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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
projectid47cdb47e
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Wenn man durch das Nonnentor auf die Landstraße hinausging und dann in der ersten Richtung zur Rechten abbog, erreichte man nach halbstündiger Wanderung das »Gehöft«, den Mühlenhof, Emanuel Thomsens väterlichen Besitz.

Und nicht nur Manuels Vater, sondern auch dessen Vater und Großvater hatten auf diesem kleinen Fleckchen Erde gelebt und gewirkt.

Es gehörten ungefähr dreißig Tonnen Ackerland zu dem Gehöft und dann der Mühlenbetrieb.

Der Mühlenteich oder der »See«, wie die Thomsens ihn zu nennen beliebten, lag im Garten hinter dem Wohnhause. Er lag hoch, fast in gleicher Linie mit dem Dachfirst des Hauses und nur durch einen schmalen Hohlweg von dem Gebäude getrennt. Das Wasser floß in einer offenen, ein paar Ellen breiten, hölzernen Rinne über den Weg und stürzte von dort auf das Treibrad herab. Und wenn das Mühlenbrett geöffnet war und die Mühle ging, tönte über den schmalen Hof hin ein brausender, donnernder Lärm, der die Fensterscheiben stoßweise erzittern machte.

»Und wenn man einmal so glücklich gewesen ist, seine Kinderjahre an einem solchen Ort zu verleben,« sagte Manuel in seiner Unterhaltung mit Mutter Karens Bruder, dem Küster, »und im Lenz der Jugend seine Ohren an das liebliche Rieseln des Wassers und das Rauschen des Rades und das Mahlen der Mühlsteine gewöhnt hat, da wird man sich in den schweren Stunden seiner Männerjahre stets danach zurücksehnen.– – Namentlich,« fügte er mit einem Kopfnicken hinzu, »wenn man, wie ich, Onkel Jakob, mit einem etwas trübseligen Charakter geboren ist.«

Rings um den Mühlenteich herum lag der Garten. Jetzt war er eine Wildnis. Bäume und Büsche wuchsen ungepflegt und unbeschnitten durcheinander. Das Gras der Rasenplätze wucherte über die Wege hinaus, und die wenigen übriggebliebenen Blumen konnten im Frühling, wenn sie hervorsproßten, kaum vor Unkraut atmen. Dieser Garten war der Stolz und das Steckenpferd der Familie Thomsen gewesen.

Da waren Lindenlauben mit großen, runden, steinernen Tischen, alte ausgediente Mühlsteine, deren Rillen verschlissen waren. Und um sie herum standen künstlerisch ausgeführte Bänke und Stühle aus Naturholz, krummen Stämmen und Zweigen, die Großvater Thomsen selber zusammengezimmert hatte. Unter einer mächtigen Kastanie lag auf einem durchgesägten Eichenstumpf ein uraltes Taufbecken aus der Lindenberger Kirche. Und mitten an dem Stamm einer Buche saß, fast in Mannshöhe festgewachsen, ein grünspanfarbiger, moosbedeckter Mühlstein, in dessen mittlere Öffnung in längst entschwundenen Zeiten der Baum als kleiner zarter Steckling hineingepflanzt worden war. Der Stein war einstmals als Tisch verwendet worden, aber jetzt waren die Füße längst vermodert und der Baum hatte im Laufe der Jahre die Öffnung ausgefüllt und den Stein ellenhoch in die Höhe gehoben. Große, bunte, halbzertretene Muscheln lagen rings unter den Bäumen zerstreut. Sie hatten einst zierlich die Rasenflächen und Gänge umsäumt. Und wenn man sich hinabbeugte und sorgfältig zwischen dem langen, welken Unkraut suchte, konnte man wohl hin und wieder noch eine Steinaxt oder einen Keil finden, Kleinodien, die die Thomsens aus ihren Feldern und Wiesen ausgepflügt und sorgfältig gesammelt hatten. Denn, wie die benachbarten Bauern zu sagen pflegten, die letzten Besitzer des Mühlenhofes waren »verrückter« und »sonderbarer« gewesen, als Müller und Landleute in der Regel zu sein pflegen.

