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Die Leiden eines Chinesen in China

Jules Verne: Die Leiden eines Chinesen in China - Kapitel 12
Quellenangabe
authorJules Verne
titleDie Leiden eines Chinesen in China
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
printrunDritte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171009
projectid7dc70083
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Elftes Capitel

In dem Kin-Fo zum berühmtesten Manne im ganzen Reiche der Mitte wird.

 

Wang war und blieb verschwunden. Kin-Fo wurde allmälich wüthend, zur Unthätigkeit verdammt zu sein und den Philosophen nicht einmal verfolgen zu können. Doch wie wäre das möglich gewesen, da Wang davongegangen war, ohne nur eine Spur zu hinterlassen!

Diese Complication verursachte selbstverständlich auch dem Generalagenten der »Hundertjährigen« eine gewisse Unruhe. Nachdem er sich zuerst gesagt, daß alles das nicht ernst gemeint sei, daß Wang sein Versprechen nicht erfüllen werde, daß man selbst in dem excentrischen Amerika nicht solchen Unsinn treibe, kam er allmälich doch auf den Gedanken, daß in diesem eigenartigen Lande, welches man das Himmlische Reich nennt, eben nichts unmöglich zu nennen sei. Er bekannte sich bald zu Kin-Fo's Anschauung, daß der Philosoph, wenn es nicht gelang, ihn aufzufinden, gewiß sein Wort einlösen werde. Auch sein Verschwinden deutete man sich dahin, daß er zur That dann verschreiten werde, wenn sein Schüler es am wenigsten erwartete, daß er ihn treffen wolle wie ein Blitzschlag, und ihm mit rascher und sicherer Hand den Tod geben werde. Nachdem er dann den Brief an dem Körper seines Opfers befestigt, werde er sich ruhig und furchtlos in dem Bureau der »Hundertjährigen« einstellen, um das ihm zufallende Capital zu beanspruchen.

Man mußte also Wang zuvorkommen und ihn womöglich aufklären, obwohl das auf derartigem Wege unthunlich war.

Der ehrenwerthe William J. Bidulph ergriff also das Auskunftsmittel, sein Ziel durch die öffentliche Presse zu erreichen. Binnen wenig Tagen erhielten die chinesischen Zeitungen Nachricht über die Sache, während die fremden Journale der Alten und Neuen Welt durch Telegramme dafür interessirt wurden.

Der »Tching-Pao«, das Regierungsorgan für Peking, die in chinesischer Sprache erscheinenden Blätter von Shang-Haï und Hong-Kong, sowie die verbreitetsten Journale Europas, Nord- und Südamerikas druckten bald in fetter Schrift folgenden Aufruf ab:

»Herr Wang aus Shang-Haï wird hiermit ersucht, das zwischen ihm und Herrn Kin-Fo am 2. Mai d. J. getroffene Uebereinkommen als nicht geschehen zu betrachten, da genannter Herr Kin-Fo nur noch den einen Wunsch hat, womöglich erst als Hundertjähriger zu sterben.«

Dieser eigenthümlichen Annonce folgte noch eine, jedenfalls Aufmerksamkeit erregende Nachschrift:

»Zweitausend Dollars oder eintausenddreihundert Taëls Belohnung erhält Derjenige, der William J. Bidulph, dem Generalagenten der »Hundertjährigen« in Shang-Haï, den Aufenthalt des genannten Herrn Wang aus derselben Stadt so mittheilt, daß Letzterer gefunden wird.«

Es war ja nicht wohl anzunehmen, daß der Philosoph während der ihm zur Erfüllung seines Versprechens gegebenen Frist von fünfundfünfzig Tagen eine Reise um die Welt ausführen könne. Wahrscheinlich hielt er sich in der Umgebung Shang-Haïs verborgen, um jede sich bietende Gelegenheit benützen zu können; der ehrenwerthe William J. Bidulph glaubte jedoch in seinen Vorsichtsmaßregeln nicht weit genug gehen zu können.

Wiederum vergingen mehrere Tage ohne Aenderung der Sachlage. Dagegen erreichte man jedoch, daß viele kurze Annoncen, in denen man nach amerikanischer Manier nur »Wang! Wang! Wang!« und daneben »Kin-Fo! Kin-Fo! Kin-Fo!« las, erst die allgemeine Aufmerksamkeit und dann eine ebenso allgemeine Heiterkeit erregten.

