Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Johannes Wied >

Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/wied/bosheit1/bosheit1.xml
typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
projectid47cdb47e
Schließen

Navigation:

Kein Mensch in der Stadt wußte Bescheid über die Vergangenheit des Zöllners. Als der alte Zollkontrolleur vor ungefähr zehn Jahren starb, war Knagsted sein Nachfolger geworden. Er kam aus Jütland, aus der Gegend von Ebeltoft oder Grenaa herüber, wo er Zollassistent gewesen war. Man wußte nicht das geringste von ihm im Städtchen, bis er eines Tages in der Tür der Zollbude am Fjord stand und ärgerlich auf das Wasser hinaussah. Er hatte eine funkelnagelneue Uniform an, aber keine Mütze auf dem Kopf. Und sein fuchsrotes Haar leuchtete in der Sonne. Die Bürger steckten die Köpfe zusammen und meinten, da hätten sie wohl einen bösen Karbunkel an Stelle des alten Mathiesen bekommen, der immer so sanft und so gut wie ein Maientag gewesen war. Und als man ihn erst recht genau angesehen und die Haarbüschel in seinen Ohren und die Brauen über seinen Augen und den gelblichroten Haarwuchs entdeckt hatte, der ihm bis an die Fingergelenke wuchs, da hatte ihm ein Witzbold sofort den Namen »Esau« gegeben. Und man behauptete, er sei ein Kind der Liebe, von einem Buschmann und einer Bulldogge.

Aber der Zöllner ließ die Leute reden. Er mietete sich ein Paar Zimmer bei einer älteren Witwe in einem kleinen Hause ganz in der Nähe der Zollbude. Dort stellte er seine wenigen Habseligkeiten auf. Und dort hielt er sich auf, wenn er nicht in der Zollbude war.

Anfänglich hatte er die Witwe auch sein Essen bereiten lassen. Aber das dauerte nicht länger als vierzehn Tage. Dann ward sie sehr ungnädig verabschiedet, und er ging fortan zu Tisch ins Hotel.

Die Gesellschaft, mit der er dort zusammentraf, bestand hauptsächlich aus Handelsreisenden; denn die Bürger nahmen, wie das ja auch ganz in der Ordnung war, ihre Mahlzeiten am häuslichen Herd ein.

Aber dann eines Abends klopfte der Hotelwirt, Herr »Pli-Hansen«, dem Redakteur Heilbunth ehrfurchtsvoll mit einem elastischen Mittelfinger auf die Schulter. Der Redakteur saß im Restaurationslokal und trank einen Grog:

»Verzeihen Sie, Herr Redakteur«, sagte Herr Hansen.

Heilbunth wandte ihm beschwerlich sein Antlitz zu.

»Sie wissen, Hansen, daß ich es nicht gern mag, wenn ich gestört werde!«

Der Wirt neigte sich wie ein Weizenhalm im Sturm:

»Jawohl, Herr Redakteur, das weiß ich! Aber –«

»Nun, was wollen Sie denn?«

»Der Herr Redakteur sollten sich des Herrn Zollkontrolleurs ein wenig annehmen, – wenn ich mich so ausdrücken darf!«

»Das Stachelschwein!«

»Hihihi! – Ich glaube, Sie würden es nicht bereuen, Herr Redakteur. Er ist furchtbar witzig!«

»So–o? Was sagt er denn?«

»Ja, – was sagt er? –« Herr Hansen wippte sich wie im Wellengang von der Ferse auf die Zehenspitzen. – »Was er so eigentlich sagt, Herr Redakteur, das ist mir gerade diesen Augenblick nicht gegenwärtig. Aber Sie sollten nur einmal hören, wie er die Reisenden an der Table d'hôte behandelt, Herr Redakteur. Er nimmt sie ordentlich vor, hihihi!«

»Das haben sie auch wohl nötig!«

»Hihihi, ja! Diese Art Leute haben ja in der Regel keinen Pli! – Aber jetzt fällt mir ein Beispiel ein. Herr Redakteur« – der Wirt legte wieder einen weichen Finger auf Redakteur Heilbunths Schulter. »Wenn Sie erlauben, Herr Redakteur?«