Deswegen war es der Familie auch wohl so ergangen, wie es ihr erging.


Wenigstens einmal alle vierzehn Tage schlich sich der kleine Thomsen spät am Abend auf das Gehöft hinaus. Und am liebsten im Mondschein.

Er schlug nicht den geraden Weg ein, wo er Gefahr laufen konnte, Leuten zu begegnen, erkannt und ausgelacht zu werden. Über Gräben und Feldwege schlich er dahin wie ein kleiner, verwachsener, unterirdischer Geist, den Kragen in die Höhe geklappt, den Hut tief in die Augen gedrückt.

Auf dem Platz vor der Einfahrt verkroch er sich hinter einem der Heuschober und wartete lange, ob sich auch niemand vor den Gebäuden sehen ließ.

Die drei weißen zusammenhängenden Flügel schimmerten im Mondschein. Und durch die gestreiften Vorhänge vor den Fenstern im Wohnhause schien das Lampenlicht.

Manuel glitt näher und näher heran. Er betastete die Mauern und untersuchte die Türen und die Luken. An vielen Stellen war der Kalk abgeblättert, und die nackten Steine guckten hervor. Der Teer war von den Stalltüren geschlissen, schief hingen sie in ihren Hängen. Und der himmelblaue Anstrich an den Türen und Fenstern des Wohnhauses war infolge von Wind und Wetter und Unsauberkeit schmutziggrau geworden.

Emanuel seufzte im Herzen tief auf.

Gleichzeitig aber juckten ihm die Finger, hier zuzugreifen, zu weißen und zu streichen, die Löcher der schadhaften Strohdächer auszubessern und das Unkraut, das das Pflaster des Hofplatzes dicht überwucherte, auszujäten!

Drei Besitzer hatte das Gehöft während dieser fünfzehn Jahre gehabt. Der erste war sechs Jahre hier gewesen, der zweite vier. Und jetzt pfiff auch Rasmus Cornelius, der »dritte Schurke«, auf dem letzten Loch.

Das Gehöft war in schlechten Ruf gekommen. Es war ein »Bankrottgehöft« geworden. Niemand konnte sich dort halten.

Und jedesmal, wenn es von neuem wieder verkauft war, hatte sich Emanuel vor Kummer und Sorge darüber zu Bette gelegt, daß er noch nicht Geld genug zusammengeschrappt hatte, um es zurückkaufen zu können.

Aber dann das letztemal, das war jetzt also ungefähr fünf Jahre her, als er dagelegen und sich fast im Fieber in den Kissen gedreht und gewendet hatte, da war er gegen Ende der Nacht schließlich ermattet und verzweifelt in einen schlafähnlichen Zustand gefallen, und da hatte er abermals eine »Offenbarung« gehabt. Der Vater war ihm von neuem erschienen. Er hatte eine Tafel in der Hand gehabt, und auf der Tafel stand mit leuchtenden Buchstaben die Zahl: 23 811 geschrieben.

Natürlich bedeutete dies, daß Emanuel Lotterie spielen sollte.

Er lief ein paar Tage seitwärts und wand sich im Innersten seiner Seele bei dem Gedanken an das bare Geld, das ihm die Sache kosten würde.

Als sich aber dann der Vater eines Nachts wiederum mit der Tafel und der Zahl einstellte, war sein Entschluß gefaßt.

Und noch am nächsten Tage reiste er mit dem Morgenzug nach Kopenhagen.

Natürlich durfte das »Städtchen« nichts davon wissen, daß er Lotterie spielte. Dann hatten die Leute wieder etwas, worüber sie schwatzen konnten. Auch Mutter Karen ahnte den Grund seiner Reise nicht. Seine letzte Offenbarung hatte er instinktiv vor ihr geheimgehalten.

In der Hauptstadt lief er die Straßen auf und nieder. In den feinen Stadtteilen wollte er sein Los nicht kaufen; denn da war es natürlich viel teurer als anderswo. Und er lief und lief.