Man schüttelte sich vor Lachen bis in den entferntesten Provinzen des Himmlischen Reiches.

»Wo ist Wang?«

– Wer hat Wang gesehen?

– Wo wohnt Wang?

– Was macht Wang?

– Wang! Wang! Wang!« riefen die kleinen Chinesen auf allen Straßen.

Aehnliche Fragen waren bald in Aller Munde.

Aber auch Kin-Fo, der würdige Chinese, »der den lebhaften Wunsch hegte, hundert Jahre alt zu werden«, der an Langlebigkeit mit dem berühmten Elephanten wetteifern wollte, dessen zwanzigstes Lustrum eben in den Ställen des Palastes von Peking seinem Ende nahte, auch er wurde natürlich bekannt bei Groß und Klein.

»Nun, wie steht's mit Herrn Kin-Fo? nimmt er an Alter zu?

– Wie befindet sich der brave Mann?

– Verdaut er denn noch gut?

– Wird man ihn noch im gelben Kleide der Greise zu sehen bekommen?« Jeder Chinese, der das achtzigste Jahr erreicht, erhält damit das Recht, einen gelben Rock zu tragen. Da Gelb die Farbe der kaiserlichen Familie ist, so betrachtet man jene Erlaubniß als eine dem Alter dargebrachte Huldigung.

So überbot sich Alles in Witzeleien, die Mandarinen vom Civil und Militär, die Händler an der Börse, die Kaufleute in ihren Comptoirs, das Volk auf den Straßen und Plätzen, wie die Bootsleute auf ihren schwimmenden Städten.

Sie sind sehr lustig und bissig, diese Chinesen, und man wird zugeben, daß hier einiger Stoff für sie vorlag. Da gab es nun Scherze jeder Art und selbst Carricaturen, welche sogar in das Privatleben des Helden hinübergriffen.

Zu seinem großen Mißvergnügen mußte Kin-Fo die Uebelstände dieser eigenthümlichen Berühmtheit ertragen. Man ging sogar so weit, ihn nach der Melodie: »Man-Tchiang-Hung«, d. h. »der Wind, der durch die Weiden geht«, zu besingen. Zuletzt erschien gar noch eine Posse, welche »die fünf Wachen des Hundertjährigen« in Scene setzte, und bei ihrem verheißenden Titel zu drei Sapeken das Stück reißenden Absatz fand.

Wenn Kin-Fo sich erregte über den Lärmen, den sein Name verursachte, so war William J. Bidulph dagegen in hohem Grade damit zufrieden; Wang blieb aber trotzdem jedem Auge verborgen.

Diese Verhältnisse wurden nun allmälich so auf die Spitze getrieben, daß es Kin-Fo kaum noch aushalten konnte. Ging er aus, so begleitete ihn ein Haufen Chinesen jeden Alters und Geschlechts durch die Straßen nach den Quais, selbst über die concessionirten Territorien und weithin durch die Umgebungen. Kehrte er heim, so sammelte sich eine Menge Witzbolde nicht der feinsten Sorte vor der Thür des Yamen.

Jeden Morgen mußte er auf dem Balkon seines Hauses erscheinen, um den Beweis zu liefern, daß seine Leute ihn nicht vorzeitig in den Kiosk des langen Lebens niedergelegt hatten. Die Zeitungen veröffentlichten spöttischer Weise Bulletins über seine Gesundheit mit ironischen Bemerkungen, als gehörte er der regierenden Dynastie der Tsing an. Mit einem Worte, er wurde vollkommen lächerlich.

Eine Folge davon war, daß der vexirte Kin-Fo eines Tages, am 21. Mai, den ehrenwerthen William J. Bidulph aufsuchte und ihm seine Absicht mittheilte, sofort abreisen zu wollen.

Er hatte von Shang-Haï und dessen Bewohnern sozusagen genug.

»Damit laufen Sie vielleicht aber weit mehr Gefahr! bemerkte ihm sehr richtig der Generalagent.

– Das gilt mir gleich! erwiderte Kin-Fo. Treffen Sie darnach Ihre Maßregeln.

– Wohin gedenken Sie zu gehen?

