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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 31
Quellenangabe
pfad/wied/bosheit1/bosheit1.xml
typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
projectid47cdb47e
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Vierzehn lange Tage hatte der Klumpen nun an dem Bett seiner kranken Mutter gesessen. Keine Macht der Welt hätte ihn veranlaßt, das Krankenzimmer auch nur auf eine Stunde zu verlassen. Er versäumte die Schule und er vernachlässigte seine Kameraden. Und wäre eine reitende, silbergestickte Stafette von Sr. Kgl. Hoheit dem Kronprinzen selber gekommen, mit einer Einladung für den Klumpen zu einer Tasse Schokolade aufs Schloß – der Klumpen hätte sicherlich auf die Stafette, auf Se. Kgl. Hoheit und die Schokolade gepfiffen!

Unbeweglich saß er auf seinem Stuhl und starrte unverwandt das blasse Antlitz der Kranken an. Er fütterte sie, und er gab ihr zu trinken. Und an dem Tage, als Doktor Bister Erlaubnis erteilt hatte, daß ihr das Kleid ausgezogen wurde, hatte er ihm und der Krankenpflegerin eigenhändig bei dem Umkleiden geholfen. Der Levertin war das Betreten des ersten Stockwerks bei Todesstrafe verboten.

Friedrich hatte die Zähne zusammengebissen, und die Tränen waren ihm in die Augen getreten, als die Mutter mit entblößtem Oberkörper dasaß, damit der Doktor ihre Brust und ihren Rücken untersuchen konnte – diesen armen, verkrüppelten Rücken, auf dem »die Regimentskasse« jetzt, wo sie nackend war, wie der Brustknochen bei einem mageren und elendiglich kleinen Vogel hervortrat. Er spähte nach den Augen des Arztes und der Krankenpflegerin, und hätte er das geringste spöttische Aufblitzen darin erblickt, so würde er sich über diese beiden Menschen gestürzt und sie erdrosselt haben. Aber der Eskimo faßte sie so zart und sorgsam an, und die Pflegerin stand ihm so fürsorglich bei, daß der Klumpen ihnen gern in die Arme gestürzt wäre und laut geschluchzt hätte aus schüchterner Dankbarkeit.

Überhaupt hatte der dicke Friedrich, während er hier saß und seinen Schatz bewachte, den Eindruck erhalten, daß alle Leute in der ganzen Stadt so gut seien und so voller Verlangen, ihre Mitmenschen zu erfreuen und zu ermuntern. Kein Tag ging zu Ende, ohne daß sich nicht schleichende Schritte auf der Treppe hören ließen. Und wenn die Pflegerin dann hinausging, um nachzusehen, wer es sei, und den Zutritt zum Krankenzimmer zu verwehren, kehrte sie in der Regel zurück und meldete, da seien Blumen von Frau Lassen geschickt und ein kleiner Kuchen von Frau Heilbunth und ein paar Tauben von Frau Oppermann. Und bald war Oberlehrer Clausen dagewesen und hatte eingeguckt, um sich nach dem Befinden zu erkundigen, und bald waren Bäckermeister Windberg oder Holzhändler Rühle dagewesen. Selbst die Bürgermeisterin hatte geschickt und fragen lassen, wie es Frau Frandsen gehe. Und das taube Fräulein Rejersen, »des Bürgermeisters eigene Schwester«, war mit ihrem Waldhorn und einer kleinen Flasche Johannisbeersaft dagewesen.


Frau Frandsen lag bleich und kurzatmig im Bett und lächelte. Der Eskimo hatte ihr verboten, mehr zu sprechen, als ganz notwendig war. Und deswegen begnügte sie sich damit, zu lächeln und glücklich auszusehen.

»Ich liege hier ja wie eine Prinzessin. Herr Doktor!« sagte sie. »Alle Menschen sind so aufmerksam gegen mich.«

»Ja–a,« brummte der Doktor, »das sind sie immer, wenn man unschädlich ist!«

Der Klumpen saß auf seinem Stuhl. Seine verschiedenen Würste waren in diesen vierzehn Tagen eingeschrumpft. Und er sah verhältnismäßig mager und angegriffen aus.

Frau Frandsen nahm seine Hand und streichelte sie.

»Herr Doktor!« begann sie.

»Mund halten!« sagte Bister, »habe ich Ihnen nicht verboten, zu sprechen?«

»Ja, das haben Sie getan, aber –«

»Wollen Sie etwa einen neuen Anfall haben? War der erste vielleicht nicht genügend?«

»Gott bewahre!« sagte die kleine Frau ganz entsetzt.

»Wollen Sie dann gefälligst die Plappermühle stillstehen lassen?«

»Ja, aber ich muß Ihnen etwas sagen, was Friedrich betrifft.«

»Finden Sie nicht auch, Herr Doktor, daß er elend aussieht?«

Bister nahm ihn in Augenschein.

»Er sieht aus wie ein Kapaun«, sagte er.

