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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
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Madam Thomsen nickte in ihrem Stuhl und ließ die Hände mit der Näharbeit in den Schoß sinken:

Ja, ja, flink mit den Fingern war Manuel immer gewesen! –Aber ein Versehen vom lieben Gott war es doch wohl, daß er den Jungen nicht zu einem Mädchen gemacht hatte; denn dann hätte sie ja vielleicht etwas mehr Macht über ihn gehabt und hätte in den Jahren, als Lars kränkelte und bettlägerig war, den Verfall etwas mehr aufhalten können« – Ach ja! Ach ja! – Aber Manuel wollte ja immer regieren. Er konnte es nicht ertragen, daß Fremde sich um das Gehöft bekümmerten. Und der Vater, der so ein Jammerbild geworden war, ließ ihn gewähren. – Aber nie im Leben hätte sie geglaubt, daß der Junge den Abschied vom Gehöft je verwinden würde! Er sah leichenblaß dort auf dem Stuhl und rührte sich nicht vom Fleck und sprach kein Wort. S i e hatte für alles sorgen müssen, hatte reden, unterschreiben und die Papiere hervorsuchen müssen. – Und, Gott im Himmel, ja, in der Nacht hatte sie ihn liegen und sich im Bett winden und stöhnen und jammern hören, so daß ihr ganz bange wurde, ihn auch noch zu verlieren. – Und dann, als er mit der Katze und dem Hahn angeschleppt kam und die Tiere durchaus mitnehmen wollte, als sie umzogen! – Ach ja, es war nicht leicht für sie gewesen in den Tagen; nein, leicht war es nicht gewesen!

Mutter Karen seufzte tief auf und starrte mit ihren klaren, blauen Augen in die leere Luft.

Aber Gott der Allmächtige hatte doch in seiner Weisheit alles gut und wohl eingerichtet. Lob und Preis dafür! Sie saßen in ihrem kleinen Hause und hatten Essen und Feuerung genug. Und sie sehnte sich nach keiner Veränderung! – Aber, – ja, Gott vergebe ihr die Sünde! – Manuel hatte ihr eigentlich besser gefallen so wie er war, als sie in die Stadt gezogen waren. Da konnte sie ihn hegen und pflegen, und er war so dankbar für alles gewesen, was sie getan hatte. – Aber seit er die »Offenbarung« gehabt hatte, wie er den Traum von seinem Vater nannte, war er so kurz angebunden und männlich geworden, daß es ganz schrecklich war! Ja, es kam sogar vor, daß er sie hart anließ und donnerwetterte, wenn sie nicht sofort ja zu all den sonderbaren Dingen sagte, die er vorbrachte! – Es war natürlich schön, daß er sich so herausgemacht hatte, er war ja jetzt beinahe ein ganzer Kerl geworden! Aber sie hatte sich den Männern ja immer unterordnen müssen, zu Hause und in der Schule, und dann, als sie sich verheiratet hatte, da wäre es am Ende gar nicht so übel gewesen, wenn sie auch einmal an das Ruder gekommen wäre! – Und dann war Manuel so geizig geworden! Sie mußte Rechenschaft von jedem Ende Zwirn ablegen, das sie im Laden verkaufte. Und ebenso kurz hielt er sie auch, was das Hausstandsgeld betraf! – Aber klug war er geworden, das mußte sie zugeben! Auf alle erdenkliche Weise konnte er Geld verdienen; und wie er arbeiten konnte! Er mußte wohl bald eine ganze Million in seinem Bankbuch haben, so wie er diese letzten fünfzehn Jahre zusammengespart hatte!

Karen Thomsen seufzte von neuem, und ihre Augen nahmen einen traurigen Ausdruck an.

Wenn der Junge dabei an seine alten Tage und an die ihren dächte, so würde sie ja kein Wort darüber verlieren, sondern ihm nur danken und ihn loben, weil er zusammenhielt und sparte! Aber der Mühlenhof spukte ihm ja im Kopf! Es war förmlich zur fixen Idee bei ihm geworden, daß er den Mühlenhof zurückhaben müsse! – Ach ja! Ach ja! – Und wenn er ihn nun auch wirklich bekäme! Wenn er nun auch so viel zusammengeschrappt hatte, daß er ihn, wenn es so weit war, wieder kaufen konnte! – Es ging doch niemals an! Nie im Leben ging es an! Das war genau so, als wollte er sein Geld in den Mühlteich werfen! Manuel konnte nicht mit der Wirtschaft fertig werden, er war nicht danach angetan, wie klug er sonst auch war. Es würde mit einem Krach enden! Und dann würden sie ihnen das Gehöft nur zum zweiten Male wegnehmen.

Jedesmal, wenn Mutter Karen in ihren Gedanken so weit gekommen war, kroch sie in ihrem Lehnstuhl zusammen und schauderte wie vor Kälte, wenn sie der Zukunft gedachte. Und sie faltete die Hände und betete so flehentlich zu dem lieben Gott, daß er doch Manuels Vater veranlassen möge, dem Jungen zu sagen, daß die ganze Sache mit dem Gehöft nur Torheit sei, nichts als Kummer und Unglück und Elend und Herzeleid!

Und als es so schien, als wenn der liebe Gott sie nicht erhören wollte, da hatte sie selber ganz sanft und still versucht, den Sohn zur Vernunft zu bringen.

Aber er war ganz rasend geworden! Er war in der Stube herumgehüpft und gesprungen, hatte mit dem langen Arm um sich geschlagen und war seitwärts umhergelaufen, hatte laut geschrien und ihr gedroht!

Und da war dann Madam Thomsen tief in ihren Stuhl hineingekrochen und hatte nur gesagt:

»Nun ja, Manuel! Nun ja, mein Junge! Du verstehst dich ja besser darauf! Du verstehst dich ja besser darauf!« Und während der letzten Jahre hatte sie fast ganz über die Sache geschwiegen, war scheinbar auf den Gedankengang des Sohnes eingegangen und hatte ihm treulich beigestanden, wenn er in seiner Phantasie alles da draußen auf dem verfallenen Familienbesitz ordnete und einrichtete.

Und während die Zeit verging und Manuel in Wirklichkeit nichts zu unternehmen schien, um seinen Plan in bezug auf das Gehöft zu verwirklichen, stieg in ihrem Innern eine schwache Hoffnung auf, daß das Ganze nur eine Phantasie, eine Einbildung von seiner Seite sei. Er scharrte das Geld nur zusammen, weil es ihm nun einmal ein Vergnügen geworden war. Und der Mühlenhof diente ihm nur als Vorwand, damit sie ihn gewähren lassen sollte.

Sie war ja selber von Bauernart und kannte die angeborene Verschlagenheit der Rasse, sobald es sich um Geld handelte.

Sie ihrerseits legte ja auch allwöchentlich fünfzehn bis zwanzig Öre vom Wirtschaftsgeld beiseite.


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