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Die leibhaftige Bosheit

Gustav Johannes Wied: Die leibhaftige Bosheit - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorMathilde Mann
titleDie leibhaftige Bosheit
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft G. m. b. H.
year
firstpub
translatorMathilde Mann
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080826
projectid47cdb47e
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Die Hebamme Fredriksen war in einem der alleräußersten kleinen Häuser des Städtchens auf Praxis gewesen. Es wehte ein Orkan aus Südwesten, und sie mußte förmlich in kurzem Zuckeltrab über die Graubrüderhügel laufen, so drängte der Sturm auf ihren breiten Rücken und ihr dito Hinterteil los. Die Röcke klappten um ihre Beine wie losgerissene Segel, und der unvermeidliche Beutel, der ihr an einer Schnur über dem Arm hing, riß und zerrte an seiner Kette wie ein kleiner, aufgeregter Mops, der eine Feindin erblickt hat.

Unten an der Ecke der Strandstraße und des Hügelweges fuhr plötzlich ein Wirbelwind unter ihre Kleider, blies sie auf wie einen Ballon und drohte, sie gen Himmel zu entführen.

»Du allmächtiger Gott,« murmelte die Madam und drehte sich wie ein Kreisel herum, um die Kleider wieder zu ordnen, »wo soll es denn jetzt hingehen!«

Dann kam sie bei dem ersten Hause der Strandstraße in Schutz. Und die Kleider sanken wieder auf ihren Platz zurück.

»Puh!« sagte sie und blieb einen Augenblick stehen; sie war ganz atemlos und aufgelöst. – »Ein Glück, daß es nicht bei Tageslicht war!«

Und dann zuckelte sie weiter. Über ihr raste der Sturm. Gleich einer Schar Untiere fuhr er über die niedrigen Dächer des Hafenplatzes dahin, auf den Fjord hinaus.

»Hm! Da ging er hin!«

Es war ein Dachstein, der auf dem Pflaster zertrümmerte.

»Solch Hundewetter!«

Auf der Promenade krachte und knackte es in den Zweigen der Linden. Die letzten Blätter des Sommers wirbelten in Kreisen über dem Kieswege. Und die Flammen der Gaslaternen sausten und kochten und die Gläser klirrten.

Madam Fredriksen hatte den Wind jetzt wieder auf dem Rücken. Sie mußte sich kerzengrade halten. Und hin und wieder, wenn ihre Kräfte sie verließen, stürzte sie auf einen Baum zu und umarmte ihn.

Plötzlich setzte sie den einen Fuß hart auf die Erde und blieb stehen.

Auf der Bank unter der nächsten Laterne saßen ein paar Menschen, ein Mann und eine Frau. Und es klang wie jammerndes Klagen.

»Du darfst nicht fortgehen, Niels Peter! Du darfst nicht fortgehen!« schluchzte das Frauenzimmer.

»Ja, aber wenn ich nun doch muß, Marie!«

»Aber kannst du denn nicht ebensogut hier in der Stadt bleiben?«

»Hier ist ja keine Arbeit zu finden, das habe ich dir doch gesagt.«

»Ach Gott, ach Gott – Und mich hast du nun ins Unglück gebracht!«

»Stell' dich doch nicht so an, Dirn! Daran haben wir wohl beide gleich viel Schuld!«

Madam Fredriksen konnte nicht mehr an sich halten.

»Was ist denn hier los?« fragte sie und wehte heran.

Das Mädchen barg ihr Gesicht in den Händen und konnte vor Weinen nicht sprechen. Aber der Mann, ein junger, bartloser Bursche, sah trotzig auf. Er war blaß und erbittert, und seine Augen schimmerten in dem flackernden Licht der Gaslaterne.

»Was wollen Sie?«

»Aber das ist ja der Mangel-Karen ihr Niels Peter!« sagte die Madam und bekreuzigte sich.

»Ja, was soll das? Was geht das Sie an?!«

»Und hast schon das Unglück eines Menschen auf dem Gewissen?«

Der Bursche sprang wutentbrannt von der Bank auf.

»Scheren Sie sich zum Teufel!« sagte er. »Was laufen Sie hier herum und stecken Ihre Nase in andrer Leute Angelegenheiten!«

»Niels Peter! Niels Peter!« schrie das Mädchen und schlang die Arme um ihn.