»Meinen Sie aber nicht, daß er sich etwas Bewegung machen sollte? Einen Spaziergang machen?«

»Natürlich soll er gehen! Sitzt er den ganzen Tag hier und schlägt die Zeit tot?«

»Ja, das tut er! Er will ja nicht hinausgehen.«

»Raus mit dir, Junge!« polterte der Eskimo los, jetzt flüsterte er nicht mehr. »Bist du des Teufels? – Dreimal um die Stadt herum!«

»Mutter kann doch nicht – allein liegen!« flüsterte er mit verhaltenem Weinen.

»Er tut es nicht, Herr Doktor! – Mache jetzt einen Spaziergang, lieber Friedrich!«

»Hörst du denn nicht, daß deine Mutter nahe daran ist, sich einen Bruch anzuschreien!« sagte Bister. »Fort mit dir!« Und er zog den Jungen vom Stuhl und puffte ihn bis an die Tür.

Aber da blieb Friedrich stehen.

»Geh jetzt, lieber Fridy! Ich bitte dich doch so herzlich darum!«

»Na, wird es bald!« sagte Bister. »Oder soll ich etwa eine Feuerzange heiß machen?«

Der Klumpen warf einen verzweifelten Blick auf das Bett. Dann öffnete er die Tür ganz langsam und ganz wenig und scheuerte sich durch die Spalte. Aber er ging nicht weiter als bis in die Küche.

Dort stand er und horchte und wartete, bis der Doktor das Haus verlassen hatte und die Mutter eingeschlafen war.

Dann schlich er wieder auf seinen Wachposten zurück.

Und wenn dann die Kranke erwachte, erzählte er eine Menge Dinge, die ihm unterwegs begegnet waren, und brachte ihr einen ganzen Haufen Grüße von freundlichen Menschen, die ihn angehalten und sich nach ihrem Befinden erkundigt hatten.

Die Stadt war in Aufregung. Es hatte sich ein wirkliches Ereignis zugetragen. Nämlich die folgende Geschichte:

Der alte Redakteur Heilbunth hatte eine »Geschäftsreise« nach der Hauptstadt gemacht, – die Gänsefüßchen stammten von der »leibhaftigen Bosheit« – und wollte mit dem letzten Zug zurückkehren. Und die Uhr wurde 11.35, und der Zug kam und hielt und fuhr weiter. Aber es war kein Redakteur da. Daheim in ihrer Wohnung saß Frau Heilbunth und wartete bis ein Viertel über zwölf mit Tee und Kaffeebrot. Dann aber fühlte sie sich beleidigt und ging zu Bett. Noch immer kein Redakteur. Die verlassene Gattin versuchte zu schlafen. Aber jedesmal, wenn die Bornholmer Uhr draußen auf dem Vorplatz mit ihren scharfen Schlägen die Stunde verkündete, erwachte sie und lugte nach dem benachbarten Bett hinüber. Kein Ehemann war da! Und die Uhr schlug zwei, sie schlug drei, vier und fünf! – Endlich gegen sechs Uhr hörte die ihren Leander den Schlüssel in die Haustür stecken. Und nach einer kleinen Weile betrat er das eheliche Schlafgemach.

Frau Heilbunth erhob sich in ihrer ganzen Größe.

»Mein Gott, Heilbunth, wie ich mich geängstigt habe!«

»Hm!« sagte Heilbunth und setzte sich auf einen Stuhl. Er war ungewöhnlich rot im Gesicht und keuchte stark.

»Aber wo bist du denn nur gewesen, Heilbunth?«

»In Kopenhagen, Mutter, das weißt du ja recht gut!«

»Ja, bist du denn aber nicht mit dem Zuge nach Hause gekommen?«

»Ja–a, natürlich, hi, hi, hi!« kicherte der Redakteur. »Glaubst du etwa, daß ich hierher gegangen bin?«

»Aber jetzt ist es doch Morgen, Heilbunth! Die Uhr ist sechs! Und der letzte Zug kommt ja um halb zwölf Uhr!«

»Ja – Hü, hü, ho! Hü, hü, ho! Hohohohu, hi!« pfiff der Redakteur.

»Wo bist du denn so lange gewesen?«

»Hüo – hüo – huit! Das bekommst du noch früh genug zu wissen, liebe Trine!«

»Aber Heilbunth! Bist du denn betrunken?«

Der Redakteur lag hintenübergelehnt auf dem Stuhl, der unter den Bewegungen seines Fleisches knarrte, und lachte aus vollem Halse.

»Betrunken?« sagte er. »Keine Spur, du liebe Gluckhenne!«

»Weswegen lachst du denn so?« An dem ehelichen Himmel zog ein Gewitter auf.

