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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 26
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
projectid47cdb47e
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Als sie um die Ecke gebogen und in die Südstraße gekommen waren, streckte Esau die Arme in die Luft und sagte:

»Puh! Das schafft Luft!«

»Was hat dir der Hund eigentlich getan?«

»Getan hat er mir eigentlich nichts.«

»Hat er dich gebissen?«

»Nein!«

»Ja – aber –«

»Ach, ich hatte das Bedürfnis, mich zu rühren. Und dann hat er so eine niederträchtige Physiognomie!«

»Ja, das ist aber doch –«

»Hast du etwa nicht zuweilen Lust, auf irgend etwas loszudreschen?«

»Nein, niemals!« sagte der Oberlehrer sehr bestimmt.

»Es muß wohl etwas Lebendiges sein. Wie?«

»Nein, niemals!« wiederholte Clausen.

»Niemals!«

»Nun ja, du hast dich auch wohl in deinem Beruf ausgeprügelt! – Gehst du nach Hause?«

»Wie beliebt?«

»Ob du jetzt nach Hause gehst?«

»Ja –«

»Hast du etwas dagegen, wenn ich mitgehe?«

»Nei–n!« sagt« der Oberlehrer überrascht. »Es soll mir ein Vergnügen sein!« sagte er, aber es ging ihm ein Stich durchs Herz, denn nun war die Stunde der Abrechnung wohl gekommen. Und er war waffenlos. Sein Gewissen war befleckt.

»Ich möchte nämlich deine Blumen gern einmal sehen.«

»Es soll mir ein Vergnügen sein, lieber Knagsted!«

Sie gingen schweigend weiter. Und es war wie gewöhnlich fast menschenleer in den Straßen.


Oberlehrer Clausen wohnte im ersten Stockwerk eines kleinen, alten Fachwerkhauses am Fuße des Kirchenhügels.

Vor der Haustür standen zwei breite Sandsteinbänke mit hoher, verschnörkelter Rücklehne aus gleichem Material. Die Bänke gingen lotrecht von der Hausmauer aus und bildeten gleichsam einen kleinen Vorhof, der von zwei großen, breitkronigen Linden beschattet war. Jetzt waren die Bäume ja kahl und entblättert, im Sommer aber war dies ein kühles, schattiges Plätzchen.

Der Zöllner blieb auf der Fahrstraße stehen. Und als hätte er das Haus bisher noch nie beachtet, sagte er:

»Hier wohnst du ja sehr gemütlich.«

»Ja, nicht wahr!« nickte der Oberlehrer erfreut. »Und sieh nur die Haustür!«

Sie war niedrig und breit, mit Schnitzereien auf den Füllungen und großen schmiedeeisernen Hängseln.

»Ja, die ist sehr schön!«

Clausen wurde ganz eifrig.

»Das Haus ist im Jahre 1776 erbaut.« erklärte er. »das steht da oben über der Tür.«

»Ja, ja!«

»Kannst du sehen, was da fehlt?«

»Fehlt – ? Nein!«

»Ha, ha, ha! Kannst du denn nicht sehen, daß in dem Anno ein N fehlt?«

»Wird das mit zwei N geschrieben?«

»Ha, ha, ha! Ja! Allerdings! Weißt du denn das nicht?«

»Nein! Ist es Latein?«

»Ja, lieber Freund, weißt du denn nicht –«

»Nein; mit Latein bin ich nie in Berührung gekommen.«

»Das ist ja auch wahr! – Aber du kannst mir glauben, daß der Mann, der das Haus gebaut hat. trotzdem sehr stolz auf sein Werk gewesen ist«, fuhr der Oberlehrer vergnügt und redselig fort. – »Und hier auf den Bänken hat er mit seinen Nachbarn des Abends bei Bier und Pfeife gesessen!«

Clausens Gesicht strahlte.

»Ich habe eine große Vorliebe für alles Alte!« sagte er. – »Aber komm jetzt mit mir hinauf, da ist es auch amüsant!«

Sie betraten eine ziemlich große, mit roten Ziegelsteinen gepflasterte Diele. Die Balkendecke war weiß gestrichen und der ganze Raum blau tapeziert. Und an jeder Seite befand sich eine niedrige, weiß gestrichene Tür mit gelbem Messingschloß.

Eine schmale, steile Treppe führte in das erste Stockwerk hinauf.

»Diesen Weg,« sagte Clausen eifrig, »diesen Weg!« Knagsted fing an zu steigen.

»Sie ist ziemlich lotrecht!« sagte er.

»Ja, aber das ist gerade das Schöne!«

»Hm, ja –«

Ganz oben lief ein Geländer links um die Treppenöffnung herum, wodurch gleichsam ein schmaler Balkon an allen Wänden entlang gebildet wurde.

»Zwei Zimmer rechts und zwei links«, erklärte Clausen. »So, ich will dir behilflich sein!«

Und geschäftig griff er nach dem Hut und dem Stock des Zöllners und half ihm aus dem Überrock.

»Ist das nicht ein herrlicher solider Riegel?« fragte er und hängte den Rock an. »Bitte schön!« Und damit öffnete er die Tür zur Linken. »Ich komme gleich! Ich will nur nachsehen, ob die Aufwärterin weggegangen ist.«

Knagsted trat ein.

