Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Johannes Wied >

Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/wied/bosheit1/bosheit1.xml
typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
projectid47cdb47e
Schließen

Navigation:

Karen Thomsen war, wie gesagt, in jeder Hinsicht glücklich und zufrieden mit ihrem Aufenthalt in der Provinzstadt.

Nachdem sie seinerzeit über den Tod des Mannes und die Aufregung, die der Verlauf des Geschäfts und der Aufbruch und der Umzug mit sich gebracht hatten, erst hinweggekommen war, fing sie an, sich auf die angenehmste Weise in ihr neues Leben hineinzufinden.

Und wenn sie ganz ehrlich sein sollte, so sagte ihr das friedliche, stille Leben in dem kleinen Hause in der Südstraße weit mehr zu als das geschäftige Treiben auf dem Mühlenhof, wo sie sich vom Morgen bis zum Abend keine Viertelstunde Ruhe gegönnt hatte, vor Angst, daß irgend etwas in dem großen Haushalt vernachlässigt werden könnte.

Gar nicht zu reden von der anstrengenden Krankenpflege der beiden letzten Jahre und der drohenden Angst vor dem immer mehr heranrückenden Ruin.

Natürlich hatte die Frau ihren Mann geliebt. Das heißt, so auf Bauernart, im Grunde hatte sie eigentlich nur einen ungeheuren Respekt vor ihm gehabt nach dem guten alten Rezept: Ihr Weiber seid euren Männern untertan und gehorsam in allen Dingen!

Und natürlich hatte sie geweint, als er gestorben war, und hatte schwarzgekleidet dem Begräbnis beigewohnt.

Aber sie nahm die Ereignisse hin, wie sie kamen, ohne zu murren oder mit ihnen ins Gericht zu gehen: besser für Lars und sie, daß er endlich ausgekämpft hatte, als daß er vielleicht jahrelang hätte zu Bett liegen müssen zur Qual und Plage für sich selber und andere; und keiner Menschenseele zu Nutz und Frommen.

Und Manuel? Er war ja sein Leben lang daheim umhergegangen und hatte herumgepusselt und gekramt, der Ärmste.

Sie hatte dem Vater einmal ängstlich und zögernd vorgestellt, ob es nicht am besten für den Knaben sein würde, wenn er ein wenig unter Fremde käme und andere Sitten und Gebräuche kennenlernte. – Aber davon konnte keine Rede sein! Weder der Vater noch der Großvater, der damals noch lebte, konnten es sich vorstellen, den Anblick des Knaben auch nur einen Tag entbehren zu müssen!

»Na ja!« hatte die Frau hierauf nur erwidert und war an ihre Beschäftigung gegangen.

Und Manuel war auf dem Mühlenhof geblieben.

Damit soll jedoch durchaus nicht gesagt sein, daß er müßig umherging und die Zeit totschlug. Keineswegs! Er war vom frühen Morgen bis zum späten Abend in Tätigkeit. Er half seinem Vater in der Mühle und auf dem Felde, fuhr Futter für das Vieh ein und im Herbst Korn in die Mieten und Scheuern.

Aber seine liebste Beschäftigung war es doch, mit Großvater Thomsen umherzugehen. Sie machten sich an den Gebäuden und im Garten zu schaffen. Sie weißten und malten, schrubbten, hackten, pflanzten und beschnitten. Die Häuser schimmerten zu dieser Zeit wie frischgewaschene Tischwäsche. Und auch nicht ein Grasbüschel wuchs zwischen den Pflastersteinen des Hofes. Keine Unkrautpflanze war auf den Beeten oder in den Gartensteigen zu erblicken. Flog ein Strohhalm aus einer Miete in den Weg, so wurde er vorsichtig wieder zurückgetragen. Und führte sich ein Huhn unpassend auf einer Wagendeichsel auf, so war Emanuel sofort mit einem Tuche da, um dem Schaden abzuhelfen.

Die beiden, der Junge und der Greis, waren den lieben, langen Tag in Tätigkeit. Und des Abends verfertigten sie Pappsachen und schnitzten Rahmen. Oder Manuel las aus seinen »Geschichtbüchern« aus der Schule vor.

Dann starb der Alte. Er bekam Lungenentzündung. Und nach Verlauf von zwei Tagen erlosch er wie ein Licht. Er wurde auf dem Kirchhofe des Städtchens begraben, wo auch seine Frau lag. Und ein prunkendes Sandsteinmonument wurde auf dem Grabe errichtet. Das war in den guten Zeiten. Aber gottlob war auf dem Stein noch Platz für die Namen Manuels und seiner beiden Eltern!

Nach dem Tode des Großvaters übernahm der Knabe alle Arbeit, die zur Erhaltung der Gebäude und des Gartens erforderlich war. Das war ihm ins Blut übergegangen. »Der Hof« mußte zierlich und nett aussehen. Das hatte er getan, solange er im Besitz der Familie gewesen war! Und er weißte und malte wie ehedem und harkte und schrubbte. Und die Äxte und Keile des Großvaters und die Tische aus den Mühlsteinen und das Taufbecken scheuerte und wusch er, und die kunstvollen Naturtische hielt er imstande. Er hatte keine Zeit mehr, sich um die Arbeit in der Mühle und auf dem Felde zu bekümmern, verlor beinahe alles Interesse für diesen Teil der Wirtschaft. Und dann: Das konnten ja der Vater und der alte Mortensen besorgen! Bedurfte aber Mutter Karen einer Handreichung im Hause bei den großen Scheuerfesten im Frühling und Herbst, da war Manuel sofort mit Putzlappen und Petroleum zur Stelle und half die alten Mahagonimöbel polieren, bis ihre Ecken und Kanten wie Diamant strahlten, wenn die Sonne durch die blanken Fensterscheiben fiel.


 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.