»Hm! –«

»Er sagte neulich bei Tisch« – es war gerade beim Dessert: Früchte der Jahreszeit! – man müßte glauben, hihihi! daß der liebe Gott die Bürgermeisterin geschaffen hätte, indem er kleine Klumpen auf sie geworfen habe, einen für die Nase und einen für jede Backe und für die Augen – hihihi! Ich finde das furchtbar witzig – und einen für das Kinn – nicht wahr?«

»Sagte er noch weiter was?«

»Hihihi, hi! Er sagte – (der Wirt näherte seinen Mund diskret dem Ohr des Redakteurs) – er sagte, und dann wäre die Bürgermeisterin gewiß weggelaufen, hihihi! denn sie hätte vergessen, die Klumpen für den Busen mitzunehmen und – und – (hier machte Herr Hansen einige rundliche Bewegungen mit der hohlen Hand) – und die übrigen gewölbten – hihihi – weiblichen Teile!«

Heilbunth sah eine Weile da, ohne eine Miene zu verziehen. Dann aber drehte er mit einer Kraftanstrengung den Kopf einen halben Zoll weiter herum und sagte über die Schulter hinweg:

»Ich beteilige mich nicht daran, die Obrigkeitspersonen der Stadt lächerlich zu machen! Merken Sie sich das!«

Der Hotelbesitzer stand eine Sekunde starr und sprachlos da. Dann verneigte er sich mit wahnsinniger Hast ein paarmal, stieß ein paar unartikulierte Laute aus und zog sich mit einem geistesabwesenden Lächeln hinter den Schenktisch zurück.

Ein paar Tage später aber aß der Redakteur mit an der Table d'hôte.

Und beim Kaffee fragte er Knagsted, ob er l'Hombre spiele.

So wurde der Zollkontrolleur in die Bürgerschaft eingefühlt.

Und bald wurde er Mitglied der Freßsäcke und trank Schmollis mit mehreren Brüdern. Aber was man »beliebt« nennt, das wurde er eigentlich nicht.

Weit eher hatte man eine Art Ehrfurcht vor ihm, und zwar in der alttestamentarischsten Bedeutung dieses Wortes, indem man gewissermaßen zu ihm aufblickte und ihn bewunderte, aber in Zittern und Beben. Man fürchtete, sein Opfer zu werden, und wich ihm aus. Man zitterte vor seiner scharfen Zunge und redete ihm deswegen nach dem Munde.

»Ein boshafter Satan!« sagte Fabrikant Rössel.

»Der Teufel in eigener Person!« sagte Stadtkassierer Lassen.

»Wer leibhaftige Gottseibeiuns mit Haaren am ganzen Körper«, sagte Rentier Eriksen.

Und alle machten sie ihm den Hof.

Aber dann geschah es, daß er anfing, mit Konsul Mörch spazierenzugehen.

Mit Konsul Mörch, der seit Jahren krank und vergrämt daheim in seinem Stuhl gesessen, und den die Stadt in ihrer täglichen Geschäftigkeit und in ihrem Hasten nach Broterwerb beinahe vergessen hatte.