Niels Peter blieb ganz ruhig.

»Ich will der Madam ja nichts tun,« sagte er, »wenn sie sich nur um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern will.«

Madam Fredriksen stand einen Augenblick unschlüssig still. Sie empfand das Bedürfnis, einzuschreiten und ihre rückhaltlose Meinung zu äußern. Es kribbelte in ihr vor Wut. – Dann aber machte sie plötzlich linksum kehrt und entfernte sich.

Und von neuem begann das Mädchen zu flehen und zu schluchzen. Es klang so unendlich hoffnungslos durch das Brausen des Sturmes.

Die Madam wandte sich unwillkürlich um und blickte zurück.

»O diese Männer!« murmelt« sie und ließ empört die Mundwinkel hängen. – »Prügel sollten sie haben!«

Der Mond war durchgekommen. Es sah aus, als segelte er in rasender Eile über den Himmel dahin. Bald fuhr er in eine Wolke hinein, bald wieder aus ihr heraus. Die Telephondrähte sangen an ihren Stangen. Und große phantastische Wolken umtanzten die Kirche der Weißen Schwestern oben auf dem Hügel.

Die Uhr schlug ein Viertel auf zwei, als Madam Fredriksen aus dem Prinzessinnensteig in die Maren-Schmieds-Gasse bog.

Hier konnte sie sich verschnaufen, es war warm und geschützt. Man hörte nur den Sturm über die Dächer hinwegpoltern.

Und dann hörte man Rufen und Lachen und Gläserklirren aus »Stadt-Gammelkjöbing« herausklingen.

Es war Mitte Oktober. Die »Freßsäcke« feierten ihre erste Winterzusammenkunft.

Madam Fredriksen mußte auf dem gegenüberliegenden Trottoir stillstehen, denn die Fenster des Speisesaals waren weit geöffnet, und Tabakrauch und Weindunst strömten auf die Straße hinaus.

Und rings um den großen, jetzt abgedeckten Tisch saßen die munteren Brüder.

Ihre Gesichter schimmerten vor Fett und Freude. Ihre Augen glänzten. Und ihre Arme fochten demonstrativ in der Luft herum oder lagen vertraulich-liebevoll um die Schultern der Nachbarn geschlungen. Mitten auf dem Tisch thronte eine ungeheure Terrine mit Punsch, garniert mit Zigarrenkisten, Gläsern und Flaschen. Und die alten Herren riefen und schrien, sangen und lachten, so daß die wurmzerfressenen Zahnstummel zum Vorschein kamen und die breiten Bäuche schaukelten.

Redakteur Heilbunth lag in seinem Präsidentenstuhl oben an der Tafel. Er war in Hemdärmeln. Des Rockes hatte er sich schon längst entledigt, und die Knöpfe seiner Weste standen offen. Und hoch in der erhobenen Rechten hielt er das dampfende Punschglas.

»Wein, Weib und Gesang!« rief er, und sein Gesicht wurde rot wie ein Jahrmarktsballon. – »Wein, Weib und Gesang! – Es lebe der alte Martin Nonnenfreund!«

»Ja, ja!« brüllte Schlächtermeister Freisleben und schwang seinen Becher, »darauf kommt es an! Wein und Weiber! Prost, Herr Redakteur! Sie kaufen gewiß konservatives Fleisch, aber ich halte trotzdem Ihr Blatt!«

Und dann sang er:

»Die beste Frau kriegt man für einen Taler.
Für einen Taler,
Für einen Taler;
Die beste Frau kriegt man für –«

»Ja, denn die kann man doch wieder loswerden«, schluchzte Stadtkassierer Lassen.

»Ja!« sagte Fabrikant Rössel. »Das ist ein wahres Wort! Es lebe die Frau!«

Er hatte den einen Arm um den Hals des Schlächtermeisters geschlungen und klopfte ihn zärtlich auf die Wange.

»Bist du nicht unsinnig froh, daß du heute abend mit dabei sein darfst, du Wursthacker?« fragte er.

»Ja, darauf kannst du Gift nehmen!« sagte der Schlächter, und seine Augen strahlten. Er war ein Novize, an Stelle des verflossenen Luxusbauches einballotiert; und es war das erstemal, daß er an einer Zusammenkunft teilnahm.

