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Die Leiden eines Chinesen in China

Jules Verne: Die Leiden eines Chinesen in China - Kapitel 11
Quellenangabe
authorJules Verne
titleDie Leiden eines Chinesen in China
publisherA. Hartleben's Verlag
yearo.J.
printrunDritte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171009
projectid7dc70083
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Zehntes Capitel

In welchem Craig und Fry dem neuen Clienten der »Hundertjährigen« officiell vorgestellt werden.

 

»Ja, ja, Herr Bidulph, ein einfaches Börsenmanöver, ein richtiger amerikanischer Puff!« sagte Kin-Fo zu dem General-Agenten der Versicherungs-Gesellschaft.

Der ehrenwerthe William J. Bidulph lächelte mit Kennermiene.

»Und wahrlich ein wohlgelungener, antwortete er, denn alle Welt glaubte daran.

– Selbst mein Correspondent! fügte Kin-Fo hinzu. Es war nichts mit der Einstellung der Zahlungen, nichts mit dem Concurs, mein Herr, nichts als falsche Nachrichten! Acht Tage später bezahlte man an den Schaltern. Das Geschäft war gemacht. Die um achtzig Procent entwertheten Actien wurden von der Centralbank selbst wieder aufgekauft, und als man den Director fragte, was bei dem Concurs herauskommen werde, antwortete er schmunzelnd: – »175 Procent!« So meldet mir mein Correspondent in einem heute Früh eingetroffenen Briefe, eben als ich mich für vollständig ruinirt hielt ...

– Wo Sie eben Hand an sich legen wollten? rief William J. Bidulph.

– Nein, erklärte Kin-Fo seelenruhig, aber wo ich eben ermordet zu werden hoffte!

– Ermordet!

– Mit meiner schriftlich hinterlassenen Einwilligung, ein verabredeter, beschworener Mord, der Ihnen ...

– Der uns zweimalhunderttausend Dollars gekostet hätte, da jede Art des Todes versichert war. O, wir würden Sie gewiß aufrichtig betrauert haben, werther Herr ...

– Für den Betrag der Summe? ...

– Und für die Interessen dazu!«

William J. Bidulph ergriff die Hand seines Clienten und schüttelte sie nach amerikanischer Weise kräftig.

»Doch ich begreife nicht, begann er wieder.

– Sie werden Alles begreifen lernen!« versicherte Kin-Fo.

Er erzählte ihm nun die Verpflichtungen, die ein Mann, der sein volles Vertrauen besaß, ihm gegenüber eingegangen war. Er wiederholte wörtlich den Brief, den jener in der Tasche hatte, ein Brief, der ihn vor jeder Verfolgung schützte und ihm völlige Straflosigkeit sicherte. Leider war zu erwarten, daß das Versprechen erfüllt, das gegebene Wort gehalten werde, das litt kaum einen Zweifel.

»Und dieser Mann ist ein Freund von Ihnen? fragte der General-Agent.

– Ein vertrauter Freund, bestätigte Kin-Fo.

– Und aus reiner Freundschaft? ...

– Gewiß, aus Freundschaft – doch, wer weiß, vielleicht auch aus Berechnung! Ich ließ für ihn fünfzigtausend Dollars auf meinen Kopf eintragen.

– Fünfzigtausend Dollars! wiederholte William J. Bidulph. Es handelt sich also um Herrn Wang?

– Ganz richtig.

– Ein Philosoph! O, der wird nie zugeben ...«

Kin-Fo wollte antworten:

»Dieser Philosoph, hätte er gesagt, ist ein alter Taï-Ping. In der ersten Hälfte seines Lebens hat er mehr Mordthaten ausgeführt, als nöthig wären, die »Hundertjährige« an den Bettelstab zu bringen, wenn alle seine Opfer deren Clienten gewesen wären. Seit achtzehn Jahren schon hat er seine wilden Begierden jedoch gezügelt; heute freilich, wo ihm direct Gelegenheit geboten ist, wo er mich zu Grunde gerichtet und zu sterben entschlossen glaubt, wo er andererseits weiß, daß er durch meinen Tod ein kleines Vermögen gewinnt, dürfte er keinen Augenblick zögern ...«

Doch Kin-Fo sagte nichts von alledem. Er hätte ja Wang damit compromittirt, denn William J. Bidulph würde nicht einen Augenblick gezaudert haben, jenen als alten Taï-Ping bei dem Gouverneur der Provinz zu denunciren. Das wußte Kin-Fo unzweifelhaft, aber er hätte Wang damit in's Verderben gestürzt.

»Ei nun, fuhr der Agent der Versicherungs-Gesellschaft nach kurzem Schweigen fort, dagegen giebt es ja ein einfaches Hilfsmittel.

– Und das wäre?

