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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 33
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
projectid47cdb47e
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An der Table d'hote des Hotels gingen die Wellen hoch, denn mitten in all das Gelächter und die Witze über das redakteurliche Unglück hinein scholl plötzlich Zollkontrolleur Knagsteds Stimme, der bisher ganz schweigend dagesessen, sich mit seinem Essen beschäftigt und den andern zugehört hatte:

»Ja, da haben wir einen neuen Beweis für die Bummelwirtschaft auf unseren Eisenbahnen!«

Es entstand Totenstille im Saal, alle starrten Esau an.

»Sie wollen damit sagen, Herr Zollkontrolleur?« fragte ein jüngerer Eisenbahnassistent spitz.

»Ich will damit sagen, daß Ihr wie gewöhnlich im Dienst geschlafen habt«, entgegnete Knagsted.

»Wir haben geschlafen?«

»Ja!«

»Möchten Sie sich nicht ein wenig genauer ausdrücken. Herr Zollkontrolleur?«

»N–nein!«

Ein paar von den Gästen platzten vor Lachen laut los. Und der kleine Eisenbahnassistent bekam einen dunkelroten Kopf.

»Herr Knagsted ist immer so scherzhaft!«

»Der Kontrolleur hat, weiß Gott, recht!« sagte ein dicker Handlungsreisender mit einer Diamantnadel. »Die Eisenbahn ist für das Publikum da und nicht umgekehrt.«

»Wir können nichts dafür, wenn die Leute sich betrinken!« sagte der Assistent mit verbissenem Ausdruck.

»Sich betrinken! Pfui! Pfui!« erklang es ringsumher am Tisch.

Knagsted lächelte hinter seiner Haarmasse.

»Und dann fuhr der Redakteur obendrein noch erster Klasse!« sagte er.

Ein vor Wut feuerroter, funkensprühender Viehkommissionär drehte sich wie ein Kreisel nach ihm um.

»Wollen Sie, werter Herr, etwa damit sagen, daß ein Erster-Klasse-Reisender mehr wert ist als ein Dritter-Klasse-Reisender?«

»Ja, weiß Gott, das ist meine Ansicht«, nickte der Zöllner ruhig.

Der Viehkommissionär sprühte wie eine Esse.

»Ei was!« rief er und schlug auf den Tisch, »und ich bin der Ansicht, daß wir alle gleich sind!«

Esau sah ihm fest in die Augen.

»Das meinen Sie ja gar nicht, mein lieber – Viehhändler!«

»Hol' mich der Teufel, das meine ich!«

»Gilt Ihnen denn ein Vollblutpferd nicht mehr als ein Droschkengaul?«

»Das ist etwas ganz anderes!«

»Ja, das ist etwas ganz anderes, Herr Zollkontrolleur!« riefen ein paar Stimmen.

»Gott bewahre!« meinte jemand unten am Tisch.

»Das muß doch jeder einsehen,« sagte der dicke Handlungsreisende mit der Diamantnadel, »daß ein großer Unterschied zwischen Menschen und Menschen ist!«

»Der Zollkontrolleur ist ein Großbürger!« rief der Bahnassistent, der entzückt war, daß man das Thema gewechselt hatte.

»Ein Großbürger!« wiederholte die Diamantnadel. »Sie Eisenbahnzwiebel! Warten Sie nur, bis Sie höhere Gage erhalten!«

»Gage!« brüllte der Kommissionär. »Ich hab', hol' mich der Teufel, mindestens meine achttausend im Jahr! Aber ich stimme trotzdem für Philipsen!«

»Ist das derselbe, der den alten Meyer ermordet hat?« fragte ein kleines, schmächtiges, blasses Männchen, das in Löschpapier reiste.

Der ganze Tisch brach in ein schallendes Gelächter aus. Der Kommissionär aber wandte sich mit dunkelrotem Kopf nach dem Witzbold um.

»Und ich lasse mich von zehn Probenreiterschnauzen nicht einschüchtern!« sagte er.

Alle fuhren in die Höhe.

»Was sagt er?«

»Probenreiterschnauzen?«

»Meint er uns damit?« schrie man.

»Natürlich seid ihr damit gemeint, ja! Man hat wohl ebensogut wie ihr seinen Platz hier am Tisch bezahlt! Wollt ihr was von mir?« Und er erhob sich in seiner ganzen Größe.

Die Handlungsreisenden scharten sich um ihn. Und es entstand ein mächtiges Rufen und Schreien.

Der Wirt kam aus der Küche herbeigestürzt.

»Geehrte Herren! Geehrte Herren! Mein Renommee! Mein Renommee!«

»Platz!« sagte plötzlich der Mann mit der Diamantnadel und schaffte sich mit Schwimmbewegungen Raum für die Arme. – »Platz, meine Herren! Lassen Sie mich mit dem Ochsentreiber reden!«

Und er stellte sich dem Kommissionär von Angesicht zu Angesicht gegenüber.

»Du bist mörderisch stark!« sagte er in einem sanften, beinahe zärtlichen Ton, »du bist viel zu stark, um hier im Zimmer zu sein! Du kannst ja keine Luft holen! Komm! Wollen wir nicht ein wenig hinausgehen, lieber Roßkamm? Wie, du willst dich mucksen? – Schwipp! Schwapp! Hallo! Bitte schön!«

»Mein Herr! Mein Herr!« schrie der Wirt voller Entsetzen.

Die Diamantnadel hatte den Kommissionär um den Leib gefaßt und seine Beine über den einen Arm geschlagen und trug ihn nun so, von sämtlichen Gästen gefolgt, aus dem Lokal hinaus.

Nur die »leibhaftige Bosheit« blieb am Tische sitzen und verzehrte in aller Gemütsruhe das Dessert. Es bestand in: Früchten der Jahreszeit.


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