So gelangte er schließlich in eine dunkle, enge Straße, in der die Häuser klein und schmutzig waren. Er sah sich um. Und dort über einer Haustür erblickte er wirklich ein rotes Lotterieschild. Vor Willensanstrengung brach ihm der Schweiß aus: hier wollte er es versuchen!

Er stieg die Treppe hinauf und gelangte in das erste Stockwerk: Kontorzeit von acht bis elf. Er schellte und wurde eingelassen.

Es war eine nette, alte Dame, mit der er zu tun hatte. Manuel sah sie prüfend von der Seite an. Dann zog er ein Stück Papier aus der Tasche und reichte es ihr.

»Man möchte gern diese Nummer haben.«

»Ja, es kommt darauf an, ob ich sie habe, mein Lieber.«

»Ob Sie sie haben? Kann man denn nicht die Nummern bekommen, die man haben will, wenn man dafür bezahlt?«

Thomsens Hemd wurde ganz feucht, in dem Maße floß die saure Flüssigkeit des Entsetzens an seinem Körper herab.

»Ja, wenn man das Los eine Serie vorher bestellt«, sagte die Dame.

»Eine Serie – ?«

Manuel wünschte, daß er niemals hierhergegangen sei, denn die wollte ihn natürlich anführen!

Die Dame blätterte langsam in einem Haufen Lose; sie netzte den Finger und blätterte. Dann zog sie plötzlich ein Stück Papier heraus und hielt es ihm hin:

»Ja weiß Gott, hier ist Ihre Nummer!« sagte sie dann. – »Es ist ein Viertellos. Wollen Sie es haben?«

Emanuel griff nach dem Los und untersuchte es genau an allen Ecken und Kanten:

»Was soll es kosten?«

»Ja, der Besitzer hat es in den letzten beiden Ziehungen zu erneuern unterlassen, die habe ich infolgedessen bezahlt. Wollen Sie das Los haben, so müssen Sie die natürlich mit bezahlen, sonst behalte ich es selber.«

Für die Ziehungen bezahlen, die stattgefunden hatten! Emanuel lief seitwärts an der Schranke auf und nieder:

»Man kann doch nicht mehr gewinnen, wenn die Ziehungen vorüber sind!« sagte er.

»Nein, das können Sie nicht. Aber Sie können ja nun diesmal gewinnen.«

»Haben Sie gewonnen?« fragte er plötzlich und blieb stehen.

..Nein.«

Die Dame, die auf ihrem Stuhl vor dem Schreibtisch sah, legte den Kopf schelmisch auf die Seite und nickte:

»Aber Sie haben die Nummer ja geträumt!« sagte sie. »Dann gewinnen Sie sicher.«

Thomsen sank in die Knie.

»Woher – Wie – Wer?«

Die alte Dame lächelte noch immer:

»Ihr Name?« fragte sie. – »Und die Adresse?« Emanuel nannte mechanisch Namen und Adresse. Er hatte förmlich Ehrfurcht vor der Frau bekommen.

Aber dann kamen sie zu der Geldfrage, und sie nannte die Summe. – Ob er es nicht etwas billiger bekommen könnte? – Nein, hier gebe es nur feste Preise! – Wie lange es Gültigkeit habe? Es sei ein fortlaufendes Los, das gelte für alle sechs Ziehungen. – Ja, aber wenn man nun in der ersten Ziehung gewönne, so sei ja doch all das Geld weggeworfen!

Jetzt riß der alten Dame die Geduld.

»Sie sind hier in keinem Krämerladen«, sagte sie und stand mit einem Ruck von ihrem Stuhl auf. – »Wollen Sie das Los haben, mein Herr, oder wollen Sie es nicht haben?«

Die Geschichte hätte sich noch sehr in die Länge ziehen können, wenn nicht eine neue Kundin gekommen wäre.

Emanuel griff hastig nach dem Los und wollte es in die Tasche stecken.

»Hier ist das Geld!« sagte er und zog das Portemonnaie aus der Tasche.

