschaft in leichtem Trabe ab.

Wir verzichten auf die Schilderung der stillen, ohnmächtigen Wuth Soun's, als er sich zum Zugthier degradirt sah. Craig und Fry waren jedoch menschenfreundlich genug, ihn zeitweilig abzulösen. Zum Glück unterstützte sie der Südwind ohne Unterbrechung und verrichtete drei Viertel der Arbeit. Da der Karren durch das in der Mitte angebrachte Rad sehr leicht im Gleichgewichte zu halten war, so beschränkte sich die Thätigkeit des Führers etwa auf die des Steuermannes auf einem Schiffe, das heißt, er hatte nur auf Einhaltung seiner Richtung zu achten.

In dieser Equipage erschien Kin-Fo also in den nördlichen Provinzen Chinas, marschirend, wenn er die halb steif gewordenen Beine einmal üben, oder gefahren, wenn er ausruhen wollte.

So zog Kin-Fo, unter Umgehung von Huan-Fu und Cafong, hinauf am Ufer des berühmten Kaiserkanales, der noch vor kaum zwanzig Jahren, bevor der Gelbe Fluß sein altes Bett wieder aufsuchte, von Su-Tcheu, dem Lande des Thees, bis Peking auf eine Entfernung von mehreren hundert Meilen eine bequeme Wasserstraße bildete.

So reiste er durch Tsinan, Ho-Kien und gelangte in die Provinz Pe-Tche-Li, in der sich Peking, die vierfache Hauptstadt des Himmlischen Reiches erhebt.

So kam er durch das von einer Mauer und zwei Forts vertheidigte Tsien-Tsin, eine Stadt von viermalhunderttausend Seelen, in deren geräumigen, durch die Vereinigung des Peï-Ho und des Kaiserkanals gebildeten Hafen durch die Einfuhr von Baumwollenwaaren aus Manchester, von Wollenstoffen, Kupfer, Eisen, Zündhölzchen aus Deutschland, Sandelholz u. s. w. und durch die Ausfuhr von Brustbeeren, Wasserlilien-Blättern, tatarischem Tabak u. s. w. ein Waarenumsatz von 160 Millionen jährlich stattfindet. Kin-Fo kam es aber nicht einmal in den Sinn, in dem merkwürdigen Tsien-Tsin die berühmte Pagode der höllischen Verdammten zu besuchen; er durchstreifte nicht die interessanten Straßen der »Laternen« und der »Alten Kleider« in der östlichen Vorstadt, er frühstückte nicht in dem Restaurant der »Harmonie und Freundschaft«, das der Muselman Leu-Lao-Ki bewirthschaftet, und dessen Weine sich des besten Rufes erfreuen, was auch Mohammed darüber denken mag; er gab auch – und das aus guten Gründen – seine große rothe Visitenkarte nicht ab im Palaste Liu-Tchong-Tang's, dem Vicekönige der Provinz seit 1870, Mitgliede des Geheimen Rathes und des Großen Staatsrathes des Reiches, der nebst der gelben Weste den Titel eines Fei-Tse-Chao-Pao führt.

Nein! Kin-Fo durchfuhr, immer von Soun geschoben, die Quais, wo ganze Berge von Säcken mit Salz lagerten; die Vorstädte, die englischen und amerikanischen Territorien, das Rennfeld, die mit Sorgho, Gerste, Sesam und Weinstöcken bedeckte Landschaft, die reichen Gemüse- und Fruchtgärten und die weiten Ebenen, welche Tausende von Hasen, Rebhühnern und Wachteln liefern, die man durch abgerichtete Falken, meist Lerchen- oder Baumfalken, einfängt. Alle Vier folgten nun der vierundzwanzig Meilen langen, mit Quadersteinen belegten Straße nach Peking, zwischen Baumgruppen der verschiedensten Art und dem hohen Schilfe des Flusses, und gelangten so nach Tchong-Tcheu, Alle heil und gesund, Kin-Fo noch immer im Werthe von 200.000 Dollars, Craig und Fry frisch und munter wie im Beginn der Reise, Soun keuchend, hinkend, auf beiden Beinen verschlagen und mit nur drei Zoll Zopf auf dem Scheitel.

Jetzt war der 19. Juni. In sieben Tagen ging die mit Wang vereinbarte Frist zu Ende!

Wo verbarg sich aber dieser Wang?

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