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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 41
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
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In dem Städtchen hatten sich die Ereignisse in dem letzten halben Jahre förmlich gedrängt. Kaum hatte man das eine Thema gründlich erledigt, als sich schon ein neues wieder einstellte. Zunächst war da der Thomsensche Lotteriegewinn, die Geschäftsauflösung und der geplante Rückkauf des Gehöfts. Dann folgte Redakteur Heilbunths »Ausrangierung«. Dann Knagsteds uneheliche Zwillinge, die für Frau Lassen bis zum heiligen drei Königstage eine Quelle reicher Freude gewesen waren, mit der weihnachtlichen Schlittenfahrt des Kille-kille-Gutsbesitzers und der schönen Frau Oppermann als pièce de résistance. Und nun endlich zum Schluß: Konsul Mörchs Testament.

Frau Lassen stöhnte.

»Haben Sie je so was gehört!« sagte sie. »Da liegt der alte todkranke Mann auf seinem Lager und heckt sich solche Bosheiten aus! Mein Gott, die Armen sind nun einmal arm, und wenn man sie von seinem Überfluß bedenkt, so ist das hübsch und verständig! Aber Knagsted, Frau Heilbunth! Knagsted! Nun bitte ich Sie? Sechzigtausend Kronen, sagt Lassen! Diesem Satan, der nichts weiter getan hat, als ihn bei lebendigem Leibe quälen! Wenn man rechtmäßige Erben hat! Die reizendsten Menschen, versichere ich Sie! Die Kinder seines leiblichen Bruders! Nein, Recht muß Recht bleiben! Zwei von ihnen waren bei Lassen und haben geweint; nach dem Begräbnis! Sie hatten sich natürlich gedacht – Wer konnte sich auch was anderes denken? So ein Vermögen! Aber so ist Mörch immer gewesen, habe ich zu ihnen gesagt; man wußte nie, wie man mit ihm dran war! Aber, sage ich, Gott im Himmel wird es schon rächen! Trösten Sie sich nur, sagte ich, es gibt doch noch Gerechtigkeit im Weltraum!«


Und wie Frau Lassen sprach, so sprachen alle. Auf den Straßen, in den Läden, in den Wohnstuben! Die Empörung war groß und allgemein. Man hatte eine Empfindung, als sei man selber um eine Erbschaft betrogen worden! Und alle, die ältere, wohlhabende Verwandte hatten, verdoppelten diesen gegenüber ihre Zärtlichkeit. Tante Jane und Onkel Siegfried wurden mit Briefen und Einladungen überschüttet. Und wer Kinder hatte, sandte sie mit den entzückendsten kleinen Körbchen voll Kuchen und Obst zu ihnen. Oder, wenn die lieben Angehörigen an entfernten Orten wohnten, ließ man die Kinder photographieren und sandte ihnen die Bilder mit der Unterschrift: Der lieben Tante Jane von ihrem Karlchen! oder: Dem guten Onkel Siegfried von seiner kleinen Elfe!

Kurz, es war, als wenn Konsul Mörchs Testament die schlummernden verwandtschaftlichen Gefühle geweckt und die zerstreuten Familienherzen enger aneinander geknüpft hätte.


Heute aber fand eine Abendunterhaltung mit nachfolgendem Tanz im Bürgerverein statt. Es war dies die größte und feinste offizielle Festlichkeit des Städtchens. Sie wurde jedes Jahr im Februar abgehalten. Und es gab Damen, die schon im November über ihre Toiletten nachdachten.

Im Theatersaal der »Stadt Gammelkjöbing« war die große Gaskrone angezündet, und an den Seiten der sechs vergoldeten Pfeilerspiegel strahlten die Kandelaber. Kopf an Kopf in dichten Reihen saß das Publikum da: die Herren in Frack und weißer Binde, die Damen und jungen Mädchen in den unglaublichsten Toiletten.

Es herrschte eine fast andachtsvolle Stille im Raum. Man wagte kaum zu atmen, so gespannt war man. Einige junge Mädchen preßten sogar die Hände aufs Herz, und auf ihren Wangen brannte rote Fieberglut. Und ringsumher in den Ecken stand der Vorstand und feierte Triumph!

Es war ja nämlich schließlich gelungen, den berühmten Schriftsteller und Deklamator Henri de Madsen (einen teuren Schüler eines noch berühmteren Schriftstellers und Deklamators, der »Schule gemacht« hatte,) zu bewegen, den Bürgerverein mit seinem Besuch zu beehren. Und was noch wichtiger war: er war wirklich gekommen! Man hatte ihn sicher innerhalb der vier Wände des Hotels!

Von dem befrackten und weißbehandschuhten Vorsitzenden des Vereins war er in einem Landauer vom Bahnhof abgeholt worden, und jetzt lag er im »Künstlerzimmer« auf einer Chaiselongue und ließ sich eine Morphiumeinspritzung machen.

Im Saal fing man an unruhig zu werden.

»Ich finde, es wird nachgerade Zeit!« flüsterte die Bürgermeisterin Rejersen dem Vorstandsmitglied Justizrat Schmalberg zu.