– Der Nase nach!

– Und wo wollen Sie bleiben?

– Nirgends.

– Wann gedenken Sie zurückzukehren?

– Niemals!

– Und wenn ich Nachricht von Wang erhalte?

– Ach, zum Teufel mit Wang! O, über die dumme Idee, dem Menschen jenen albernen Brief zu geben!«

Im Grunde verlangte Kin-Fo nach nichts mehr als darnach, den Philosophen wiederzufinden. Sein Leben in den Händen eines Anderen zu wissen, dieser Gedanke fing nach und nach an, ihn zu beherrschen. Allmälich verstärkte sich diese fixe Idee. Noch einen Monat unter solchen Verhältnissen auszuharren, das hätte er nie über sich gebracht! Das Lamm wurde endlich zum Tiger!

»Nun gut, so reisen Sie ab, sagte da William J. Bidulph, Craig und Fry werden Ihnen folgen, wohin Sie auch gehen.

– Wie es Ihnen beliebt, doch versichere ich Ihnen im voraus, daß Sie zu laufen haben werden.

– Das werden sie, bester Herr, sie können laufen und sind nicht die Leute dazu, die Beine zu schonen!«

Kin-Fo kehrte nach seinem Yamen zurück und traf sofort alle Vorbereitungen zur Abreise.

Soun – ein abgesagter Feind jeder Ortsveränderung – sollte, zu seinem größten Leidwesen, seinen Herrn begleiten. Er wagte jedoch keinen Einspruch, der ihm gewiß ein gutes Stück seines Zopfes gekostet hätte.

Craig-Fry waren als echte Amerikaner jeden Augenblick zu einer Reise bereit, und wenn es an's Ende der Welt gegangen wäre. Sie stellten nur eine einzige Frage:

»Wohin wird ... sagte Craig.

– Der Herr gehen? setzte Fry hinzu.

– Zuerst nach Nang-King und nachher zum Teufel.«

Auf den Lippen Craig-Fry's erschien gleichzeitig ein und dasselbe Lächeln.

Sie waren Beide entzückt. Zum Teufel! Was hätte ihnen mehr Vergnügen machen können? Sie beeilten sich also, von dem ehrenwerthen William J. Bidulph Abschied zu nehmen und noch chinesische Kleidung anzulegen, um auf der bevorstehenden Fahrt durch das Himmlische Reich die Aufmerksamkeit Anderer weniger auf ihre Person zu lenken.

Eine Stunde später kehrten Craig und Fry, einen Handkoffer an der Seite und den Revolver im Gürtel, nach dem Yamen zurück.

In der Dämmerung verließen Kin-Fo und seine Begleiter geräuschlos das amerikanische Territorium und schifften sich auf dem Dampfer ein, der den Dienst zwischen Shang-Haï und Nan-King versieht.

Diese Reise gleicht mehr einem Spaziergange. Binnen zwölf Stunden kann ein Steamer unter Benützung der Fluth den Blauen Fluß bis zur alten Hauptstadt des mittleren Chinas hinaufdampfen.

Während der kurzen Ueberfahrt sorgten sich Craig und Fry weniger um ihren kostbaren Kin-Fo, nachdem sie die Passagiere alle genau in Augenschein genommen hatten. Sie kannten ja den Philosophen – welcher Bewohner der drei Territorien hätte auch die gute sympathische Erscheinung nicht gekannt – und überzeugten sich, daß er nicht mit an Bord sei. Nichtsdestoweniger widmeten sie dem Clienten der »Hundertjährigen« doch alle mögliche Aufmerksamkeit, untersuchten die Schanzkleidung, auf die er sich vielleicht stützte, prüften erst mit den Füßen die Stufen, welche jener betrat, hielten ihn fern von den Feuerungsanlagen, wo ihnen die Kessel gefährlich erschienen, ermahnten ihn höflich, sich nicht dem scharfen Abendwind auszusetzen, um sich bei der feuchten Luft nicht zu erkälten, wachten darüber, daß die kleinen Lichtpforten seiner Cabine hermetisch verschlossen waren, schalten auf Soun, den nachlässigen Diener, der niemals bei der Hand war, wenn sein Herr ihn verlangte, vertraten wohl auch selbst seine Stelle, um den Thee und das Abendbrot zu serviren, und schliefen endlich vollkommen angekleidet vor der Thür der Cabine Kin-Fo's mit dem Rettungsgürtel um die Hüften, um jenem Hilfe leisten zu können, wenn der Dampfer in Folge einer Explosion oder Collision in den dunklen Wellen des Stromes versinken sollte. Es geschah aber nichts, was die unbegrenzte Bereitwilligkeit Craig-Fry's auf eine ernsthafte Probe gestellt hätte. Das Dampfboot lief rasch auf dem Wusung hinab, glitt in den Yang-she-Kiang oder Blauen Fluß hinüber, passirte die Insel Tsong-Ming, ließ die Leuchtfeuer von Ou-Songrund-Langhan hinter sich, fuhr mit der Fluth stromauf durch die Provinz Kiang-Su und landete am 22. Früh seine Passagiere heil und gesund am Quai der alten kaiserlichen Hauptstadt.

