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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 24
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
projectid47cdb47e
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Als Thomsen an jenem Abend von dem Mühlenhof heimkehrte, lag der Hahn-Mortensen steif und kalt und tot in seiner Abteilung des kleinen Hausindustriekoffers. Steif und kalt und tot und befreit von den Lasten des Lebens. – –

Die alte Mutter Karen ruhte schon lange in den Armen des Schlafes; oder wenigstens lag sie doch in ihrem Bett. Und Manuel schlich durch die Stuben und die Küche auf sein Zimmer hinauf. Droben stand in einer Ecke ein kreuzlahmer Torfkorb, in dem Mortensen die letzten Wochen zugebracht hatte, seitdem das Wetter kühler geworden und es ihm nicht mehr möglich gewesen war, seinen elenden Körper in dem Nest drüben unter dem kleinen Fenster im Schuppen warm zu halten.

Thummelumsen hatte die Lampe angezündet und stand nun mit dem entschlafenen Tier in den Händen da.

»Jetzt hat man ausgestritten, kleiner Mortensen«, murmelte er. – »Jetzt ist man fertig! – Ach, Herr Gott, ja!«

Und Manuel wurde so weh ums Herz. Er weinte gerade nicht, aber im Innern seiner Brust lag doch ein großer, trauriger Klumpen und bedrückte ihn.

Und falls nun der Hahn das Zeitliche gesegnet hätte, ehe er draußen auf dem Hofe gewesen wäre!

Es durchzuckte ihn wie ein Messerstiche.

Da wäre man verloren gewesen! – Aber Gott war gut, und seine Güte währet ewiglich.

Er nahm das Tuch von neuem und hüllte es vorsichtig um seinen toten Freund. Mortensens Beine hatten sich steif ausgestreckt und erschienen jetzt, wo der Körper, nachdem der letzte Lebensfunken erloschen, ganz zusammengesunken war, doppelt lang und mager.

Aber die mächtigen Sporen kreuzten sich noch ebenso martialisch; und die beiden übriggebliebenen Hahnenfedern saßen noch an ihrem Platz. Wohl hatte man kapituliert, aber in Ehren!

Still legte Manuel den Toten in den Korb, entkleidete sich, löschte die Lampe aus und ging zu Bett.


Am Morgen, als Mutter und Sohn am Kaffeetisch saßen, schweigend und wortkarg wie gewöhnlich, erhob Thomsen plötzlich den Kopf und sagte:

»Mortensen ist über Nacht gestorben.«

Madam Thomsens Hände sanken wie gelähmt in ihren Schoß.

»Am Gottes willen, Manuel!« sagt sie und starrte ihren Sohn an, als erwarte sie, ihn im selben Augenblick in die Erde sinken zu sehen.

Manuel aber verzehrte ruhig seinen kärglich mit Butter bestrichenen Morgenimbiß weiter.

»Und Knors?« fragte Karen. »Knors hat sich heute morgen auch noch nicht blicken lassen.«

»Knors ist auf dem Mühlenhofe.«

»Auf dem –«

»Ich war gestern abend mit beiden Tieren da.«

»Herr du m –«

»Und nun haben sie den väterlichen Boden betreten, wie Vater es gewünscht hat.«

Karen rang die Hände.

»Und ich glaubte, du hättest dir die Gedanken aus dem Kopf geschlagen, Manuel!«

»Fängst du nun wieder mit deinem dummen Gerede an?« brauste der Sohn auf.

»Nein, nein, Manuel, nein – aber –«

»Aber was?«

»Hast du denn – Willst du denn den Mühlenhof–«

»Das überlasse du einem nur ruhig!«

Und Thomsen erhob sich und begab sich an seine Abschreibearbeit auf dem Hardesamt.

Und am Abend, als die Dämmerung hereinbrach, packte er Mortensen in eine Pappschachtel und trug ihn auf den Friedhof hinaus und beerdigte ihn heimlich in dem väterlichen Grabhügel.


