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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 28
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
projectid47cdb47e
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Es war am zehnten November, am Martinsabend.

Thomsen war vor acht Tagen bei einem Hofbesitzer in Grästed gewesen, um einen Zuchtbullen zu besehen. Und gleichzeitig hatte er Onkel Jakob einen Besuch abgestattet und ihn und Wulfdine auf eine Martinsgans eingeladen.

Manuel und der Küster saßen draußen in dem ehemaligen Laden, der jetzt den Namen Wohnstube erhalten hatte. Die Frauen waren mit dem Decken des Tisches im Hinterzimmer beschäftigt. Und in einem Tiegel auf dem Herd in der Küche prasselte die Gans. Äpfel und Zwetschen füllten ihren Magen, und das ganze Haus war mit dem lieblichen Duft erfüllt.

Es war erst fünf Uhr, aber man wollte schon zu Abend essen. Die Gäste hatten einen langen Heimweg.

Onkel Jakob sprach nicht viel. Er hatte jetzt an die fünfundzwanzig Jahre seine Stimme in der Kirche und der Schule verschlissen, deswegen ging er außerhalb des Dienstes gern sparsam damit um.

Er glich seiner Schwester nicht. Höchstens in bezug auf die sanften, blaugrauen Augen. Im übrigen war er lang und knochig und hatte eine matte, fahle Gesichtsfarbe. Das stark ins Graue spielende Nackenhaar lag in einem zierlichen Bogen über dem kahlen Scheitel. Und dann hatte er einen Hackmesserbart, das heißt, von dem einen Ohr bis zu dem andern ging ein schmaler Streifen struppiger Haare an den Wangen entlang bis unter das Kinn. Und so schmal und beinahe messerscharf erschien diese Bartzier, daß, wenn ihn jemand bei den Ohren genommen und seinen Kopf über einem Küchentisch hin und her gegängelt hätte, man ihn sehr wohl zum Hacken von grünem Kohl hätte verwenden können.

Sie sprachen von dem großen Thomsenschen Ereignis.

»Ja,« sagte Manuel, »und dann geschah es, daß man die Tiere auf den Hof hinausbrachte, und drei Tage später war Gott mit seiner Gnade da!«

»Ach ja, ach ja!« nickte der Küster – »Und nun willst du den Mühlenhof zurückkaufen?«

»Man hat ja an nichts weiter gedacht, Onkel, seit man davon verjagt wurde.«

»Ach ja, ach ja! Das ist ja auch alles ganz schön!« »Du sollst sehen, was für ein Besitz das wird!« sagte Thomsen mit strahlenden Augen, »genau so wie zu Großvaters Zeiten.«

»Ach ja, der Hof hat es auch sehr nötig!«

»Der Garten soll umgegraben und der See gereinigt werden, und dann setzt man neue Türen und Fenster ein!«

»Aber dazu gehört Geld, Manuel!«

»Das hat man«, lachte Thummelumsen und schlug sich auf die Tasche. Dann wurde er plötzlich ernsthaft und fügte hinzu: »Gott der Herr hat ja in reichem Maße seinen Segen über einen ausgegossen, Onkel Jakob!«

»Aber die Landwirtschaft?« fragte der Küster, der ja seit fünfundzwanzig Jahren mit dem lieben Gott auf du und du gestanden hatte, sowohl an Sonn- und Fest- wie auch an Wochentagen, und der ihn deswegen ziemlich mit Ruhe hinnahm. »Wie denkst du über die Landwirtschaft?«

»Man nimmt sich einen Knecht, einen tüchtigen Großknecht! Und Mortensen besorgt die Mühle. Und Mutter und man selber besorgt das Haus und den Garten. Es wird schon gehen!«

»Ach ja, ach ja! Aber Karen ist ja alt!« bemerkte der Küster, und seine Augen wandten sich langsam dem Neffen zu.

»Karen ist ein Prachtkerl!« sagte Manuel ausgelassen.

»Ach ja, ach ja –«

»Und man könnte ja am Ende auch auf den Einfall kommen, sich zu verheiraten, Onkel, jetzt, wo man die Butter zum Brot hat.«

»Ja–a!« Die Augen des Alten wurden aufmerksam.

»Wenn Gott der Herr einem die dazu passende Frau zuführen wollte.«

»Die rechte Frau ist schwer zu finden, Manuel!«

»Mit Gottes Hilfe, Onkel! Er hat einem bis dato beigestanden.«

»Ach ja, ach ja! – Hast du dich vielleicht schon umgesehen?«

»Hm!« Thomsen errötete.

»Vielleicht eine von den Töchtern dieser Stadt?«

»Nein!« sagte Manuel sehr bestimmt, »eine Stadtdirne nimmt man nicht!«

Der Küster seufzte erleichtert auf.

»Ach ja, ach ja! Die Frau gedeiht am besten auf den weiten Feldern«, nickte er. Er hatte schon lange Wulfdines Neigung entdeckt. Und jetzt, wo der Schwestersohn sich »aufgebessert« hatte, würde der Alte nichts dagegen haben, daß die Sache in Ordnung kam.

Auch Manuel hatte schon an die Kusine gedacht. Nicht, daß irgendeine Art von Liebe in seinem Herzen keimte, nein, aber er hatte gesehen, wie sie in der Schullehrerwohnung in Grästedt still und gehorsam waltete und die Stuben in Ordnung hielt, das Kleinvieh besorgte, Essen kochte und mit aufmerksamen Augen auf den leisesten Wink des Vaters achtete. Kurz, er hatte gefunden, daß sie eine Frau nach seinem Sinn war. Und dann hatte sich ja Onkel Jakob auch ein wenig zurückgelegt, und Wulfdine war das einzige Kind. – Aber wie gesagt, den Weg zu des kleinen Thomsen Herzen hatte sie noch nicht gefunden.

»Es gibt so viele traurige Ehen, Onkel Jakob«, sagte er nach einer Pause.

»Ach ja, ach ja!«

»Ja–a! man hat ja so allerlei gesehen!«

»Der Mann soll das Haupt der Familie sein!«

»Ja, natürlich! Aber man soll doch auch Liebe zueinander empfinden!«

»Die Liebe kommt bei dem engeren Zusammenleben, Manuel!«

»Nicht immer, Onkel!«

»Ach ja, ach ja! Nicht immer!« nickte der Küster und kratzte sich philosophisch an der linken Seite des Hackmessers.


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