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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 29
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Draußen in der Küche war die Gans aus dem Tiegel genommen und lag nun prasselnd und dampfend auf der Schüssel. Sie war tadellos gebraten: knusprig, hellbraun und glänzend.

Und Wulfdine hatte dabei am Steuer gestanden. Madam Thomsen wollte sie examinieren, denn Madam Thomsen hatte ja ebenfalls ihre Gedanken. Und wenn man eine Gans so braten konnte, daß sie »einfarbig« wurde, und noch dazu in einem Tiegel, so war es völlig ausgeschlossen, daß man den einfacheren Speisen nicht gewachsen war.

»Dann trag die Gans nur hinein, liebe Dine, und sage, daß angerichtet ist!«

Dine trug die Schüssel hinein und stellte sie auf das weiße Tischtuch mitten unter die Hängelampe.

»Und sage, daß angerichtet ist!« wiederholte Mutter Karen von der Küche her. – »Jetzt bringe ich die Kartoffeln.«

Wulfdine kicherte leise vor sich hin und wand sich wie ein Wurm. Dann machte sie ein Paar Schritte auf die Tür zu, die nach dem »Wohnzimmer« führte. Dort aber blieb sie mit dunkelrotem Kopf stehen und klappte zusammen.

»Du bist doch ein schnurriges Frauenzimmer«, schalt die Madam. »So sag' doch, daß angerichtet ist!«

»Hihihi!« ertönte es irgendwo aus dem Innern des Mädchens, und sie versank zweimal in den Erdboden. »Willst du es nicht lieber tun, Tante? Ich kann mich wirklich nicht dazu entschließen.«

»Kleine Närrin!« sagte Mutter Karen und klopfte sie nachdrücklich auf den Rücken. »Glaubst du etwa, daß Manuel dich auffrißt?« – Dann öffnete sie selber die Tür und sagte: »Angerichtet!«

Man ging zu Tische.

Der Küster saß auf dem Sofa und die andern jeder an einer Seite des Tisches.

Manuel legte vor, und alle starrten mit entzückten Augen auf die fetten Scheiben, die unter seinem Messer fielen.

»Pflaumen, Onkel?« fragte Thomsen, indem er das dampfende Füllsel mit einem großen Eßlöffel aus der Gans herausschaufelte.

»Ach ja, ach ja!« sagte der Onkel. »Und einige Äpfel!«

Der Wirt füllte fünf bis sechs Löffel voll auf seinen Teller.

»Und du, Mutter?«

»Danke, danke, lieber Manuel, ich kann ja sehr gut selber für mich sorgen.

Wulfdine saß da und hantierte einen Flügel zwischen Messer und Gabel. Sie konnte das Gelenk nicht finden. Ihr Teller schaukelte wie bei Seegang unter ihren Bestrebungen.

»Gib Dine doch ein Stück Brust, Manuel,« sagte Madam Thomsen, »sie quält sich da mit dem trocknen Flügel ab.«

Aller Augen wandten sich dem jungen Mädchen zu. Und im selben Moment segelten Teller, Gänseflügel, Soße und Kartoffeln vom Tisch herab.

»Aber Dine!« sagte der Küster. »Was fehlt dir nur einmal!«

Dine versank in den Erdboden.

»Ihr braucht mich doch nicht alle so anzusehen!« schluchzte sie. »Mir ist, als wenn ich Krämpfe in den Fingern bekäme.«

»Laß nur, liebe Wulfdine,« tröstete Emanuel sie. »Laß nur!«

Und er sammelte den heruntergefallenen Flügel auf und legte ein Stück schieres Gänsefleisch auf ihren Teller.

»So, jetzt laßt sie nur ein wenig unbeachtet!« sagte er.

Man aß eine Weile schweigend. Dann sagte Madam Thomsen plötzlich:

»Dine hat die Gans gebraten, Manuel!«

»Ach ja, ach ja!« nickte der Küster. »Tüchtig in Küche und Keller ist sie! Ich bin ihr leiblicher Vater, aber –«

»Wer die nimmt, der wird nicht angeführt«, ergänzte Mutter Karen.

Die Jungen saßen eine Weile schweigend da und starrten auf ihre Speisen.

»Es ist ja noch Zeit genug, darüber zu sprechen, Mutter Karen und Onkel Jakob«, sagte Manuel dann.

»Freilich, freilich –«

»Du weißt ja, wie es um sie steht, Manuel.«

»Ja, das weiß man, Mutter.«

»Ja, sie läuft dir nicht weg, Schwestersohn«, sagte der Küster.

»Nein, die bleibt dir,« sagte Karen, »sie hat ja, seit sie ein Kind war, daran gelitten.«

Manuel schüttelte ungeduldig den Kopf.

»Wollen wir jetzt essen?« fragte er plötzlich. Messer und Gabeln waren während dieser Verhandlungen auf die Teller herabgesunken. – »Soll man dir noch ein Stück abschneiden, Onkel?«

»Ach ja, ach ja!« sagte der Onkel. »Ich sage nicht nein!«

Und dann aßen sie.

Ohne die geringste Rücksicht auf das Zentrum des Themas zu nehmen, hatten sie diese – wenn man sich so ausdrücken darf – Herzensangelegenheit besprochen. Es kümmerte sie wenig, daß Wulfdine mitten unter ihnen saß. Sie behandelten die Sache, als sei die Rede von einer Kuh oder einer stummen Truhe. Und die Heldin selber saß scheinbar taub und blind da und ließ sich wägen, messen und bereden. Kein Gedanke in ihr empörte sich darüber, daß man sie so ausbot und taxierte, kein Blutstropfen geriet in Wallung. Nur im innersten Innern ihres kleinen demütigen Herzens zitterte sie in Angst und Beben, daß Vetter Manuel, die Sonne ihrer Augen, der Palmenbaum ihrer Sehnsucht, sie verschmähen und zu leicht befinden könne. Denn dann würde es für sie ja keine Freude und kein Pläsier hier auf Erden mehr geben! Und auf der andern Seite: Wenn er nun geneigt war und sie haben wollte –

»Ach!« Wulfdine war einer Ohnmacht nahe und es wurde ihr schwarz vor den Augen.


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