»Hi, hi, hi!« gluckste Heilbunth, »das ist eine verteufelte Geschichte! Wenn der liberale Petersen dahinterkommt, bin ich in einem Jahre fertig! – Ich bin ausrangiert, Trine!«

»Was bist du?«

» Ausrangiert, sage ich dir!«

»Ausrangiert – ?«

»Ja! Ha, ha, ha! Sie haben mich auf ein Seitengeleise gestellt!«

Frau Heilbunth starrte ihn verständnislos an.

»Du bist doch betrunken, Heilbunth!« sagte sie mit Nachdruck.

»Weiß Gott, ich bin ganz nüchtern, Trine! Ich bin nicht betrunkener als der Rücken meiner Buchdruckerhand!«

»Aber was für Reden führst du denn?«

»Ja–a – hu–ü, hohohohu, huit! Aber eine verdammte Geschichte ist es darum doch, Trine! Denn, weißt du, Assistent Jörgensen hat mir ja versprochen, reinen Mund zu halten! Aber den Teufel tut er das! Ich tät's auch nicht an seiner Stelle. – Ha, ha, ha! Du hast keinen Begriff davon, Mutter, wie der Mensch lachen kann! Weiß Gott, ich glaubte, er bekäme Krämpfe, als er mich da stehen und das Fenster gerade vor einer Gaslaterne herablassen sah. – Auf dem leeren Platz, auf dem leeren Platz –«

»Geh zu Bett, Heilbunth!« sagte die Gattin in strengem Ton. »Du sitzest ja da und redest Blödsinn!«

»Ja«, sagte der Redakteur gehorsam und fing an, sich auszuziehen. »Das ist ja wahr, Mutter, ich soll dich vielmals von Svendsens grüßen!« »Da bist du also doch gewesen!« Frau Heilbunth hatte sich demonstrativ in Schlafposition gelegt und das Oberbett bis unter das Kinn hinaufgezogen.

»Ob ich dagewesen bin! Mein Gott, da bin ich natürlich gewesen! Wir haben einen ungewöhnlich flotten L'hombre gespielt. Kapitän Regenwurm war da –«

»Regenstein!« verbesserte Frau Heilbunth.

»Ein ungewöhnlich tüchtiger Mann! Und dann brachten sie mich alle an die Bahn –«

»Das ist gewiß sehr notwendig gewesen, Heilbunth!«

»Was sagst du, altes Zuckerhuhn! Ich finde, du liegst da so sonderbar und murrst vor dich hin! – Ja, und dann sagten sie, ich sollte doch erster Klasse fahren – Regenwurm, dieser Hund, machte den Vorschlag, ha, ha, ha! Denn, weißt du, wenn noch andere Leute im Abteil gewesen wären, so wäre es ja niemals geschehen! Aber ich schlief ja sofort ein, und da merkte ich nichts. Das kannst du wohl doch verstehen? Und dann kommen diese Menschen und rangieren mich aus. Ha, ha, ha! Das ist die beste Geschichte, die ich jemals gehört habe! Aber ich gebe gern hundert Kronen aus, wenn sie einem andern passiert wäre! Und erst um halb sechs Uhr wache ich auf! Und da lag ich da! Ha, ha ha! Zuerst konnte ich mich auf nichts besinnen! Auf rein gar nichts! Anfangs glaubte ich ja, du hättest mich aus die Chaiselongue verbannt!« Er war an das Bett seiner Frau getreten und stand nun da und sah sie verliebt an. »Was meinst du dazu, liebe Trine, – auf die Chaiselongue, – ich glaubte, meine kleine Mutter hätte mich auf die Chaiselongue verbannt, weil ich einen gar zu flotten L'hombre gespielt hätte, – mein kleines Lamm hätte mich auf die Chaiselongue verbannt. – Kille-Kille-Kille!«

Die beleidigte Gattin fuhr in die Höhe: »Heilbunth!«

Der Redakteur hatte plötzlich einen Ausfall gegen seine bessere Hälfte gemacht und versucht, sie zu kitzeln.

»Heilbunth!«

»Ja!« sagte der Verbrecher und stand stramm.

»Geh auf die andere Seite und leg' dich schlafen!«

»Ja, aber –«

»Geh auf die andere Seite und leg' dich schlafen! In dein eigenes Bett, hörst du!«

»Ja – aber heute ist doch Mittwoch, liebe Trine, und das ist doch mein Tag –«

»Geh hin und leg' dich in dein eigenes Bett, hörst du!«

»Ja, ja!«

»Und kein Wort mehr davon!«

»Nein, – aber einen kleinen Gutenachtkuß, Trine, nicht wahr? Einen kleinen Gutenachtkuß!«

»Heilbunth!«

»Ja, ich gehe ja schon! Ich gehe ja schon!«

Trine legte sich majestätisch in ihr Bett zurück und wandte dem Feind den Rücken zu, indem sie das Federbett fürsorglich bis an die Augen hinaufzog.

Und zehn Minuten später krachte das benachbarte Lager unter dem Gewicht von 315 Pfund ziemlich enttäuschten Redakteurfleisches.


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