Soun hatte es nur den beiden Leibwachen zu verdanken, daß sein Zopf während der Fahrt sich nicht noch weiter verkleinerte. Der Faulpelz hatte also gewiß keine Ursache, sich zu beklagen.

Kin-Fo begab sich, als er Shang-Haï verließ, nicht ohne Grund zuerst nach Nan-King. Er glaubte einige Aussicht zu haben, den Philosophen hier zu entdecken.

Wang konnte sich in der That durch seine aus früherer Zeit herrührenden Erinnerungen nach dieser unglücklichen Stadt, dem Ausgangs- und Mittelpunkte der Empörung der Tchang-Mao, hingezogen fühlen. Wurde sie nicht erobert und vertheidigt von jenem bescheidenen Schulmeister, dem furchtbaren Rong-Sieou-Tsien, der sich zum Kaiser der Taï-Ping aufschwang und die Autorität der Mantschu so lange in Schach zu halten wußte? Proclamirte derselbe nicht von hier aus die neue Aera des »Großen Friedens«? Uebersetzung des Wortes Taï-Ping. Nahm er nicht hier im Jahre 1864 das tödtliche Gift, um seinen Feinden nicht lebend in die Hände zu fallen? Entwich nicht aus dem hiesigen Palaste der Könige sein Sohn, in zartem Alter, den die Kaiserlichen einfingen und ohne Gnade enthaupteten? Wurden seine Gebeine nicht aus dem Grabe in der brennenden Stadt wieder ausgewühlt und wilden, ausgehungerten Bestien zum Fraße vorgeworfen? War es endlich nicht in dieser Provinz, wo hunderttausend alte Waffengefährten Wang's binnen drei Tagen hingemordet wurden?

Es erschien also wohl denkbar, daß der Philosoph nach der plötzlichen Veränderung aller Verhältnisse nach diesem Orte, an den ihn so viele persönliche Erinnerungen knüpften, gegangen sei. Von hier aus konnte er in wenig Stunden nach Shang-Haï zurückkehren, um seinen Freund ...

Deshalb also begab sich Kin-Fo zunächst nach Nan-King und gedachte, sich hier aufzuhalten. Fand er Wang auf, so konnte Alles mündlich geregelt und damit der eigenthümlichen und gewiß nicht angenehmen Lage ein Ende gemacht werden. Traf er jenen nicht, so wollte er seine Wanderung durch das Himmlische Reich weiter fortsetzen bis zu dem Tage, wo er nach Ablauf der vereinbarten Frist von seinem alten Lehrer und Freund gewiß nichts mehr zu fürchten haben würde.

Begleitet von Craig und Fry und gefolgt von Soun, begab sich Kin-Fo nach einem Hôtel in einem jener halb entvölkerten Quartiere, welche noch inmitten der Ruinen des weitaus größeren Theiles der Stadt vorhanden sind.

»Ich reise unter dem Namen Ki-Nan, wandte sich Kin-Fo an seine Begleiter, und hoffe, daß mein wahrer Name unter keinerlei Vorwand jemals ausgesprochen werde.

– Ki ... begann Craig.

– Nan, vollendete Fry.

– Ki-Nan« wiederholte Soun noch einmal.

