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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 7
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
projectid47cdb47e
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Die beiden unzertrennlichen Freunde, Konsul Mörch und Zollkontrolleur Knagsted, waren wieder auf ihrem Abendspaziergang begriffen.

Und wie gewöhnlich waren sie in Maren Schmieds Gasse eingebogen und auf den Prinzessinnensteig gelangt.

Die Sonne hing niedrig über dem Fjord. Es war ein schöner, warmer Sommerabend. Und die weißen Gehöfte und kleinen Häuser auf den fernen Hügeln jenseits des Wassers schimmerten hell herüber.

Mörch hatte gebeten, sich ein wenig setzen zu dürfen. Er sei müde, sagte er. Aber es war wohl dieser unvermeidliche Besuch auf dem Friedhof, den er so lange wie möglich hinausschieben wollte.

Und nun saß er krumm und vornübergebeugt da und ritzte mit seinem Stock Zirkel und Striche in den weichen Kies des Weges, während der Zöllner sich gerade und elastisch gegen den Rücken der Bank lehnte und pfiff.

Er gab sich dieser Kunstübung nur hin, wenn er mit dem Konsul zusammen war. Er wußte, daß es den Freund ärgerte als Beweis der Lebenskraft.

Ein wenig von ihnen entfernt lief eine Schar Kinder und spielte.

»Sieh!« sagte Knagsted und zeigte auf sie.

Mörch erwachte aus seinem Halbschlummer und erhob den Kopf: »Ja«, sagte er.

»So waren wir auch einstmals!«

»Ja!«

»Aber das ist lange her!«

»Was würdest du dafür geben, Mörch, wenn du wieder so werden könntest?«

»So kann man nicht wieder werden, Knagsted!«

»Nein. Aber was würdest du dafür geben, wenn du wieder so werden könntest?«

»Ich lasse mich nicht auf solchen Unsinn ein«, sagte der Konsul ärgerlich.

»Du solltest es einmal mit der klugen Frau in Bragby versuchen, Mörch.«

»Das ist auch Unsinn!«

»Bewahre, ist es Unsinn! Sie hat im Frühling Tierarzt Hansen kuriert, der, wie du ja weißt, eines Nachts lahm auf der einen Seite wurde.«

»Davon weiß ich nichts.«

»Ja, aber das hat sie wirklich getan. Und nun kann er wieder gehen und auf Praxis fahren!«

»Hm! Es ist wohl nicht so schlimm gewesen wie bei mir!«

»Genau so! Es war Apoplexie. Seine Zunge war auch gelähmt!«

Mörch sandte seinem Freund einen schielenden Seitenblick zu. Aber das Gesicht des Zöllners war ein verschlossenes Buch. Dann sagte der Konsul:

»Und er hat sich erholt, sagst du?«

»Vollständig! Er könnte sehr gut mit den Kindern da drüben um die Wette laufen.«

»Hm – Was hat sie ihm denn gegeben?«

»Etwas in einer Flasche. – Was meinst du, wenn du wieder auf den Klubball gehen könntest, alter Jägersmann?«

»Unsinn!«

»Der Tierarzt erholte sich in drei Wochen!«

»Ich kann ja nicht zu ihr hinauskommen!«

»Das könntest du wohl allenfalls! Aber du kannst sie ja auch holen lassen.«

»Kommt sie denn?«

»Natürlich kommt sie! – Denk nur, wenn du deine Martinsgans im Hotel essen könntest!«

»Unsinn, Knagsted«, brummte der Konsul. Aber in seinem tiefsten Innern zuckte doch eine kleine Hoffnung.

»Du solltest es doch einmal versuchen, Mörch!« fuhr der Zöllner unverdrossen fort.

»Versuchen kann ich es ja gern. – Und der Tierarzt verspürt nichts mehr, sagst du?«

»Er ist gesund wie ein Fisch. Viel gesünder als vor seiner Erkrankung.«

»Und die Frau kommt, wenn ich sie holen lasse?«

»Unbedingt!«

»Ja, ja!« sagte der Konsul und wiegte frisch belebt den Kopf hin und her. – »Wenn ich noch mal wieder ein ganzer Mann werden könnte. Knagsted! hm! hm! Nun bin ich seit sechs Jahren kein Mensch gewesen. – Ach, du lieber Gott! Ja, ja!«

Mörch saß auf der Bank und wippte vor Freude hin und her. Seine geschwollenen gichtischen Hände umklammerten krampfhaft den Stock, und seine Lippen bewegten sich unablässig.

Knagsted schielte zu ihm hin, und die Pupillen in seinen Augen zogen sich boshaft zusammen wie bei einer Katze, die eine Maus fixiert.

»Aber du mußt dich doch in acht nehmen, Mörch!«

»Wieso?« fragte der Konsul erschreckt. Und es war, als glitt ihm bei dem Tonfall in des Zöllners Stimme eine eiskalte Spirale durch das Rückgrat.

»Du mußt recht vorsichtig sein, sage ich.«

»Weshalb?«

»Ja, denn da drüben in Jütland, wo ich herkomme, war auch eine kluge Frau –«

»Hm –« (Mörch sank mehr und mehr zusammen).

»Sie gab einem Manne einmal eine verkehrte Medizin –«

»So? –« Es klang wie ein Stöhnen.

»Diese Art Leute sind ja nicht ganz so zuverlässig wie die Ärzte –«

»Nein –«

»Sie haben ja kein Examen gemacht – Sie haben ja kein Examen gemacht, sage ich!«

»Nein, ich kann ganz gut hören, Knagsted!«

»Und sie dürfen ja eigentlich nicht praktizieren.«

»Nein! –«

»Damit kein Unglück geschieht. Diese Frau hatte verkehrte Kräuter gebraucht –«

»Hm! – Und der Mann?«

»Der Mann? Ja, der starb! Sie hatte ihm Gift gegeben. – Na ja, das war natürlich ein Unglück, verstehst du, alter Freund! He! Die Frau in Bragby ist ganz zuverlässig.«

Der Konsul antwortete nicht. Er war wieder zusammengesunken. Der Kopf war auf die Brust gesenkt, und die Arme hingen schlaff an den Seiten nieder.

Der Zöllner aber erhob sich plötzlich von der Bank:

»Ja, dann müssen wir wohl so allmählich weitergehen.«

Und ohne eine Lebensäußerung von seinem Freund abzuwarten, schob er den Arm in den seinen, zog ihn in die Höhe und schleppte ihn weiter auf dem Wege, der nach dem Friedhof fühlte.


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