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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 46
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
projectid47cdb47e
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Die »Idee«, die Emanuel Thomsen an jenem Abend auf dem Februarball bekommen, hatte die Stadt abermals mit einem epochemachenden Unterhaltungsthema versehen, wahrend sie gleichzeitig Mutter Karens Herzen manchen tiefen Seufzer entlockt hatte.

Die »Idee« war nämlich nichts Geringeres als der Entschluß, sofort, stehenden Fußes, allen Ratschlägen und Ermahnungen zum Trotz, den Mühlenhof zurückzukaufen!

Und der Grund war einzig und allein der, daß Graf Rosenkalk Thomsen seinen Nachbar genannt hatte. – Jetzt konnte ihm die Stadt den Buckel hinaufkriechen!

Mutter Karen hatte ihre Hände gefaltet.

»Nein Gott, lieber Manuel, kannst du denn nicht ebenso gut bis zum Juni warten, wo doch –«

»Nein!«

»Ja, aber weswegen willst du denn durchaus gerade jetzt kaufen, Manuel –«

»Weil man es will! – Punktum!«

Und der Mühlenhof wurde gekauft.

Im März war das Geschäft abgeschlossen. Und jetzt hatte man Mai. –

Manuel hatte gestrahlt wie ein Johannisfeuer, als er seinen Einzug hielt. Wulfdine und Onkel Jakob waren eingeladen worden. Und wie ein siegestrunkener Mann hatte Thomsen sie umhergeführt, hatte mit seinen langen Armen gestikuliert, geredet, gelacht, geschwatzt, so daß es in den öden Räumen widerhallte. Es war Portwein und Kaffee gereicht worden, und Manuel hatte eine Rede gehalten, die es mit jeder Rede des Oberlehrers Clausen hätte aufnehmen können.

Aber dann kam das »Hinterher«.


»Ahem, ahem, Brrr!« räusperte sich der Menschen-Mortensen. Sie gingen umher und betrachteten die Dinge mit kritischem Blick. »Paff, paff!« sagte er und sog an der kleinen Pfeife. »Ja, jetzt gehört uns der Hof, Manuel, – aberrr – hol' der Teufel meinen Husten! –Aberrr, –wir hätten ihn wohl doch billiger gekriegt, wenn wir bis zum Juni gewartet hätten, dann hätten wir dem Schwein das Messer an die Kehle setzen können, wie man zu sagen pflegt!«

»Und er hätte Zeit gehabt, das Gehöft noch mehr zu verunjenieren!« entgegnete Manuel.

»Freilich, das hätte er – aberrr –«

»Er hatte ja schon angefangen, die Fußböden aufzubrechen und zu verbrennen!«

»Ja, was zum Teufel sollte er auch machen! Die Gören froren, daß es ein Gotteserbarmen war! Sie waren ganz grün vor Kälte, die armen Würmer –«

»Was wollte er auch mit sechs Kindern!« sagte Thomsen empört.

» Sieben!« verbesserte Mortensen. »Es waren, weiß Gott, sieben!«

»Ja, was wollte er nur einmal mit all den Kindern!«

»Ja, wahrhaftig, das hat seine Berechtigung! Aber etwas mußte er ja auch machen! – Ist es wahr, was man sich erzählt, daß wir ihm viertausend Kronen gegeben haben, damit er gleich abzog?« fragte Mortensen plötzlich; er hatte lange den passenden Moment abgewartet, um mit dieser Frage herauszuplatzen.

»Er wollte es ja nicht für weniger tun«, antwortete Manuel ausweichend, indem er zur Seite blickte.

»Ja, aber was zum Teufel wollen wir jetzt nur mit dem Gehöft anfangen?« entfuhr es dem Alten. Seit Thomsen sein Herr geworden war, sagte er nicht mehr »du«, sondern »wir« zu ihm. »Warum konnten wir uns nicht bis zum Juni bezähmen, wie es doch verabredet war? Dann hätten wir den ganzen Krempel für die Hälfte bekommen!«

»Hm!«

»Und für die Zinsen müssen wir auch wohl aufkommen und für die Steuern und die Abgaben?«

Thomsen wand sich.

»Man wollte nun einmal das Gehöft haben! Und das Geld gehört einem doch wohl!«

»Paff! Paff! – Ja, das tut es wohl – Ahem, ja! – Aberrr –«

»Und man hatte erwartet, du würdest einem beistehen, Mortensen, und statt dessen gehst du hier herum und machst einem die Sache leid! Man kann schon ohnedem genug Schweres haben!«

Mortensen paffte gewaltig, und seine kleinen Vogelaugen zwinkerten.

»Ich will keine Schwierigkeiten machen«, sagte er. »Manuel weiß sehr gut, daß ich uns immer ein treuer Freund gewesen bin, – Paff, paff, ahem!«

»Die schwatzen und reden,« murmelte Thomsen, »sie reden einem die Ohren voll, und man ist schon von Hause aus trübselig genug veranlagt, – ohne dem –«

Mortensen traten beinahe die Tränen in die Augen.

»Paff, Paff!« dampfte er eifrig und glich einem Greise, der hinter einer Nebelwolke erscheint. »Manuel sollte ihnen das Rauchen beibringen!«

»Das Rauchen?«

»Ja, sie sollten Tabak rauchen, – Wulfdine und alle die andern! Das ist so ein angenehmes Mittel, um den Leuten den Mund zu stopfen!«

Manuel lächelte.

