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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 39
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Man war ein wenig zur Ruhe gekommen. Die Männer sahen jeder in einer Sofaecke und rauchten. Und die Frauen mit ihrem Strickzeug hatten wie gewöhnlich in respektvoller Entfernung an den beiden Fenstern Platz genommen.

Den Koffer hatte Wulfdine dicht neben ihren Stuhl auf die Erde gestellt. Von Zeit zu Zeit beugte sie sich heimlich herunter, öffnete ihn ein klein wenig und strich mit ein paar Fingern über den Pelzkragen, vor Wonne und Stolz: er war mit Seide gefüttert!

Das Gespräch drehte sich selbstverständlich um den Mühlenhof. Und die Männer führten die Unterhaltung.

»Dann mußt du wohl einen Großknecht durch die Zeitung suchen, Schwestersohn, – jetzt, gleich nach Neujahr?«

Thomsen zwinkerte ein wenig nervös mit den Augen.

»Ja–a, das muß man wohl –«

»Willst du mehr als einen Knecht halten?«

»Ach, ich denke, ein Hofjunge tut es auch –«

»Ach ja, ach ja! – Und Mortensen behältst du wohl in der Mühle?«

»Er weiß ja mit dem ganzen Kram Bescheid.«

»Ziemlich alt ist er ja!«

»Man kann ihm ja auf die Finger sehen. Hast du übrigens gehört, Onkel, wie es unserm Redakteur hier vor einiger Zeit gegangen ist?«

Der Küster schielte von seinem Platz aus zu ihm hinüber: Warum wollte er nun wieder nicht mit ihm über den Hof sprechen. Es interessierte ihn als Schwiegervater doch!

»Hm ja!« sagte er, »er hat sich ja wohl verschlafen.«

»Ja, es ist schrecklich mit diesen Menschen,« sagte Manuel ganz empört, »daß sie nicht anständig leben können.«

»Ach ja, ach ja; es gibt ja viele, die das Getränk mehr lieben, als ihnen gut ist.«

»Ja, zum Beispiel dieser Cornelius da draußen!« warf Madam Thomsen ein.

»Cornelius ist ein Schwein, Mutter Karen! Er rangiert nicht mit ordentlichen Menschen.«

»Nein!«

»Ihr wollt euch doch ein Mädchen für die Küche und das Gröbste halten?« fragte der Onkel hartnäckig; er wollte der Sache jetzt endlich auf den Grund kommen.

»Das werden wir ja sehen; kommt Zeit, kommt Rat!« sagte Manuel kurz, indem er sich erhob.

»Ach ja, ach ja! –« der Küster zupfte sich nachdenklich an seinem Hackmesser herum und sandte der Schwester einen ermunternden Blick zu. Sie schüttelte den Kopf und machte eine leise abwehrende Bewegung mit der Hand. Und Wulfdine verschwand hinter ihrem Strickzeug.

Die Sache war ja, offen gestanden, die, daß sich Emanuel Thomsen so ausgezeichnet wohl dabei fühlte, hier in der Stadt umherzugehen und den Matador zu spielen. Der Mühlenhof lief ihm ja nicht weg. Er konnte ihn ja kaufen, wann es ihm beliebte. Und er wollte ihn kaufen, selbstverständlich! Deswegen hatte er ja gelitten und gestritten. Aber – aber, er war ihm nun doch in etwas hellerem Glanz erschienen, als er ihn nicht bekommen konnte! – Wohl wollte er ihn kaufen, natürlich wollte er das! Das war ja der einzige Ort in der Welt, wo er leben mochte! Und es würde ein stolzer Augenblick sein, wenn er dort seinen Einzug hielt! Aber es war ja noch ein ganzes halbes Jahr bis dahin. – Sie hätten ihn den Hof nur gleich kaufen lassen sollen, so wie es seine Absicht gewesen war! Aber damals rieten sie ihm alle ab, sowohl der alte Mortensen da draußen, als auch der Rechtsanwalt und Mutter Karen. – Und jetzt wollte er nicht, ehe er Lust hatte! Das Geld gehörte ihm! Die andern konnten ihre guten Ratschläge für sich behalten! Er wollte die Sache schon deichseln! Punktum! –

»Nette Zigarre, Onkel Jakob, wie?« fragte Manuel, indem er seinen Platz auf dem Sofa wieder einnahm und sein rundliches Gesicht in lächelnde Falten legte.

»Ach ja, die Zigarre ist ganz gut –«

»Bekommen wir nicht eine kleine Tasse Kaffee, Mutter Karen?«

»Ja, gern!« sagte Madam Thomsen und legte sofort das Strickzeug nieder, »habt ihr Lust dazu?«

»Natürlich haben wir Lust dazu, nicht wahr, Onkel? Zu unserer Zigarre!«

»Ja–a!« nickte der Küster. »Zu Kaffee pflegt man ja nie nein zu sagen.«


Als der Kaffee getrunken war, saß man noch eine Weile da und sprach von Wind und Wetter. Den Mühlenhof erwähnte niemand mehr.

Dann gähnte man ein paarmal. Und endlich zog Manuel seine Uhr aus der Tasche und sagte:

»Jetzt ist es wohl nachgerade Schlafenszeit!«

»Ach ja, ach ja, das ist es wohl!«

Thomsen erhob sich.

»Ja, Betten haben wir genug, aber es fehlt an Bettstellen. Da hatte man sich ja gedacht, daß man selber und Onkel Jakob hier unten jeder auf einem Sofa liegen könnte, während man den Damen die Salons oben überließe, wie?«

»Ach ja, ach ja!«

Madam Thomsen rückte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her und sah verstohlen zu ihrem Bruder hinüber.

»Ja–a!« begann sie. »siehst du, Bruder Jakob meinte ja, – er findet ja, daß –«

Emanuel starrte verwundert von der Mutter zu dem Onkel hinüber.

»Wollt ihr hier nicht schlafen?« fragte er beleidigt. »Wollt ihr vielleicht ins Hotel gehen?«

»Nein, nein, wir wollen hier schlafen! Natürlich wollen wir hier schlafen!« sagte der Küster, »aber« (er war ein wenig in Verlegenheit, wie er die Sache anschneiden sollte, da sich Manuel ganz verständnislos dazu verhielt) – »aber, da hier so wenig Platz und all dergleichen ist.« fuhr er fort, »so – Jugend ist Jugend! – Wenn deshalb Wulfdine und du Lust habt, in Gottes Namen zusammenzukommen, so – zusammen sollt ihr ja doch, und heute ist ja Heiligabend – und, warum solltet ihr wohl warten, wenn –«

Emanuel war allmählich dunkelrot geworden. Die Sprache war ihm vergangen, und er zwinkerte wie wahnsinnig mit den Augenlidern.

Der Küster schielte zu ihm hinüber.

»Ja, wenn du meinst, daß du lieber warten willst, Manuel –«

»Nein, nein!« sagte Thomsen hastig und atemlos. »Aber – aber –«

Er sah sich scheu nach Wulfdine um, die schon längst zusammengeklappt und in dem großen Lehnstuhl versunken war.

Madame Thomsen legte leise die Hand auf den Arm ihres Sohnes.

»Geht, ihr Mannsleute, jetzt nur ein wenig in die Ladenstube«, sagte sie und schob ihn sanft nach der Tür. »Ich will schon –«

Und die Männer gingen.


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