»Ja«, gab der Justizrat gleichfalls in flüsterndem Ton zurück. »Frau Bürgermeisterin,« flüsterte er, »der Arzt ist bei ihm!«

»Der Arzt ist bei ihm! der Arzt ist bei ihm!« rauschte es wie ein Brausen von Gänseflügeln über die Versammlung hin.

»Er ist ja so schwach«, sagte Frau Lassen zu Frau Heilbunth. »Man sagt, er lebt ausschließlich von Champagner und Kaviar!«

Die jungen Mädchen erbebten schaudernd. Noch niemals hatten sie etwas so Interessantes gehört.

»Und dann trägt er seidenes Unterzeug!« erzählte die eine.

»Und Spitzenmanschetten!« sagte eine zweite.

»Und goldene Armbänder!« flüsterte eine dritte.

»Und einen Diamantring durch die Nase!« murmelte der Zöllner, der sich ebenfalls eingestellt hatte, »und Amethyste an den Zehen!«

Die Tür im Hintergrunde des Saales wurde leise geöffnet. Aber sie knarrte in ihren Hängen, und das ganze Publikum drehte die Köpfe um.

»Nun bitte ich Sie, Frau Heilbunth! Die Familie Thomsen!«

Und wirklich! Da war Manuel mit seiner Mutter und Wulfdine. Sie schlichen leise herein und setzten sich bescheiden in eine der hintersten Reihen.

»Aber Herr Justizrat!« fragte die Bürgermeisterin ganz entsetzt. »Diese Menschen!«

Der Justizrat zuckte beklagend die Achseln:

»Er hat sich eingezeichnet und den Beitrag bezahlt. Wir konnten nichts dagegen machen! Und außerdem haben Oberlehrer Clausen und Zollkontrolleur Knagsted seine Annahme empfohlen. – Aber jetzt fängt es an!«

Der Vorhang der winzig kleinen Bühne ging auf. Alle Gesichter drehten sich blitzschnell wieder herum. Und ein Stöhnen der Erwartung ging durch den Saal.

Es war die Salondekoration des Theaters. Die mit den Flügeltüren. Im Vordergrund stand ein vierbeiniger Mahagonitisch mit einer Wasserflasche (dunkelblau) und einem Glas (hochrot). An der linken Seite des Tisches eine Chaiselongue, an der rechten ein amerikanischer Schaukelstuhl.

»Ah!« sagte ein junges Mädchen und kniff ihre Nachbarin kräftig in den Arm, »da ist er!«

Die Flügeltür wurde lautlos ein ganz klein wenig geöffnet, und durch die also entstandene Ritze wand sich Henri de Madsen.

Verschämt und bescheiden schlich er auf den Zehenspitzen bis an die Lampenreihe, und verlegen mit seinem linken Ohrzipfel spielend, verneigte er sich.

Eine donnernde Beifallssalve begrüßte ihn. Die Stadt quittierte für den Ruhm.

Der Dichter aber stand jetzt scheinbar ganz unberührt da, lehnte sich mit dem Rücken gegen den Mahagonitisch und starrte mit einem unergründlichen Blick über das Publikum hin. Das eine Bein hatte er über das andere geworfen, so daß man den mit einer Rosette verzierten Lackschuh und die roten seidenen Strümpfe sah. In der Rechten hielt er ein Paar hellgrüne Glacéhandschuhe und in der Linken einen eigelben Zollstock, von denen, die sich auf- und zuklappen lassen, so wie sie die Zimmerleute und Maurer gebrauchen. Sein rotblondes Haar fiel ihm glatt in die Stirn. Sein Gesicht war länglich mit leidendem Ausdruck, und die Iris seiner Augen hatte die Farbe des Absinths.

»Meine Damen und Herren –« begann er mit eigentümlich schnarrender Stimme, während er mit seinen Armbändern hinter den Manschetten rasselte, »Meine Damen und Herren –« ehe er aber noch den Satz beendet hatte, fing er plötzlich kokett an, den Umkreis der Tischplatte mit dem Zollstock auszumessen. Dann lachte er forciert, stellte sich wieder auf, zupfte sich ein paarmal am Ohrzipfel, legte den Kopf auf die Seite und sagte:

»Meine Damen und Herren! Ich soll die Ehre haben, Ihnen mein reimloses Gedicht: ›Die Vogelspinne‹ vorzutragen!«

Worauf er seine hellgrünen Handschuhe oben auf das hochrote Wasserglas legte, das er dann über den Hals der dunkelblauen Wasserfläche stürzte. Er konnte nicht deklamieren, wenn diese drei Farben nicht in dieser Reihenfolge zusammengestellt waren. Nun räusperte er sich, maß ein paar von seinen langen Fingern mit dem Zollstock und begann:

»Man sagt,
In des Urwaldes Tiefe
– Wo die Sonne nicht scheint,
Wo der Wind nicht weht –
Hinter den dunklen Blättern,
Sagt man,
Dort lebet
Ein Tier,
Grausig wie das Schicksal,
Grausiger selbst
Als die Hyäne,
Die leise sich schleicht
Hin
Durch des Kirchhofs taufeuchtes Gras
Und hebet
Die Pfoten
Langsam,
Eine nach der andern
Empor – – –
Ach, man tut dem Tier unrecht!«


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