Es leuchtet wohl ein, daß Kin-Fo, während er wegen der unangenehmen Folgen seiner unfreiwilligen Berühmtheit aus Shang-Haï entfloh, nicht Lust hatte, von denselben unterwegs ebenso belästigt zu werden. Von der möglichen Anwesenheit des Philosophen in Nan-King erwähnte er Craig-Fry gegenüber kein Wort. Die ängstlichen Agenten hätten gewiß einen Luxus von Vorsichtsmaßregeln entfaltet, der zwar dem Werth ihres Clienten entsprechen mochte, diesem selbst aber nur höchst lästig gewesen wäre. Und hätten sie eine Million in der Tasche geführt, unmöglich hätten sie auf einer Reise durch ein gefährlicheres Land größere Sorgfalt entwickeln können. Doch, war es nicht auch eine Million, welche die »Hundertjährige« ihnen hier anvertraut hatte?

Der ganze Tag verging mit dem Besuche der Quartiere, Plätze und Straßen Nan-Kings. Von der Pforte des Ostens bis zu der des Westens, von Süden bis Norden wurde die ihres früheren Glanzes beraubte Stadt schnell durchwandert. Kin-Fo schritt rüstig darauf zu, sprach nur wenig, hatte aber die Augen überall.

Nirgends zeigte sich ein verdächtiges Gesicht, weder auf den Kanälen, wo sich die meisten Bewohner aufhielten, noch in den halb unter Trümmern begrabenen Alleestraßen, welche schon das Unkraut überwucherte. Kein Fremder war sichtbar, der unter dem geborstenen Marmorthore dahinwanderte, oder die Reste der verbrannten Mauern betrachtete, welche die Stelle des früheren kaiserlichen Palastes bezeichneten, den Schauplatz des letzten erbitterten Kampfes, an dem Wang seinerzeit jedenfalls bis zum Ende theilnahm. Kein Mensch suchte sich den Blicken der Besucher zu entziehen, weder in der Nähe des Yamen der katholischen Missionäre, welche die Bewohner von Nan-King im Jahre 1870 ermorden wollten, noch in der Umgebung der Waffenfabrik, die erst neuerdings wieder aus dem unzerstörbaren Material errichtet wurde, das der berühmte, von den Taï-Ping abgetragene Porzellanthurm in großer Menge geliefert hatte.

Kin-Fo schien keine Ermüdung zu kennen. Noch immer ging er raschen Schrittes weiter, seine beiden Akolythen getreulich mit ihm, während der arme, an derlei Anstrengungen nicht gewohnte Soun ein gutes Stück zurückblieb, zum östlichen Thore hinaus und geraden Weges fort in die Weite.

Unfern von der Stadtmauer zeigte sich eine endlose Straße mit ungeheuren Thiergestalten zu beiden Seiten.

Kin-Fo eilte womöglich noch schneller auf diese zu.

Am entgegengesetzten Ausgang schloß ein kleiner Tempel dieselbe ab. Hinter letzterem erhob sich ein Grabmal, so groß wie ein Hügel. Unter dieser Anhöhe ruhte Rong-U, der frühere Bonze und spätere Kaiser, einer der kühnsten Patrioten, der vor fünf Jahrhunderten gegen die fremden Eindringlinge gefochten hatte. Sollte der Philosoph nicht hierher geirrt sein, sich an den glorreichen Erinnerungen des Ortes zu erlaben, nach diesem Grabe, das den Gründer der Ming-Dynastie umschloß?

Der Hügel war leer, der Tempel verlassen. Niemand bewachte denselben als gewaltige, kaum aus dem Marmor herausgemeißelte Kolosse und jene phantastischen Thiergestalten, welche die lange Straße bevölkerten.

Ueber der Thür des Tempels bemerkte Kin-Fo aber zu seiner Verwunderung einige Zeichen von fremder Hand und neueren Ursprungs. Er trat näher und las die drei Buchstaben:

W. K.-F.

Wang! Kin-Fo! Kein Zweifel, der Philosoph hatte diese Stelle unlängst besucht.

Ohne etwas zu äußern, sah sich Kin-Fo überall um ... Niemand! Gegen Abend kehrten Kin-Fo, Craig, Fry und Soun, der kaum noch die Füße erschleppen konnte, nach dem Hôtel zurück und am nächsten Morgen hatten Alle Nan-King verlassen.

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