Eines Morgens, einige Tage später, saßen Madam Thomsen und Emanuel wieder zusammen am Kaffeetisch.

Die Ladenglocke ertönte. Eine Stimme rief: »Zeitung!« Es war der Junge mit der Morgenzeitung.

»Hole die Zeitung!« kommandierte Thomsen, und seine Hände zitterten.

Mutter Karen trippelte hinaus, holte die Zeitung und reichte sie ihm.

Er riß sie an sich. Das Papier raschelte in seiner Hand, so nervös war er.

»Willst du nicht noch einen Schluck Kaffee haben. Manuel?« »Nein! Verdammt und verflucht! So laß mich doch in Frieden!« (Thomsen pflegte sonst niemals zu fluchen.)

Still und geräuschlos machte Mutter Karen sich daran, die Tassen und Teller zusammenzusetzen, um sie in die Küche hinauszutragen. Plötzlich aber stieß sie einen Schrei des Entsetzens aus und stellte schnell alles wieder auf die Serviette.

»Manuel! Manuel! Was fehlt dir nun auf einmal?«

Die Zeitung war Thomsens Händen entfallen und lag am Fußboden. Er selber lag zurückgelehnt im Sofa, leichenblaß und mit geschlossenen Augen.

»Manuel! Manuel!« jammerte die Alte – »Bist du krank geworden, Manuel?« Sie packte ihn in ihrer Verzweiflung an der Schulter und schüttelte ihn. »Sag' mir doch, was dir fehlt, lieber Manuel! Soll ich zum Doktor laufen?«

Manuel schlug die Augen auf und sah sich verwirrt um.

»Ach Gott, ach Gott!« stöhnte er, »ach Gott, ach Gott im hohen Himmel! Und ich bin mit ihm ins Gericht gegangen! – Bete, Mutter Karen, bete! Danke Gott dem Allmächtigen auf deinen Knien!«

»Lieber Manuel! lieber Manuel – daß es ein solches Ende nehmen würde, daß es ein solches Ende nehmen würde!«

Emanuel hatte sich vom Sofa herabgleiten lassen. Und indem er seine Hände faltete und sie zu der niedrigen Decke erhob, betete er mit einer sonderbar gellenden Stimme, die voller Gewissensbisse und Reue war, durch die aber auch zugleich die seligste Freude hindurchklang:

»Ach lieber Gott, lieber Gott, wie soll man dir doch danken und dich preisen ob deiner großen Güte und Barmherzigkeit! Wie soll man doch deinem Namen in alle Ewigkeit lobsingen? – Man ist dessen nicht wert! Nein, nein, nein, man ist dessen nicht wert, du lieber Gott! Dein himmlischer Name soll Tag und Nacht von meinen Lippen tönen, weil du mir und meiner alten Mutter, die dir in ihrem Herzen lobsingt, soviel Liebe erwiesen hast. – Ach, du lieber Gott und Schöpfer, sei einem nicht böse, wenn man auch zuweilen gegen deinen Willen gemurrt hat! Aber es währte ja so lange, bis du deine himmlische Macht zeigtest, und man ist ja nur ein schwaches, elendes Menschenkind, das deine Wege und Stege nicht kennt! – Herr, Herr, hab' Dank! – hab' Dank! – Und nun kommst du und sammelst glühende Kohlen auf eines Haupte! – Aber siehe, siehe, man liegt zu deinen Füßen und erhebt seine schwachen Hände zu deinem Antlitz aus innerster Seele, um dir für deine große Gnade zu danken! Herr, Herr!

Lobe den Herrn, meine Seele,
Ich will dich loben bis in den Tod!
Weil ich noch Stunden auf Erden zähle,
Will ich lobsingen meinem Gott!
Amen, Amen, Amen in Jesu Namen!«

Thomsen schlug die Hände vor das Gesicht und warf sich wie in Krämpfen auf das Sofa.

Mutter Karen war starr vor Entsetzen.

