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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 37
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Ein Zug kam in den Bahnhof hineingebraust. Alle Trittbretter und Wagendächer waren weiß von Schnee. Und die Schaffner schlugen mit den Armen, prusteten und stampften, um den Schnee aus Bart und Kleidern loszuwerden.

»Gammelkjöbing! Zehn Minuten Aufenthalt!«

Die Abteilungen wurden aufgerissen und die Fahrgäste strömten heraus.

»Guten Abend! Guten Abend!« – »Da bist du ja wirklich! das ist nur gut! – Was für ein Weihnachtswetter!« – »Ach, wir waren so bang, daß ihr einschneien würdet!« – »Hier ist Franz! Er ist auch mitgekommen!« – »Guten Tag, lieber Franz! Und herzlich willkommen! – Da wird sich Vetter Julius aber freuen!« – »Ihr hat den Tannenbaum doch nicht angezündet?« – »Nein, nein, wie kannst du das nur denken!« »Hurra, da bin ich! – Fröhliches Fest! Fröhliches Fest! – Soll das aber schön werden!«


Oberlehrer Clausen stand auf dem Bahnsteig, mitten in all dem Lärm und Gedränge. Er ließ sich mit Freuden puffen und stoßen. Es war ihm eine Wonne, sich zwischen richtig lebenden Menschen zu fühlen. Deswegen war er hierher gegangen. Das Ereignis in der Kirchengasse hatte ihm keine Ruhe in den leeren Straßen gelassen.

»Guten Abend, Herr Clausen! Erwarten Sie jemand?«

»Guten Abend, Erich! Nein, ich bin nur hergekommen, um mir die Weihnachtsfreude anzusehen.«

Es war einer von Clausens ehemaligen Schülern. Er war eilig und nervös.

»Adieu! Adieu!« sagte er, »ich muß machen, daß ich nach Hause komme. Sie erwarten mich nicht!«

»Das wird aber eine Freude sein!« lächelte der Oberlehrer. Und weg war Erich.

Ein Brautpaar kam Arm in Arm vorüber. Sie sahen nichts, sie hörten nichts, sie sprachen nicht. Aber ihre Gesichter strahlten klar und glückselig wie der Mond in seinem allerfröhlichsten Viertel. –

»Sie haben meinen Sohn wohl nicht gesehen, Herr Clausen?«

Es war die Klassenlotteriekollektrice Frau Brandstrup.

Und es war gerade ihr Sohn gewesen, der den Oberlehrer soeben begrüßt hatte und der nach Hause wollte und die Seinen überraschen.

»Ihren Sohn, Frau Brandstrup – erwarten Sie ihn?«

»Ach Gott, nein! Er schrieb ja, er könne nicht kommen. Aber ich bin doch hergegangen; es hätte ja trotzdem sein können.«

In dem Herzen des guten Oberlehrers tobte ein Kampf: Aber er beherrschte sich:

»Nein, ich habe ihn nicht gesehen«, sagte er.

Und Frau Brandstrup ging betrübt von dannen.

Der Oberlehrer lächelte still vor sich hin:

»Wie wird die vor Freude aufschreien, wenn sie ihren Sohn daheim in ihrer Stube vorfindet!«

Der Bahnsteig war leer. Die Abteiltüren wurden zugeschlagen. Sie Signalpfeife ertönte: »Fertig!« Die Lokomotive stieß einen gellenden Pfiff aus und fuhr weiter, fort von der Stadt, über die weißen, weihnachtlichen Felder dahin.


Draußen vor dem Bahnhofsgebäude sah der Oberlehrer zu dem hellerleuchteten Zifferblatt der Uhr empor.

»Halb acht!« – Großer Gott, da sollte er ja bei Bürgermeisters sein!

Und er stieß den Stab in den Schnee und holte mit seinen alten Pädagogenbeinen so kräftig aus, wie er vermochte.

Oben in der verhältnismäßig breiten Südstraße strahlte Lichtschimmer aus allen Wohnungen. Und es ertönten laute Kinderstimmen, helles Lachen und fröhliche Reden. Und bei Redakteur Heilbunths saß die Gattin am Klavier und spielte:

›Stille Nacht, heilige Nacht –‹

Der Oberlehrer war wieder in Stimmung gekommen. Sanfte und friedliche Gefühle wogten in seiner Seele. Das Ereignis in der Kirchengasse lag schon hinter einem ausgleichenden, verhüllenden Schleier.

Er hatte ja seine Stuben mit der Balkendecke, seine Blumen und seine Pfeifen.

Und als er auf dem Treppenabsatz vor des Bürgermeisters Hause dem kleinen Fräulein Olivia begegnete, schrie er ihr ganz vergnüglich sein »Fröhliches Fest!« in das Waldhorn.

Und sie lächelte und nickte und klopfte und schüttelte den Schnee ab und schrie:

»Danke, gleichfalls. Herr Clausen!»


Und dann gingen sie hinein und aßen Reisbrei und Gänsebraten und spielten bis elf Uhr Vingt et un um kleine Geschenke.

Es hatte angefangen zu wehen. Und der Schnee war mit schweren Regentropfen vermischt, die hart gegen die Fensterscheiben schlugen.

»Herr du meines Lebens!» dachte die Hebamme Fredriksen, die von ihrer Entbindungsreise (ein Mädchen) nach Hause rollte, –« die Weihnachtsfreude war nur kurz!»

Und sie bat den Kutscher, ein wenig schneller zu fahren. Denn die Kälte drang schneidend durch den Mantel, und der Regen stach ihr in das Gesicht.

»Ich glaube, der liebe Gott hat es nicht gut mit mir im Sinn!« dachte sie, »er treibt mich regelmäßig in dem ärgsten Schweinewetter hinaus!«

Und dann kroch sie ganz hinten in den Wagensitz hinein, bohrte die Hände tief in den Muff, schloß die Augen und ließ alles über sich ergehen.


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