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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 48
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
projectid47cdb47e
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Draußen vor dem Nonnentor lagen die breiten Felder und streckten sich in all ihrem frischen Grün. Die Roggenähren nickten im Abendwind, und an den Pappeln am Wege plauderten die Stare.

»In diesem Jahre haben wir doch einen herrlichen Sommer!« sagte der Oberlehrer und sah verliebt um sich.

»Entzückend!« sagte der Zöllner. – »Aber darüber haben wir gewiß schon im vorigen Jahre gesprochen.«

»Ach du, mit deiner ewigen Ironie!«

»Ha, ha, ha! Soll ich dir etwas sagen, Clausen?«

»Hm?«

Esau sah zu dem Freund auf, und seine Haarzotteln bewegten sich.

»Ich liebe dich!«

»Hm!«

»Ja, es ist wahrhaftig wahr, lieber Clausen! – Du wirkst veredelnd auf meine Natur!«

»Willst du mich aufziehen?«

»Wenn man mit dir zusammen ist, will ich dir sagen, so hat man ein Gefühl, als ob – ja, wie soll ich mich ausdrücken – als ob man mit einem Kind an der Hand über einen Friedhof ginge. – Nein, bitte, kein Wort! – Die Gräber nennt es ›Blumenbeete‹, es klatscht in die Hände vor Freude über die reizenden Grabdenkmäler, und ›tief, tief unten in der Erde liegt Tante Esther, sagt Mama und schläft so süß, so süß, und wenn sie aufwacht, so ist sie droben im Himmel und ist ein Engel geworden so wie Tante Rieke und Onkel Fredrik‹. – Nein, laß mich ausreden. Clausen, laß mich ausreden! – Und weißt du, es hat etwas so Beruhigendes, Friedvolles, mit so einem Kinde zu gehen. Ein erwachsener Mann weiß ja ganz gut, daß das alles Unsinn und Redensarten sind, was das Kind da plaudert, aber trotzdem, Clausen, trotzdem! – Ja, das Jungenband ist mir ja gar nicht ganz richtig gelöst! – Ein erwachsener Mensch, der sehen und hören und riechen und fühlen und schmecken kann, wie es sich in Wirklichkeit verhält: daß die Gräber übertüncht sind, daß die Grabdenkmäler Humbug und daß Tante Rieke und Tante Esther und Onkel Fredrik keine Engel sind! – der hat trotzdem Freude daran, zuweilen einmal einen solchen Spaziergang zu machen – er wird gleichsam ›besser‹ dadurch, er – Wie? he? – ›Unsinn!‹ wie der selige Mörch zu sagen pflegte.«

Der Oberlehrer war stehen geblieben und stand nun da und hatte den Zöllner mit glücklichen, innigen Augen angesehen. Jetzt aber sah er tief enttäuscht aus und sagte beinahe unter Tränen:

»Warum mußtest du nun so schließen, Knagsted! Das, was du sagtest, war ja doch so schön!«

»Ja, es war wirklich reizend! Der Teufel mag wissen, woher ich es habe! – Wollen wir jetzt weitergehen?«

Und sie gingen.


»Jetzt ziehe ich nach Kopenhagen!« sagte Knagsted plötzlich.

»Du ziehst nach Kopenhagen?«

»Ja, ich habe geerbt, wie du weißt. Und zum ersten Oktober habe ich meine Zöllnerei gekündigt und ziehe nach Kopenhagen. – Da soll es so unglaublich kluge, begabte Menschen geben! Die will ich mir gern ansehen, – und von ihnen lernen! Kommst du mit?«

»Gehst du wirklich fort?«

»Ja! Kommst du mit?«

»Nein!«

»Du kannst ja genau so gut in der Hauptstadt wohnen! Und ich würde dich sehr entbehren!«

»Ja–a, – nein, die kleinen Städte sind mir die liebsten. Es ist gemütlich still und friedlich hier in Gammelkjöbing.«

»Ja, das finde ich auch!«

»Und trotzdem –«

»Trotzdem gehe ich fort, ja!«

»Aber was willst du da anfangen, Knagsted?«

»Ach Gott, liebster Freund, alle die genialen Kater, die da auf zwei Beinen herumspazieren, da gibt's sicherlich genug zu tun!«

