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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 43
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
projectid47cdb47e
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Oben auf der Bühne hatte die Musik die Stelle des Dichters eingenommen und begann jetzt, die Violinen zu stimmen. Die Jugend sah erwartungsvoll aus. Die Herren standen rechts, die Damen links aufgestellt. Aber man warf feurige Blicke quer durch den Saal.

Der Kille-kille-Gutsbesitzer Heimann kam blond, lächelnd und abgehärtet durch die Tür, die zu den Restaurationslokalen führte. Er hatte Frau Oppermann am Arm.

»Bitte zu engagieren, meine Herren!« rief er und klatschte in die behandschuhten Hände. »Bitte zu engagieren!«

Und sofort stürzten die Männlein zur Rechten sich über die Fräulein zur Linken. Es entstand eine große Verwirrung von Schwarz und Weiß.

»Einen Marsch, Herr Callesen, s'il vous plaît!« rief der Gutsbesitzer zur Musik hinauf.

Und Herr Callesen stimmte den Hochzeitsmarsch aus dem »Sommernachtstraum« an.

»Ach!« seufzte Wulfdine, die ganz nahe an der Tür in einer Ecke saß. »was für eine Musik, Manuel!«

»Wünscht man zu tanzen?« fragte Thomsen galant. Er war in Diplomatenrock und weißen Handschuhen.

»Nein, um Gottes willen!« antwortete Wulfdine und klammerte sich an Mutter Karen fest.


Mit dem Kille-kille und Frau Oppermann an der Spitze marschierten die tanzenden Paare jetzt schweigend und feierlich rund um den Saal herum. Dies war ja eine Art Vorstellung.

Der Gutsbesitzer machte eine Bewegung mit der Hand.

»Eine Polka! – Vier Paare, bitte!«

»Was haben Sie für einen reizenden Mann!« sagte Fräulein Olivia zu Frau Heimann, die blaß und still in der Nähe der Musik saß und dem Tanz mit großen Augen zuschaute. Frau Heimann zuckte zusammen.

»Ja –«

»Ja, weiß Gott, er ist reizend! Sie selber tanzen nicht?«

»Nein!«

»Was sagen Sie?« Das Waldhorn wurde angebracht.

»Nein!«

»Also nicht?«

Nach einer Weile erhob sich Frau Heimann leise und suchte sich einen andern Platz.


Die Witwe Frandsen, die kleine verkrüppelte Mutter des »Klumpens«, saß neben Frau Bäckermeister Windberg, einer mächtigen Dame, deren schwarzes Atlaskleid über der Brust einen Ozean von Fleisch in Schranken zu halten schien.

Sie sprachen über Henri de Madsens Deklamation.

»Verstehen konnte man es ja nicht«, sagte Frau Frandsen. »Aber schön anzuhören war es!«

»Ja, daß ein Mensch so was fertig bringt!« sagte Frau Windberg. Sie dachte in erster Linie an die gymnastischen Leistungen des Dichters.

»Ja, er hat es in seinem Kopf!« sagte Frau Frandsen. »Aber jetzt soll er ja auch zu Bett gegangen sein!«

»Ja, so was muß ja furchtbar angreifen. – Nun spricht die Gräfin schon wieder mit Frau Heilbunth!«

»So–o? – tut sie das? – Ja, das tut sie auch wirklich! – Eine schöne Dame, die Gräfin!«

»Ja, sie kauft bei uns!«

»Ach, tut sie das?«


Die gräfliche Familie von Rosenkalk (Vater, Mutter, Sohn und Tochter) erwiesen Gammelkjöbing regelmäßig die Ehre, an dem Februarball teilzunehmen. Die Eltern waren angenehme, einfache Leute, aber die Nachkommenschaft hielt auf Würde. Der Sohn, Graf Julius, lang aufgeschossen und zweiundzwanzigjährig, schlenderte im Saal umher und betrachtete die Bürgertöchter mit einem lebensmüden Ausdruck in den Augen. Er begriff es nicht, daß die Alten sich hierauf einlassen konnten! Und die Tochter, Komtesse Agathe, ebenfalls lang aufgeschossen (aber siebenundzwanzigjährig und aus diesem Grunde etwas verbittert), konnte vor Affektation kaum sprechen. Sie hatte sich ein Jahr in einem Schweizer »Ängstitüh« aufgehalten und hatte infolgedessen ihre Muttersprache zum Teil verlernt. Zollkontrolleur Knagsted nannte sie immer mit dem etwas technisch klingenden Namen: die Schraube ohne Ende.