»Hm! Wulfdine redet nun gerade nicht mehr, als sie soll, insofern – Aber nun will man Mortensen auch sagen, warum man auf die Idee kam, den Hof sofort zu kaufen!« sagte er plötzlich sehr vertraulich.

»Nun?« Der Menschen-Mortensen wuchs förmlich um einige Zoll auf seinem steifen Bein vor Verwunderung.

»Ja, siehst du, man hatte ja nicht daran gedacht, den Kauf vor Ende Juni abzuschließen –«

»Nein –!«

»Aber da war es ja, daß der Graf –«

»Der Graf? Was für ein Graf?«

»Der Graf drüben auf Lindenholm! mein Nachbar!« sagte Thomsen und reckte sich stolz in die Höhe.

»Haben wir mit dem gesprochen?«

»Freilich hat man das getan! Auf dem Ball in der Stadt! Man hat überhaupt mit sonst niemand gesprochen! Und er riet einem, sofort zu laufen. Verstehst du nun? Wir unterhielten uns, und er wollte einem schon helfen, sagte er. Man sollte sich nur auf ihn verlassen! Er wäre der beste Freund von Vater und Großvater gewesen. Man könne, wenn man Lust hätte, freimütig zu ihm kommen, direkt in seine Stube hinein. Verstehst du nun, Mortensen, daß ich den Hof kaufte?«

»Ja!« sagte der Alte mit ekstatischen Augen. – »Ja!«

»Und daß es einem da nicht darauf ankam, Cornelius ein klein wenig mehr zu geben, als –«

»Die paar Groschen! Zum Teufel damit! Wenn wir solchen Mann im Rücken haben. – Aber wie, zum Teufel auch, fingen wir es denn an, den zu kapern, Manuel?«

» Zu kapern?« sagte Thomsen und schob die schiefe Schulter in die Höhe, »zu kapern? Der kam selber persönlich zu einem!«

»Ahem, ahem. Brrr! Pfui Teufel! – Wir sind, weiß Gott, ein Napolium, Manuel Thomsen!«

Und man ging an die Instandsetzung des Hofes. Schnell sollte es gehen, so wurde denn nicht gespart. Maurer. Tischler und Maler wurden massenweise in Arbeit genommen, und Manuel selber leitete das Ganze.

Als das Wohngebäude fertig war, zogen Mutter und Sohn mit Möbeln und Küchengerätschaften und Bildern und allen Habseligkeiten hinaus. Alles wurde ganz genau auf demselben Fleck angebracht, wo es vor fünfzehn Jahren gestanden hatte. Neue Gardinen wurden aufgehängt, Blumentöpfe auf die Fensterbretter gestellt und kleine, elegante Teppiche ringsumher über die Fußböden verteilt.

Und dann eines schönen Abends, als die Lampe angezündet war und der Teekessel in der Ofenröhre summte, setzte sich Manuel mit seiner Pfeife in die Sofaecke und wartete darauf, daß die alte, trauliche Daheim-Stimmung sich wieder einfinden sollte.

Er dampfte so energisch, daß Madam Thomsen ein paarmal in ihrem Stuhle husten und niesen mußte. Aber das half alles nichts.

»Man weiß nicht, wie man sich ausdrücken soll, Mutter Karen,« sagte der kleine Thomsen dann plötzlich, »aber man empfindet so ein Gefühl der Leere in der Brust!«

»Aber mein Gott, Manuel, was kann das nur einmal sein?«

»Man weiß es nicht, man fühlt es nur!«

Madam Thomsen sah bekümmert von ihrem Strickzeug auf. Auch sie fühlte sich gar nicht so recht wohl da draußen. All dies Lärmen und Getreibe mit dem Umzug und den Handwerkern hatte sie ermüdet. Sie sehnte sich nach den kleinen Zimmern in der Stadt und nach dem Straßenpflaster, und nach den Damen, die an ihren Fenstern vorübergingen und zu ihr hereinnickten. Hier mußte sie sich den lieben, langen Tag tummeln und sah nie einen Menschen! – Aber sie verschwieg ihre Sehnsucht. Sie wollte den Jungen nicht traurig machen. Er war ja, leider Gottes, selber nicht in der rosigsten Laune –

»Du solltest Wulfdine kommen lassen, Manuel!«

»Ja-a!«

»Das würde dich am Ende ein wenig ermuntern!«

»Ja–a! – Aber man hatte sich ja eigentlich gedacht, Mutter, daß man selber und du eine Zeitlang so allein zusammen in den alten Räumen leben sollte, – so wie in früheren Zeiten.«

»In früheren Zeiten!« sagte Karen und schüttelte den Kopf. »Ja, das war dazumal! – Aber Wulfdine könnte mir ja auch ein wenig zur Hand gehen, Manuel!«

»Eigentlich war ja die Bestimmung,« sagte Thomsen ausweichend, »daß man erst zusammenziehen wollte, wenn man mit allem in Ordnung gekommen wäre.«

»Ja–a, aber darüber würdet ihr euch schon einigen – Und jetzt, wo sie in gesegneten Umständen ist –«

Manuel schnitt eine Grimasse:

»Man will sich die Sache überlegen!« sagte er.

Und das Resultat dieser Überlegung war, daß das junge Paar Mitte April Hochzeit machte. Und nun ging Wulfdine mit ihrem kleinen runden Leib auf dem Mühlenhof umher und war Manuels Frau vor Gott und Menschen.


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