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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 42
Quellenangabe
pfad/wied/bosheit1/bosheit1.xml
typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
projectid47cdb47e
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Das Publikum saß atemlos vor Erregung da. Nie hatte man etwas Ähnliches gehört! Kein Wunder, daß Henri de Madsens Ruf durch das ganze Land ging! Er deklamierte nicht nur mit dem Munde, sondern auch mit den Augen, den Ohren, der Hand, den Armen, den Beinen und mit dem Zollstock! Keine Sekunde war seine Person in Ruhe. Bald saß er auf dem Tischrande, bald mitten auf der Tischplatte. Bald lag er hingegossen auf der Chaiselongue, bald wiegte er sich orkanmäßig im Schaukelstuhl. Und zweimal lief er auf allen vieren durch die Flügeltür aus und ein! – Und klar und sonor perlten die Verse über seine Lippen. Seine schnarrende Stimme wurde tief und volltönend. Man erlebte alles mit ihm. Man sah die dunklen Tiefen des Urwaldes. Sah die Vogelspinne sich über ihre Beute stürzen, sah, wie sie sie mit ihren vielgelenkigen Armen packte, festhielt, aussog, von sich spie – und die Erregung steigerte sich zur Ekstase, als der Dichter endlich, unter dem Tisch hervor, unter den er jetzt gekrochen war, diese letzten Zeilen in das Publikum schleuderte:


»Und also,
Vogelspinnengleich,
An ihrem mürben Faden
In dem dunklen Urwald –
Hängt meine Seele
Einsam,
Verlassen.
Allein
In dem schwindelnden Raum
Zwischen den segelnden Welten
– Wo die Sonne nicht scheint,
Wo der Wind nicht weht –
Und greift mit den Armen,
– Leer,
Inhaltslos,
Hungernd –
Greift und verzehrt
Der Menschheit Theorien.
Der Menschheit Gedanken,
Und prüft sie und schleudert sie von sich:
Vergebens, vergebens!
Und schreiet,
Wie Millionen vor mir
Und nach mir,
Und bittet
Flehend
Um Licht,
Um Klarheit,
Um Deutung,
Um Lösung,
Erklärung.
– Oh, du Lenker der Welten! –
Von des Weltalls großem, schwerem
Preisrebus.«


Als er sein Gedicht mit einem Schrei, einem Notruf geendet hatte und wie eine Leiche ausgestreckt unter dem Tische lag, da lag auch Gammelkjöbing zu Henri de Madsens Füßen.


Der Saal war gelüftet.

Man hatte unten in dem Tummelplatz der Freßsäcke ein stärkendes Abendessen eingenommen, und jetzt sollte getanzt werden.

An den Wänden entlang saßen die verheirateten Damen steif und kerzengerade in ihrem Putz und ihrer Frauenwürde. Die Toiletten wurden einer sachkundigen Kritik unterworfen. Und hätte man sich gegenseitig bis auf das Unterzeug untersuchen können, man hätte es sicherlich getan.

Die Bürgermeisterin Rejersen schritt an den Reihen entlang. Sie trug ein stahlgraues, seidenes Kleid. Und huldselig herablassend nickte und lächelte sie nach allen Seiten.

»Das hat sie zu ihrer silbernen Hochzeit bekommen!« flüsterte Frau Krämer Rübensie Frau Kürschner Hatteras zu. (Sie meinte das Kleid.) »Es ist fünf Jahre alt. Das kann man auch am Schnitt sehen!«

Und Frau Hatteras flüsterte zurück:

»Ja, und großer Gott, wie sie sich kröpft! Wir leben doch wirklich unter einer freien Verfassung!«


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