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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 44
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Uhr war zwölf. Die Musik verschnaufte sich und es wurden Erfrischungen herumgereicht.

Pli-Hansen stand selber, frisiert und im Frack in der Tür, die zum Restaurant führte und dirigierte die Kellner.

Es gab Eis und Sherry.

Man langte zu, und das Stimmengewirr stieg zum Himmel empor.

Der Kille-Kille kam galant mit einem Teller Eis und einem Glas Sherry zu seiner Frau.

»Nun, Luise,« sagte er mit lauter Stimme, »amüsierst du dich, mein Kind?«

»Ich bin ein wenig müde, Adolf – von den vielen Menschen.«

»Willst du nach Hause?«

»Ja, wenn es dir recht ist.«

»Natürlich, wenn du müde bist! Aber iß dies nur erst! Prost, Alte!« Er nahm einem der Kellner ein Glas weg, »Prost! Dann bestelle ich also den Wagen. In einer kleinen halben Stunde!«

Und weg war er.

Frau Heimann aber seufzte. Sie wußte, daß in den nächsten vier Stunden nichts aus der Rückfahrt werden würde.


Die Bürgermeisterin hatte sich des Oberlehrers Clausen und des Zöllners bemächtigt und stand nun da und las ihnen den Text, weil sie die Familie Thomsen eingeführt hatten.

»Man muß seine Wahl mit Geschmack treffen«, sagte sie. »Wo bleibt sonst die Grenze, meine Herren?«

Der Oberlehrer rang seine Spargel und stotterte.

Der Zöllner sah finster drein.

Da tauchte die kleine Olivia Rosen-Rejersen neben ihnen auf und pflanzte ihr Waldhorn ins Ohr:

»Wovon sprecht ihr?«

»Ich sage zu den Herren, ich kann es nicht begreifen, was Thomsen hier soll!« posaunte die Bürgermeisterin.

»Sst!« sagte Knagsted scharf und sah sich nach den drei elenden wilden Enten um, »nicht so laut!«

Olivia aber schrie aus vollem Halse (sie konnte die Kirchhofszene nicht vergessen):

»Ja, du hast, weiß Gott, recht, Ferdinandine! Was sollen diese ordinären Menschen hier!«

»Thomsens sind sehr ehrenwerte Leute,« sagte der Oberlehrer sanft, » sehr ehrenwerte Leute.«

»Und sie sind doch wenigstens im vollen Besitz ihrer fünf Sinne!« fügte der Zöllner in trockenem Tone hinzu.

»Was sagen Sie?«

Die Haarzotteln der leibhaftigen Bosheit bewegten sich.

»Ich summe eine Melodie vor mich hin.«

»Was tun Sie?«

»Ich summe eine Melodie vor mich hin.«

»Sie summen?«

»Ja!«

»Was summen Sie?«

Knagsted beugte sich über das Waldhorn und blies hinein: »Was willst du Rosen pflücken, – Wo andere Rosen blühn? – Sie kleiner Buchfink.«

»Aber Herr Zollkontrolleur!« rief die Bürgermeisterin ganz empört aus.

Und der Oberlehrer sagte:

»Ja, Knagsted, du mußt dich wirklich –«

Knagsted aber war linksum geschwenkt und war gegangen.


»Im Königshain soll die Hochzeit sein
Mit Tanz und klingendem Spiel – –«

ertönte es von der Bühne herab, und die Reihen ordneten sich von neuem.

Ein erhöhter Glanz lag in den Augen und glühendere Farbe rötete die Wangen. Die schirmenden Arme der Kavaliere schlangen sich fester um die biegsamen Taillen der Damen. Die Herzen pochten, und die Lippen lachten. Man fing an, Mensch zu werden. Der Standesunterschied verwischte sich. Und die Stunde der kritiklosen Engagements hatte geschlagen.

Graf Rosenkalk walzte mit der Mutter der Novellen, Frau Oppermann, durch den Saal, und witzig mußte Se. Hochgeboren wohl sein, denn die Dame lachte, daß alle die an den Wänden entlangsitzenden Frauen darob erbleichten. – Ihre Gnaden die Gräfin ließ sich von einem Postbeamten herumdrehen, und Kürschnermeister Hatteras hatte seine behaarte Rechte um die silberne Hochzeitstaille der Frau Bürgermeisterin geschlungen.

Der ganze Saal war ein summendes Durcheinander, ein lärmendes, lachendes Summen!

»Schneller! Schneller!« rief Gutsbesitzer Heimann, er segelte mit Frau Bäckermeister Windberg dahin und der wogende Orkan der Dame drohte alle Schranken zu sprengen. – »Schneller! Schneller!« schrie er. Und Herr Gallesen ging mit bewunderungswürdiger Meisterschaft zu einem flotten Walzer über. Der Kronleuchter wiegte sich in dem Zugwinde der fliegenden Röcke. Die Prismen des Kandelabers klirrten. Der Fußboden schwankte. Und die aus Leinwand angefertigten Flügeltüren der Salondekoration oben auf der Bühne klappten auf und zu.

Um viereinhalb brachen die letzten Gäste auf.

»Die Sache hat sich doch ein wenig in die Länge gezogen, Luise«, sagte der Kille-Kille, als er neben seiner Frau in dem geschlossenen Wagen saß. – »Bist du sehr müde?«

»Ja, ein wenig«, antwortete Luise. Sie war leichenblaß vor Erschöpfung.

»Ach was, zum Teufel! Du kannst es ja morgen wieder einholen!«

»Ja–a –«

Und dann sprachen sie nicht mehr miteinander.


Graf Rosenkalk und Frau schliefen, sobald sie das holperige Straßenpflaster der Stadt hinter sich hatten, in ihrem Pelzwerk auf dem Vordersitz ein. Sie hatten sich vorzüglich amüsiert und schliefen den Schlaf der Gerechten.

Auf dem Rücksitz aber saßen der Stammhalter Graf Julius und »die Schraube ohne Ende«, mager, eingeknickt, lebensüberdrüssig und voll des tiefsten Mitleids mit ihren ordinären Eltern.

»Mon Dieu donc, Schühles!« sagte die Komtesse plötzlich und packte den Bruder beim Arm, »il me semble, que notre père – notre père – schnarcht?«

»Ja,« gähnte Schühles, »das kann er sich jetzt leisten.«


Die »Siamesischen« sprachen auf dem Heimwege von der Familie Heimann.

»Und nun bitte ich Sie, Frau Heilbunth, wie diese Frau sich dabei benimmt!«

»Ja–a!« sagte Frau Heilbunth.

»Ich bin, weiß Gott, keine Freundin von Frau Oppermann, das wissen Sie; aber das muß ich sagen, in diesem Falle trifft Frau Heimann die Hauptschuld

»Ja–a!«

»Ja, das müssen Sie doch auch sagen! Denn wenn man einen Mann fesseln will, so muß man doch, weiß Gott, etwas dazu tun!«


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