Und sofort zerschmolzen ein Paar von diesen herzensguten Frauen vor Rührung: Da konnte man es sehen! redeten sie drauflos. – Was hatten sie nicht immer gesagt? Man hatte Zollkontrolleur Knagsted blutiges Unrecht getan. Diesem armen, höflichen Mann, den die Natur so stiefmütterlich behandelt hatte – ja, man konnte wohl in gewisser Hinsicht sagen, so verschwenderisch, hi hi, – und der keine Familie hatte, und keine Familie gründen konnte, – »denn, sagen Sie doch selber. Frau Heilbunth (Frau Stadtkassierer Lassen sprach), wer wollte sich wohl mit ihm verheiraten? Mein Mann und er sind einmal zusammen im römisch-irischen Bad gewesen, – ich bitte Sie, – wie Pelzwerk, hat mir Lassen erzählt!« Und dieser arme prädestinierte Junggeselle hat sich natürlich immer nach etwas gesehnt, was ihn beschäftigen, nach jemand, für den er sich aufopfern könnte, und da hatte er Konsul Mörch gefunden. Und Frau Lassen mußte, weiß Gott, sagen, daß sie es ganz reizend von Knagsted fand, sich gerade Mörch auszusuchen, »denn Mörch war immer, – das wissen Sie doch selber, Frau Heilbunth, – ein ziemlich unangenehmer Mensch gewesen!« Und außerdem war es Frau Lassens unumstößliche Meinung, daß Knagsted eine unglückliche Liebe gehabt haben müsse, und deswegen war der Schein gegen ihn! »Denn das wissen wir doch, teure Frau Heilbunth, Herz haben wir alle miteinander, wenn wir es uns auch nicht immer merken lassen! – Puh! Ja, bitte, aber nur noch eine kleine halbe Tasse. – Ich finde, es ist hier sehr warm! Wollen wir nicht das Fenster ein ganz klein wenig aufmachen?«

So zerflossen die Damen bei ihren Kaffeezusammenkünften in Begeisterung über den Zöllner Knagsted. Und auf einige Zeit umgab ihn ein romantischer Nimbus. Bis es ganz allmählich bekannt wurde, auf welche Art und Weise er sein Liebeswerk übte.

Da schlug man den Blick gen Himmel und bekreuzigte sich!

Obwohl es auch viele gab, die einen geheimen Groll gegen Konsul Mörch hegten, aus der Zeit, als er der erste Matador des Städtchens war.

Auch hinter Knagsteds Motive zu kommen, vermochte man nicht, wie sehr man sich auch den Kopf zerbrach. Er blieb ein Rätsel, das zu diskutieren man nie ermüdete.

Ja, Frau Lassen schrieb sogar nach Ebeltoft an eine Freundin, um Erkundigungen einzuziehen. Aber die Freundin konnte nur berichten, daß er von Svannike nach Ebeltoft gekommen sei. Und daß alle sich vor ihm gefürchtet hätten.

Worauf ihm Frau Lassen den Namen »die leibhaftige Bosheit« gab und ihre auswärtigen Freunde regelmäßig um die Zollbude herumführte, damit sie ihn sehen könnten. –

Es war an einem Abend gegen Ende Juni. Der Mond segelte hoch oben am Himmel dahin und machte fast die Sterne erblassen durch seinen Glanz. Über Mooren und Wiesen lag ein dichter Nebel, steif und unbeweglich, denn kein Wind rührte sich.

Die Uhr war fast elf. Und draußen auf dem Mühlenhof schliefen Rasmus Cornelius und seine Familie längst den süßen Schlaf, wie gewöhnlich von dem Brummen des Rades und dem brausenden Wasser eingelullt.

Rasmus war jetzt so flott, daß er sich einen Mann hielt, der nachts auf die Mühle achtgab.

Im übrigen hielt er auch einen Mann, der am Tage die Landwirtschaft besorgte. Er selber studierte im Lindenborger Krug »Chemie«. »Kimi« und »Rechnen«, wie er es nannte: Branntwein und Kartenspiel.

Ein kleiner, schiefer Schatten glitt über den Feldweg hinter dem Garten des Mühlenhofes. Als er die äußersten Bäume erreichte, dort, wo früher die Umzäunung gewesen war, machte er halt und legte die Hand hinter das Ohr, um zu lauschen.

Kein Laut war zu hören. Nur das Plätschern des Wassers, wenn es über das Treibrad stürzte.

Dann verschwand der Schatten raschelnd zwischen dem Buschwerk und glitt in den Garten hinein.

Emanuel Thomsen machte seinen Abendspaziergang.

