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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 45
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
projectid47cdb47e
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Oberlehrer Clausen und Zollkontrolleur Bosheit standen vor des ersteren antiker Haustür.

Sie hatten auf dem Heimwege nur über neutrale Sachen geredet. Da faßte sich Clausen plötzlich ein Herz. Gesagt werden mußte es ja doch einmal!

»Hör einmal, Knagsted!« begann er zögernd, »erlaube mir – du mußt nicht böse werden, daß ich dich darauf aufmerksam mache – aber – du schadest dir selber sehr dadurch –«

»Wodurch?« fragte Knagsted. »Heraus damit!«

Die Verwirrung des Oberlehrers steigerte sich.

»Durch – durch – durch dein – dein oft ein wenig unbeherrschtes Auftreten.«

»Hm!«

»Ja, lieber Freund! So zum Beispiel mit Fräulein Rejersen. Was für einen Zweck hat das nur?«

»Hm, – ja freilich –«

»Siehst du wohl! Habe ich nicht recht?«

»Natürlich! – Ich hätte lieber mit ihr tanzen sollen!«

»Tanzen – ?«

»Ja, sie auffordern und herumdrehen, bis ihr der Atem vergangen wäre und sie Höhrrohr, Zähne und Borderhaar und die ganze Prost Mahlzeit verloren hätte!«

»Aber, liebster Knagsted!«

»Ja, bester Clausen! Solch altes Bilsenkraut bringt mich nämlich immer zum Niesen, will ich dir sagen! – Aber das begreift dein süßes kleines Bählammherz natürlich nicht! – Willst du jetzt nicht hinaufgehen und dich schlafen legen?«

Clausen sah ganz betrübt aus.

»Du machst dich schlimmer, als du bist!« sagte er sanft.

»Um so größer wird ja dann die Freude sein, wenn ich mich einmal offenbare! – Gute Nacht!«

»Ja – aber – Knagsted –« »Gute Nacht!«

»Da war noch – ich wollte gern –«

»Gute Nacht! – Und grüße die Meerschaumpfeife Nummer neunundzwanzig!«

Bei der Familie Thomsen hatte man sich eine kleine Tasse Kaffee gemacht und saß nun in dem nach dem Hofe gelegenen Salon und genoß sie.

Emanuel hatte sich eine Zigarre angesteckt und lag bequem ausgestreckt schräg in einer Ecke des Sofas. Die Frauen hatten auf Stühlen Platz genommen.

»Freust du dich nun nicht auch, daß du mitgegangen bist, Dine?« fragte Madam Thomsen.

»Ja!« sagte Wulfdine mit glänzenden Augen. »Und was ich Vater alles zu erzählen habe! So fein wie sie waren! Und die Musik!«

Mutter Karen hatte ein paarmal verstohlen zu Manuel hinübergeguckt, der sich auf dem Heimwege und auch jetzt beim Kaffee schweigend und unzugänglich verhalten hatte. Er lag da und starrte mit tiefsinnigem Blick vor sich hin und sandte kolossale Rauchwolken zur Decke empor.

»Ist es dir leid, Manuel?«

»Leid? Warum sollte es einem leid sein?«

»Hm, – ich weiß nicht, aber –«

»Nein, es ist einem keineswegs leid, Mutter Karen! Im Gegenteil! Man hat eine Idee bekommen –«

Und abermals versank er in Träumereien.

Nach einer Weile sagte Madam Thomsen:

»Jetzt ist es wohl am besten, wenn wir uns zur Ruhe begeben, Manuel?«

»Ja, ja!« antwortete Thomsen mit einer abwehrenden Handbewegung. »Die Damen können gehen! – Man wird ihnen später folgen!«

Und die Damen gingen.

Mutter Karen zögernd und von bangen Ahnungen erfüllt. Es beunruhigte sie stets, wenn der Junge Ideen bekam. Man konnte nie wissen, worauf er verfallen würde! Freilich hatte sie die höchste Bewunderung und den größten Respekt vor seinem Kopf und seinem Verstand, aber – aber – aber –


Wulfdine hingegen war froh und ruhig. Noch immer erfüllt von den glänzenden Bildern des Abends. Und seit dem heiligen Abend noch vernarrter und verliebter in ihren »süßen« Manuel. Es gab auf der ganzen Welt keinen Menschen, der so schön war wie er!

And dann sollte sie diesmal obendrein drei ganze Tage und – und – und – (sie errötete und klappte, schwindelnd vor Glück, zusammen) hi, hi, hi – und drei ganze Nächte hier in der Stadt und – bei ihm bleiben. –


Der Winter war vergangen.

Draußen über den grünen Feldern hingen die Lerchen und tirilierten vor Freude. Die Frühlingssonne strahlte. Es lag Wachstum in der Luft. Die Schafe bekamen Lämmer, und die Hunde hielten Zusammenkünfte in der Gesellschaft der Leidenschaften.