Der Oberlehrer ging eine Weile schweigend weiter. Dann fragte er:

»Wieviel hast du eigentlich geerbt?«

Der Zöllner kniff ein Auge zu:

»Fünf Millionen, drei Mark und vier Pfennig!« sagte er. »Bist du neidisch, Alter?«

»Neidisch –! Nein, aber ich kann nicht verstehen, wie Mörch –«

»Hi, hi! Man hat seine Karten fein gespielt, sage ich dir!«

»Du, der ihn immer –«

»Ja, gerade deswegen! Ich habe ihn intimidiert, so heißt es, glaube ich. Ihm gedroht! Ich hab' ihm gesagt, wenn er mir nichts vermachte, grübe ich ihn wieder aus und legte ihn auf Eis – du weißt, er hatte immer solche Angst, frieren zu müssen!«

Der Oberlehrer wieherte.

»Hast du denn keinen Funken Ernst in dir, Knagsted?«

»Nicht für einen Groschen, – nein! – Aber nun müssen wir wohl umkehren.«

Sie waren oben auf dem Hügel angelangt, wo die Landstraße gen Westen, nach der Stadt zu, abfiel und sich gen Osten fortsetzte und in die weite Welt hineinführte.

»Da unten liegt Thummelumsenheim!« sagte Esau und zeigte darauf. »Sieh, wie es schimmert mit seinen frischpolierten Schornsteinen!«

»Hör einmal, Knagsted –« Clausen stand abermals still. »Wollen wir einmal da hinunter gehen?«

»Da hinunter gehen?«

»Ja, und Thomsen besuchen? Das können wir ganz gut tun! Wir haben ihn ja doch im Klub eingeführt!«

»Na, darüber wird er wohl nicht gerade so sehr entzückt sein!«

»Nein, aber – wollen wir hingehen?«

»Ja, wenn es dir Pläsier macht, – meinetwegen!«

»Und ich glaube auch, daß Thomsen sich freuen wird. Dann hat er doch jemand, dem er die ganze Herrlichkeit präsentieren kann!«

»Ja, dann laß uns nur gehen!«

Und sie stießen die Stöcke in den Erdboden und bogen in den Seitenweg ein.

»Knagsted –« begann der Oberlehrer vorsichtig, als sie eine Strecke gegangen waren.

»Ja!«

Clausen legte seinen Stangenspargel sanft auf den Arm des Zöllners.

»Du mußt nicht böse werden –«

Esaus Haarzotteln lächelten.

»Ich weiß ganz genau, was du sagen willst, lieber Clausen.«

Der Oberlehrer errötete.

»Du willst mich bitten, daß ich mich anständig betrage, nicht wahr?«

Der Pädagoge wurde noch röter.

»Ja – ja, – nein,« stammelte er, – »ja, ich wollte nur sagen, daß –«

Knagsted packte den Freund mit seinen beiden behaarten Händen beim Rockaufschlag und schüttelte ihn.

»Du großer Gott, wie ich dich liebe, Mensch!« sagte er. »Herr Gott in deinem hohen gestickten Himmel, wie ich dich liebe!«

Clausen befreite sich endlich.

»Ja, aber Knagsted, du mußt doch zugeben –«

»Ja, ja – ich gebe ja zu!«

»Daß, wenn wir Menschen nicht –«

»Wenn, wenn, Papperlapapp, ja! Wenn meine Tante Räder hätte, so wäre sie ein Omnibus! – Komm jetzt, du großes Kind! Ich will mich so benehmen, als wenn ich zum Tisch des Herrn ginge!«

Im Gartenzimmer des Mühlenhofes saßen Manuel, Mutter Karen und Wulfdine.

Man sprach nicht, jeder war mit seinen düsteren Gedanken beschäftigt. Die Frauen, die mit ihren Strickzeugen an dem Fenster nach der Landstraße hinaus saßen, warfen von Zeit zu Zeit einen scheuen Seitenblick zu dem Herrn des Hauses hinüber, der zurückgelehnt in der Ecke des großen, alten Sofas lag und seine Pfeife rauchte.

Er sah blaß und müde aus, der kleine Thummelumsen, müde und blaß und unglücklich. Denn er begriff nicht mehr das Leitmotiv in der Weltenordnung des allmächtigen Gottes.