»Ich liebe dich, Rössel,« sagte er, »ich liebe dich, als wenn du meine Mutter wärst.«

Und in zwanglosem Entzücken schlang er die Arme um den Hals des Fabrikanten und küßte ihn mitten auf den Bart.

»Huh! Diese Männer!« sagte Madam Fredriksen draußen auf dem Trottoir. Und dann ging sie weiter.

Der Stadtkassierer Lassen richtete sich plötzlich in seinem Stuhl auf und starrte wild um sich.

»Konservatives Fleisch?« näselte er. Er pflegte in vorgeschrittener Abendstunde an Schlucken zu leiden und ein wenig schwer von Begriff zu sein. – »Wer – huggup – spricht da von konservativem Fleisch?«

Als ihm aber niemand antwortete, sank er wieder zurück.

Auch der gute Oberlehrer Clausen konnte einen späten Tropfen nicht vertragen. Aber bei ihm wirkte es in ganz anderer Weise: er wurde »mutig«. Sein langer, rekeliger Körper wurde stramm, sein mildes, gutmütiges Gesicht nahm einen energischen Ausdruck an, und seine weiche Stimme bekam einen scharfen, eindringlichen Ton. Mit seinen wunderlich dünnen, bleichweißen Fingern, die aussahen wie Stangenspargel mit Anhängseln, strich er sich unablässig durch sein spärliches, graugesprenkeltes Haar, das sonst so zierlich mit Scheitel und Pomade frisiert war, so daß es schließlich ganz wild und borstig in die Höhe stand, wie die Stacheln eines südeuropäischen Stachelschweins.

Augenblicklich war er im Begriff, auf dem Wege der Suggestion etwas von seiner Urkraft auf den Zollkontrolleur Knagsted zu überführen, der ruhig und beherrscht, wohlgeborgen hinter seinen Haarzotteln neben ihm saß.

»Esau!« schrie der gewöhnlich so stille und vorsichtige Mann, indem er mahnend seine Stangenspargel auf die Schulter des Zöllners legte, – »Esau! – Ja, du weißt doch wohl, daß du Esau heißt?«

»Freilich weiß ich das!«

»Ich liebe dich wie einen Bruder, Esau!« fuhr der Oberlehrer mit begeisterter Rührung in Blick und Mienen fort, »wie einen Bruder – wie einen Freund! Du bist eine interessante Persönlichkeit. Du bist die interessanteste Persönlichkeit in der ganzen Stadt! – Aber du bist ohne Stärke, ohne seelische Spannkraft. Denn du besitzest kein Ideal, Esau Knagsted! – Und ohne Ideal kein Stützpunkt. Ohne Ideal kein Fundament. Ohne Ideal keine Widerstandskraft, – keine Lebensfreude, – ja, Lebensfreude! Und darauf wollten wir hinaus! – Schau' um dich, Knagsted! Schau' dich um am Tische. Sieh diese fröhlichen Menschen, deren Munterkeit durch diesen Saal schallt, – schau' dich um! Und du sitzest schweigend und finster da und nimmst nicht teil. Die Freude ruft dich an, und du antwortest nicht – du bist ein finsterer Genosse. Aber du bist eine interessante Persönlichkeit. – Und du bist mein Freund, und ich würde mein Leben hingeben, wenn du so werden könntest wie wir andern.«

Die Tränen rollten dem guten Oberlehrer von den Wangen herab, und seine Finger fuhren durch seine Borsten, die wahnsinnig zu Berge standen wie unter magnetischem Einfluß.

Knagsted saß breitschultrig und ruhig da und schien mit Andacht der Rede des Pädagogen zu lauschen. Aber hinter seiner Haarfülle, um den Mund und in den Augen kam und schwand ein leise aufblitzendes Lächeln.

Die andern Gäste waren schweigsam geworden und starrten mit trüben, angestrengten Blicken das Paar an.

»Du sagst, daß ich ohne Ideal bin, Clausen?« fragte der Zöllner mit finsterer, ernster Stimme.

»Ja,« nickte Clausen und machte sich stramm, »ohne Ideal, hab' ich gesagt.«

»Da irrst du!«

»Das sollte mich – sehr freuen! Aber bisher hast du nicht –«

»Kennst du Thummelumsens Hahn?« fragte Knagsted plötzlich und starrte seinem Freund und Bruder ins Gesicht.