»Manuel, Manuel!« wiederholte sie unaufhörlich. – Lieber Manuel, lieber Manuel, was hast du nur? Was hast du nur einmal? Soll ich zum Doktor laufen?«

Aber Manuel hörte sie nicht.

Da ertönte die Ladenglocke.

»Da ist jemand, Manuel! Da kommt jemand! In Jesu heiligem Namen!«

Thomsen erhob sich schnell und strich sich mit der Hand über das Gesicht.

»Geh! Geh hinaus!« sagte er.

»Ja, aber –«

»Geh nur! Geh hinaus!«

»Ja –ja! –«

Kaum war die Mutter zur Tür hinaus, als Manuel nach der Zeitung griff.

Ja, da stand es: 23 811 – 50 000! – »Du guter, lieber gnädiger Gott! Du guter, lieber, gnädiger Gott: fünfzigtausend Kronen! – Vier in fünfzig, wieviel ist denn das?«

Er holte in fieberhafter Erregung einen kleinen Bleistiftstummel aus der Westentasche und schrieb ein Rechenexempel auf den Rand der Zeitung:

»Vier in fünf geht einmal und eins im Sinn – Vier in zehn geht zweimal, und zwei im Sinn – Vier in zwanzig geht fünfmal, zwei Nullen angehängt – zwölftausend und fünfhundert! Zwölftausend und fünfhundert!«

»Mutter!«

Madam Thomsen kam hereingestürzt. Sie glaubte, der Junge läge in den letzten Zügen. Als sie ihn aber ganz lebendig und aufrecht mitten im Zimmer stehen sah, schloß sie die Tür und sagte:

»Die Kunden sind noch da –«

Manuel aber ergriff ihre Hand und zog sie an sich:

»Man ist schlecht gegen dich gewesen, Mutter Karen«, sagte er weich. – »Man ist manchmal nicht so gewesen, wie man hätte sein sollen –«

»Wer? – du?«

»Aber jetzt soll es anders werden!« fuhr er fort und streichelte ihren Arm – man verspricht es dir heilig und teuer, liebe Mutter Karen, daß es jetzt anders werden soll!«

»Aber Manuel!« – Karen war kurz davor, in Tränen auszubrechen.

»Man will jetzt gut gegen alle Menschen sein!« beteuerte Thomsen – »Vom heutigen Tage an will man gut gegen alle Menschen auf der ganzen Erde sein!«

»Ach Gott, lieber Manuel –« Die Tränen liefen der guten kleinen Frau an den Wangen herab.

»Ja, man ist dir ein schlechter Sohn gewesen –«

»Nein, – nein –«

»Ein wahres Ungetüm von Sohn!«

»Ach nein, nein –!«

»Und ein schlechter Mensch ist man gewesen! – Man hat seine eigene Mutter bestohlen!«

»Hast du mir die Krone weggenommen?« fragte Karen und riß die Augen weit auf.

»Ja, aber jetzt soll alles wieder gut werden, Mutter Karen! Man will so gut, so gut gegen dich sein! Man ist nur schlecht gewesen, weil es einem selber schlecht ergangen ist. – Man wußte ja nicht aus noch ein mit dieser Zukunftshoffnung – Aber jetzt sproßt die Hoffnung, und da wird man gut – Wir wollen in Herrlichkeit und Freude leben, Mutter Karen, und du sollst schöne Kleider bekommen, viele schöne Kleider – und der Mühlenhof soll ausgebessert werden und der Garten und der See und – ach Gott, in deinem hohen Himmelszelt, dir sei ewig Lob und Preis!«

Manuel schlang die Arme um seine Mutter und preßte sie heftig an sich.

Da rief plötzlich eine Stimme aus dem Laden in durchaus nicht sanfter Tonart: »Madam Thomsen! Wo sind Sie nur auf einmal geblieben?«

Und mit einem:

»Herr du meines Lebens, die hab' ich ja ganz vergessen!« riß die kleine Frau sich los und stürzte hinaus.


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