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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 30
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
projectid47cdb47e
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Nach dem Essen gab es noch eine Tasse Abschiedskaffee.

Der Onkel und Manuel saßen auf dem Sofa und pafften jeder an seiner Zigarre. Und die Damen rasselten eifrig mit ihren Strickstrümpfen in der halbdunklen Fensterecke.

Es wurde nicht viel gesprochen. Denn die Gans lag schwer im Magen. Und jeder hatte ja auch seine eigenen Gedanken, die ihn beschäftigten.

Von Zeit zu Zeit warf Thomsen einen verstohlenen Blick zu der Kusine hinüber. Und wenn es sich dann so traf, daß sich ihre Augen begegneten, versank Wulfdine spornstreichs drei Ellen in den Erdboden.

Die Uhr schlug sieben.

»Ja, dann mach dich nur fertig, Dine!« sagte der Küster.

Dine fuhr auf wie der Teufel aus dem Kasten.

Und man nahm Abschied und bedankte sich für den angenehm verlebten Tag.


»Ja, man sieht bald einmal bei euch vor«, sagte Manuel, als er den Gästen im Hofe des Kaufmanns auf den Wagen geholfen hatte.

»Ach ja, ach ja!« nickte der Küster zurück, »du bist stets willkommen, Schwestersohn! – Na, denn hü! Vorwärts, Lotte!« Und dann rollten sie davon.


Die kleine Mutter des »Klumpen« war krank.

Eines Vormittags vor ungefähr vierzehn Tagen war Madam Levertin, die Näherin, die das Erdgeschoß unter Frau Frandsens Wohnung bewohnte, mit kreideweißem Gesicht in die Schule gestürzt und hatte gesagt, Friedrich müsse nach Hause kommen, seine Mutter habe einen Blutsturz gehabt und liege in den letzten Zügen.

Zufälligerweise war die Madam gerade in die Klasse hineingeplatzt, in der Friedrich – infolge des Schwerkraftgesetzes – den Platz als Ultimus einnahm. Und kaum hatte der Knabe ihre atemlose Mitteilung vernommen, als er sich auch schon von der Bank erhob, Bücher und Butterbrotdose liegen ließ und mit dunkelrotem Kopf und verhaltenem Weinen sagte:

»Ich gehe nach Hause, Herr Lauersen!«

Und Herr Lauersen ließ ihn gehen, ohne ein Wort zu sagen. Hätte er die geringste Miene gemacht, einen Einwand zu erheben, so wäre Friedrich auch sicher im selben Augenblick über seine Leiche hinweggeschritten.

Draußen auf dem Gang riß der Klumpen seine Mütze vom Riegel, stieß Madam Levertin beiseite und stürzte davon.

Den Kopf hielt er vornübergebeugt wie ein Tier, das auf einen Angriff gefaßt ist; so eilte er durch die Straßen. Und das Pflaster knirschte unter seinen Schritten. Er stöhnte unter dem Gewicht seines Fleisches, und er war taub und blind für alles, was um ihn her vor sich ging. Er dachte nur an das eine: Ich muß nach Hause und Mutter helfen! Ich muß nach Hause und Mutter helfen! Und alles, was ihm an lebenden Wesen in den Weg kam, mähte er mit seinen Armen weg.

Daheim in dem kleinen Schlafstübchen lag die Witwe Frandsen bleich und bewußtlos im Bett. Mitten auf dem weißgescheuerten, reinlichen Fußboden stand eine Blutlache. Und der Kreisarzt Dr. Bister war am Fenster mit einem Glas und einer kleinen Flasche beschäftigt.

Der Klumpen stürzte in das Zimmer hinein. Die Augen standen ihm starr in den Höhlen, und seine Brust pfiff wie ein Blasebalg.

»Mutter!« sagte er. »Mutter, süße Mutter!«

Der Eskimo wandte sich um.

»Stille, Junge!«

»Mutter, Mutter, Mutter!« jammerte Friedrich leiser.

Dr. Bister hielt das Glas in der einen Hand, und mit der anderen packte er den Knaben hart bei der Schulter.

»Setze dich auf den Stuhl da und halte deinen Mund. Ich hab' dem verdammten Weib doch gesagt, daß sie dich in der Schule lassen solle! – Setz' dich! Und daß du dich nicht rührst!«

Der Klumpen starrte den Arzt blödsinnig an. Aber er gehorchte.

Der Doktor trat an das Bett und beugte sich über die Kranke.

»Gieße ein wenig Wasser in die Waschschüssel da. Und nimm einen Schwamm!«

Der Knabe gehorchte.

»Komm damit hierher! Aber trample nicht so! Zieh die Schuhe aus!«

Der Klumpen zog leise die Zugschuhe aus und schlich an die Seite des Arztes.

»Mutter!« jammerte er von neuem, »süße Mutter!«

»Still! Oder ich schmeiße dich zur Tür hinaus.«

Der Knabe biß die Zähne aufeinander. Aber die Tränen liefen ihm an den Wangen herab, und die Waschschüssel zitterte in seiner Hand.

Das kleine, blasse Gesicht auf dem Kissen vor ihm rührte sich nicht. Die Augen waren fest geschlossen und das Kinn und der Mund waren mit Blut bespritzt. Ihre Augenlider fingen an zu beben, und sie atmete tief auf. Die Finger tasteten suchend umher, Und plötzlich starrte sie mit weitgeöffneten Augen vor sich hin und wollte sich erheben.