»Thumme –«

»Thummelumsens Hahn, ja! ›Mortensen‹ –«

»Nein, – ja, – das heißt« – der Oberlehrer galoppierte durch das Stachelschwein.

»Dann kannst du überhaupt nicht mitreden«, sagte Esau.

»Wie?«

»Deine Auffassung wird dadurch völlig wertlos.«

»Ja aber, lieber –«

»Und ich verstehe nicht, wie du es wagen kannst, dich zu meinem Richter auszuwerfen.«

»Ja aber, liebster Freund –«

»Du willst von Lebenswerten reden!« fuhr der Zöllner fort, und seine Stimme klang immer erregter. »Du, der du keine Gelegenheit gehabt hast, das Höchste: Die Gleichgültigkeit gegen das Leben zu beobachten!«

»Seine Druckerschwärze stinkt!« näselte Stadtkassierer Lassen mit einer Reminiszenz an den seligen Luxusbauch.

»Ja aber, liebster, bester –« stammelte Clausen verwirrt. »Emanuel Thomsens Hahn –? Wie –« Und abermals bewegten sich die Finger durch die Borsten.

Knagsted ahmte die Bewegung nach und fuhr dann mit erhobener Stimme und breiten Handbewegungen fort:

»Emanuel Thomsens Hahn ist mein Ideal! Freilich werde ich mir niemals Hoffnung machen können, zu einer solchen Stufe erhabener Weltverachtung und imponierender Selbstvertiefung zu gelangen, denn ich bin ja nur ein Mensch! (hier liefen die Finger abermals durch das Haar.) Aber mein ganzes Leben soll dem Streben danach gewidmet sein. Und ich würde mich zehnfach glücklich preisen, wenn du, Clausen (abermals dieselbe Bewegung mit den Fingern), ebenfalls –«

»Willst du mich aufziehen?« schrie der Oberlehrer plötzlich, dunkelrot im Gesicht, und packte den Feind beim Arm.

»Durchaus nicht!« entgegnete der andere.

»Du stehst ja da und tust gerade so wie ich?«

»Was tust du denn?«

»Ich – ? Ich – soigniere mich!«

»Ja, und ich ›soigniere‹ mich ebenfalls! Die Finger gehören mir doch wohl!«

»Meine Herren! Meine Herren!« beschwichtigte der Vorsitzende.

Alle starrten die Kombattanten mit weitgeöffneten Augen an. Und selbst der kleine Thomsen, der Eigentümer des Ideals, der bisher auf einem Stuhl in der Ecke neben dem Anrichtetisch gesessen hatte und halb eingenickt war, wurde plötzlich ganz wach.

»Was haben Sie nur einmal, Clausen?« fragte Fabrikant Rössel, »nur immer ruhig!«

»Ja, nur immer ruhig!« sagte der Schlächtermeister. »Wir sind doch gebildete Menschen!«

Aber der erregte Pädagog, dem der Traubensaft ins Blut gegangen war, hörte nicht mehr auf die Friedensstimmen. Er näherte sein Angesicht dem des Zöllners und sagte zischend: »Soll ich dir sagen, was du bist? Soll ich dir sagen, was du bist? Weißt du, was du bist? – Du bist die personifizierte Unliebenswürdigkeit, Bosheit, Niedertracht!«

»Hu!« – sagte der Schlächter ganz entsetzt. »Hu! Kannst du ihn übertrumpfen, Knagsted?«

»Und du,« zischte der Zöllner scheinbar ebenso erregt, »weißt du, was du bist?«

»Nein!«

»Soll ich es dir sagen?«

»Bitte sehr!«

»Aber du mußt nicht böse werden. Du mußt so ruhig bleiben, wie du die ganze Zeit gewesen bist!«

»Nun?« »Nun? Nun?« riefen auch die andern gespannt und ungeduldig.

»Du bist,« sagte Knagsted, und abermals blitzte ein Lächeln hinter seinen Haarzotteln hervor, »du bist ein herzensguter, braver, staatlich pensionierter Oberkinderstubenrührseligkeitsfabrikant!«

»Er hat ihn übertrumpft! Er hat ihn übertrumpft!« brüllte der Schlächtermeister und schlug mit den Händen gegen seine Schenkel, »hol' mich der Teufel, er hat ihn übertrumpft! – Eine neue Bowle, kleiner Thummelummelumsen! Ich spendiere sie!


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