Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Johannes Wied >

Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 47
Quellenangabe
pfad/wied/bosheit1/bosheit1.xml
typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
projectid47cdb47e
Schließen

Navigation:

Sobald sich die Erde nur einigermaßen bearbeiten ließ, ging man an die Gartenarbeit. Und die nahm für eine Zeitlang Thummelumsens ganzes Interesse in Anspruch. Auf den Feldern ließ er den Großknecht regieren. Alles im Garten sollte wieder genau wie ehedem instand gesetzt werden. Die Wege wurden abgesteckt, die Rasenfläche und die Beete umgegraben, die Naturbänke ausgebessert und das Taufbecken wieder auf seinen Baumstamm gestellt.

Was aber namentlich das Barometer bei dem kleinen Mann zum Steigen gebracht hatte, war, daß Graf Rosenkalk eines Tages mit Kutscher und Diener vorübergefahren kam und an dem Gartenzaun gehalten hatte.

»Hallo, Nachbar!«

Was Knöpfe und Tragbänder halten wollten, segelte Thomsen taschenkrebsartig über ein neubepflanztes Rosenbeet.

Der Graf streckte freundlich eine Hand nach ihm aus.

»Guten Tag, guten Tag, Thomsen!«

Manuel errötete und barg seine Hände auf dem Rücken:

»Man hat ja ein wenig Erde an den Fingern, Eure Exzellenz«, sagte er.

»Ei was, ein Landmann! ha, ha, ha!« sagte die Exzellenz, zog aber doch die Hand zurück. »Nun, es freut mich, zu sehen,« fuhr der Graf fort, »daß der Mühlenhof auf dem besten Wege ist, wieder menschlich zu werden!«

»Ja, man tut ja, was man kann!«

»Ein Schelm, der mehr tut, ha, ha, ha! – Na, adieu, Nachbar! – Ja, Sie kennen ia den Weg nach Lindenholm! – Dann nur zu, in Gottes Namen, Marius!«

Und die Füchse tanzten mit Kutscher, Diener und Exzellenz dahin, während Manuel am Gartenzaun stand und sich tief dem Zentrum der Erde zuneigte.


Während der drei folgenden Tage strahlte nun das Eidamergesicht des kleinen Thomsen wie das Antlitz eines Engels vor Gottes Thron. Und Wulfdine und Mutter Karen gingen voll froher, vielverheißender Gedanken einher.

Aber am Nachmittage des vierten Tages legte Manuel den Diplomatenrock und die grauen Beinkleider an, setzte den steifen Hut auf und nahm seinen Stock in die Hand.

Mutter Karen und Wulfdine standen in der Haustür und nickten und lächelten. Und Thomsen begrüßte sie mit einer königlichen Handbewegung, als er aufrecht und männlich wie ein Kammerjunker bei der Scheune um die Ecke bog.

Als er aber eine Stunde später scheu und gebrochen, taschenkrebsförmig über den Hofplatz schob, glich er einem Menschen, der Wechsel gefälscht hat und auf frischer Tat ertappt ist.

Graf Rosenkalk hatte ihn allerdings empfangen, ja ihm sogar eine Zigarre angeboten. Aber in demselben Augenblick, als Manuel sich und seinen Diplomatenrock in einem der großen hochlehnigen Stühle im Herrenzimmer placieren wollte, hatte der Graf gesagt:

»Ja, Sie müssen mich entschuldigen, bester Thomsen, ha, ha, ha! Ich habe aber so verteufelt wenig Zeit. – Ist da aber irgend etwas, was Sie auf dem Herzen haben, lieber Freund, so gehen Sie nur zu meinem Inspektor hinunter. Ich habe ihm Bescheid gesagt. – Er wohnt drüben im Seitenflügel. – Sehen Sie, – dort, die erste Tür rechts! – Adieu! hat mich sehr gefreut, Sie hier bei mir zu sehen! ha, ha ha!« –


Und nun stand Emanuel Thomsen, wie gesagt, auf dem wiedererstandenen Erbe seiner Väter am Gartenzaun und starrte sehnsuchtsvoll einem Wagen nach, der in der Richtung nach Gammelkjöbing davonfuhr.

Es war an einem Sonntagabend gegen Ende Juli. Unten auf der Promenade, die an den Hintergärten entlanglief, lustwandelten die Ehegatten Gammelkjöbings mit ihren Damen unter den grünen, breitkronigen Linden. – Sie lustwandelten dort in diesem Jahr, wie sie im vorigen gelustwandelt waren und wie sie wohl bis in alle Ewigkeit lustwandeln werden.


Draußen über dem Fjord hing die Sonne an dem blauweißen Himmel. Hier und da schimmerte ein Segel, und ein Ruder hob sich glitzernd über dem blanken Wasserspiegel. Die kleinen Vögel sangen ihr Abendlied, und die Kirche der Weißen Schwestern hoch oben über den Dächern der Stadt leuchtete, als sei sie aus Schnee und Marmor erbaut. – Kurz, siehe Seite fünf und die folgenden Seiten! – – –

Oberlehrer Clausen hatte die Promenade verlassen und seinen Abendspaziergang angetreten. Er wollte durch das Nonnentor auf die Landstraße hinausgehen. Als er an dem kleinen Thomsenschen Hause in der Südstraße vorüberkam, blieb er stehen. Jetzt wurde dort ein Fettwarengeschäft betrieben. Und in dem Ladenfenster, wo früher feine Spitzen hingen, lagen nun stinkender Käse, Heringe und Stockfisch. Das Türschloß war grünspanig und ungeputzt, die Fensterscheiben matt und schmutzig, und der zierliche Anstrich der Fassade war an vielen Stellen abgestoßen und vom Regen und Straßenschmutz angespritzt.

»Ja, wie heißt es doch gleich, du alter Oberclausen?«

»... Ach, du bist es, Knagsted!«

»Ja, ich bin es. – Aber wie heißt es doch nur gleich?«

»Was denn?«

»Ach, dies lateinische Sprichwort, mit dem ihr euch so wichtig macht, wenn ihr dasteht und die Schloßruine von Kolding betrachtet oder ein Vollblutpferd, das mit einem Abfuhrwagen dahinzottelt!« » Sic transit gloria mundi?« zitierte der Oberlehrer mit Pathos.

»Ja, ganz recht!« nickte Esau und zeigte auf das heruntergekommene Wohnhaus. – » Sic transit gloria Tummelumcis! – Wie mag es ihm übrigens da draußen auf seinem Rittergut ergehen?«

»Das weiß ich wirklich nicht! Aber er ist sicher im siebenten Himmel, jetzt, wo sein Wunsch in Erfüllung gegangen ist.«

»Den Teufel auch ist er das, wenn ich mich auf die Menschen verstehe! – Willst du spazierengehen?«

»Ja! –«

»Hast du etwas dagegen, daß ich dich begleite?«

»Bewahre, lieber Freund.«

Und dann marschierten sie ab.


 << Kapitel 46  Kapitel 48 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.