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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 38
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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In dem kleinen Thummelumsenschen Hause merkte man dahingegen nichts von dem Wetter. Man hörte wohl den Wind und das Klatschen des Regens, aber das machte weiter keinen Eindruck.

Onkel Jakob und Wulfdine waren am Nachmittag aus Grästed gekommen und sollten der Verabredung nach die Nacht über bei Thomsens bleiben. Und dann am nächsten Tage wollten Mutter Karen und Emanuel mit ihnen nach der Küsterwohnung fahren.

Und jetzt waren der Reisbrei und die Gans verzehrt. Die Gardinen waren herabgelassen, die Lampe angezündet, ein Feuer prasselte im Ofen, und die Potpourrikrule duftete.

»Gut, daß man bei diesem Wetter im trockenen sitzt!« sagte Emanuel und rieb sich vergnügt die Hände. »Jetzt geht ihr alle in die Ladenstube. Und dann ruft man euch, wenn ihr kommen sollt. Man hat eine kleine Überraschung!«

»Ich auch?« fragte Mutter Karen.

»Die Gnädige auch, ja! Alle drei!«

Und sie verschwanden ganz gehorsam.

»Was er jetzt wohl vorhat?« fragte der Küster, als Manuel die Tür hinter ihnen abgeschlossen hatte.

»Ach, es sind gewiß Narrenstreiche!« meinte Madam Thomsen. Aber sie lächelte vergnügt dazu.

»Er ist jetzt immer so famos gelaunt, Schwester Karen!«

»Ja, Gott sei Dank! Ja, er ist wie ausgetauscht! – Setz dich doch, Wulfdine!«

Wulfdine setzte sich mit gespitzten Ohren. Man hörte Manuel herumwirtschaften. Bald lief er die Bodentreppe hinauf, bald kam er wieder herunter. Türen wurden auf- und zugemacht. Bald war er draußen auf dem Hof, bald in der Küche und bald wieder in der Stube.

Ein Windstoß peitschte einen Regenschauer gegen das Fenster.

»Na, na!« sagte der Küster.

»Ja, es ist nur gut, daß ihr über Nacht hierbleibt!«

»Ach ja, ach ja!«

Pause. Der Küster sah zu seiner Schwester hinüber.

»Willst du es Manuel sagen, Schwester!«

Madam Thomsen errötete leicht.

»Ja–a, wenn es nicht besser ist, daß du es ihm sagst, Jakob?«

»Hm ja, – nun können wir ja sehen, wie es sich macht.«

Wulfdine saß wie auf Kohlen. Keinen Augenblick konnte sie sich ruhig verhalten: Was Manuel wohl nur einmal dort machte! Sie zuckte zusammen. Thomsen schlug mit der Faust gegen die Tür.

»Könnt ihr es auch noch aushalten?« fragte er. – »Jetzt ist es auch bald soweit.«

Und nach einer kleinen Weile wurde die Tür geöffnet und er stand lächelnd vor der Schwelle.

»Herein, herein! Jetzt ist der Zutritt frei!« Dann machte er mit dem langen Arm eine auffordernde Bewegung in das Zimmer hinein und sagte: »Nun?«

Und festlich war es! Auf dem Mahagonitisch vor dem Sofa stand in einem Blumentopf ein kleiner Tannenbaum, strahlend von Lichterglanz und voller Herzen und Körbe, rotwangiger Äpfel und vergoldeter Walnüsse. Und unter dem Baume auf dem weißen Tischtuch lagen geheimnisvolle Pakete. Das war das ganze Arrangement, aber reizend war es.

»Nein!« sagt« Wulfdine, und ihre kleinen, blanken Augen waren nahe daran, ihre Einfassung zu sprengen.

»Ja–a!« nickte der Küster, »das ist was für dich, Dine!«

Und Mutter Karen streichelte den Arm des Sohnes und sagte fast unter Tränen:

»Das ist lange, lange her, Manuel!«

Der kleine Thummelumsen selber aber stand mit einem Lächeln von einem Ohr bis zum andern da, und man konnte sehen, wie sich seine kleinen, dicken Finger, die er in die Hosentaschen gebohrt hatte, vor nervösem Entzücken bewegten.

»Jetzt wollen wir singen!« sagte er eifrig. »Nummer 148! – Hier ist dein Gesangbuch, Mutter!«

Und dann sangen sie:

Onkel Jakob wußte den Gesang ja natürlich auswendig, folglich hatte Madam Thomsen ihr Buch für sich.

Und dann sangen sie.

»Wie strahlt der Himmel blau und schön,
»Wie herrlich ist's ihn anzusehn –«

Manuel und Wulfdine aber sangen zusammen aus seinem. Und sie standen dicht nebeneinander und senkten die Gesichter tief über das Buch. Und sie berührte ein paarmal ganz heimlich den Rockärmel des Geliebten und war dann nahe daran, vor Glückseligkeit zu vergehen.

Und dann wurde der Baum geplündert, und Manuel verteilte die Geschenke.

Seitwärts schob er sich um den Tisch herum wie ein Taschenkrebs.

»Das ist für dich, Onkel! – Das ist für dich, Mutter Karen!«

»Ach ja, ach ja, Schwestersohn, das –«

»Danke, Manuel! Danke, danke, mein Junge!«

Der Küster bekam ein Zigarrenfutteral und ein Bündel Zigarren. Und Madam Thomsen bekam ein schönes warmes Tuch und Stoff für sechs Schürzen.

Wulfdine aber bekam gar nichts. Verlegen und ganz vernichtet stand sie in einer Ecke. Ihre Mundwinkel fingen an zu zucken. Und ihr kleines Herz konnte den Zusammenhang der Dinge nicht begreifen.

»Aber Dine, Manuel?« fragte endlich Madam Thomsen. »Du hast doch wohl Dine nicht vergessen?«

Manuel lächelte verschmitzt.

»Dine hat mich ja!« sagte er.

Dann aber beugte er sich plötzlich hinab und zog den entzückendsten kleinen Handkoffer unter dem Tisch hervor.

»Der ist für dich!« sagte er und reichte Dine den Koffer. »Den hat man selber gemacht.«

Wulfdine klappte zusammen und versank in den Erdboden, aber sie hatte doch noch Zeit zu flüstern: »Vielen Dank, Manuel!« ehe sie gänzlich verschwand.

Thomsen glühte vor Wonne über sein Geheimnis.

»Du mußt ihn auch aufmachen!« sagte er; er konnte es nicht länger aushalten.

Wulfdine mühte sich mit den Schnallen ab. Aber es war ihr nicht möglich, damit fertig zu werden.

»Ich will dir helfen!« sagte Mutter Karen und sprang herzu.

Manuel reckte sich in Erwartung der Wirkung auf den Zehenspitzen in die Höhe.

»Nein!« sagte Madam Thomsen, als sie den Koffer geöffnet hatte, »das laß ich mir gefallen!«

Sie zog einen Pelzkragen heraus.

»Und einen Muff!« sagte sie und hielt ihn in der andern Hand empor. »Was sagst du denn dazu. Dine?«

Aber dies war zu viel für Wulfdine. Sie sank buchstäblich auf einen Stuhl, und das Gesicht mit ihren Händen bedeckend, schluchzte sie:

»Er ist zu gut gegen mich! Er ist viel zu gut gegen mich! –«


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