Fünfzehn lange Jahre hatte man sich abgemüht und gelitten und gestritten, um auf das Gut seiner Väter zurückkehren zu können. Und Gott hatte selber persönlich seine Hand mit im Spiel gehabt und einem seinen Segen verliehen, damit man ans Ziel gelangen konnte – Aber dann: Punktum! –

Eine merkwürdig bleischwere Gleichgültigkeit, ein unsagbarer Lebensüberdruß hatten sich seit jenem Tage, als der Mühlenhof sein eigen geworden war, in Manuels Herzen eingenistet. Er konnte nichts dazu tun. Es war ihm nicht möglich, dies Gefühl zu überwinden; es saß da, wenn er des Abends einschlief; es saß da, wenn er des Morgens erwachte. Rastlos war er durch die Zimmer, durch die Ställe, die Scheune und den Garten gewandert. Von einem Tage zum andern hatte er darauf gewartet, daß die Freude darüber, an den alten Stätten leben und sich betätigen zu können, seine Seele erfüllen werde. Aber es kam keine Freude, im Gegenteil, es wurde nur immer trübseliger; die Arbeit, die ihm die Anordnung und die Instandsetzung des Ganzen verursachte, hatte ihn eine Weile zerstreut und interessiert. Jetzt aber, wo sich Hof und Garten so präsentierten, wie es sich gehörte, jetzt ging er starr und stumpfsinnig umher und glotzte alles mit fremden Äugen an.

»Man versteht es nicht, Mutter Karen!« sagte er und sah sie mit dem Blick eines kranken, kleinen Kückens an, »man versteht es nicht, was es ist, daß man in den inwendigen Teilen wie aus Holz geworden ist!«

Und er setzte sich mit seiner Pfeife still in die Sofaecke und starrte nachdenklich vor sich hin, als wolle er durch die Ringe und Nebel des Tabakqualmes hindurch die dunklen Augen des Schicksals enträtseln.

Und dann kam ja auch noch der Umstand hinzu, daß ihm all dies Auf-den-Kopf-Stellen in Hof und Garten soviel Geld kostete. – Und einen Begriff von Landwirtschaft hatte er nicht; der Großknecht konnte ihn betrügen, so arg er wollte. – Und nie im Leben würde er sich dazu herablassen, Rat und Hilfe bei den benachbarten Bauern zu suchen, – um keinen Preis der Welt! – Und der Graf, sein eigentlicher Umgang, hatte ihm die Tür gewiesen. – Es stand in Gottes Ratschlüssen aufgezeichnet, daß man zugrunde gehen sollte. Es nützte nicht, dagegen anzukämpfen. Jetzt sah er es klar und deutlich: Er hätte den Mühlenhof nie zurückkaufen sollen!

»Man tut seine Pflicht, Mutter Karen,« sagte er. »da man ja nun doch einmal hier ist. Aber es macht einem keine Freude.«

Sanft und still und friedfertig war er geworden, und nie kam ein heftiges Wort über seine Lippen.

Mutter Karen aber seufzte tief und lange. Und es fehlte nicht viel, so hätte sie gewünscht, daß Manuel aufbrausen und schelten und seitwärts laufen und den langen Arm schwingen möge, wie ehemals in der Stadt, damit man doch sehen könne, daß Leben in ihm war, denn dies war ja beinahe, als wenn man eine Leiche im Hause hätte.

Und Wulfdine kroch in den Ecken zusammen, klein, verschüchtert und schwanger, und begriff nicht das geringste. Für sie war das Leben ja nur Sonnenschein, wenn Manuel lächelte, und lauter Nebel, Regen und trübes Wetter, wenn er still und bekümmert war.

Und die Sonntage waren am schlimmsten; dann ruhte alle Arbeit, und der Hof lag öde und still da, so daß man förmlich zusammenfuhr, wenn nur eine Krähe im Garten krächzte oder eine Ratte raschelnd über den Boden sprang. –

Beide Frauen hatten Onkel Jakob ihre Not geklagt. Und der alte Küster hatte bedenklich an dem Hackmesser gezupft:

»Ja, ja!«

Worauf er zuversichtlich hinzugefügt hatte:

»Aber – das gibt sich wohl mit der Zeit.«


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