– Herr Wang muß benachrichtigt werden, daß sich die Verhältnisse geändert haben, er muß den gefährlichen Brief wieder ausliefern, der ...

– Ja, das ist leichter gesagt, als gethan, warf Kin-Fo ein. Wang ist seit gestern verschwunden und kein Mensch weiß, wohin er sich gewendet hat.

– Hm!« brummte der Agent, den diese Entgegnung doch etwas außer Fassung brachte.

Er heftete einen durchdringenden Blick auf seinen Clienten.

»Jetzt, lieber Herr, fragte er ihn, haben Sie wohl gar keine Lust mehr zu sterben?

– Meiner Treu, nein, gab Kin-Fo zur Antwort. Der Puff der Californischen Centralbank hat mein Vermögen nahezu verdoppelt und ich stehe im Begriff, mich baldigst zu verheirathen! Letzteres thue ich jedoch nicht eher, als bis Wang wieder entdeckt worden oder die zwischen uns verabredete Frist bis zur letzten Minute abgelaufen ist.

– Wann kommt dieser Zeitpunkt?

– Am 25. Juni dieses Jahres. Während dieses Zeitraumes läuft die »Hundertjährige« nach wie vor Gefahr. Es wird also ihre Sache sein, die nothwendig erscheinenden Maßregeln zu treffen.

– Und den Philosophen wieder aufzufinden!« setzte William J. Bidulph hinzu.

Mit den Händen auf dem Rücken ging der Agent mehrmals auf und ab.

»Gut, begann er dann, wir werden ihn wiederfinden, diesen guten Freund für Alles, und hätte er sich in den Eingeweiden der Erde verborgen! Bis dahin, mein Herr, werden wir Sie gegen jeden Mordversuch zu schützen wissen, wie wir schon über Ihren etwaigen Selbstmord gewacht haben.

– Was wollen Sie damit sagen? fragte Kin-Fo.

– Daß seit dem 30. April, dem Tage der Unterzeichnung ihrer Police, zwei meiner Agenten ihnen auf Schritt und Tritt gefolgt sind und Alles belauschten, was Sie vornahmen.

– Ich habe jedoch nichts davon bemerkt ...

– O, das sind discrete Leute! Ich ersuche Sie um die Erlaubniß, Ihnen jene nun vorstellen zu dürfen, da sie nun nicht mehr im Geheimen zu wirken haben, außer etwa in Bezug auf Herrn Wang.

– Recht gern, antwortete Kin-Fo.

– Craig-Fry müssen in der Nähe sein, da Sie sich hier befinden!«

William J. Bidulph rief laut:

»Craig-Fry!«

Craig-Fry befanden sich wirklich hinter der Thür des Privatcabinets. Sie hatten den Clienten der »Hundertjährigen« heimlich geleitet und warteten nun, bis er die Bureaux wieder verlassen würde?

»Craig-Fry, begann der Generalagent, Sie werden während der ganzen Dauer seiner Police unseren kostbaren Clienten ferner nicht mehr gegen sich selbst, sondern gegen einen seiner besten Freunde, den Philosophen Wang, in Schutz zu nehmen haben, der sich verpflichtet hat, ihn zu tödten!«

Die beiden Unzertrennlichen wurden nun eingehend unterrichtet. Sie begriffen die Sachlage und versprachen, darnach zu handeln. Der reiche Kin-Fo gehörte ihnen. Treuere Diener konnte er nicht finden.

Doch, was war nun zu thun?

Nach Ansicht des Generalagenten boten sich zweierlei Wege: entweder sich in dem Hause in Shang-Haï aufzuhalten und dieses so zu überwachen, daß Wang, ohne von Craig und Fry bemerkt zu werden, nicht eindringen konnte, oder Alles daran zu setzen, um besagten Wang aufzufinden und ihm den Brief abzunehmen, der aller Form gemäß für nichtig erklärt werden mußte.

»Der erste Ausweg hat keinen großen Werth, entgegnete Kin-Fo; Wang würde doch Gelegenheit finden, ungesehen zu mir zu gelangen, denn mein Haus ist auch das seinige. Man wird ihn auf jeden Fall aufsuchen müssen.

– Sie haben Recht, mein Herr, bestätigte William J. Bidulph, das Sicherste bleibt es immer, den besagten Wang aufzufinden, und das werden wir!

– Todt oder ... versicherte Craig.

– Lebend! stimmte Fry ein.

– Nein, lebend, verlangte Kin-Fo. Ich gebe nicht zu, daß Wang um meines Fehlers willen nur im Geringsten in Gefahr komme!

– Craig und Fry, fügte William J. Bidulph geschäftsmäßig hinzu. Sie bleiben noch siebenundfünfzig Tage für unseren Clienten verantwortlich. Bis nächsten 30. Juni hat der Herr für uns einen Werth von zweimalhunderttausend Dollars!«

Der Client und der Generalagent der »Hundertjährigen« nahmen nun von einander Abschied. Zehn Minuten später kehrte Kin-Fo, escortirt von seiner aus zwei Mann bestehenden Leibwache, die ihn von nun an nicht mehr verlassen sollte, nach dem Yamen zurück.