Augenblicklich war sie schweigend und einigermaßen empört Zeugin davon, wie ihr Papa vergnügt lächelnd die Frau Postmeisterin im Saal herumschwenkte.

Graf Julius kam vorüber.

»Wollen wir in die väterlichen Fußtapfen treten. Agathe?« näselte er und zeigte mit einer müden Handbewegung auf den väterlichen Skandal.

»Non, mon chor Schühles!« sagte die Komtesse mit Würde. »Il faut donc pour le moins que nous deux exercions le comme il faut!«


Die Musik stimmte einen Lancier an, und man ordnete sich in Quadrillen.

Gutsbesitzer Heimann engagierte abermals die Buchhändlerin, was peinliches Aufsehen zu erregen begann. Die Frauen an den Wänden saßen wie auf gerösteten Kastanien.

Frau Stadtkassierer Lassen und Frau Redakteur Heilbunth hatten sich zu beiden Seiten von Frau Heimann gesetzt, die bald nicht mehr wußte, wo sie sich vor dem Geklatsche bergen sollte.

»Daß Sie es ihm nicht verbieten!« sagte die Stadtkassiererin, vor Empörung bebend. »Daß Sie sich darein finden! – Wenn Lassen sich so etwas unterstände!«

»Ich tanze selber ja nicht,« sagte Frau Heimann, »wegen meines Beines.« (Sie glich einer armen kleinen Maus zwischen zwei Katzen.) »Und Heimann tanzt so gern.«

Frau Lassen saß eine Weile da und lud. Dann schoß es mit einem Knall aus ihr heraus.

»Es ist unmoralisch!« sagte sie, »im allerhöchsten Grad! – Was sagen Sie dazu, Frau Heilbunth?«

»Ja, ich muß ja allerdings auch sagen –«

Frau Heimann legte ihre kleine behandschuhte Hand weich auf den Arm der Redaktrice:

»Sie dürfen es mir nicht übelnehmen, meine Damen,« sagte sie, »wenn ich Sie bitte, mich ein wenig allein zu lassen. Ich bin so müde, ich bin es nicht gewöhnt, mit soviel Menschen zusammenzusein.«

»Aber nein!« sagte Frau Lassen.

»Herr, du meine Güte!« sagte Frau Heilbunth.

»Wenn man einen guten Rat geben will!«

»Und helfen will!«

Und damit segelten sie beide ab – –

Aber Frau Heimann hatte recht. Sie war es wirklich nicht gewohnt, sich im geselligen Leben zu bewegen. Nur hin und wieder einmal mußte sie sich mit ihrem Gatten zusammen zeigen, denn »was würden die Leute sonst wohl sagen!«


Emanuel Thomsen stand da und sah dem Tanz mit einem finsteren Ausdruck in seinen kleinen Augen zu. Dieses heutige Fest, auf das er sich so lange gefreut hatte, war ihm zur bitteren Enttäuschung geworden. Er hatte ganz fest geglaubt, daß er eine nicht unbedeutende Rolle spielen würde, daß »die Feinen« ihn in ihren Kreis aufnehmen würden, ja, daß er möglicherweise sogar auf eine freundliche Einladung zu Bürgermeisters gefaßt sein könne.