Er schlich da drinnen von einem Fleck zum anderen. Da war ja auch nicht ein Fußbreit Erde, auf den er nicht als Kind und halberwachsener Mann seinen Fuß gesetzt hatte. Er kannte jeden Baum, jeden Busch. Und obwohl eigentlich kein Unterschied mehr zwischen Rasenplätzen und Steigen vorhanden war, fand er doch tastend seinen Weg, wie der Blinde zwischen den gewohnten Möbeln seines Zimmers.

Der Mond stand senkrecht über den Bäumen, und seine Strahlen fielen steif zwischen die unbeweglichen Blätter herab. In der großen Lindenlaube mit dem steinernen Tisch setzte sich Manuel auf einen der gliederlahmen »Naturstühle«. Durch die gegenüberliegenden Büsche konnte er einen Teil des »Sees« sehen, dessen Wasserspiegel wie geschliffener Stahl schimmerte. Aber hie und da, mitten in dem klaren, blanken Wasser sah er unförmliche Klumpen aufragen. Das waren Wasserpflanzen und Röhricht, die aus dem Boden des Teiches hervorguckten, wo sie in dem fetten Morast üppig wucherten.

»Du Schweinigel! Du Schweinigel!« murmelte er vor sich hin und sprang mit festgeballten Fäusten auf.

»Zu unseren Zeiten war der See wie ein blankgeputzter Kessel!«

Auf dem Rasenplatz unter dem Walnußbaum stand er vor dem Taufbecken still. Seine Finger liefen tastend darüber hin, und er fühlte die Schrammen und Risse, die die Kinder der »Schurken« im Laufe all der Jahre hineingeschlagen hatten.

»Sie sollen einem Rechenschaft dafür ablegen, wenn man das Gehöft zurückkauft!« murmelte er.

Und er nickte lächelnd der Buche zu, um deren Stamm der Mühlstein in einer Höhe von drei Ellen saß.

»Der sitzt ihnen zu hoch!«

Aus dem Garten hinaus schlich er über den Hohlweg, auf dem das helle Wasser stand, weil das Schleusenwerk und die Rinne nicht in Ordnung gehalten wurden. Aber die Mühle rummelte und arbeitete so lieblich! Und er sah sehnsuchtsvoll zu dem kleinen, vierscheibigen Giebelfenster hinauf, hinter dem ein Licht brannte.

»Mortensen!« rief er in flüsterndem Ton, – »Mortensen! Ich bin es, Emanuel!«

Aber der alte Mühlen-Mortensen hörte ihn nicht.

Dann glitt er bis vor die Einfahrt und starrte auf den Hofplatz hinüber.

Gras und Unkraut wuchsen lustig da drinnen. Rechen und Pflüge lagen unordentlich durcheinandergeworfen. Fensterscheiben waren eingeschlagen. Und überall an den weißen Mauern grinsten ihm große, kahle Löcher entgegen.

Manuel hatte sich einmal zu des ersten Besitzers Zeiten auf den Hof und in das Wohnhaus hineingewagt. Das war eines Tages geschehen, als er vorübergegangen war und gesehen hatte, daß ein Wagen gegen eines der Gebäude fuhr und Kalk abstieß.

Er war in das Zimmer getreten und hatte gesagt, er komme, um der Familie seine Aufwartung zu machen.

Und er war sehr freundlich aufgenommen worden. Man hatte ihn bewirtet und umhergeführt.

Aber er hatte ja nicht an sich halten können, der liebenswürdige, kleine Mann! Er hatte hier auf einen Fleck und dort auf ein Loch gezeigt und gesagt, so sei es zu »unserer« Zeit nicht gewesen. Dies müsse man so schnell wie möglich wieder instand setzen.

Und wenn er hätte auf der Stelle tot umfallen sollen, er wäre nicht imstande gewesen, diese Äußerungen für sich zu behalten.

Aber der Hofbesitzer war schließlich derartig in Wut geraten, daß er den kleinen Thummelumsen mit Schimpfworten und Drohungen vom Hof heruntergejagt hatte.