»Das ist meine Wohnstube!« stellte der beglückte Pädagog vor. – »Und dahinter liegt das Schlafzimmer. Und drüben auf der anderen Seite ist das Eßzimmer und die Küche.«

Er blieb stehen, um Esaus Ausrufe der Bewunderung zu hören. Als er aber eine Weile vergebens gewartet hatte, sagte er selber:

»Findest du nicht, daß dies ein nettes Zimmer ist?«

»Großartig! Und da haben wir ja die Treibhäuser!«

»Ja, ha, ha, ha!« lachte der Oberlehrer seelenvergnügt, »du kannst hingehen und sie dir ansehen.«

»Ja, wenn du erlaubst!«

Knagsted stand mitten im Zimmer und sah sich um.

Auch hier war eine weiß gestrichene Balkendecke und eine altmodische geblümte Tapete. Und die eine ganze Wand bedeckte ein mit Büchern angefülltes Bord. Das Mobiliar bestand aus dunkelpolierten Empiremöbeln, mit Birnbaum eingelegt. Und ringsumher an den Wänden hingen alte Stahlstiche und Lithographien.

Vor den zwei niedrigen Fenstern mit den kleinen Scheiben standen die »Treibereien«: zwei große, grüngestrichene Blumentische voller Topfgewächse. Auch auf den Fensterbänken standen Blumen, und im Ofen flackerte ein lustiges Feuer.

»Nein, sie ist schon fort,« sagte Clausen und kam wieder herein. »Aber ich kann dir sehr gut selber eine Tasse Kaffee machen, wenn du Lust hast.«

»Nein, danke, ich gehe jetzt gleich nach Hause und frühstücke.«

»Aber eine Pfeife?«

»Ja, die nehme ich gern.«

»Meerschaum oder Porzellan?«

»Am liebsten so eine recht trockene Porzellanpfeife, wenn du die hast. – Aber hier sind ja gar keine?«

Der Oberlehrer lächelte verschmitzt; man konnte sehen, daß er einen großen Schelm hinterm Ohr hatte.

»Komm nur mit!« sagte er und öffnete die Tür zum Schlafzimmer. »Komm nur mit!«

Es war ganz wie das Zimmer eines jungen Mädchens, so zierlich und sauber bis in die kleinsten Winkel! Vor den Fenstern weiße Gardinen; ein Nachttisch mit weißen, spitzenverzierten Vorhängen und eine weiße, filierte Bettdecke über dem Himmelbett.

Esau blieb auf der Schwelle stehen.

»Wie kannst du eigentlich dazu kommen, dich jemals zu betrinken, Clausen?« fragte er, »bei so einem Zimmer!«

Der Oberlehrer sank buchstäblich in die Knie, so überrumpelte dieser Angriff ihn. Er hatte in seiner fröhlichen, gemütlichen Stimmung völlig vergessen, daß – und nun! Er errötete und stotterte und rang seine Stangenspargel, so daß sie beinahe aus den Gelenken gingen.

»Ja, lieber Freund.« sagte er, »bester Freund – ich – ich – es war sehr unrecht von mir, – ich – ich – du bist mir doch deswegen nicht böse? – Ich–«

Esau lachte: »Ach, wir haben einander nichts vorzuwerfen, lieber Ober-Clausen!«

»Ja – ja, – ich – Und ich habe auch schon immer zu dir auf das Zollgebäude kommen wollen – um dich um Entschuldigung zu bitten, aber –«

»Wollen wir uns jetzt nicht eine Pfeife anzünden?« fragte Knagsted.

»Du bist mir also nicht böse, lieber Freund?«

»Ich bin doch nicht verrückt!«

Der Oberlehrer ergriff seine Hand.

»Hab' Dank! – Es soll auch nie wieder vorkommen!«

Der Zöllner zog seine Hand zurück.

»Wollen wir uns denn jetzt nicht eine Pfeife anzünden?« wiederholte er. – »Du Lilienunschuld! – Aber hier sind ja auch keine!«

»Dann sprechen wir also nicht mehr darüber, Knagsted!«

»Nein! Aber die Pfeife. Mensch!«

»Hier, hier!« sagte Clausen und drehte seinen Gast mit dem Gesicht nach der Wohnstubenwand herum – »hier!«

»Ach so!« rief Esau ganz überrascht aus. – »Das muß ich sagen! Das ist ja beinahe, als wenn man ins Zeughaus kommt!«

Die ganze Wand war mit Pfeifen behängt. Wohl an anderthalbhundert Stück. Sie hingen in der zierlichsten Ordnung. Erst eine Meerschaum- und dann eine Porzellanpfeife usw. usw., der Größe nach.

»Ich sammle ja Pfeifen«, erklärte Clausen.

»Das kann ich wirklich sehen!«

»Willst du eine große oder eine kleine haben?«

»Eine mittlere.«

Der Oberlehrer ließ seinen Blick über das Arsenal hingleiten.

»Dann nehmen wir Nummer achtundzwanzig«, sagte er sehr bestimmt.

»Ja, tun wir das!« nickte Knagsted.

»Willst du feinen oder grobgeschnittenen Tabak haben?«

»Ach Gott, muß ich darüber auch entscheiden! – Groben!«

»Fest oder leicht gestopft?«

»Du großer Gott: leicht! – Und ein himmelblaues Streichholz mit kanariengelbem Kopf!«

Clausen schlug scherzend mit der Hand nach dem Zöllner.

»Du bist doch immer der alte, Knagsted!«

»Danke, gleichfalls!« sagte Knagsted.


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