Die Hebamme Fredriksen kam an dem Mühlenhof vorübergefahren. Sie war auf Praxis gewesen (ein Junge); und der glückliche Vater war selber Kutscher.

»Jetzt kann er sich bald wieder sehen lassen!« sagte sie und zeigte auf den Hof.

Der glückliche Vater (sechs Mädchen und fünf Knaben, der Neugeborene) nickte schwerfällig:

»Ach, ja, es sieht ja ganz respektabel aus. – Aber wie lange kann Thomsen sich da halten!«

»Er hat ja Geld, Jens Jörensen!«

»Das sagen die Leute ja. – Aber er hält sich doch nicht! Das ist eine wahre Fusentaster-Familie! Mit seinem Vater und seinem Großvater war es das reine Komödienspiel – und die hatten nicht mal Kinder zu kleiden und zu füttern.«

Madam Fredriksen, die den Grund zu des glücklichen Vaters Pessimismus sehr wohl verstand, sagte:

»Ja, Kinder kommen ja nicht von selbsten, Jens Jörensen!«

»Nein, weiß Gott! Aber was zum Teufel soll man die langen Winterabende anfangen, wenn man kein Geld hat, um Licht zu brennen!«

Frau Fredriksen wandte sich um und musterte prüfend das Gehöft.

Ringsumher herrschte geschäftiges Treiben. Auf dem Scheunendach lagen zwei Dachdecker und flickten und stopften. Das Wohnhaus war schon fertig und schimmerte festlich mit seinen weißen Mauern und seinen hellblauen Türen und Fenstern. Auf dem Hofplatz krochen ein paar kleine Mädchen herum und jäteten das Gras zwischen den Steinen aus. Und am Ende des Stallgebäudes stand ein Maurergesell und löschte Kalk und pfiff dazu.

Jetzt rollte der Wagen an der Mühle vorüber. Das Rad drehte sich herum, und das Wasser floß plätschernd darüber hin und strömte brausend in den Bach, der unter der Steinkiste hinter den hohen Ulmen verschwand.

Und draußen im Garten waren Manuel und der Menschen-Mortensen mit ein paar Häuslerfrauen beim Graben, Harken und Pflanzen.

»Halten Sie einen Augenblick!« sagte Frau Fredriksen.

Der glückliche Vater murrte unwillig und griff in die Zügel.

»Guten Tag, Thomsen!«

»Nein, was sieht man!« sagte Thomsen freudig überrascht und schob sich seitwärts im Taschenkrebsgang bis an den Gartenzaun. »Das ist ja wahrhaftig Frau Fredriksen!«

»Ja, sie selber leibhaftig!« lachte die Hebamme. »Wie geht es denn, Herr Hofbesitzer?«

Manuel lächelte wehmütig:

»Man hat ja alle Hände voll, Frau Fredriksen, wenn man den Dreck ausmisten will, den die Schweine hinterlassen haben.«

»Ja, aber jetzt kann man es doch schon merken!«

»Ach ja, das kann man wohl –«

Thomsen sah mager und müde aus. Seine runden Wangen waren eingefallen, und seine Schultern hingen mehr denn je.

»Guten Tag, Jens Jörensen!« grüßte er freundlich.

Der glückliche Vater aber brummte nur.

»Was für eine Menge Menschen Sie in Arbeit haben! Ganz wie auf einem Rittergut!« sagte Frau Fredriksen.

»Ja, man muß ja sehen, daß man fertig wird –«

»Sie sehen ein wenig angegriffen aus, Thomsen!«

»Ach ja, man hat ja kein leichtes Leben –«

Jens Jörensen grunzte ungeduldig.

»Ja, jetzt geht es gleich weiter«, sagte die Hebamme. »Und Ihre Mutter und Ihre Frau, Thomsen?«

»Denen geht es gut, danke! – Die bewegen sich ja vornehmlich im Hause.«

Die Hebamme sah verschmitzt aus:

»Und wann schicken Sie mir den Wagen, der mich abholen soll?«

Thomsen errötete.

»Mit solchen Sachen treibt man keinen Scherz«, sagte er.

»Hi, hi, hi! – Dann also adieu, Thomsen! Und grüßen Sie auch!«

»Wie sieht das Haus in der Stadt aus?« fragte Manuel hastig, beinahe verlegen.

»Ja–a, es hält sich ja noch von Ihrer Zeit her, aber –«

»Man hätte es nicht verkaufen sollen, Frau Fredriksen.«

»Wollen Sie denn jetzt zwei Grundstücke haben?«

»Hüh! Hüh!« rief der glückliche Vater und trieb die Pferde mit einem Peitschenhieb an: jetzt wollte er nicht länger halten und dies dumme Gerede mit anhören.

»Grüßen Sie auch! Grüßen Sie auch!« rief Frau Fredriksen und winkte. »Und sehen Sie bei mir ein, wenn Sie zur Stadt kommen!«

»Danke!« sagte Thomsen, er blieb stehen und sah dem Wagen sehnsüchtig nach, bis er zwischen den Klosterhügeln verschwunden war.


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