Dann machte der Mann Bankrott, und der zweite Besitzer zog ein.

Der Hof war inzwischen noch mehr in Verfall geraten. Und der neue Besitzer hatte weder Geld noch »Genie«, um ihn aufzubessern.

Eines Tages traf Thomsen ihn draußen auf der Landstraße und knüpfte ein Gespräch mit ihm an. Und wie es dann gekommen sein mochte, – genug, es endete damit, daß der »Schurke« seinen schweren Eichenknüttel erhoben und den Teufel ersucht hatte, diesen kleinen buckligen Affen von Orang-Utan mit sich in die Hölle zu nehmen, da er sonst selber –

Aber da war Manuel bereits mitten in der Beschwörung, seitwärts wie ein Taschenkrebs, halbwegs nach der Stadt zurückgekehrt! Und bei dem dritten Besitzer hatte er es niemals versucht. –

Thomsen stand noch vor der Einfahrt zu dem Mühlenhof. Er war in Gedanken versunken. Die Lotterie summte ihm im Kopf herum.

Daß er doch nie und nimmer gewinnen konnte! Einhundertundeinunddreißig Kronen hatte er schon dabei zugesetzt; und jetzt, im Oktober, sollte er abermals dreizehn Kronen und zehn Öre herausrücken! – Aber er mußte ja gewinnen, er mußte ja gewinnen; weshalb hatte ihm sonst der Vater diese Nummer offenbart! Und die alte Dame hatte doch selber gesagt, daß er gewinnen würde! – Den Fall gesetzt, daß Rasmus Cornelius nun schon im Dezember vom Hof heruntermußte und ein anderer ihn kaufte! (Ein Messerstich durchzuckte das Herz des kleinen Mannes bei dem Gedanken.) Er hatte ja kein Geld. Denn wieviel er auch in diesen fünfzehn Jahren gespart und sich abgeknapst hatte, so belief sich sein Konto auf der Bank nur auf 5265 Kronen. Und das letztemal, als der Mühlenhof verkauft war, waren 21000 Kronen dafür gezahlt worden. Einundzwanzigtausend; mit einer Anzahlung von neuntausend Kronen. Einundzwanzigtausend! – Er konnte das Geld nicht zusammenscharren, wenn Gott der Allmächtige ihm nicht half! Er konnte es nicht! – Wilde Pläne von Diebstahl und Mord und Plünderung schwirrten durch sein Gehirn. Denn haben mußte er das Gehöft! – Wenn auch nur die Gebäude, lieber Vater im Himmel! Nur die Gebäude und die Mühle und den Garten! Die Äcker konnte dann ein anderer bekommen. Für die Ackerwirtschaft hatte er sich ja nie so recht interessiert. – Ach, aber die Gebäude! Die Gebäude und der Garten! Er wollte so dankbar sein, so dankbar! Es sollte keinen zweiten so dankbaren Menschen auf der Welt geben! Und wie wollte er sie pflegen und herzen und verhätscheln! Wollte weißen und dachdecken und schaufeln und harken! An den weißen Mauern der Häuser sollte kein Fleck zu sehen sein; und kein Unkraut sollte im Garten wachsen dürfen.

Manuel schlich sich dicht an die Gebäude heran und strich liebkosend mit der Hand über den Kalk.

»Liebe gute Wand!« murmelte er, – »liebe gute Mauer!«

Und die Tränen flossen schwer und groß über seine Wangen herab.

Im selben Augenblick schlug die Uhr im Lindenborger Kirchturm zwölf. Die Schläge klangen scharf durch die stille Luft.

Thomsen richtete sich auf. Seine schiefe Schulter zuckte ein paarmal nervös. Dann sank er wieder zusammen und senkte den Kopf und trippelte hoffnungslos und verzweifelt nach Hause.

Auf der Landstraße aber fand er ein Hufeisen mit drei Nägeln: Gott Vater, Gott Sohn und der Heilige Geist.

Und das richtete ihn beträchtlich auf.


 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.