Und nun nahm keine Menschenseele Notiz von ihm! Im Gegenteil, man mied ihn, man zeigte mit den Fingern auf ihn und wandte ihm den Rücken zu, wenn er vorüberkam. Ein paarmal hatte er mit Gewalt versucht, sich geltend zu machen, und hatte sich mit einem kleinen schiefen Diener vor einer der alten Kundinnen seiner Mutter verbeugt. Die Dame hatte aber regelmäßig mit lebhaftem Entsetzen in allen Mienen erklärt, sie sei so außerordentlich müde, daß sie im Augenblick wirklich nicht tanzen könne. Und zwei Minuten später hatte er sie ganz lustig mit einer Standesperson wegwalzen sehen.

Und Manuel, der, die ganze Seele voller Wohlwollen für seine Mitmenschen, auf dem Balle erschienen war, erhärtete sein Herz und ballte die Hände in den Hosentaschen!

Auch Mutter Karen fühlte sich ungemütlich. Sie sah so allerliebst aus in ihrem guten, schwarzen Kleid und mit der eleganten kleinen Blondenhaube auf dem weißen Haar. Aber niemand sprach mit ihr, ja, die Damen ließen sich kaum herab, ihren ehrfurchtsvollen Gruß zu erwidern.

Nur Wulfdinen erschien alles in einem strahlenden Märchenglanz! Zitternd vor Angst und Verlegenheit hatte sie Manuels Befehl, ihn und die Mutter auf den berühmten Februarball zu begleiten, hingenommen. Und man hätte ihr armseliges kleines Lebenslicht für einen alten Groschen kaufen können, als sie hierher wanderte. – Als sie aber erst eine Stunde hier gewesen war, und nach und nach entdeckt hatte, daß niemand die Absicht hatte, sie zu rösten oder aufzufressen, und daß sie ganz still in einer Ecke sitzen und die Musik anhören und den Glanz und die Herrlichkeit anschauen konnte, da hatten ihre Angst und Verzagtheit sich in Seligkeit verkehrt. Und nun saß sie starr vor Begeisterung und Aufregung da und zupfte Madam Thomsen alle Augenblicke am Ärmel und sagte: »Nee, sieh doch bloß. Tante Karen! Wie süß das ist!«

Tante Karen aber hatte nur Augen für ihren Sohn. Ihr Mutterherz ahnte, daß ihm dies eine bittere Prüfung war. – Und dabei sah er doch so stattlich aus in seinem langen Rock und seinen weißen »glacierten« Handschuhen!

Graf Rosenkalk kam vorüber, fröhlich, herzensgut und lächelnd.

»Guten Abend, Herr Thomsen!« sagte er und streckte die Hand aus. »Sie sind doch Herr Thomsen?«

Manuel wurde dunkelrot.

»Ja, – ja. – jawohl, Euer Exzellenz,« stammelte er, »man – man – man – man hat die Ehre!« Und er verneigte sich fünfmal.

»Wie ich höre, werden wir bald wieder Nachbarn«, sagte der Graf.

»Ja, – ja – ja, mit Euer Exzellenz Erlaubnis!«

»Das freut mich! das freut mich! ha, ha, ha! Ich entsinne mich noch ganz deutlich, wie stattlich der Mühlenhof zu Ihres Vaters und Großvaters Zeiten aussah. (Emanuel vermochte vor Entzücken keinen Ton hervorzubringen.) Lassen Sie mich sehen, daß Sie das Gehöft wieder in Schwung bringen, mein lieber Thomsen. Ich will Sie schon im Auge behalten, ha, ha, ha! Unsere Güter grenzen ja aneinander!«

Und Graf Rosenkalk schlug seinem künftigen Nachbarn kordial auf die Schulter, nickte lächelnd und schritt weiter.

Thummelumsen sah ihm mit einem Blick nach, wie eine verschüchterte kleine wilde Ente einem brausenden Schwan nachblickt.

Darauf stürzte er zu Wulfdine und Mutter Karen hin.

»Habt ihr es gesehen – habt ihr es gesehen« (sein ganzes Eidamer Gesicht strahlte vor Erregung) – »habt ihr es gesehen, daß man mit dem Grafen konversiert hat?«

Und jede Spur von Mißmut und Menschenfeindlichkeit war aus seinem Herzen gefegt.


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