»Danke! Aber das Los muß erst gestempelt werden.«

»Gestempelt werden? Womit?«

»Mit meinem Namen und meiner Adresse. Sonst vergessen Sie ja, wo ich wohne!«

»Nein!«

»Ach was!« sagte die alte Dame. »Gestempelt werden muß es doch

Thomsen lieferte widerwillig das Dokument zurück. Er kehrte absichtlich die Rückseite nach oben, damit die Neuangekommene die Nummer nicht lesen sollte.

Dann wurde ihm endlich das Papier in ordnungsmäßigem Zustand ausgeliefert; sorgfältig barg er es in seinem Taschenbuch.

Er blieb noch einen Augenblick stehen.

»Man braucht es wohl nicht beim Landvogt oder sonst irgendwo anzumelden?« fragte er.

»Nein!«

»Und wenn man nun gewinnt?«

»Ja, dann sehen Sie es in der Ziehungsliste.«

»Kann man sich darauf verlassen?«

»Ja!«

»Und in der Stadt erfährt niemand davon?«

»Nein, Sie und ich sind ja die einzigen, die wissen, welche Nummer Sie haben! – Adieu, Herr Thomsen!«

»Adieu!«

Die Lotteriedame hatte sich schon zu der neuen Kundin gewandt, einer älteren Frau mit einem Korb auf dem Arm, als Emanuel das Wesen sanft beiseite schob, sich über die Schranke beugte und sein Gesicht dem Ohr der Kollektrice näherte:

»Es soll auch nicht an einer kleinen Erkenntlichkeit fehlen, wenn man gewinnt!« flüsterte er und blinzelte diabolisch mit seinen kleinen Schweinsaugen.

»Ich danke Ihnen, mein Lieber!« sagte sie. »Ich werde tun, was sich tun läßt.«

Thomsen nickte verständnisvoll, blinzelte noch einmal, diesmal aber nur mit dem einen Auge, und entfernte sich.

Als er an die Haustür gekommen war, nahm er das Los aus der Brieftasche und studierte es genau.

Und da ward ihm plötzlich ganz schwindlig vor lauter Glück!

Jetzt wußte er es, wußte er es, wußte er es, daß er gewinnen würde! Denn auf dem Stempel, den die Kollektrice dem Los aufgedrückt hatte, stand: Larslejsträde 23, Kontorzeit 8–11. – 23, 8, 11! Genau die Zahl, die auf der Tafel gestanden hatte! Genau die Nummer, die sein Los trug! Deswegen also war ihm der Vater zweimal erschienen!

Und obendrein hatte der alte Thomsen auch noch Lars geheißen! Ein Zweifel war nicht mehr möglich!

Manuel zitterte am ganzen Körper vor Erregung, er faltete unwillkürlich seine Hände, und es fehlte nicht viel, so wäre er in seinen besten Hosen mitten auf die schmutzige Diele niedergekniet, um Gott dem Allmächtigen, dem Schöpfer Himmels und der Erde, für seine große Güte zu danken.

Aber er besann sich doch noch rechtzeitig, fuhr nur wie eine Rakete aus der Haustür hinaus und die Treppe hinab, eilte schiefer denn je nach dem Bahnhof, sprang in den Zug hinein und fuhr nach Hause, während es in ihm sang und jubelte wie der Ton fröhlicher Glocken. Und während der zwei Stunden, die die Ausfahrt nach dem Städtchen währte, hielt er wohl hundertmal mit schmetternden Hörnern und wehenden Fahnen seinen Einzug auf das Gut seiner Väter!

Ach! – aber jetzt waren fünf Jahre seit jenem glückseligen Tage verstrichen, und noch hatte er nicht einmal ein Viertel eines Prämiengewinnes gewonnen.

Sechsundzwanzig Kronen und zwanzig Öre kostete ihn das Los alljährlich. Und fünfmal sechsundzwanzig Kronen und zwanzig Öre waren hundertundeinunddreißig Kronen; das Porto gar nicht einmal mitgerechnet!


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