»Nein, ganz ruhig!« sagte der Arzt schnell. »Sie dürfen sich nicht rühren.«

»Ich bin wohl – krank gewesen –«

»Ja, aber jetzt ist es überstanden. Sie müssen nur ganz stilliegen.«

Sie schloß die Augen wieder.

»Ich bin so müde!«

»Ja, liegen Sie nur ganz still. – Bleibe du, wo du bist!« Diese Worte waren an Friedrich gerichtet, der das Waschbecken schnell hingesetzt hatte und an das Bett zurückeilte. »Deine Mutter muß Ruhe haben. Setze dich hin!«

Der Klumpen setzte sich. Aber die Muskeln um seinen Mund zitterten, und nur mit der größten Kraftanstrengung hielt er das Weinen zurück.

»Kein Geplärre!« sagte der Kreisarzt in milderem Ton. – »Wenn du ein tapferer Junge bist, so werde ich deine Mutter bald wieder gesund machen!«

Madam Levertin hatte lange unbeweglich wie eine Bildsäule an der Tür gestanden. Sie hatte einen grenzenlosen Respekt vor dem Eskimo Dr. Bister. Sie wußte, daß sie seinem Befehl zuwidergehandelt hatte, indem sie den Klumpen aus der Schule holte. Und sie war zähneklappernd auf ein Donnerwetter gefaßt.

Und der Doktor hatte ihr aufgelauert, seit sie das Zimmer betreten, während er sich den Anschein gab, als sei sie Luft für ihn. Plötzlich aber drehte er sich nach ihr um und sagte:

»Was steht Sie da und glotzt die Wand an!«

Die Madam zuckte vor Entsetzen zusammen.

»Waschen Sie das Blut auf!« kommandierte der Eskimo.

Und zwei Minuten später lag die Levertin auf den Knien, eine Bütte mit Wasser vor sich, und schrubbte aus Leibeskräften drauflos.

Der Arzt trat an das Bett.

»Komm hierher, Junge!«

Der Klumpen stand da.

»Kannst du sehen, wie deine Mutter liegt?«

»Ja, Ja–a!«

»Laß das Geplärre! – So soll sie liegenbleiben, verstehst du! Sie darf keinen Finger rühren, ehe ich es ihr erlaube. Verstehst du? Ist dir die Sache klar?«

»Ja –«

»Und sobald sie die Augen aufschlägt, sagst du es ihr. Verstanden?«

»Ja!«

»Ich kann mich wohl auf dich verlassen? Du hast deine Mutter doch lieb?«

»Ja, lieb hat er sie!« beteuerte Madam Levertin.

»Kümmern Sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten!« Die Madam tauchte unter wie eine Krickente. »Und wenn deine Mutter etwas zu trinken haben will, so halt ihr dies Glas an den Mund. Sie darf den Kopf nicht vom Kissen erheben. Vergiß das nicht!«

»Nein!«

»Soll Frau Frandsen nicht ausgezogen und ordentlich zu Bett gebracht werden?« fragte die Levertin wütend. Und hätte er sie bei lebendigem Leibe geschunden und dann langsam geröstet, so hätte sie nicht an sich halten können.

Der Doktor sprang auf sie zu.

»Sind Sie verrückt?« sagte er.

Er sprach die ganze Zeit in einem heiseren Flüsterton, aber das machte ihn nur noch schreckeinflößender. »Sind Sie eine Mörderin? Wollen Sie absolut ins Zuchthaus! Haben Sie denn nicht gehört, daß ich sagte, sie dürfe keinen Finger rühren! Wie?«

»Ja – ja –« stammelte die Madam und rang in ihrer Verzweiflung das Scheuertuch so kräftig, daß es krumm und trocken wurde wie der Zweig einer hundertjährigen Eiche. »Ja – aber –«

»Halten Sie den Mund! Warum haben Sie sich Ihr Maulwerk nicht selber zusammengenäht! Das wäre der Menschheit dienlicher gewesen, als daß Sie den Frauenzimmern, die ebenso verrückt sind wie Sie, Kleider und Unterröcke prühnen.«

»Aber, Herr Doktor!«

»Raus mit Ihnen! Nun, wird es bald!«

Und die Levertin kroch beinahe mit Bütte und Scheuertuch zur Tür hinaus.

Der Distriktsarzt holte einen Stuhl und setzte ihn vor das Bett.

»Sehe du dich dahin!« sagte er.

Der Klumpen setzte sich.

»Und daß du dich nicht rührst! In einer halben Stunde bin ich wieder hier. Hast du verstanden?«

Dr. Bister zog seinen Rock, Gamaschen und Müffchen aus Klappmützenfell an und ging auf die Tür zu.

Plötzlich wandte er sich um, ging zurück und strich dem fetten Friedrich über das Haar.

»Du bist ein prächtiger Junge! Deine Mutter wird schon wieder gesund werden.«

»Danke –« sagte der Klumpen, und die Tränen liefen ihm an den Wangen herab.

Und dann ging Dr. Bister.

Aber eine Sekunde später steckte er den Kopf wieder zur Tür herein.

»Junge!«

»Ja –«

»Wie heißt du, Junge?«

»Friedrich!«

»Nun ja – wenn dieser Maulaffe da draußen,« er zeigte verächtlich mit nach hinten gebogenem Daumen auf die Tür, die zur Küche führte, »wenn sie ein Wort spricht, so schlag sie nieder! Ich nehme es auf mich! Adieu!«


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