Soun sah es natürlich mit einigem Bedauern, als Craig und Fry sich officiell in der Wohnung einrichteten. Nun gab es keine Fragen und keine Antworten, aber auch keine Taëls mehr für ihn. Sein Herr dagegen hatte mit der Lust zum Leben auch wieder seine alte Gewohnheit angenommen, den faulen und ungeschickten Diener empfindlich zu bestrafen. Armer Soun! Was würde er erst gesagt haben, wenn er geahnt hätte, was die Zukunft für ihn im Schooße barg!

Kin-Fo's erste Sorge war nun, nach Peking in die Cha-Chua-Allee zu »phonographiren«, daß die Umstände sich geändert und er reicher sei als je vorher. Die junge Frau vernahm die Stimme Desjenigen, den sie schon für immer verloren glaubte, hörte, wie diese ihr die süßesten Zärtlichkeiten zuflüsterte! Er werde seine kleine jüngere Schwester nun bald wiedersehen! Der siebente Mond solle nicht vorübergehen, ohne daß er zu ihr geeilt sei, um sie nie wieder zu verlassen. Nachdem er aber bemüht gewesen, sie nicht unglücklich zu machen, wolle er sich jetzt wenigstens hüten, daß sie nicht zum zweiten Male Witwe werde.

Le-U verstand nicht recht den Sinn des letzten Satzes; ihr Herz hörte nur das Eine, daß der Bräutigam wiederkommen und daß sie binnen zwei Monaten die Seine werden würde.

An diesem Tage gab es im ganzen Himmlischen Reiche kein glücklicheres Weib als unsere junge Witwe.

In Kin-Fo's Kopf hatte sich eine vollständige Umwälzung vollzogen, als er, Dank der so erfolgreichen Operation der Californischen Centralbank, zum vierfachen Millionär geworden war. Jetzt wollte er leben und auch glücklich leben. Zwanzig Tage wiederholter Erregung hatten ihn umgewandelt. Weder der Mandarin Pao-Shen, noch der Kaufmann Yin-Pang, der Lebemann Tim oder Hual, der Gelehrte, hätten in ihm den lebensüberdrüssigen Amphitryo wieder erkannt, der ihnen vor kurzer Zeit auf dem Blumenschiffe des Perlenflusses den Abschiedsschmaus als Junggesell gab. Selbst Wang hätte seinen Augen nicht geglaubt, wenn er zugegen gewesen wäre. Er war und blieb aber spurlos verschwunden und kehrte nie nach dem Hause in Shang-Haï zurück. Natürlich lebte Kin-Fo deshalb in großer Sorge und seine beiden Wächter in fortwährender Angst.

Zwei Tage später, am 24. Mai, wußte man ebensowenig von dem Philosophen und besaß keinerlei Andeutung, um daraufhin nach ihm zu suchen. Vergeblich durchwanderten Kin-Fo, Craig und Fry die ausländischen Niederlassungen, die Bazars, die berüchtigten Quartiere und alle Umgebungen Shang-Haïs. Vergeblich spähten die gewandtesten Tipaos der Polizei überall umher. Der Philosoph blieb unentdeckt.

Craig und Fry wurden mit der Zeit immer unruhiger und verdoppelten ihre Wachsamkeit. Sie verließen ihren Clienten weder am Tage noch in der Nacht, aßen mit ihm an demselben Tische und schliefen des Nachts mit ihm in seinem Zimmer. Sie suchten ihn auch zu überreden, ein Panzerhemd zu tragen, um gegen einen Dolchstich geschützt zu sein, und nichts zu essen als gekochte Eier, die doch nicht vergiftet sein konnten.

Kin-Fo sorgte reichlich dafür, daß Jene Bewegung hatten. Warum schloß man ihn auch nicht einfach in einen diebessicheren Behälter der »Hundertjährigen« unter dem Vorwande ein, daß er der Gesellschaft 200.000 Dollars werth war?

Als praktischer Mann schlug William J. Bidulph seinem Clienten auch noch vor, ihm die gezahlte Prämie zurückzuerstatten und den Versicherungsschein zu vernichten.

»Bedauere sehr, antwortete darauf Kin-Fo kurz, das Geschäft ist abgeschlossen und Sie werden die Consequenzen desselben tragen.

– Gut, es sei, versetzte der Generalagent, sich in das Unvermeidliche fügend, es sei! Sie haben Recht! Aber Sie werden in Ihrem Leben nicht sorgfältiger bewacht werden als durch uns!

– Und niemals billiger!« meinte Kin-Fo.

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