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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 32
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
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Natürlich hielt der Eisenbahnassistent Jörgensen nicht reinen Mund!

Kaum graute der Tag im Osten, kaum belebten sich die Eisenbahn-, Telegraphen- und Postbureaus, als er auch schon von einem Zimmer ins andere stürzte und das Ereignis der Nacht erzählte. Er schleppte sogar verschiedene Beamte auf den Bahnsteig hinaus und zeigte ihnen den Ort der Tat.

Und die Geschichte flog von einem Stockwerk zum andern, türaus, türein, treppauf, treppab. Und selbst der Billettkassierer mußte sie durch sein Guckloch mehrmals wieder von sich geben.

Und als sie erst über das Eisenbahngelände hinausgedrungen war, verbreitete sie sich in weniger als einer halben Stunde über die ganze Stadt.


Barbier Spitzkuck verließ Messer und Seifenschaum und sauste wie der Wind über die Straße zu Eisenkrämer Tillge hinüber.

»Haben Sie schon gehört, Tillge, daß dieser Redakteur Heilbunth die ganze Nacht im Zuge geschlafen hat?«

»Das ist doch des Satans!« sagte Tillge.

»Sie hatten ihn im Abteil vergessen, und als sie des Morgens hinkamen, steckte er den Kopf zum Fenster hinaus.«

»Das ist doch des Satans!« wiederholte Tillge.

»Und da hat er die ganze Nacht zugebracht?«

»Ja, ja! Und wäre er nicht aufgewacht, so wären sie mit ihm bis nach Korsör und vielleicht bis nach Skagen weitergefahren!«

»Das ist doch des Satans!« sagte Tillge nochmals.

»Nicht wahr, ja? – Aber 'n Morgen, 'n Morgen, Nachbar! Bei mir sitzt ein eingeseifter Agrarier und wartet auf das Messer!«

Und weg war Herr Spitzkuck. Die Nanking-Barbierjacke flatterte wagerecht hinter ihm her in der Luft, als er wieder hinübersauste.


Draußen vor dem Grünwarengeschäft in der Brückengasse stand die Blumenkohl-Marie in lebhafter Unterhaltung mit Tischlers Stine.

»Ja«, sagte Marie. – sie hatte die Arme über Waldine gekreuzt, deren Hinterkörper an ihr herabhing. »Ja,« sagte sie, – »Redakteurens Annine war selbst heute morgen hier, um ein Bündel Porree zu holen, und sie hatte hinter der Tür gestanden und sie beim Kaffee darüber reden hören! Frau Heilbunth soll außer sich sein vor Wut!«

»Hat er denn die ganze Nacht im Zug gelegen?«

»Ja, und total betrunken!«

»Herr du meines Lebens! Und so einer will zu den Feinen gehören!« sagte Tischlers Stine und bekreuzigte sich.

»Die Feinen sind die Ärgsten!« nickte die Blumenkohl-Marie, »das macht all das teure Dreckzeug, womit sie sich vollfüllen!«

»Hat ihn denn jemand gesehen?«

»Ob ihn jemand gesehen hat? Sie haben ihn vier Mann hoch nach Hause schleppen müssen!«

»Hat Annine das erzählt?«

»Nee, – aber wie zum Teufel auch sollte er denn sonst nach Hause gekommen sein?«

»Ja-a!«

»Bei dem Fett, an dem er zu tragen hat!«

»Ja, fressen können sie, weiß Gott!«

»Und dabei feilscht die Frau doch um zwei Öre, wenn sie was kaufen will.«

»Ja, geizig sind sie, weiß Gott!«

»Aber, wenn man das weiß, Stine, so setzt man natürlich die Preise danach an!«

»Großartig, Marie, hi, hi, hi! Gehört er mit zum Stadtrat?«

»Natürlich gehört er dazu!«

»Dann schmeißen sie ihn nach dieser Schweinerei doch wohl raus?«

»Die und rausschmeißen, Stine! Die trinken, hol' mich der Teufel, alle sieben, die hohen Herren im Rat.«

Stine bekreuzigte sich von neuem.

»Ja, das sag' ich ja. Marie,« sagte sie dann, »wo ist die Gerechtigkeit, sag' ich.«

»In der Hölle!« antwortete der Blumenkohl.


Bäckermeister Windberg und Bürgermeister Rejersen begegneten sich auf dem Marktplatz.

Der Bürgermeister blieb stehen, und Windberg grüßte tief und geschmeichelt. Er war in Reichsacht, Bäckermeister Windberg, wegen der häufigen Unpäßlichkeiten seiner Mamsellen.

Der Bürgermeister sah bekümmert und nachdenklich aus.

»Ja, ich brauche wohl nicht zu fragen, ob Sie es gehört haben, mein guter Windberg?« sagte er.

Auch des Bäckermeisters Blick war finster.

»Eine unangenehme Sache für die Partei, Herr Bürgermeister.«

»Eine sehr unangenehme Sache, ja!«

»Durch dergleichen Sachen bekommt die Opposition Oberwasser!«

»Die Opposition, ja – ja, allerdings –«

Plötzlich blitzte ein leises Lächeln in den Augen des Bürgermeisters auf.

»Amüsant ist die Geschichte ja aber trotzdem«, sagte er. »Von der Seite gesehen!«

Sofort nahm Windbergs Butterteiggesicht denselben Ausdruck an.

»Ja, Herr Bürgermeister! Ich gäb' was drum, wenn ich den Redakteur gesehen hätte, als er aufwachte!«

»Ja, das wäre viel Geld wert gewesen! – Haben Sie etwas darüber gehört, Windberg, wie er nach Hause gekommen ist?«

»Es heißt, ein paar Schaffner hätten ihn getragen.«

Des Bürgermeisters Gesicht verfinsterte sich von neuem.

»Ja, ja! Es ist wirklich schade um diesen sonst so liebenswürdigen Mann!«

Auch Windberg empfand augenblicklich großen Kummer.

»Und ein Mann in seinem Alter!« sagte er beinahe mit Tränen in den Augen.

»Ja, ja, ja! – Haben Sie ihn heute gesehen?«

»Nein.«

»Er ist sicher ziemlich geknickt! Hi, hi, hi!«

»Ha, ha, ha! An die fünfzig Pfund hat er gewiß eingebüßt!«

»Ach nein! Dazu gehört wohl mehr! Hi, hi, hi!«

»Ha, ha, ha, ha, dazu gehört wohl mehr!«

»Ja, wenn er hätte von der Hauptstadt nach Hause gehen müssen!«

»Dann wäre wohl nicht viel mehr als die Hosen durch das Nonnentor eingezogen?«

»Hi, hi, hi! – Ein Glück, daß man noch lachen kann! Adieu, Herr Windberg! Hat mich gefreut, Sie begrüßen zu können!«

»Adieu, Herr Bürgermeister, adieu! Große Ehre!«


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